Forum: Leben und Lernen
Ganz harte Schule: "Auf welches Gümmi kommst du?"
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Gegen Ende der Grundschulzeit werden Kinder ständig gefragt: "Auf welches Gymnasium gehst du denn im Sommer?" Dass Erwachsene dauernd nachbohren, wirft allerdings eine ganz andere Frage auf.

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mirage122 11.05.2019, 21:12
40. Die Eltern wollen sich selbst verwirklichen

Lieblings-Spruch meiner Mutter: "Du sollst es mal besser haben!" Ich habe das Gefühl, dass das heute noch Gültigkeit hat. Was die Eltern nicht gepackt haben, sollen die Kinder vollbringen. Und da wird dann mit allen möglichen Hilfsmitteln wie Nachhilfe und derartiges auf das erstrebte Ziel hin gearbeitet. Die armen Kinder, kann ich da nur sagen. Es gibt doch Spätzünder wie auch Schüler, die sich langweilen, weil es ihnen einfach zu langsam vorangeht. In erster Linie soll Schule Spaß bringen und nicht permanente Bauchschmerzen verursachen. Dann kommt alles von allein. Der spätere Weg im Leben hängt nicht von dem Schulabschluss ab, sondern wird geebnet durch ein Elternhaus, das geprägt war von Liebe und Zuwendung und einer enormen Zeit-Investition. Warum müssen schon die Kleinsten durch diese elende "Gümmi"-Diskussion so unter Druck gesetzt werden?

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hirsnemehism 11.05.2019, 21:22
41. mgericke, hervorragende Analyse!

Es scheint mir, als solle das aktuelle deutsche Schulsystem die bestehende "Klassengesellschaft" zementieren! Obendrein wird Wissen, das nicht in erster Linie wirtschaftsförderlich ist, kaum noch anerkannt. Leider hat das auch zur Folge, dass immer mehr, man verzeihe mir den Ausdruck, Fachidioten herangezüchtet werden, die so zwar vielleicht Spezialisten in ihrem Fachgebiet sind, von fachfremden Gebieten aber eher kaum etwas verstehen. ...und deshalb auch geradlinig IHR Ziel verfolgen, dabei aber häufig übersehen, dass genau das für Gesellschaft und (noch häufiger) Umwelt eher schädlich ist. Allerdings liegt die Misere auch darin, dass man zur Zeit keinerlei Aussage über die Zukunft von Arbeit treffen kann, da niemand vorhersehen kann, WIE stark die Digitalisierung in der zukünftigen Arbeitswelt wirklich "einschlagen" wird. Von da aus wird wirklich verständlich, dass viele Schüler heute auf die Frage was sie denn mal werden wollen antworten: Irgendwas mit Medien oder Internetstar. Unterhaltungsberufe wird es noch eine ganze Zeit geben und die sind meist auch "glorioser" und nicht so anstrengend, wie z.B. Berufe im sozialen Bereich.

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ondrana 11.05.2019, 21:48
42.

Das Problem liegt an einer anderen Stelle:

Sie haben in der Grundschule Kinder, die in der zweiten Klasse Harry Potter lesen und gleichzeitig welche, die kein Wort Deutsch können.
Sie haben Kinder, die seit dem dritten Lebensjahr im Turnverein sind und welche, die nicht einmal rückwärts laufen können oder die regelmäßig in der Grundschule umkippen, weil sie den Ramadan einhalten.
Sie haben zunehmend Kinder aus evangelikalen Familien, die können auf keinen Bezug zu populären oder tagesaktuellen Themen etwas sagen, weil sie keinen Fernsehr haben, keine Tageszeitung, nicht ins Kino gehen dürfen und weil ihnen Theaterbesuche verboten sind.
Sie haben Kinder, die in der sechsten Klasse nicht einmal eine Schleife an ihrem Schuh binden können oder denen man erklären muss, wir eine Analoguhr funktioniert. Gleichzeitig haben sie Kinder, die überhaupt nicht verstehen können, warum andere das nicht können.
Sie haben Kinder, die täglich 4-5 Stunden "Fortnite" spielen und am Wochenende auch mal acht Stunden am Stück und Kinder, deren Eltern dies kontrollieren.
Sie haben Kinder, die pünktlich und regelmäßig zum Unterricht kommen und Kinder, die dies aus verschiedenen Gründen nicht tun.
Das hat überhaupt nichts mit Schulsystem zu tun. Das ist an einer Gesamtschule ebenso Tagesgeschäft wie im gegliederten Schulsystem.
Was wir brauchen ist ein Zugriff auf die Kinder. Es kann nicht sein, dass jede Sekte und Religionsgemeinschaft der Schule erklärt, wie Schule zu laufen hat. Es kann nicht sein, dass Eltern erlaubt wird,unter dem Deckmantel von "Freiheit" ihre Kinder völlig entgleisen zu lassen.

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_marvin_ 11.05.2019, 22:41
43. Trauerspiel

Zitat von mgericke
Der Umgang mit Deutschen Schulkindern ist noch immer ein Trauerspiel. Da wird auf Teufel-komm-raus gesondert, getrennt, und differenziert; und das in einem Alter, in dem die meisten Kinder noch gar nicht verstehen können, warum es überhaupt verschiedene Schularten gibt....
Ein Trauerspiel, das trifft es genau. Aber das Gymnasium ist heute eine Ghetto-Schulform geworden. Es ist die Ghettoschule der Eltern, die alles tun, um zu zeigen, dass sie auch zur Mittelklasse gehören. Die eigenen Kinder sollen unter "ihresgleichen" sein und um Gottes Willen nicht weiter mit den Schmuddelkindern in Kontakt bleiben. Harz4-Kinder, igitt! Nach vier Jahren Grundschule kann man endlich zeigen, wo man sich selbst in der sozialen Hierarchie vorortet. Kinder sind in dieser Gesellschaftsschicht ein Statussymbol.

Es ist ein Trauerspiel, weil seit langem bekannt ist, wie schädlich die frühe Trennung für alle Kinder ist, die intelligenten genauso wie für die nicht intelligenten, die leistungsstarken genauso wie die leistungsschwachen. Kleine Klassen und Differenzierung ist die Lösung, um allen Kindern gerecht zu werden. Warum machen in Gesamtschulen wohl viel mehr Kinder das Abitur, als ursprünglich mit Gymnasialempfehlung in der 5. Klasse aufgenommen wurden?

Zu einer Abschaffung der Gymnasien wird es aber so schnell nicht kommen, denn dazu müssten sich die Gymi-Eltern ihrer Lebenslüge stellen. Das Gesamtschul-Abi muss in ihren Augen ein Abitur zweiter Klasse bleiben, sonst müssten sie sich ja eingestehen, dass sie einen Fehler gemacht haben, als sie alle Hebel in Bewegung setzten, um ihr Kind ins Gymnasium zu hieven. Sie müssten sich und ihrem Kind eingestehen, dass das Abitur auch ohne den jahrelangen, täglichen Hausaufgabenstress und ohne die jährliche Angst vor dem Durchfallen möglich gewesen wäre und dass es trotzdem exakt das gleiche Abitur mit exakt den gleichen Aufgaben gewesen wäre.

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_marvin_ 11.05.2019, 23:16
44. Differenzierung

Zitat von fkfkalle3
Die unterschiedlichen Möglichkeiten der Kinder sind nicht bestritten.In meiner Schulzeit hat man sich gegenseitig geholfen. Dabei wurden schwächere Schüler sehr wohl durch die besseren Mitschüler mitgezogen. Dabei gab es keine Langeweile. Es bleibt ihnen unbenommen, gewiisse Defizite privat auszugleichen. Acht und 11 Jahre sind die Ziehfietze , vom Kindergarten biis zum heutigen Tag. Mehr Fronterfahrung geht nicht.
Sie haben recht. Ich kann das in unserem Umfeld für Grund- und Gesamtschulen nur bestätigen. Leistungsheterogene Lerngruppen stärken die sozialen Kompetenzen der schwachen wie der starken Schüler.

Allerdings darf man es dabei auch nicht übertreiben. Unsere Tochter wird an der Schule teilweise als Hilfslehrerin ausgenutzt und das geht übers Ziel hinaus. Damit integratives Lernen wirklich funktioniert, müssen die Lehrer*innen auf Differenzierung achten. Und das heißt insbesondere Abschied nehmen vom bequemen Fontalunterricht. Differenzierung setzt moderne kompetenzorientierte Unterrichtsformen voraus, die sich glücklicherweise vor allem an den Gesamtschulen immer mehr durchsetzen.

Und es bedeutet auch Abschied nehmen von der Vorstellung, Bildung fände ausschließlich durch die Person der Lehrer*in statt. Gerade für begabte Kinder ist es wichtig, dass die Schule einen Rahmen für intrinsisch motiviertes Lernen bietet, und das ist an der Gesamtschule viel einfacher möglich als am Gymnasium. Begabte Kinder nehmen den Stoff und die Kompetenzen des Curriculums quasi im Vorbeigehen mit. So war es bei mir selbst früher am Gymnasium und so ist es heute bei unserer Tochter an der Gesamtschule. Zum Glück habe ich trotz Gymnasium meine Freiräume bekommen, und das was ich mir in der Schulzeit spielerisch nebenher erarbeitet habe, und das in keinem Curriculum stand, das prägt heute mein berufliches Leben.

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_marvin_ 11.05.2019, 23:28
45. Wirklich?

Zitat von ondrana
Es gibt Länder mit gegliedertem Schulsystem, in denen es hervorragend funktioniert und Länder mit eine System, so später separiert wird und auch dort funktioniert es gut. Es gibt gute und erfolgreiche Gesamtschulen in Deutschland und hervorragende Schulen im gegliederten System. Was nicht funktioniert: ein unterfinanziertes System. In keinem Land.
Also meines Wissens ist das gegliederte Schulsystem eine Spezialität des deutschen Sprachraums, also Deutschland, Österreich und Schweiz. Gibt es wirklich noch mehr Länder, die parallele Schulformen kennen?

Mit der Unterfinanzierung haben Sie allerdings sicher recht. Dazu gehört neben dem Stellenmangel und den Gebäude- und Ausstattungsmängeln auch das erstaunliche Faktum, dass die Besoldung der Lehrer je nach Schulform auch noch unterschiedlich ist. Als ob ein Gymnasiallehrer mehr leisten oder gebildeter sein müsste, als eine Grundschullehrerin...

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medyka 12.05.2019, 00:46
46. ich bringe meinen Kindern Liebe bei,...

...was ihnen später finanziell nicht viel bringen wird, aber mir und ihren Mitmenschen wird es etwas geben.

Diese materielle Ich-Gesellschaft ist erbärmlich. Null Sozialkompetenz auf ganzer Linie.

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XXXXXXXX 12.05.2019, 07:11
47.

Als Schüler des Gymnasium Meiendorf muss ich unseren Slogan verteidigen, es heißt "Gymei", bei "Meigym" musste ich lachen :D

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Frida_Gold 12.05.2019, 07:58
48.

Zitat von ralf12012019
Eine Kollegin von mir hat heuer auch das Abitur gemacht. Eigentlich war ihr Sohn angemeldet, aber defakto hat sie es gemacht. Das arme Kind ist total fremdgesteuert und völlig hilflos. Die Mutter ist eine Furie, die ihren Apfel überwacht, wie die Amis die Islamisten. Wenn man ehrlich ist, der Junge ist völlig minderbemittelt (ich kenne seine Klausur-Leistungen im Gym), aber die Mutter hat entschieden, dass er hochbegabt ist etwas Besseres wird. Ich frage mich, was es der Gesellschaft bringt, wenn so ein armer Mensch dann studieren muss. Aber vermutlich wird seine Mutter im Hörsaal unter der Bank sitzen...
Schwer zu glauben. Wie soll ein minderbemittelter junger Mensch die Abiturprüfungen bestanden haben? Da saß die Mutter ja nicht mit im Raum. Wie hat das denn funktioniert?

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Plunty 12.05.2019, 09:15
49.

"[...]Friseur oder Bäcker werden." Mal davon abgesehen, dass es gesellschaftlich wichtige Berufe sind, wird heute Kindern direkt mit sozialem Abstieg gedroht...

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