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Faktencheck: Bekommen Schüler wirklich immer bessere Noten?
DPA

Ein Abi mit 1,0 war nie so leicht wie heute zu erreichen, sagt der Präsident des Lehrerverbandes - und fordert ein Ende der "Inflation" guter Schulnoten. Aber gibt es tatsächlich eine Einser-Flut? Der Faktencheck.

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crazy_swayze 05.03.2018, 10:04
60.

Die absoluten Abiturientenzahlen sind dramatisch gestiegen. Dass das Niveau der Klausuren deshalb gesenkt wurde, damit nicht massenweise Schüler durchfallen, ist klar und aus politischer Sicht auch nachvollziehbar.
Dass die Klausuren einfacher geworden sind, zeigt ein einfacher Vergleich der Mathe-Klausur 2005 mit der Mathe-Klausur 2017.

Das bringt niemanden weiter.

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skith 05.03.2018, 10:09
61. 6 - Setzen!

Schulnoten sind nicht intervall- sondern ordinalskaliert. Ein Berechnung von Mittelwerten ist mathematisch unsinnig. Entsprechend „verbieten“ sich auch Mittelwertvergleiche - egal ob zwischen Länder oder Jahrgängen.
Ein nonparametrischer Vergleich („Anteil vergebener Notenstufen“) ist zwar statistisch möglich, doch sind die Auswahl des passenden Testverfahrens und die Beachtung von Anwendungsvorschriften erforderlich.

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ancoats 05.03.2018, 10:15
62.

Der hier präsentierte "Faktencheck" ist gleich auf mehreren Ebenen ungeeignet, die gestellte Frage tatsächlich zu beantworten. Zum einen (und grundsätzlich) benötigt man für jede Trendanalyse mehr als 2 Messpunkte - andernfalls kann man keine statistisch relevante Aussage über die Entwicklungsrichtung treffen. Zum anderen ist (auch grundsätzlich) die Wahl der Vergleichsmesspunkte von entscheidender Bedeutung; das zu analysierende Phänomen sollte naturgemäß innerhalb des gewählten Zeitraums aufgetreten sein. Das sehe ich hier eher skeptisch: nach meiner Beobachtung (u.a. 10 Jahre Lehrtätigkeit an einer Uni) setzte die Notenerosion schon weitaus früher ein als 2006, nämlich in den 90ern. Da wäre es dann kein Wunder, wenn die hier beobachteten Unterschiede eher klein ausfallen. Und schließlich: die entscheidende Frage ist eigentlich, für welche Leistungen sehr gute Noten vergeben werden, und ob sich das im beobachteten Zeitraum verändert hat. Und das scheint zumindest im Fach Deutsch tatsächlich der Fall zu sein: zu meiner Zeit (Abitur 1977) bekam man z.B. für einen Aufsatz kein "Sehr gut", wenn es mehr als eine Handvoll sog. Flüchtigkeitfehler gab (Komma vergessen, Buchstabendreher etc.); heute dürfen es auch deutlich mehr (selbst nicht triviale Grammatikfehler) sein, solange der "Inhalt" einigermaßen stimmt. In meiner Unizeit durfte ich dann reihenweise Studierende mit 1er-Abitur erleben, die buchstäblich kaum "einen graden Satz schreiben" konnten - und das nicht in einem MINT-Fach. Das ist zwar nur eine nicht empirisch abgesicherte, anekdotische Beobachtung meinerseits, allerdings wird diese Einschätzung nach meiner Erfahrung von sehr vielen geteilt, die wie ich länger in entsprechenden Ausbildungsstätten tätig waren und sind.

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kuschl 05.03.2018, 10:20
63. Schick dein Kind auf höhere Schulen

Lautete nicht irgendwann so eine Politikinitiative? Politiker versprachen dem Volk eine höhere Bildung. Der Trend zum Weißen Kittel kam auf. Die Sache hatte aus heutiger Sicht nur zwei Nachteile: Der Nachwuchs für das Handwerk blutete aus und es begann die Überforderung derjenigen, die nichts auf den Gymnasien zu suchen hatten. Das ideologisch bedingte Mittelmaß der 68er machte dann in der Bildung den Absturz komplett, sowohl als Politiker, als auch als Lehrer. Bekämpfung des Gymnasiums durch Inthronisierung der Gesamtschule wegen angeblicher Benachteiligung der armen Schüler. Ich gehörte zu diesen "Armen", keiner hat mich daran gehindert, aufs Gymnasium zu gehen, auch wenn mir das linke "Bildungsideologen" immer weiss machen wollten, die später auf gut bezahlten Planstellen saßen, deren Weg sie politisch selbst bereitet hatten. Die Folgen sind bekannt in den Bundesländern: Je mehr linke Heils und Gleichmacherideologie, desto schlechter das Abschneiden im Abitur. Die Folgen sind auf den Universitäten an den Abbrecherzahlen durch nicht studierfähige Studierende und Abiturienten, die noch nicht einmal den Dreisatz beherrschen, zu spüren. Wenn schon Vorsemesterkurse in Grundlagen gegeben werden müssen, sagt das alles.

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gluecklich_woanders 05.03.2018, 10:26
64.

Aus Dozentenperspektive ist festzuhalten, dass Studienanfänger heute deutlich weniger selbstständig arbeiten können, als noch vor etwa 15 Jahren. Besonders fällt auf, dass kaum jemand einen Text (z.B. in Form einer Hausarbeit) verfassen kann, der ordentlich aufgebaut und mit Zitaten versehen ist. Selbst Doktoranden haben z.T. Probleme, selbstständig einen Report oder gar Artikel zu verfassen. Ich denke es ist relativ klar, dass diese Defizite auf Versäumnisse im Gymnasiallehrplan, und nicht auf dümmere Studenten zurückzuführen sind. Der Plan der Wirtschaft, durch Schul- und Hochschulreformen schneller kompetentes Personal heranzuzüchten ist eindeutig fehlgeschlagen, weil zu wenig Wert auf Grundlagen gelegt wird. Da kann allerdings auch kein schwereres Abi, sondern nur ein veränderter Lehrplan Abhilfe schaffen. So, wie es jetzt ist, müssen in den Bachelor-Studiengängen häufig Fähigkeiten vermittelt werden, die früher mal in die gymnasiale Oberstufe gehört haben.

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g_bec 05.03.2018, 10:28
65. Selbstentlarvend.

Zitat von kassadra
Ich brauche nur einen Absatz zu lesen, um den Artikel zu erfassen. Zitat: "...In Berlin schnitt 2016 kein Abiturient schlechter ab als mit 3,6 - und der Anteil der Schüler mit einem Dreier-Abi verringerte sich von knapp 26 auf 16 Prozent...". Das bedeutet, daß kein Abiturient durchgefallen ist. .....
Sie entlarven sich selbst: Denn das (kein Abiturient schnitt schlechter als 3,6 ab) bedeutet mitnichten, dass niemand durchgefallen ist. Ein Abiturient ist nämlich nur dann einer, wenn er das Abi besteht. Somit ist der Rest Ihrer Argumentation hinfällig, um nicht den Begriff absurd zu verwenden.

Und an alle anderen "Früher war das Abi härter"-Fraktionisten: Der Anstieg der Einserabis um etwa 2-4 Schüler PRO 1000 SCHÜLERN (!) kann man doch nicht ernsthaft als Inflation bezeichnen, vor allem nicht bei den strategischen Möglichkeiten, Abipunkte über ein ganzes Schuljahr zu sammeln.
Und da heutzutage wesentlich mehr Schüler Abi machen, liegt es doch in der Natur der Sache, dass auch mehr sehr gute Schüler dabei sind. Die wurden "früher" durch die Lehrer oder Eltern an der Real- oder Hauptschule versauern lassen. Nach dem Motto: "Die soll mal heiraten" oder "Studieren? Der soll was Anständiges lernen!". So etwas gibt es ja auch heute noch! Da wurde nämlich durchaus auch Potential verschwendet.

Und mal ernsthaft: Wie schwer ist es, in "harten Fächern", bei denen man die Punkte ganz klar an Ergebnissen festmachen kann wie in Mathe oder Physik, volle Punktzahl zu erreichen? Selbst in Deutsch kann durch das gezielte Abarbeiten der Operatoren eine hohe Punktzahl abgeräumt werden. Das in Verbindung mit dem oben erwähnten strategischen Punktesammeln sollte eher denjenigen zu denken geben, die nur ein mittelprächtiges Ergebnis einfahren.

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Ashurnasirapli 05.03.2018, 10:34
66.

Diskussionen über Verteilungen nur auf Basis des Durchschnitts zu führen, ist statistisch eine extrem dünne Basis. Median, Extremwerte, Schiefe, Quantile, Streuung; erst dann sind Diskussionen überhaupt sinnvoll.

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emilbrandenburg 05.03.2018, 10:44
67.

Als Abiturient erschreckt mich dieser Beitrag. Aber devinitiv nicht wegen der Faktenlage, sondern wegen der Grundbotschaft. Warum zieht der werte Herr Meidinger nicht in Betracht, dass eben diese guten Noten verdient wurden, und nicht die folge einer 1er-Inflation sind? Das ist, meiner Meinung nach, eine ziemlich arrogante und vorallem wirklichkeitsferne Haltung, denn, bei allem Respekt, die einzigen Menschen auf der Welt, die sich ein Bild vom tatsächlichen Unterricht machen können, sind Lehrer und Schüler, und kein Bürokrat, der sich anhand seiner Tabellen und Listen anmaßt, Urteile über Schüler zu fällen.

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oliver61 05.03.2018, 10:48
68. Vergleichen wir hier Äpfel mit Birnen?

Macht es eigentlich Sinn, die Abi-Noten von 2016 mit denen von 2006 zu vergleichen? Wenn man die statistischen Ergebnisse einordnen will, muß man dann nicht auch die jeweiligen Lehrpläne und Unterrichtsinhalte vergleichen? Und den erteilten Unterricht bzw. die Höhe des Unterrichtsausfalls? Und den Reformeifer der Politiker? In NRW wurde 2005 beispielsweise G 8 - Abitur nach 12 Schuljahren- auf den Weg gebracht. Vor diesem Hintergrund erscheinen mir die Notenvergleiche wenig aussagekräftig.

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m.einung 05.03.2018, 11:00
69. Gibt es wirklich ein Problem?

Das Arithmetische Mittel zwischen dem bestmöglichem Durchschnitt 1,0 und der schlechtestmöglichem (4,0) ist eine 2,5. Die Durchschnittsnoten liegen zwischen 2,18 und 2,5, also im erwartbaren Bereich, schließlich streben die Schüler eine möglichst gute Note an.
Die Durchschnittsnoten an den Hochschulen sind an den meisten Fakultäten besser, auch die der Staatsexamina für Lehrkräfte.
Interessanter ist, inwieweit sich die Anforderungen in den letzten Jahrzehnten geändert haben. Dazu müßte man die Abiturarbeiten und ihre Benotung vergleichen.
Noch wichtiger wären bundeseinheitliche Anforderungen an die Abiturprüfungen und ihre Benotungen.

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