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Ganz harte Schule: Wo bekomme ich einen Schwer-nervig-Ausweis für mein Kind?
Birte Müller

Als Mutter eines behinderten Kindes hört sie ständig neue Wortkreationen, mit denen um den Begriff Behinderung herumgeredet wird. Dabei liegt das Problem ganz woanders.

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Trevor Philips 26.05.2019, 00:08
20.

Zitat von milla6
Ich hab zwei gesunde Jungs und könnte auch mindestens zweimal jeden Tag den „ich-bin-heute-nervig“ Ausweis vorzeigen..... Das Problem sind nicht unsere Kinder (egal ob behindert oder nicht behindert).... das Problem ist das Umfeld welches immer weniger Freude an echter Lebensfreude, Individualität und immer weniger Toleranz gegenüber intensiven Gefühlslagen und Verhaltensweisen hat..... wehe man fällt auf.....
Geht das Ding mit der Toleranz nur in eine Richtung? Oder könnte es sein das andere Menschen, welche ja auch eine gewisse Individualität und vielleicht sogar Lebensfreude auch von Ihnen und der Frucht Ihrer Lenden eine gewisse Toleranz erwarten dürfen?
Oder sind Sie eine von den Müttern die der festen Überzeugung sind das der Rest der Welt sich widerspruchslos von Wilhelm-Claude-Jonas und Siegenot-Beowulf-Albert beglücken lassen muss. Das kann nämlich durchaus bei anderen Menschen zu intensiven Gefühlslagen und Verhaltensweisen führen. Mal ganz davon abgesehen das so was ja intolerant wäre.

Bringen Sie den beiden kleinen Homies so grundsätzliche Dinge wie "Leben und leben lassen" oder "Wie es in den Wald hinein schallt so schallt es auch heraus" bei, das macht es für alle Beteiligten, freiwillig oder unfreiwillig, einfacher.

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andre_36 26.05.2019, 00:25
21.

Den Artikel habe ich gern gelesen. Gesellschaftskritisch, aber in einem entspannten Ton, der auch die Fähigkeit zur Selbstironie zeigt. Wenn ich mit der Bahn durch Berlin fahre, gehen mir ganz andere Menschen auf die Nerven, als Menschen mit Down-Syndrom. Die fehlende Gelassenheit vieler Spießer betrifft ja nicht nur den Umgang mit Behinderten. Wenn die Typen beim Klassik-Konzert auf dem Markt ein Problem damit haben, dass Kinder herumwuseln, dann sollen sie in ihren Elite-Konzerthäusern für gelangweilte Snobs spielen. Offenbar ist den Menschen im selbstgewählten täglichen Laufrad die Lebensfreude verloren gegangen. Man kann auch einfach mal darüber lachen oder mit albern. Ich finde es immer schön, wenn ich erlebe, wie Kinder sich benehmen, wenn ihnen die ganzen Konventionen egal sind. Trotzdem ist mir klar, dass es nicht lustig, so etwas 24 Stunden zu managen. Deshalb: Respekt!

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odapiel 26.05.2019, 00:52
22. Witzig

Witzig geschrieben, verkennt aber eines: das Recht des Einen reicht nur bis zum Recht des Anderen. Inklusion hört eben nun mal dort auf, wo sie ungerechtfertigt das gerechtfertigte Tun und Wollen anderer beeinträchtigt.

Oder anders gesagt, der Schwerbehindertenausweis berechtigt ganz selbstverständlich dazu, zB auch in einem klobigen Elektrorolli in der Straßenbahn mitzufahren, aber nicht dazu, allen auf den Senkel zu gehen. Das dürfen auch Nichtbehinderte nicht. Läßt sich sozialangepaßtes Verhalten nicht erreichen, dann endet die Teilhabe - egal ob derjenige sternhagelvoll ist, oder notorisch asozial, oder unter Tourette's leidet.

Übrigens, je dichter gepackt wir leben, je mehr Menschen es gibt, desto dünnhäutiger werden solche Beeinträchtigungen wahrgenommen werden. Man sehe sich in Japan um, wo es einen stringenten Verhaltenskodex darüber gibt, wie man sich in der Öffentlichkeit zu benehmen hat. Davon wird es auch niemals eine "Ausnahmegenehmigung" geben.

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totalausfall 26.05.2019, 03:25
23. Schwieriges Thema!

Ich kann die Behinderten (und deren Angehörige) verstehen, weiß aber auch nicht wie man es besser oder anders machen kann.

Ich denke das Konzert-Beispiel mit Willi ist ja sehr griffig, ich benutzte das jetzt mal stellvertretend:

Klar ist es falsch, den Willi vor dem Konzert raus zu werfen. Die Argumentation "na wenn sich der behinderte Downie Willi mal 90 Minuten nicht wie Downie Willi benimmt, ist er im Konzert willkommen # teilhabe" ist ja geradezu absurd.

Für mich genauso klar ist aber auch, dass es einfach nicht geht. Warum sollen hundert andere nicht zuhören können (das bedeutet ja Willis Anwesenheit), damit einer zuhören kann.Das hat nichts mit " Komfortzone " zu tun oder mit der Frage, ob Willi behindert ist oder vorsätzlich handelt. Der Willi kann nicht in ein Kirchen- oder Klassikkonzert.Punkt.Ein Rollstuhlfahrer kann auch nicht an die Kletterwand.
Genau das bedeutet Behinderung.
(übrigens gibts auch genügend Leute ohne Behinderung, die den schwer-nervig- Ausweis für Klassik-Konzerte verdient hätten!! Meistens ältere Ehepaare, von denen ein Teil interessiert ist und der andere Teil mitkommt, weil er dummerweise ebenfalls die Dauerkarte geschenkt bekommen hat. Aber ich schweife ab..).

Vielleicht kann man Willi ja für Musik begeistern, deren Darbietung einen weniger strikten Rahmen fordert. Ein Rock-Konzert zum Beispiel.

Ansonsten finde ich, dass die Aktion, den Willi halt vorher mal in den Proben zuhören zu lassen, ein schöner Kompromiss ist, der die "Die Freiheit des einen endet da, wo die des anderen anfängt" -Maxime eigentlich bestmöglich ausreizt. So konnten alle zuhören.

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MissMorgan 26.05.2019, 04:00
24. Schwierig

Nein, ich habe „du bist doch behindert“ oder „Schwuchtel“ oder ähnliches tatsächlich nie auf dem Schulhof geschrieen und bin auch ziemlich sicher, so etwas nie gesagt zu haben. Weil es eben ein Teil einer Person ist, etwas was unabänderlich ist. Und auch nicht unbedingt schlimm ist. Wobei ich Behinderungen nicht herunterspielen will - aber neben der Behinderung gibt es noch ganz, ganz viel Mensch!

Es gab vor einiger Zeit schon einmal eine Diskussion, wie mit besonderen Behinderungen zum Beispiel in einem klassischen Konzert umgegangen werden soll. Einiges lässt sich sicher eher ertragen als anderes und ich versuche, geduldig zu sein. Wenn man aber für dieses Konzert gespart hat, will man vielleicht eher nicht von Lauten gestört werden. Weder von der Bonbon auswickelnden Tante hinter einem, noch von dem absolut nicht stillsitzen könnenden Nachbarn oder dem Vordermann, der ständig Telefonnachrichten auf dem Mobiltelefon entgegen nimmt. Und ich möchte auch nicht olfaktorisch belästigt werden. Wobei ich natürlich bei Arbeitern am Schichtende viel toleranter bin, als bei Feierabendmenschen die anscheinend in Parfum badeten. Verständlich weshalb, oder?

Ansonsten danke ich für die leichte Schreibe des Textes.

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Munku 26.05.2019, 04:10
25. Diskriminierung

Man sollte sich lieber im Klaren sein, dass die Diskriminierung nicht mit dem Begriff "Behinderung" entsteht, sondern mit dem amtlichen Verwaltungsakt, der in einem Behindertenausweis resultiert.

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dasfred 26.05.2019, 05:01
26. Die Gesellschaft ist verwöhnt

Jahrzehnte lang hat man Behinderte vor der Öffentlichkeit versteckt. Entweder in der Familie oder in abgelegenen Heimen. Dabei kann jeder eines Tages selbst betroffen sein. Ob nun als Angehöriger oder durch Krankheit oder Unfall kann man jederzeit mit dem Problem konfrontiert werden. Natürlich bekommen wir Vorurteile nicht so schnell aus den Köpfen aber wir müssen lernen, dass auch Behinderte ein Recht haben, alle Verkehrsmittel und Einrichtungen zu nutzen. Die Toleranz gegenüber Männern, die sich am kommenden Himmelfahrtstag sinnlos zuschütten ist immer noch höher, als gegenüber Menschen, die für ihr nicht normgerechtes Verhalten nicht verantwortlich sind. Die meisten hier würden sich wundern, wie viele Menschen in ihrem Alltag einen Schwerbehinderten Ausweis in der Tasche haben.

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nite_fly 26.05.2019, 05:15
27. jetzt würde mich mal interessieren, wie alt Willi denn ist...

Ich habe schon einige Erfahrungen mit Menschen mit derartigen Behinderungen sammeln können...
Schon in meiner Jugend war ich damit konfrontiert, und habe mich da auch sehr engagiert.
Später war ich auch in der Kneipen-Scene einer Studentenstadt aktiv.
Wir haben da z.B. in angesagten Clubs eine Initiative ins Leben gerufen, diesen Mitmenschen die Möglichkeit zu geben, auch in so einen Club gehen (oder auch rollen) zu können...
Wir haben dazu sehr intensiv mit einer Einrichtung in unserer Nähe zusammengearbeitet.
Da der Zugang zu diesen Clubs oft alles andere als Barriere-Frei ist, haben wir diese Gäste sogar über die Zugangswege der Lieferanten in die Location geholt.
Doch nach einigen negativen Erfahrungen konnten wir diese Events nur noch auf Tage unter der Woche beschränken, denn nicht jeder weibliche Gast findet es besonders attraktiv, wenn Willi, mitten auf der Tanzfläche, seinen Willi auspackt und anfängt zu masturbieren, oder anderen Gästen an die Geschlechtsteile greift... Das ist ein ziemliches Problem!
Manche dieser Menschen konnten auch ziemlich aggressiv werden...
Trotzdem haben wir dieses Projekt auch weitergeführt!
Doch was sagt man seinen Gästen dann: Diese Menschen wollen Teilhabe? Das versteht keiner!
Wir haben den Gästen gesagt: Da sind auch Menschen mit Behinderungen da.
Das hat jeder verstanden...
Ich kann absolut nicht verstehen, warum es manchen Menschen heute immer schwerer fällt, Fakten auch mit den richtigen Bezeichnungen zu versehen!
Es hilft niemandem, wenn man da hübsche Namen für einen Fakt erfindet, die den eigentlichen Fakt nur verschleiern sollen!
Diese Menschen haben eine grundlegende Behinderung, die sich mehr, oder weniger, im Alltag auswirken kann.
Wenn wir wissen, dass es sich da um eine Behinderung handelt, dann wissen wir auch, wie wir das einordnen sollen...
Und das Wort "Behinderung" beschreibt das Problem eigentlich schon korrekt!
Nichts gegen die Idee von Hannah: Ihr "Schwer in Ordnung" - Ausweis ändert nichts an der Tatsache, dass sie behindert ist.
Und Ihre Umwelt kann mit dem Begriff "Schwer in Ordnung" eher nix anfangen. Ich empfinde mich auch als "Schwer in Ordnung"!
Doch Hannah ist leider behindert!
Und das sollte man dann auch richtig benamsen, so, dass es jeder versteht!
Und vielleicht auch begreift, dass sie in manchen Situationen vollkommen anders reagiert, als man erwarten würde..

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jujo 26.05.2019, 06:34
28. ...

Ich möchte ohne gestört zu werden an einem Konzert teilhaben.
Da hat das Recht des Einzelnen gegen das Recht der Mehrheit zurückzustehen.

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hnf0506 26.05.2019, 08:15
29. Herrlich!

Wünsche Ihnen, dass sie ihren Humor und Optimismus behalten. Alles Gute für Willi und Ihre Familie!

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