Forum: Leben und Lernen
Ganz harte Schule: "Auf welches Gümmi kommst du?"
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Gegen Ende der Grundschulzeit werden Kinder ständig gefragt: "Auf welches Gymnasium gehst du denn im Sommer?" Dass Erwachsene dauernd nachbohren, wirft allerdings eine ganz andere Frage auf.

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woelkchen_no.1 12.05.2019, 11:02
50.

Zitat von _marvin_
Sie haben recht. Ich kann das in unserem Umfeld für Grund- und Gesamtschulen nur bestätigen. Leistungsheterogene Lerngruppen stärken die sozialen Kompetenzen der schwachen wie der starken Schüler. Allerdings darf man es dabei auch nicht übertreiben. Unsere Tochter wird an der Schule teilweise als Hilfslehrerin ausgenutzt und das geht übers Ziel hinaus. Damit integratives Lernen wirklich funktioniert, müssen die Lehrer*innen auf Differenzierung achten. Und das heißt insbesondere Abschied nehmen vom bequemen Fontalunterricht. Differenzierung setzt moderne kompetenzorientierte Unterrichtsformen voraus, die sich glücklicherweise vor allem an den Gesamtschulen immer mehr durchsetzen. Und es bedeutet auch Abschied nehmen von der Vorstellung, Bildung fände ausschließlich durch die Person der Lehrer*in statt. Gerade für begabte Kinder ist es wichtig, dass die Schule einen Rahmen für intrinsisch motiviertes Lernen bietet, und das ist an der Gesamtschule viel einfacher möglich als am Gymnasium. Begabte Kinder nehmen den Stoff und die Kompetenzen des Curriculums quasi im Vorbeigehen mit. So war es bei mir selbst früher am Gymnasium und so ist es heute bei unserer Tochter an der Gesamtschule. Zum Glück habe ich trotz Gymnasium meine Freiräume bekommen, und das was ich mir in der Schulzeit spielerisch nebenher erarbeitet habe, und das in keinem Curriculum stand, das prägt heute mein berufliches Leben.
Das was Sie beschreiben ist wirklich eine sehr schöne Idealvorstellung, die ich mir als Grunschullehrerin auch wünschen würde. Die Realität? Es gibt nur wenig intrinsisch motiviertes Lernen. Es gibt sogar diagnostizierte hochbegabte Kinder, die sich nicht die Mühe machen möchten, anspruchsvollere Dinge zu earbeiten.
Dann gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass der Einfluss der Lehrperson sehr wohl den meisten Einfluss auf das Lernen hat, allen voran die Hattie-Studie.
Was genau meinen Sie mit modernen Unterrichtsformen? Offene Unterrichtskonzepte? Mehr Einsatz von Medien? ...
In meinem Alltag erlebe ich, wie wenig effizient schon so manch offene Unterrichtsform war, sogar für leistungsstärkere Schüler. Diese Unterrichstform muss wohlüberlegt und dosiert eingesetzt werden. Ganz darauf verzichten sollte und möchte ich nicht. Dennoch gibt es genug Anlässe, bei denen Frontalunterricht und kleinschrittigeres Arbeiten angebracht ist. Bei dieser Methode ist Differenzierung im Übrigen auch wunderbar möglich. Viele Kinder sind mit dem freien Wählen des Arbeitsmaterials, des Zeitpunktes und der Arbeitszeit schlichtweg überfordert. Oder warum denken Sie fällt es Kindern leichter, einen strukturierten Alltag zu durchleben als ein "In-den-Tag-hineinleben"? Das auszuführen würde allerdings nun den Rahmen sprengen. Der Autor Michael Winterhoff hat das eigentlich ganz gut zusammengefasst und es lohnt sich, darüber mal genauer nachzudenken.
Mich freut es aber zu hören, dass Sie Freiräume bekamen, die Sie nach vorne gebracht haben. Leider ist das eher die Ausnahme. Inzwischen werden aber an vielen Schulen Projekte und Kurse initiiert, die leistungsstarke Schüler*innen fördern und fordern.

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ondrana 12.05.2019, 11:44
51.

Zitat von _marvin_
Also meines Wissens ist das gegliederte Schulsystem eine Spezialität des deutschen Sprachraums, also Deutschland, Österreich und Schweiz. Gibt es wirklich noch mehr Länder, die parallele Schulformen kennen? Mit der Unterfinanzierung haben Sie allerdings sicher recht. Dazu gehört neben dem Stellenmangel und den Gebäude- und Ausstattungsmängeln auch das erstaunliche Faktum, dass die Besoldung der Lehrer je nach Schulform auch noch unterschiedlich ist. Als ob ein Gymnasiallehrer mehr leisten oder gebildeter sein müsste, als eine Grundschullehrerin...
Da muss man genauer hinschauen: die Niederlande und Belgien haben die Gliederung nach Klasse 7 bzw 6, sind dann aber wesentlich weniger durchlässig als in Deutschland und sind damit sehr erfolgreich.
Im Übrigen ist nicht überall, wo "Gesamtschule" draufsteht auch Gesamtschule drin.
In Finnland beispielsweise steht Gesamtschule drauf, die Schulen selbst sind aber einzeln betrachtet jeweils für eine bestimmte Klientel ausgelegt: Schule A ist berufsorientiert, während Schule B besonders fördert und Schule C künftige Studierende heranzieht.

In sehr vielen Ländern, besonders den Angelsächsischen aber auch in Japan steht auch Gesamtschule drauf, aber das florierende Privatschulsystem sorgt über hohe Zugangshürden und Aufnahmeprüfungen dafür, dass die intellektuelle und finanzielle Elite unter sich bleibt und die weniger Begabten sich auf den Kommunalen Schulen wiederfinden. Auch das ist nicht gerade das, was man sich unter Gesamtschulsystem vorstellt.

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ondrana 12.05.2019, 11:51
52.

Zitat von _marvin_
Es ist ein Trauerspiel, weil seit langem bekannt ist, wie schädlich die frühe Trennung für alle Kinder ist, die intelligenten genauso wie für die nicht intelligenten, die leistungsstarken genauso wie die leistungsschwachen. Kleine Klassen und Differenzierung ist die Lösung, um allen Kindern gerecht zu werden. Warum machen in Gesamtschulen wohl viel mehr Kinder das Abitur, als ursprünglich mit Gymnasialempfehlung in der 5. Klasse aufgenommen wurden?
Das ist nicht die Frage, die man sich stellen muss. Die Tatsache, dass mehr Kinder an Gesamtschulen das Abitur machen als dafür empfohlen sagt erst einmal gar nichts. Auch an den Gymnasien in NIedersachsen gibt es mittlerweile fast 40% Nichtempfohlene.

Was etwas sagt, ist die Statistik, die darlegt, dass Schüler/innen mit Gesamtschulabitur erheblich öfter ihr Studium abbrechen als diejenigen, die ihr Abitur an einem Gymnasium gemacht haben.

Wenn dann propagiert wird, dass der Abiturdurchschnitt an den Gesamtschulen gegenüber den Gymnasien nur unerheblich schlechter ist, ist auch das Augenwischerei:
Der Abiturdurchschnitt errechnet sich zu einem großen Teil auch aus Vorleistungen.
Vergleichen muss man die Ergebnisse der Abiturklausuren selbst. Und dort gibt es eklatante Niveauunterschiede. Daraus lässt sich ableiten, dass an den Gesamtschulen in der Oberstufe doch sehr großzügig bewertet wurde und sich das Niveau dann nicht bestätigen ließ.

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HISXX 12.05.2019, 12:55
53.

Man sollte die Art der Schulform nach der Grundschule nicht überbewerten. Unser Schulsystem ist so durchlässig wie nie und jeder hat die Chance auf irgendeine Weise sein Abi zu machen. Und man sollte seinem Kind den Rücken stärken, wenn es nicht gleich aufs "Gümmi" geht.
Dass sich an unserem Schulsystem so wenig ändert und diese frühe Eingruppierung stattfindet, liegt übrigens hauptsächlich an den Eltern. Die haben auch dieses Chaos mit G8/G9 zu verantworten. Wenn es plötzlich um die eigenen Kinder geht, sind die ganzen hehren Reformvorschläge plötzlich Schall und Rauch und das "Gümmi" unantastbar.
Dieser ständige Vergleich mit Finnland, wo alles so toll ist hilft auch nicht, denn Finnland hat eine viel homogenere Gesellschaft als D, wir haben mittlerweile 30% Migrantenanteil bei den Kindern und dadurch enorme Probleme. Vielen Migranten ist das schulische ergehen ihrer Kinder anscheinend herzlich egal, und diese ganzen Probleme müssen die Schulen bewältigen. Eine gleichmässige Verteilung der Kinder mit Sprachschwierigkeiten und Lernproblemen würde den Schulen enorm helfen, aber das wäre ja Diskriminierung und ist ein "No Go".

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three-horses 12.05.2019, 13:07
54. Wo ist die Grenze?

Zitat von woelkchen_no.1
Das was Sie beschreiben ist wirklich eine sehr schöne Idealvorstellung, die ich mir als Grunschullehrerin auch wünschen würde. Die Realität? Es gibt nur wenig intrinsisch motiviertes Lernen. Es gibt sogar diagnostizierte hochbegabte Kinder, die sich nicht die Mühe machen möchten, anspruchsvollere Dinge zu earbeiten. Dann gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass der Einfluss der Lehrperson sehr wohl den meisten Einfluss auf das Lernen hat, allen voran die Hattie-Studie. Was genau meinen Sie mit modernen Unterrichtsformen? Offene Unterrichtskonzepte? Mehr Einsatz von Medien? ... In meinem Alltag erlebe ich, wie wenig effizient schon so manch offene Unterrichtsform war, sogar für leistungsstärkere Schüler. Diese Unterrichstform muss wohlüberlegt und dosiert eingesetzt werden. Ganz darauf verzichten sollte und möchte ich nicht. Dennoch gibt es genug Anlässe, bei denen Frontalunterricht und kleinschrittigeres Arbeiten angebracht ist. Bei dieser Methode ist Differenzierung im Übrigen auch wunderbar möglich. Viele Kinder sind mit dem freien Wählen des Arbeitsmaterials, des Zeitpunktes und der Arbeitszeit schlichtweg überfordert. Oder warum denken Sie fällt es Kindern leichter, einen strukturierten Alltag zu durchleben als ein "In-den-Tag-hineinleben"? Das auszuführen würde allerdings nun den Rahmen sprengen. Der Autor Michael Winterhoff hat das eigentlich ganz gut zusammengefasst und es lohnt sich, darüber mal genauer nachzudenken. Mich freut es aber zu hören, dass Sie Freiräume bekamen, die Sie nach vorne gebracht haben. Leider ist das eher die Ausnahme. Inzwischen werden aber an vielen Schulen Projekte und Kurse initiiert, die leistungsstarke Schüler*innen fördern und fordern.
"begabte Kinder"...da soll man sich die Frage stellen...wie nützlich
ist so eine Gabe. Können diese Menschen mal die Zukunft gestalten?
Oder sind es nur geschickte Handwerker. Habe so einem Computer Genie gekannt. Für das normale Leben war der aber nicht zu gebrauchen. Seine Ration war die Flasche Whisky je Tag. Habe ihn aus den Augen verloren,...der könnte nicht anders, keine Ahnung was der so für Zombies bekämpfen musste...sein Ende hatte er damit aber sicher erreicht.

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DiegoMarlasca 12.05.2019, 14:56
55. Den Kindern bitte alle Möglichkeiten aufzeigen ...

Ich wurde damals geradezu von den Eltern gezwungen aufs Gymnasium zu gehen. Die Aufnahmeprüfung nach der 6. hatte ich nicht geschafft da der Stoff mir absolut nicht lag. Nach der 10. hatte ich es dann mit viel Glück geschafft, musste dann aber die 12. Klasse wegen der schlechten Noten wiederholen. Mir wurde damals nur vor den Augen gehalten, dass man unbedingt Abitur machen muss, um zu studieren. Für meine Eltern war das eher Prestige, da in ihrem Freundeskreis alle Kinder aufs Gymnasium gingen. Mir lag Mathematik und Physik sehr aber in den gesellschaftlichen Fächern war ich eine absolute Niete. Letztendlich habe ich Ende der 80er Informatik an einer FH studiert. Das hätte ich auch mit einem naturwissenschaftlich ausgerichteten Fachabitur machen können, wo ich am Ende 2 Jahre früher fertig gewesen wäre. Diese Möglichkeit wurde mir aber komplett vorenthalten da nur das Abitur zählte. Ich habe davon zum ersten Mal auf dem Gymnasium gehört. Ich wohnte halt in einem kleinen Dorf und Internet gab es damals noch nicht (zx-81 Ära). Auf der Gesamtschule wurden wir nur nach Hauptschul- und Realschulabschluss eingeteilt. Aufs Gymnasium wechselten nur sehr wenige, aus meiner Klasse waren wir zwei.

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interessierter Laie 12.05.2019, 18:20
56. @lathea

teils teils. Kinder muss man auch fordern und sie fordern sich auch gegenseitig. Darum geht es ja in vielen Spielen. Leider besteht die Elternschaft heute zu einem wachsenden Teil aus Extremen. Die einen versuchen jedes bissl Zeit mit "sinnvoller" Beschäftigung auszufüllen und arbeiten sich mit Akribie und finanziellem Einsatz durch die Bildungsratgeber, die anderen überlassen ihre Kinder der Playstation. Einen Mittelweg suchen immer weniger. Meiner Meinung nach gibt es dafür zwei Hauptursachen: Einerseits werden Eltern immer älter - damit ist die Distanz zum eigenen Kindsein größer. Andererseits gibt es schlicht immer weniger Kinder im eigenen Umfeld und damit fehlen Eltern die Erfahrung und die Vorbilder.

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kunibertus 12.05.2019, 19:49
57. Bei einer Abiturientenquote von 50% und mehr

eines Jahrganges muss dann eben die Hochschule dafür sorgen dass allen denjenigen, denen zwar die Hochschulreife hinterher geworfen worden ist, die aber mangels z. B. mathematischer Kenntnisse nicht studierfähig sind, von weiteren Höhenflügen abgehalten werden und wieder auf den Boden der Tatsachen gestellt werden. Ich habe einen Kollegen, der lässt zum Beginn eines Studienjahres eine Vergleichsklausur in Mathematik schreiben. Er muss sich jedes Jahr neue Aufgaben ausdenken, da die von vor z. B. zehn Jahren kaum noch einer lösen kann. Aber jeder Prof erkennt nach spätestens vier Wochen, wer von den Studienanfängern es bis zum Abschluss schafft, oder für wen die drei Semester bis zur Exmatrikulation - so lange zahlt das Land - eine verlorene Zeit gewesen sind.

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hansi_wurst 13.05.2019, 08:49
58. Schrecklich

Schrecklich, welcher Druck unseren Kindern aufgebürdet wird.
Es geht nur noch um lernen, lernen und nochmals lernen.
Was mich an den Freitagsprotesten z.B. am meisten gestört hat - was bitte haben die Kinder freitag nachmittags in der Schule verloren? Da gehören sie auf den Bolzplatz oder den Spielplatz mit ihren Freunden.
Aber egal. Es wird hier mal enden wie in Südkorea - Schule von morgens bis abends, dann Nachhilfe, dann Hausaufgaben, noch lernen und um ein Uhr ins Bett.
Was ein Leben...Leben? Eher ein Warten auf den Tod. Im Dauerstress.
Ich hab echt Bammel vor der Zukunft. Gruselig...

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Watchtower 13.05.2019, 09:05
59. Die Grundfrage ist nicht...

-bei entsprechender Eignung- auf welches Gymnasium das jeweilige Kind geht, sondern in welchem Bundesland. Bayern, Sachsen, Baden-Württemberg und Thüringen sind der vorgegebene Standard, alle anderen bilden zum Großteil ein bildungspolitisches Fiasko (i.e. Berlin, Bremen..) Spätestens bei der Wahl der Uni trennt sich die Spreu vom Weizen. Alternativ bleibt da nur die Privatschule oder das englischsprachige Ausland, traurigerweise erneut bei entsprechendem finanziellen Hintergrund...das zum Thema Bildung in einer der führenden Industrienationen...

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