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"Game of Thrones" statt Uni: "Wer eine Klausur schiebt, schiebt auch die nächste"
DPA

Ein wichtiges Wort während des Studiums von Tabea Mußgnug war: Prokrastination. Hier erzählt sie, warum ihr Freund der Godfather des Aufschiebens ist - und wer wirklich Schuld daran hat, dass Studenten ihre Hausarbeiten nicht schreiben.

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numey 10.08.2015, 15:54
30.

Zitat von Mastermason
Klar, der Trend der Zeit: Verantwortung abschieben und den eigentlichen Grund pathologisieren. Dann ist der arme Student nicht schuld, sondern die verdammte Antriebsstörung. Da gibt es sicherlich ein Mittelchen gegen... Danke für die Unterstützung, Ihre Pharmaunternehmen.
Wenn Sie andere Beiträge von mir lesen, werden Sie erkennen, dass ich insbesondere der Pharmaindustrie - wie im Übrigen auch der WHO - mehr als nur skeptisch gegenüberstehe, wenn auch in einem völlig anderen Zusammenhang.
Es gibt auch keine "Mittelchen" dagegen. Das Schlüsselwort ist, die fehlende Fremdbestimmung durch Förderung der Selbstbestimmung auszugleichen. Man kann Menschen beibringen, sich SELBST auf positive Weise zu motivieren - egal zu was. Aber nicht mit "Sag-dir-selbst-im-Spiegel-wie-toll-du-bist"-Motivationskursen, sondern, indem man ihnen erklärt, wie Motivation entsteht, und warum das bei ihnen nicht funktioniert, und was sie tun können, um es zu üben.
Sei es, um für das Studium zu lernen, oder ihren Haushalt in den Griff zu bekommen, oder sich auf Jobsuche zu begeben.
Sie können sich selbst beibringen, sich anders zu motivieren, als allein mit Druck, Angst oder Zwang - weil es bei diesen Menschen eben NICHT funktioniert - weil sie eine Antriebsstörung haben. Ihre Fähigkeit, sich anzutreiben, ist "kaputt". Negative Anreize verfehlen ihre Wirkung, und positive Anreize können sie nicht richtig für sich nutzbar machen. Einige zum Beispiel, weil sie sich den Lohn der Mühen "einfach so" nehmen, ohne vorher was getan zu haben. Erst Party, dann lernen. Erst Netflix gucken, dann die Hausarbeit. Sie müssen sich aus einer angenehmen Situation heraus in eine unangenehme motivieren - ohne dafür entsprechend riesige Anreize zu kennen. Ohne überhaupt zu verstehen, was das Problem ist, warum sie nicht "einfach den PC abschalten und anfangen zu lernen können", so wie alle anderen. Und die einzige Erklärung, die sie bekommen, ist "du bist halt einfach nur zu faul". Und das hilft nicht!

Ich arbeite mit der letztgenannten Gruppe in meiner Aufzählung, mit Menschen, die so schwer antriebsgestört sind, dass sie im Müll leben. Solche, die "Messies" genannt werden, obwohl sie nicht unter dem Messiesyndrom leiden, denn das ist etwas ganz anderes. Diese Menschen werden verachtet, und ihr Problem in schönster Regelmäßigkeit damit abgetan, dass sie "ja nur zu faul" seien. Sie alle haben etwas gemeinsam, das ich schon im 1. Posting beschrieb - und das haben sie wiederum mit den Studenten hier gemeinsam, nur eben in einem anderen Teilbereich ihres Lebens.

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schwadlappen 10.08.2015, 16:18
31. @Celegorm

Wissenschaftliche Beweise für meine These habe ich leider nicht, aber genauso wenig gibt es hier auch Beweise für die "Antriebsstörung" oder auch, ob es heute tatsächlich anders ist. Damit meine ich, dass zwar behauptet wird, dass die Anforderungen tatsächlich gestiegen sind vs der deutlich besseren Informationsbeschaffung durch das Internet. Ob nun die Informationsbeschaffung wie "früher" heute deutlich einfacher ist, wird dann durch den erhöhten Anspruch der Informationsfilterung kompensiert, somit behaupte ich, dass es unterm Strich nicht schwieriger ider leichter geworden ist. M.E. ist es aber der Irrglaube, dass man durch copy und paste von Internetquellen tatsächlich ein Thema methodisch versteht. Und zur Ergänzung, ich bin kein 68er oder so wie vermutet, sondern in den 80ern geboren, habe selbst berufsbegleitend neben dem Vollzeitjob studiert und vielleicht daher auch eine andere Einstellung zu Disziplin und dem Luxus des Aufschiebens. Empirisch kann ich meine Behauptungen anhand von mehr als 100 Personalgesprächen mit entsprechenden "Profilen" belegen. Ich nehme lieber jemanden mit einer kaufmännischen Ausbildung als einen Studenten, der sich mehr Gedanken um Ausreden gemacht hat als um Inhalte. Erstaunlicherweise holen die Nicht-Studierten ihr fehlendes fachliches & akademisches Wissen deutlich schneller auf als dass Studierte Ihre Methodiken überdenken. Woran das liegt, da haben Sie recht, kann man nur vermuten, aber ich denke, dass hier der Faktor Eigenverantwortung entscheidener ist als das System zu verurteilen. Damit bin ich im Leben immer am besten gefahren.

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Vaen 10.08.2015, 17:29
32.

@schwadlappen: Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Fähigkeit und Ihrer Einstellung zur Disziplin. Sie sprechen aus der Perspektive jemandes, der das Problem nicht hat. Und es offensichtlich nicht versteht. Anstatt, auf Anraten, die Wissenschaft zu fragen, machen Sie weiter mit Plattitüden - und setzen dann noch Pauschalisierungen über Studierte und Nicht-Studierte oben drauf. Dahinter erkennt man lediglich Ihre Abneigung gegen Erstere. Zum Thema tragen Sie eigentlich nichts bei.

@numey
Sie sprechen mir vielfach aus der Seele. Ich selbst hänge oft lethargisch vor einem Bildschirm, erledige die Dinge, die am undringendsten sind und den geringsten Aufwand erfordern und erlebe, dass ich mich in der akuten Situation nur schwer dagegen wehren kann. Daher haben Sie mein Interesse an Ihrer Arbeit geweckt. Gibt es eine Möglichkeit, mehr über diese Arbeit zu erfahren?

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schwadlappen 10.08.2015, 17:56
33. @Vaen

Na, so ganz mag ich Ihren Aussagen und Interpretationen zu meiner Version nicht folgen, allerdings verweigere ich mich diesem neumodischen Trend bei allen Problemen direkt tiefenpsychologische Krankheiten zu entdecken, die im Endeffekt lediglich die eigene Person nur aus der Pflicht nehmen. Die bei Ihnen auftretende Lethargie verstehe ich sogar, hat ja jeder auch mal. Aber das dies direkt einer psychologischen Krankheit gleichzusetzen, ist glaub ich zu viel des Guten. Ich habe auch keine Abneigung gegenüber Studenten o.ä., lediglich damit, dass man hierfür immer andere verantwortlich gemacht werden. Ich vergleiche das mal mit meiner Fußballmannschaft: Nach 60 Minuten bin ich auch träge und renne nicht mehr jedem Ball hinterher. Waran liegt das bloss? Weil ich einfach das Training nicht ernst nehme und konditionelle Defizite habe oder weil ich auch eine Antriebsstörung habe? Ersteres kann ich durch Training verbessern, gebauso wie Sie es können. Man muss sich halt nur zum laufen aufraffen, wenn man es nicht tut, dann bitte nicht beschweren, warum die Kondition schlecht ist. PS: Wie ich schon sagte, Dies ist auch nicht wissenschaftlich belegt, sondern nir meine Meinung, aber - mit Verlaub - der Artikel ist auch nur eine Meinung einer Studentin, welcher dirch nicht mal ansatzweise etwas belegt ist außer durch die Wahrnehmung der Autorin sowie durch einige Foristen, die sich dort ebenso wiederfinden. Diesem entgegne ich mit einer ebenso zunächst unfundierten Meinung, was ich der Qualität des Artikels absolut angemessen finde. Wenn Sie mir hier fundierte Fakten für Ihre These liefern können, diskutiere ich gern weiter, aber so müssen Sie sich leider auch damit zufrieden geben, dass auf die inhaltsleeren Plattitüden in diesem Artikel ebenfalls mit Stammtischparolen geantwortet wird. Ich bestreite ja nicht, dass es sowas gibt, aber die pseudowissenschaftliche Herleitung der Gründe gehe ich nicht mit.

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solitaryway 10.08.2015, 18:06
34.

Bei mir erkenne ich da nur grundlose allgemeine Faulheit, die sich lediglich so gestaltet, dass abgesehen von sehr basalen Überlebensnotwendigkeiten sonstige Motive bei mir schwach oder überhaupt nicht ausgeprägt sind. Reines Lesen über die Thematik brachte mir nichts, allerdings hatte ich das auch nicht erwartet.

Als Opfer sehe ich mich aber nicht, zumal auch mögliche externe Strukturprobleme bei mir niemals existierten. Sehr frühe eigene Versäumnisse beim Erlernen eiserner Disziplin als Ausgleich kann ich trotz optimaler Erziehung auch nur mir zuschreiben.

Aber ich sehe mich da als Ausnahme. Vermutlich gibt es wohl mehrheitlich wirklich Gründe, welche sich hinter solch einem Verhalten verbergen. Nur selbst nachweisen kann ich das natürlich auch nicht.

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vlado13 10.08.2015, 18:09
35. Früher war alles besser?

Zitat von
Früher, als man seine Hausarbeiten noch auf einer Schreibmaschine schrieb und für die Klausuren mit Büchern und Schreibblöcken lernte, da gab es garantiert weniger Prokrastination. Das Problem fängt da an, wo man mit Hilfe von etwas lernen soll, wo drei Sekunden entfernt das Internet ist. Deswegen nervt es mich inzwischen, dass jedes Institut WLAN hat.
Ach Mädchen, lass dir von mir altem Knacker (Studium in den 80ern) sagen: In der Uni gab es eine Cafeteria, und wer wollte, fand jemanden, der auch Kaffeedurst hatte. In der Bibliothek gab es jede Menge Bücher, die für das aktuelle Thema völlig irrelevant, aber gerade deswegen furchtbar interessant waren. Zuhause gab es einen Fernseher, die lieben Mitbewohner, und wie eine Freundin mal sagte: Wenn ich mich beim Fensterputzen ertappe, ist in Sachen Hausarbeit aber Alarmstufe Rot!

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Vaen 10.08.2015, 18:29
36. @schwadlappen

Vielleicht wurde das bisher nicht klar genug herausgestellt, aber mit dem Versuch, das Ganze psychologisch zu erklären, weist niemand die Schuld von sich. Wo lesen Sie in dem bisher Geschriebenen, dass Betroffene sich für nicht mehr verantwortlich für ihre Situation halten, nur weil sie ihrem Problem einen anderen Namen als 'Faulheit' geben? Es mag sein, dass das Wegfallen dieses negativen Wortes für Sie unangemessen erscheint, weil Sie denken, die Betroffenen würden es sich dadurch leichter machen. Aber das ist sicherlich nicht der Fall. Im Gegenteil: Ich weiß sehr genau, dass ich und nur ich da in der Verantwortung bin. Worum es hier eigentlich gehen sollte, sind Lösungsansatze. Und jetzt raten Sie mal, wie viel es mir und anderen die ich kenne bisher genutzt hat, sich immer vorzusagen, man solle doch nicht so faul sein und sich einfach mal aufraffen. Wie gesagt, aus der Betrachterperspektive sieht das wohl sehr leicht aus. Daneben: eine wissenschaftliche Auseinandersetzung erfordert vielleicht nicht der Artikel. Das beschriebene Problem indes schon.

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Kaygeebee 10.08.2015, 18:37
37.

Meine erste Hausarbeit habe ich auch lange aufgeschoben, nur merkte ich irgendwann, dass ich eine gewaltige Bugwelle vor mir herschob. Denn das neue Semester hatte begonnen und neue Aufgaben waren dazugekommen. Und spätestens wenn man das Zwischenprüfungszeugnis beantragen musste, brauchte man diesen verdammten Schein. Aufschieben bringt nie etwas, da die Leistung irgendwann erbracht werden muss! Hausarbeiten sind in der Beziehung auch gefährlich, dass man für sie viel Zeit hat und sie nicht wirklich an den Semesterverlauf gekoppelt sind. Einige Dozenten bestehen auf einen festen Termin, anderen ist es fast egal und man kann abgeben wann man will. Das verleitet natürlich dazu, diese Leistungen aufzuschieben und sich wichtigeren Dingen zuzuwenden.

Ich habe nur schnell gemerkt, dass man Hausarbeiten früh angehen sollte. Früh das Thema absprechen, früh einlesen und früh anfangen. Dann ist man auch in 2-4 Wochen fertig (je nach Umfang) und hat dann immer noch ausreichend Zeit für Klausuren oder Game of Thrones.

Was Schüler in der Schule heute leider nicht lernen, ist das selbstständige Vorbereiten und Organisieren. Ständig wird einem ja gesagt, was man wann machen muss, u.a. von den Lehrern und Eltern. Man kann eine Klausur nicht aufschieben, höchstens das lernen. Im schlimmsten Fall hat man mal eine Präsentation nicht rechtzeitig gemacht oder ein Referat verpennt. Ein Studium funktioniert aber nicht wie die Schule. Wer, salopp gesagt, nicht aus dem Quark kommt, der wird früher oder später arge Probleme bekommen. Diese müssen dann am Ende wirklich diese Intensivkurse besuchen, bei denen man in der Uni die Nacht durch schreibt bis die Finger bluten, der Hahn kräht oder der Kaffee aufgebraucht ist.

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Jolande9 10.08.2015, 19:06
38. Kurios...

Ich erlaube mir in fortgeschrittenem Alter, nach mehr als 25jähriger Berufstätigkeit - angestellt und selbstständig, mit Kindern - ein Studium. In beruflichen Dingen bin ich höchst diszipliniert.
Aber siehe da: beim Studieren wiederhole ich exakt dasselbe idiotische, nervtötende, lachhafte Verhalten, das ich schon in meiner Jugend perfektioniert hatte: ich prokrastiniere was das Zeug hält. Und schaue mir dabei fassungslos zu...
Ich nehme an, dass da verschiedene Faktoren eine Rolle spielen, zB. Versagensängste, Angst, meinen eigenen Anforderungen ("innere Kritiker") nicht gerecht zu werden. Aber es hilft nichts, ich hoffe, von Semester zu Semester besser zu werden. Aber es ist schwer - sobald ich mich hinsetze um zu lernen oder den Stoff durchzuarbeiten, befällt mich ein unwiderstehlicher Drang nach Bewegung, eine innere Unruhe, die mich verrückt macht. Mal hilft leiser Dudelfunk, oft aber strecke ich die Waffen.
Ich kann jedem jungen Menschen raten: stellt Euch der Situation, es wird nicht von selbst besser! Und - nein, es ist keine Charakterschwäche, es ist ein kleines Defizit mit großen Folgen...

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schwadlappen 10.08.2015, 19:37
39. @Vaen

Vielen Dank für Ihre Rückmeldung, vielleicht habe ich ich es auch nicht richtig aufgefasst, daher möchte ich meine Aussage etwas relativieren. Ich streite es nicht ab, dass es in manchen Fällen - wie auch von einem Foristen erwähnt mit dem Messie - auch psychologische Ursachen dahinter stecken. Das mit dem Aufraffen haben Sie gut beschrieben, die Schwierigkeit ist hier natürlich die Motivation. Hier fällt es manchen Menschen sicher schwerer sich zu motivieren, aber ich bin überzeugt, dass es in fast allen Fällen auch mit Willen erlernbar ist, so z.B. durch Zeitmanagement-Seminare oder Literatur, das ist ein Tag gut investierte Zeit, weil man lernt Dinge in dringlich und/oder wichtig einzuordnen. Aber auch hier ist natürlich auch die Motivation die Ironie, wenn man sich wirklich ändern will, dann muss man auch dies konsequent anwenden, wobei man auch nicht immer alles sofort machen muss, das ist ja auch menschlich. Im Studium ist es natürlich der Extremfall, weil man es nur nach hinten schiebt, weil man es kann. Im Privatleben kann man ja auch mal eine Maschine Wäsche einen Tag später anwerfen, aber da macht es ja dann doch eher zeitnah. Alles im Allen priorisiert man ja ständig, nur kann es doch im Studium verheerend werden, auch wenn aufgrund der Länge eine gewisse Gewöhnung eintritt. Ich habe ja auch heute wieder vor Augen geführt bekommen, dass ich etwas Wichtigeres heute auch aufgeschoben haben um lieber diesen Artikel zu kommentieren ;-)
Und den polemischen Unterton bei der zunächst von Ihnen beantworteten Kommentar bzgl. der Ausreden von Studenten ist leider meiner subjektiven Erfahrung hier - insbesondere bei neuen Mitarbeitern - geschuldet, daher halte ich persönlich diesen wahrgenommenen Trend für gefährlich, da ich hier zunehmend den Hang zur Normalität erkenne.

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