Forum: Leben und Lernen
Fünf Jahre "Generation Praktikum": Happy Birthday, liebes Uni-Prekariat

Just hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur.

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Newspeak 08.04.2010, 10:43
1. ...

"Von den jungen Berufseisteigern werde "irrsinnige Mobilität und Flexibilität" erwartet: Sie sollten sich selbst eine gute Ausbildung finanzieren, am besten Auslandserfahrung sammeln, nebenbei eine Familie gründen und privat für später vorsorgen,"

Kann dem nur zustimmen. Wobei die Ausbeutung schon im Studium anfängt. Wieso werden z.B. Heerscharen von Doktoranden zu 1000 Euro netto auf halben Stellen beschäftigt (die haben alle schon einen Berufsabschluß in der Tasche!). Natürlich weil das ja immer noch "Lehrjahre" sind. Komisch nur, daß echte Lehrlinge einen (wenn auch geringen) Lohn bekommen. Warum die einen während ihrer Ausbildung entlohnt werden, die anderen (die auch mitarbeiten) aber für ihre Ausbildung bezahlen sollen, hat mir noch niemand schlüssig erklären können. Denn das Argument, das ein Akademiker später von einem höheren Gehalt profitiert, zählt längst nicht mehr (und das ist kein Eindruck, sondern empirisch erwiesen).

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zynik 08.04.2010, 10:45
2. danke für die glückwünsche

Zitat von sysop
Just hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur.
Bei dieser launigen Meldung empfehle ich dem Spiegel mal sein eigenes Blatt zu lesen:
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-69628965.html
Da wird aus der halbspassigen "Generation Praktikum" auf einmal eine "Ära der Unsicherheit".

"Generation Praktikum" klingt alleine deswegen abgenutzt, weil die prekären Arbeitsverhältnisse und die Unsicherheit zu einer gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit geworden sind. Happy Birthday, liebe Arbeitswelt.

Was ist eigentlich aus der "Generation Golf" geworden?

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rewistud 08.04.2010, 10:47
3. Chance auf Anstellung

Zitat von sysop
Just hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur.
Ich kenne eine Studentin, die ein ganze Jahr lang unbezahlt für eine Tageszeitung gearbeitet hat. Ich selber will auch im Journalismus tätig werden und habe bereits vier Praktika während meines Studiums absvolviert, arbeite nebenbei als freier Mitarbeiter für diverse Medien, um die Chancen auf ein Volontariat zu erhöhen. Manch ein Redakteur hat mich dennoch verwundert gefragt, warum ich denn für eine Zeitung schreiben wolle. Ein Volontariat könne man zwar irgendwie bekommen - eine Anstellung jedoch nicht.

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Geziefer 08.04.2010, 11:28
4. Kampfbegriff

Prekariat. Das ist ein gesellschaftspolitischer Kampfbegriff, der Arbeitskraft zur universellen Verfügungsmasse degradieren will. Man sollte diesen Begriff „Generation Prekär“ nicht mehr verwenden. Aus zwei Gründen: Ein Teil der Betroffenen weiß gar nicht, was „Generation Prekär“ ausdrücken soll und ein Großteil derer, die so betitelt werden, fühlt sich nicht als prekär. Beschäftigungsverhältnisse sind eigentlich an sich prekär. Die Situation, in der sie leben, ist oftmals prekär. Aber sie sind nicht die „Generation Prekär“. Davon distanzieren sie sich auch selbst.

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trendy_randy 08.04.2010, 11:41
5. Zwei

Zitat von sysop
Just hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur.
Es gehören immer zwei dazu - einer der ausnutzt und einer, der sich ausnutzen lässt -.

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whiterussian 08.04.2010, 12:05
6. Geisteswissenschaften

Es ist bekannt, dass das beschriebene Problem vor allem Geisteswissenschaftler betrifft. Ein Grund für die Misere liegt für mich auch darin, dass dieser Sektor es nicht schafft Arbeitsplätze zu generieren. Im Gegensatz zu anderen Wissenschaftszweigen fehlt es an Innovationskraft und marktfähigen Produkten. Eine Wissenschaft muss sich in einer MArkwirtschaft auch darin messen lassen, wie viele Arbeitsplätze OHNE dauerhafte staatliche Unterstützung geschaffen werden. Was nützen die schönsten Theoriegebäude, wenn sie nur einem kleinem Team von hochgradigen Wissenschaftlern Arbeit, Ruhm und Geld einbringen?

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neo1 08.04.2010, 12:44
7. Artikel ist unvolständig

Mich wundert, dass in dem Artikel die Initiative "Fair Company" gar nicht vorkommt. Über 1400 Unternehmen sind darin zusammengeschlossen und lehnen damit eine Ausbeutung von Praktikanten ab.

Die Initiative wurde bereits 2004 gestartet (http://de.wikipedia.org/wiki/Fair_Company), als von der Generation Praktikum angeblich noch niemand so richtig sprach - jedenfalls nach Meinung des Autors.

Jetzt gibt es übrigens eine neue Initiative des "Fair Company"-Gründers: "A Company we trust" von www.bizzwatch.de
Dort werden Firmen versammelt, die während der Wirtschaftskrise offen mit ihren Mitarbeitern umgegangen und somit vertrauenswürdige Arbeitgeber sind. Hintergrund ist lt. bizzwatch.de der Vertrauensverlust der Menschen in die Wirtschaft und der Arbeitnehmer in die Zukunftsfähigkeit ihrer Arbeitgeber. Offene Kommunikation, so bizzwatch, schaffe Transparenz und Tranzparenz wiederum schafft Vertrauen.

Das mal zur Vervollständigung bzw. Erweiterung Ihres Artikels.




Zitat von sysop
Just hat sie ihren fünften Geburtstag, in Büchern und Filmen gibt es sie gewiss - aber auch im richtigen Leben? "Generation Praktikum" ist ein einprägsames Etikett. Viele schimpfen über Ausbeutung junger Akademiker, andere preisen die Vielfalt beim Berufsstart. War da was, ist da was? Eine Inventur.

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E.Cartman 08.04.2010, 13:06
8. ...

Zitat von whiterussian
Es ist bekannt, dass das beschriebene Problem vor allem Geisteswissenschaftler betrifft. Ein Grund für die Misere liegt für mich auch darin, dass dieser Sektor es nicht schafft Arbeitsplätze zu generieren. Im Gegensatz zu anderen Wissenschaftszweigen fehlt es an Innovationskraft und marktfähigen Produkten. Eine Wissenschaft muss sich in einer MArkwirtschaft auch darin messen lassen, wie viele Arbeitsplätze OHNE dauerhafte staatliche Unterstützung geschaffen werden. Was nützen die schönsten Theoriegebäude, wenn sie nur einem kleinem Team von hochgradigen Wissenschaftlern Arbeit, Ruhm und Geld einbringen?
Naja, solche schönen Theoriegebäude können die Gesellschaft im ganzen ja durchaus weiterbringen, und die staatliche Unterstützung dafür ist schon gerechtfertigt. Und es gibt ja auch weiterhin sowas wie ein Zeitungs -und Verlagswesen und allgemeinen Journalismus. Nur steht die gesellschaftliche Nachfrage nach all dem eben in keinem Verhältnis zur Zahl der Abiturienten, die gerne in diesem Bereich arbeiten würden. Und selbst die großen deutschen Dichter und Denker waren zu Lebzeiten ja anscheinend stellenweise sowas wie ein 'Prekariat'.

Ein stärkeres Aussieben an den Unis zur Anpassung von Angebot und Nachfrage könnte da vielleicht helfen. Dann würden die Studenten, die ohnehin kaum Chancen auf vernünftige Arbeitsverhältnisse haben, vielleicht weniger Zeit verlieren. Generell sollte man aber unbezahlte Praktika die weder Teil eines Studiums noch einer sonstigen Ausbildung sind verbieten, auch wenn die Probleme der angeblichen 'Generation Praktikum' vor allem von ein paar Leuten im Medienbereich auf den Rest verallgemeinert werden. Die eine Person, die ich aus dem Bereich kenne, hat inzwischen auch die Wahl zwischen zwei vollen Stellen gehabt.

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reflexxion 08.04.2010, 13:20
9. nicht vergessen, für die Rente zählt das Studium nicht mehr

In diesem Land werden solche "Änderungen" meist während einer Fußball-WM ohne spezifisches Medieninteresse durchgepeitscht. Wennn ganz Deutschland vom WM-Titel träumt, will keiner was über Änderungen in so unattraktiven Bereichen wie Rentenrecht lesen. Also wirds nicht gedruckt und dann ist es irgendwann einfach mal Gesetz.

Warum lassen sich heute unsere Top-Wissenschaftler so gern ins Ausland abwerben? Weil man sie da ordentlich bezahlt und eben auch achtet. Das war zwar vor Bologna Studiengängen noch besser, aber die EU hat ja unbedingt unsere hervorragenden Hochschul-Diplome gegen sinnlose Bachelor-Examen ausgetauscht, mit Bachelor und Master dauert es normal länger, zum Abschluß zu kommen als früher beim Diplom, so viel zum Thema kürzere Studienzeiten.

Das Studium entartet zum Dauerstress, Fehler werden nicht mehr geduldet - es droht immer und überall Zwangsexmatrikulation. Aber wozu ist das gut? Deutschland hat über viele Jahrzehnte wenn nicht gar Jahrhunderte hervorragende Wissenschaftler hervorgebracht - das kann doch so falsch nicht gewesen sein.

Ein Studium nach fixem Stundenplan mit Anwesenheitspflicht ist widersinnig, durch überzogene Anforderungen beim Wikipedia-Wissensammeln wird der Kopf unnötig zugedröhnt, aber das Denken nicht mehr trainiert. Ich habe während des Studiums einige Seminare über das Schulsystem der DDR gehört, da war Bildung auch so seltsam organisiert. Ich habe da einen anderen Ansatz erlebt, alles was ich problemlos nachschlagen kann, muß ich nicht auzwendig lernen und es ist wichtiger Zusammenhänge zu erkennen und daraus Schlüsse zu ziehen als nur fertige Erkenntnisse von anderen nachzuplappern.

Ich kenne hier eine Volljuristin, die nach 10 Jahren in 5-6 Kanzleien heute einfach fachfremd arbeitet, weil sie endlich mal mehr als max. 1000 Euro im Monat verdienen wollte - von den absurden Wochenstundenzahlen ganz zu schweigen. So was kann doch nicht der Sinn eines Studiums sein.

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