Forum: Leben und Lernen
Geistig Behinderte: Warum Pascal K., 22, erstmals wählen darf
Julian Arke

Behinderte Menschen, die dauerhaft voll betreut werden, dürfen bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen zum ersten Mal mit abstimmen. Ob sie das praktisch können, ist nebensächlich. Es geht ums Prinzip.

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miram-m 14.05.2017, 15:57
50.

Meine Oma hat mit über 90 das letzte mal in Osteuropa "gewählt"(Briefwahl). Sie war blind und fast komplett taub, hatte keine Ahnung von Parteien und Programmen, also hat mein Vater das Häkchen für sie gesetzt. Ich weiß nicht, ob das so gewollt war))). Ich denke, wenn einem Behinderten alle Rechte zur Wahl-/Lebensentscheidungen aberkannt sind, sollte Wahlrecht auch entzogen werden. Über körperliche Behinderung spricht man hier nicht: wenn der Mensch an Leben teilnimmt, sollte er auch wählen. Wäre ziemlich inkompetent Menschen wählen lassen, die AFD ankreuzen, weil alphabetisch diese Partei als erste auf dem Zettel steht oder weil AFD besser klingt als SPD.

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espet3 14.05.2017, 16:00
51.

Last die Leute doch wählen, wenn sie selbst es wollen. Der Unterschied von einem "normalen" Wähler und einem Politprofessoer ist oft viel größer.

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kumi-ori 14.05.2017, 16:12
52.

Zitat von Paul-Merlin
nichts mehr was er vererben könnte, jedenfalls dann nicht, wenn er dort längere Zeit zubringt. Grob gerechnet fallen abzüglich Eigenrente und Pflegeversicherung pro Jahr rund 20.000 EUR an Zuzahlung an. Da werden Sparguthaben schnell aufgezehrt und auch Haus/Eigentumswohnung sind weg.
Wer eine "vollumfängliche Betreuung" genießt, ist nicht automatisch Insasse eines Pflegeheims. Denken Sie beispielsweise an den Kunstsammler Cornelius Gurlitt. Umgekehrt wird nicht jeder Insasse eines Pflegeheims Gegenstand einer solchen entmündigenden Maßnahme.

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kumi-ori 14.05.2017, 16:19
53.

Zitat von zweiter
Die Forderung nach Wahlrecht, ist eine der vollkommen weltfremden Forderungen einer rein ideologischen UN- Behindertenrechtskonvention, deren geradezu sträflich undifferenziertes Behindertenbild und die pauschale Verdammung des Fürsorgegedankens sogar der SPD Justizminister Maas in einer Bundestagsdebatte zur Notversorgung nicht einwilligungsfähiger Patienten kritisierte und deshalb ihre Umsetzung in deutsche Gesetzgebung ablehnte. Meine Lebensgefährtin hat einen erwachsenen Sohn, der durch einen Gendefekt körperlich und geistig behindert ist. Er lebt in einer betreuten WG, arbeitet in einer Behindertenwerkstatt und ist unter Betreuung gestellt, nachdem mehrere Gutachter ICD-10 F72 diagnostizierten. Für die weniger damit Vertrauten: Geistige Behinderung beginnt bei IQ unter 70, ICD-10 F72 wird bei einem IQ zwischen 20 und 34 diagnostiziert bzw. bei einem sog. Intelligenzalter auf dem Niveau eines 3-6 Jährigen Vorschulkindes. Lesen oder Schreiben, Rechnen lernen ist damit vollkommen ausgeschlossen. Bisher sind mir keine Bestrebungen irgendeiner politischen Gruppierung bekannt, Vorschulkindern das Wahlrecht zu geben, selbst eine Absenkung auf 16 Jahre ist umstritten. Gerade eben wurden die Rechtsgrundlagen für Kinderehen verschärft, was 14 - 16 Jährige betrifft. Auch die Strafunmündigkeit bzw. das Jugendstrafrecht spiegeln diese Situation der Unreife. Eigentlich herrscht in der Gesellschaft, wie nicht nur diese Beispiele zeigen, ein flächendeckender Konsens dass aufgrund der unvollständigen geistigen Reife und mangelnden Urteilsfähigkeit bei Klein-Kindern bis zu Jugendlichen diesen bestimmte Rechte vorenthalten werden, bzw. sogar den für sie Verantwortlichen eine Fürsorgepflicht auferlegt wird. Warum nun aber ein geistig Behinderter mit der gestrigen Reife und Einsichtsfähgkeit (und nebenbei auch dem Null Interesse eines Vorschulkindes an Politik, oder kennt jemand Vierjährige mit ernsthaftem Politikinteresse?) jetzt wählen soll kann, ist sachlich mit keinem Argument der Welt begründbar!
Verwechseln Sie nicht Äpfel mit Birnen? Die Betreuung hat keineswegs etwas mit kognitiver Behinderung zu tun. Ihr Sohn wird wahrscheinlich gar kein Bedürfnis verspüren, an einer Wahl teilzunehmen. Es geht hierbei um Menschen, denen man keinen Zugriff auf ihr eigenes Geld gewährt. Diese sollen im gleichen Aufwasch auch von der politischen Willensbildung ausgeschlossen werden.

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Hamberliner 14.05.2017, 16:22
54. Re: @Spon

Zitat von Evoken
Ich weiß das, weil ich seit Ewigkeiten solche Menschen betreue und zu Wählen begleite, in Berlin.
Was dabei herauskommen kann, wenn man Grundsatzentscheidungen zu geistig Behinderten nicht zuende denkt oder einem die Folgen egal sind, zeigt folgender autentische Fall (ebenfalls aus Berlin und vor Ewigkeiten, ca.1990, vielleicht sind wir uns da schon mal begegnet):

In einem großen Wohnblock mietet ein Behinderten-Hilfs-Verein lauter Einzimmer-Wohngen an, für ein sogenanntes "Projekt: betreutes Einzelwohnen", ohne die Nachbarn zu informieren. Die Behinderten werden darin nachts allein sich selbst überlassen. Es darf vermutet werden, dass der Inklusion zuliebe tagsüber eine Maurerlehre an ihnen nachgeahmt wird und sie Werkzeug mit nach Hause nehmen können. Jedenfalls verfügt einer der Behindeten über Hammer und Meißel, und zwar einen schweren Maurer-Hammer, und kommt nachts um halb drei auf die Idee, die Wände aufzustemmen. Die Nachbarn sitzen aufrecht im Bett und haben in den ersten Sekunden nach dem Aufwachen Gelegenheit zu beurteilen, ob sie es mit einem Erdbeben der Stärke 9 zu tun haben oder mit dem Dritten Weltkrieg. Ein Nachbar wird bei der Lärmquelle vorstellig ohne zu ahnen, dass er es mit einem Behinderten zu tun hat, und stellt pragmatisch, wirkungsvoll, nachhaltig und sofort die Nachtruhe wieder her. Also hat am nächsten Tag der Betreuer nichts besseres zu tun als Anzeige zu erstatten und Strafantrag wegen Bedrohung zu stellen.

Übrigens hat der sympatisch und intelligent aussehende junge Mann, um den es hier geht, der Pascal, offenbar mit geistig Behinderten nichts gemein, und es macht mich wütend dass ein inkompetenter Richter, offenbar dafür gar nicht qualifiziert, sich angemaßt hat ihn zu entmündigen. Er kann nicht sprechen, er kann Lunge, Kehlkopf, Zunge und Unterkiefer nicht kontrolliert betätigen um sich mündlich zu äußern, das ist keine geistige, sondern eine körperliche Behinderung. Er würde wohl niemals o.g. Verhalten an den Tag - pardon - an die Nacht legen ohne zu merken was er tut. Den Beschluss zur Vollbetreuung sofort anullieren!

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Der Held vom Erdbeerfeld 14.05.2017, 17:45
55. Alle Argumente, die dagegen sprechen, ...

... dass geistig eingeschränkte Menschen wählen, könnte man auch anwenden, um derzeit Wahlberechtigte auszuschließen, die ohne medizinischen Hintergrund, jedoch aufgrund ihrer Bildungsbiographie ebenso wenig in der Lage sind, fundierte Wahlentscheidungen zu treffen.

Für die Wahlteilnahme ist jedoch weder ein minimaler IQ noch ein Nachweis politischer bzw. gesellschaftlicher Bildung vorgesehen. Wer eine Preferenz hat und sie äußern kann, darf wählen - egal ob diese Meinung einer inneren Reflektion oder einer objektiven Prüfung auf Sachlichkeit von außen standhalten würde.

Demzufolge sollte auch eine geistige Behinderung kein Ausschlussgrund per se sein. Wer in der Lage ist, irgend eine Art von Willensbekundung oder Bedürfnis zu äußern, kann im Prinzip auch wählen. Wenn Lieschen Müller danach geht, dass ihr die Frisur von Kandidat/in X sympathisch ist, Manfred Mustermann nach Feng Shui (Kein Witz, das gab's schon!) die Kreuze macht, Hironymus Fürchtegott bei der Wahl getreu seinem Glauben an eine imaginäre Entität folgt und Sascha Stahl der Ideologie seiner Blut-und-Ehre-Kameradschaft, kann es auch der Betreute nach ähnlich irrationalen Kriterien.

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realist-42 14.05.2017, 17:52
56. mit entsprechender Hilfestellung

könnte auch meine 6 monatige Enkelin wählen - aber auch mein Dackel. Ist das verzweifelte Versuch der SPD beinflussbare Wählerschaften zu mobilisieren? Die Demokratie leider zunehmend unter der heutigen Interpretation von linken Politikern.

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hotgorn 14.05.2017, 18:16
57.

Zitat von Hamberliner
Was dabei herauskommen kann, wenn man Grundsatzentscheidungen zu geistig Behinderten nicht zuende denkt oder einem die Folgen egal sind, zeigt folgender autentische Fall (ebenfalls aus Berlin und vor Ewigkeiten, ca.1990, vielleicht sind wir uns da schon mal begegnet): ... Übrigens hat der sympatisch und intelligent aussehende junge Mann, um den es hier geht, der Pascal, offenbar mit geistig Behinderten nichts gemein, und es macht mich wütend dass ein inkompetenter Richter, offenbar dafür gar nicht qualifiziert, sich angemaßt hat ihn zu entmündigen. Er kann nicht sprechen, er kann Lunge, Kehlkopf, Zunge und Unterkiefer nicht kontrolliert betätigen um sich mündlich zu äußern, das ist keine geistige, sondern eine körperliche Behinderung. Er würde wohl niemals o.g. Verhalten an den Tag - pardon - an die Nacht legen ohne zu merken was er tut. Den Beschluss zur Vollbetreuung sofort anullieren!
Wo ziehen Sie den Trennstrich Pascal soll wählen dürfen ein anderer nicht.

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hotgorn 14.05.2017, 18:17
58.

Zitat von hseneo
Ich bin selbst schwerbehindert. Kann aber schreiben, lesen und vor allem auch verstehen. Ich darf wählen und das ist gut so. Der Artikel handelt jedoch von Menschen, die nicht verstehen können. Der Satz "Ob sie das praktisch können, ist nebensächlich. Es geht ums Prinzip." sagt eigentlich alles. Weiterer Kommentar erübrigt sich
Ziemlich unsolidarisch wenn man selber schwerbehindert ist anderen dieses Recht vorzuenthalten.

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hotgorn 14.05.2017, 18:25
59.

Meine Freundin 2er Abitur ist in den meisten Angelegenheiten wegen einer psychischen Krankheit unter Betreuung. Natürlich will sie mitbestimmen sei es das sie Inklusionsangebote vom Jobcenter oder von der Uni bekommt. Es gibt Betreute mit Führerschein es gibt Betreute die sich für andere Betreute z.B. im Werkstattrat einsetzten. Sollten diese Menschen nicht wählen dürfen ist das verschenktes Potential.

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