Forum: Leben und Lernen
Forschung an den Unis: Hauptsache, billig
DPA

Der Staat gibt stetig mehr für Forschung und Lehre aus. Doch das Geld erreicht immer seltener die Hochschulen. Ein gewaltiges Problem.

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reichsvernunft 05.04.2018, 12:38
10. Absicht?

Unter den Professoren meiner Uni vor fünf bis zehn Jahren ging immer wieder um, dass Professuren generell abgelöst werden sollten und die Lehre in die Hand von Lehrdozenten gegeben werden. Ist ja auch sinnvoll, man will ja schließlich nicht etwa universitäre Lehre betreiben, die Zeit braucht, erfahrene und fachkundige Dozenten und Mitarbeiter, und am Ende eventuell umfassend gebildete, oh schreck, vielleicht auch politisch und ökonomisch kompetente Absolventen hervorbringt, sondern einen möglichst effizienten (heißt, billigen) Durchlauferhitzer um standartisierte, stapelbar mittelqualifizierte Bacheloren möglichst schnell und in großer Zahl auf den Arbeitsmarkt zu werfen. Wirklich exzellente Studenten und Doktoranten flüchten sobald sie können, im IT Bereicht wird ein abgebrochenes Studium sogar oft von Arbeitgeberseite als Auszeichnung gesehen. Ist sehr schade, denn im Vergleich zur Hochschulbildung vieler anderer Länder (mein persönlicher Vergleich u.a. USA Ivy-league) ist die Deutsche Bildung noch weit überlegen.

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laberkasten 05.04.2018, 12:41
11. Verdeckte Subventionierung der Industrie?

Mir wird aus dem Artikel nicht ganz klar, wie der Widerspruch "mehr Geld wird ausgegeben, weniger kommt an" zu verstehen ist. Wenn die Differenz bei außeruniversitären Einrichtungen landed, dann ist das nicht sehr schlimm: immerhin werden so Stellen für Forscher geschaffen. Wenn es aber ähnlich ist wie in Frankreich, dann wird womöglich das Wissenschaftsbudget zweckentfremdet, indem es Unternehmen in den Unterleib gepustet wird?
Hier in Frankreich wird seit einigen Jahren die "Forschung" in Unternehmen massiv aus dem öffentlichen Budget für Forschung und Lehre gefördert. Leider haben die Kollegen dort in der Regel nicht viel Ahnung von Forschung - dafür sind sie ja auch nicht zu Airbus etc. gegangen. Während also Geld von den Universitäten zur Industrie umverteilt wird - alles trotzdem als "Forschungsförderung" deklariert - dilletieren in den Unternehmen Ingenieure herum. Ihr Laden interessiert sich kaum für sie, die Stellen sind vom Staat finanziert und werden eben mitgenommen.
Das Volk soll glauben, so werde Steuergeld für Innovationen und Zukunftsjobs ausgegeben. Wer glaubt, die Industrie könne (mit fremdem Geld) produktiver Forschung treiben als eine Universität, der hat noch nie so einen Laden von innen gesehen.

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Ökonomikon 05.04.2018, 12:43
12. Der akademische Mittelbau wurde kaputtgespart

In Deutschland gibt es praktisch keinen akademischen Mittelbau mehr. Die wissenschaftlichen Mitarbeiter werden in aller Regel befristet eingestellt, sodass heute etwa 93% aller wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Unis nur Zeitverträge haben, wobei viele Verträge Laufzeiten von unter einem Jahr haben. Meist werden die wissenschaftlichen Mitarbeiter nur als Doktoranden eingestellt und ihr Vertrag auf die Dauer der Promotion befristet, weil die Unis für die Promovierenden Fördermittel vom Land erhalten. Außerdem werden meist nur Teilzeitstellen angeboten, die dann direkt an die Promotion gebunden sind und nach deren Ende auslaufen. Eine Fortbeschäftigung für die Zeit nach der Promotion ist meist nicht vorgesehen, sodass die akademische Karriere für viele Nachwuchswissenschaftler dann abrupt endet, da nur ein verschwindend kleiner Bruchteil der Jungwissenschaftler auf eine spätere Professorenstelle hoffen kann. Einen akademischen Mittelbau mit Festanstellungen nach der Promotion gibt es praktisch gar nicht mehr.

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strixaluco 05.04.2018, 12:44
13. So löst man keine Probleme

Neben der Zeitverschwendung durch die Massen von Anträgen und dazugehörigen Gutachten ist es in den verfügbaren Zeiträumen unmöglich, echte Probleme zu lösen. Mit Dingen, die man locker in zwei Jahren lösen kann, muss man eigentlich keine Wissenschaftler beschäftigen. Viele Dinge drehen sich im Kreis. Es ist keine Zeit mehr da, für Projekte wirklich gründliche Literaturrecherchen zu machen, so dass man jeder Vorarbeiten von vornherein wirklich umfassend kennen würde, so wird viel x-Mal gemacht. Untersuchungen werden meist sehr eng ausgelegt, damit man schnell eine vorzeigbare Statistik oder Ähnliches bekommt. Der Kontext wird unzureichend einbezogen, die Blickwinkel sind hochgradig selektiv, was oft eine verzerrte Perspektive ergibt und im dümmeren Fall ein breites Einfallstor für Manipulationsversuche ist. Ergebnisse können letztlich oft auch nur unzureichend diskutiert werden, weil die erfahrenen Mitarbeiter mit Lehraufgaben überlastet sind.
Das menschliche Desaster steht noch auf einem ganz anderen Blatt.

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crazillo 05.04.2018, 13:12
14.

Eine wichtige Studie. Als Wi. MA kann ich die Beobachtungen nur bestätigen, insbesondere, was Anträge angeht. Hinzu kommen fehlende Karriereperspektiven und ein faktisches Berufsverbot nach 12 Jahren befristeter Anstellung. Man würde sich ja gerne einem fairen Wettbewerb nach oben hin stellen, aber nicht bei diesen Quoten für entfristete Stellen - 85% sind mittlerweile befristet angestellt. 85%! Wir sprechen hier von hoch qualifizierten Fachkräften in einer angeblichen Wissensgesellschaft. Die Studentenzahlen werden hoch bleiben, aber man meint ja immer noch, aktuell nur "Spitzen" abfedern zu müssen...

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Akademiker11 05.04.2018, 13:22
15. Kann ich nur bestaetigen....

Deutschland ist schon seit Jahren Vorreiter in der EU bei befristeten Arbeitsvertraegen. Ich arbeitete an einem Institut der Helmholtz-Gemeinschaft als befristet angestellter Mitarbeiter drei Jahre lang bis 2004. Schon damals gab es ein Heer an befristet Angestellten - doch Chancen auf eine Festanstellung waren (und sind) gering. Damals gab es einen eindeutigen Trend zur Frauenfoerderung bei Festanstellungen, was die Situation fuer Maenner nicht vereinfachte. 2004 waren dann die Foerdermittel auf dem Projekt erschoepft und meine Stelle nicht laenger finanzierbar. Anderswo wird dann wieder ein anderer Postdoc befristet angestellt fuer einige Jahre, dem dann das gleiche Schicksal blueht. Zukunftsplanung ist leider unmoeglich in dem System - ich zog daraus meine Konsequenzen und ging 2005 nach Auslaufen des Vertrages in die USA zum Arbeiten. Ich lebe und arbeite immer noch erfolgreich dort - ohne Zeitvertrag.

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jus94 05.04.2018, 13:24
16.

Es gibt keinen akademischen Mittelbau mehr. Unterhalb der Professur sind quasi alle Stellen befristet und nach maximal 6 Jahren wird die befristete Stelle neu besetzt. Um diesen Ausfall in Lehre aber auch Forschung zu kompensieren beschäftigen die Universitäten und Forschungseinrichtungen nun ein Heer an Doktoranden und Postdocs.

Zu verantworten haben wir diese Entwicklung einer SPD Bildungsministerin wobei auch die CDU/CSU keinerlei Bemühen zeigte, diesen Umstand zu ändern. Ändern dürfte sich wohl nichts, denn auch die neue Bundesregierung will an der derzeitigen Regelung festhalten.

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Stohever 05.04.2018, 13:35
17. Klinken putzen

Als Professor an einer Uni in Baden-Württemberg verbringe ich den größten Teil der Zeit damit, die Finanzierung meiner Mitarbeiter sicherzustellen. Damit mein Institut anständig läuft, brauche ich ca. 15 wissenschaftliche Mitarbeiter von denen gerade einmal 3 aus Landesmitteln bezahlt werden. So reden wir schnell über Millionenbeträge, die ich jedes Jahr organisieren muss. Das kostet Zeit, Nerven und ist das genaue Gegenteil dessen, wofür ich als Professor eigentlich stehen will. Es ist zeitlich praktisch unmöglich die Doktoranden in der erforderlichen fachlichen Tiefe zu betreuen. Die Doktoranden sind zwangsläufig "Einzelkämpfer" und dieser Zustand ist anfällig für Fehler. Die Qualität der Wissenschaft leidet darunter.
Andererseits sind können die hoch kompetitiven Anträge bei Drittmittelgebern (bei Förderquoten zwischen 5 und 30%) natürlich auch ein adäquates Mittel sein um Exzellenz zu fördern und sicherzustellen. Aber das Pendel hat in den verganenen 15 Jahren zu stark Richtung Drittmittelfinanzierung ausgestanden.
Wirklich neue Ideen, ohne bestehende Vorarbeiten, lassen sich heute quasi gar nicht finanzieren. Mein Institutsbudget reicht für Strom, Wasser, Papier und ein paar Verbrauchsmittel. Bei allem anderen muß ich sehen wo ich es herbekomme. Würde ich mich mit meinen 3 Landesstellen auf die faule Haut legen, könnte das Institut nicht einmal mehr die Pflichtlehre stemmen. Das ist beschämend.

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auweia 05.04.2018, 13:43
18. SPON-Kritik

Hübscher und kompetent geschriebener Artikel. Ein Schönheitsfehler: Statt mir mit einem Link Artkel zu "Hochschule", kurz darauf zu "Universität" und dann zu "Fachhochschule" zu präsentieren, hätte ich lieber einen Verweis auf den Originalfundort bzw. -text der oben beschriebenen Studie gehabt...
Darüber hinaus sind nur die Außeruniversitären Einrichtungen von Helmholtz, Planck und Fraunhofer erwähnt. Was ist mit Leibniz?

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leo.dom 05.04.2018, 13:46
19. Richtige Frage, ungenügende Anworten

Der Rückgang der Forschung an den Hochschulen hat viele Gründe, darunter nicht nur die der mangelnden Haushaltzuweisungen. Hier einige Beispiele:
Die Hochschulen müssen inzwischen viel mehr Verwaltungspersonal vorhalten, um die erhöhten Anforderungen an Rechtssicherheit und Sicherheit der Verfahrenabläufe zu gewährleisten. Dummeweise trifft das letztendlich aber nicht die "Verwalter", sondern die wissenschaftlichen Mitarbeiter (also Mittelbau und Professorenschaft), die von den verwaltungstechnischen Anforderungen überrollt werden, aber auch für die Forschung und Lehre verantwortlich sind. Darüber hinaus reichen die Haushaltmittel nun mal nicht für alles, deshalb wird an den Wissenschaftlern gespart, da es im Gegensatz zu den Verwaltungsmitarbeitern keine rechtliche Verpflichtungen für deren Einstellung gibt. So wachsen zwar die Hochschulen personell, aber leider nicht in den Bereichen, in denen Leistung vollbracht wird oder werden soll.
Der Wert eines Wissenschaftlers wird auch nicht an dessen wissenschaftlichen oder wirtschaftlichen Ergebnissen gemessen, sondern an der Menge Geld (Fördermittel bzw. Drittmittel), die er verbraucht hat. Daher gibt es immer ein Ausweichverhalten in dei Fachrichtungen, in denen Mittel einfacher alloziert werden können - und das sind leider oft weder die Grundlagenwissenschaften noch die Ingenieurwissenschaften. Ein zweiter Maßstab für den Wert eines Wissenschaftlers ist die Anzahl seiner referierten Veröffentlichungen. Je mehr, desto besser. Die alten Römer wußten es allerdings schon mal besser. "Argumenta non numeranda,
sed ponderanda sunt." Auch das führt zur Flucht in Gebiete, in denen man eben schneller Veröffentlichungen schreiben kann. Das sind dann die beschreibenden Wissenschaften, aber leider auch hier nicht die Disziplinen, die sich mit der Problemlösung, mit Grundlagenforschung oder mit technischen Innovationen beschäftigen.
Letztendlich werden die sichtbaren und vor allem wirksamen Ergebnisse aus den Hochschulen durch diese Sysemfehler immer weniger und folglich sinkt auch die Bereitschaft der Geldgeber, die Hochschulen mit Forschung und Entwicklung zu beauftragen.

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