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Gerichtsurteil in Köln: Ehemaliger Förderschüler erhält Schadensersatz
DPA

Weil er jahrelang auf zu Unrecht auf eine Schule für geistige Behinderte gehen musste, steht einem früheren Förderschüler Schadensersatz zu. Das hat das Landgericht Köln entschieden.

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dasfred 17.07.2018, 14:39
1. Ein interessanter Fall und ein gutes Urteil

Sind es doch sonst eher die Kinder aus gutem Hause, die per Gericht die gymnasiale Oberstufe erreichen wollen, geht es hier um jemanden, dem aufgrund von Vorurteilen der Besuch der Hauptschule verwehrt wurde. Dadurch wurde erstmals bekannt, wie das Schulsystem gezielt Kinder aussondern kann. Obwohl es wohl Vorschriften gab, den Förderbedarf jährlich zu ermitteln, müssen wohl auch Interessen dagegen gestanden haben, den Schüler richtig einzustufen. Das er dafür angemessen entschädigt wird, ist mehr als überfällig.

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autocrator 17.07.2018, 15:05
2. Verdienstausfall

Ich würde mir mal wünschen, dass das so richtig richtig teuer wird:
Es ist ja nicht nur der Verdienstausfall durch den verspäteten Schulabschluss.
Da ist ein ganzen Berufsleben von vorneherein "stigmatisiert" worden.
Sagen wir's doch einfach mal so wie's ist: Als "Sonderschüler" wird der junge Mann nie die berufliche Karriere verfolgen oder gar machen können, wie wenn die Herrschaften, die über ihn den Stab gebrochen haben, ihren Job ordentlich gemacht hätten. Da wurde ein ganzes Leben durch eine oberflächliche Hopplahopp–Entscheidung, die später auch nie hinterfragt oder korrigiert worden ist, verpfuscht.
– Da sind 20.000 € Schmerzensgeld auch lächerlich: Alleinschon der jahrelange Kampf und Krampf gegen die "Windmühlen des Systems" ist an Aufwand, Zeit, Nerven, Verlust der Lebensqualität, depressive Verstimmung und Trauma viel zu gering bewertet!
Der junge Mann wird den Rest seines Erwerbslebens unter den Folgen der Fehlentscheidung von verantwortungslosen Leuten (die selbst versehen mit fetten Beamtenbezügen und Pensiönchen ein sorgenfrei-feistes Wohlleben leben können) zu leiden haben. Allein die Einkommenslücke, über ein ganzes Erwerbsleben von 50 Jahren gerechnet, zu einer vergleichbaren, "normalen Arbeitsbiographie" wird wohl in die Hunderttausende gehen.
Wobei das nächst-Ärgerliche ist, dass die Inkompetenzlinge, die diese mehrfachen Fehlentscheidungen über den jungen Mann seinerzeit getroffen haben, denen man ihre Unfähigkeit nun gerichtlich nachgewiesen hat, fröhlich auf ihren Pöstchen sitzen bleiben und sich weiter vom Steuerzahler pampern lassen.

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user124816 17.07.2018, 15:11
3.

Die Paar zehntausend… Peanuts, Portokasse. Damit sich sowas nicht wiederholt müsste man den Verantwortlichen ordentlich Tagessätze aufhalsen, denn nur wenn *Menschen* fürchten müssen für ihre Taten belangt zu werden, schreckt das Folgetäter ab.

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cem_iker 17.07.2018, 15:13
4. Lehrer haben einen großen Einfluß

auf das Leben. Bei mir war er positiv. Mein Hauptschulrektor einer kleinen Dorfschule in NRW (4 Klassen für 8 Jahrgänge) hat meine Mutter (alleinerziehende Hilfsarbeiterin) davon überzeugt mich aufs Aufbaugymnasium zu schicken.
Später habe ich in einer WG mit einem ebenfalls promovierten Chemiker gewohnt, für den Lehrer wie ein rotes Tuch waren. Seine Grundschullehrerin (auch NRW) wollte ihn partout auf die Sonderschule haben, da er wohl etwas hibbelig war.

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dorothea.zwei 17.07.2018, 15:14
5. Das Problem sind neben Vorurteilen die Tests

Die zur Verfügung stehenden Entwicklungstests, die zur Feststellung der Schuleignung verwendet werden, wurden sämtlich an Kindern westlicher Industrienationen (USA, Europa) entwickelt und normiert. Ich arbeite täglich mit diesen Tests und muss, wie auch meine Kollegen, feststellen, dass bei Kindern mit Migrationshintergrund, insbesondere aus nah- und mittel-östlichen Kulturkreisen die Tests grundsätzlich im Bereich der geistigen Behinderung ausfallen, auch wenn die Kinder im klinischen Eindruck blitzgescheit sind und auch im Kindergarten oder in der Schule top zurecht kommen. Diese Tests sind, arbeitet man fachlich korrekt, nur bei Kindern desjenigen Kulturkreises einsetzbar, für die sie normiert sind, sonst kann man das Ergebnis in der Pfeife rauchen. Trotzdem werden diese Entwicklungstests deutschlandweit bei Migrantenkindern angewandt und für voll genommen, was für viele dieser Kinder, wie dem Kläger in diesem Fall, fatale Folgen hat und systematische (obschon nicht absichtliche) Bildungsdiskriminierung zur Folge hat. An unserem Zentrum schreiben wir immer klar (wo immer zutreffend), dass das Testergebnis nur mit äußerster Vorsicht zu interpretieren ist, und der klinische Eindruck wichtiger als das Testergebnis. Momentan gibt es auf dem Markt trotz anderslautenden Angaben der Entwickler keinen Test, der echt "kulturfrei" ist - wenn Menschen schon nicht "kulturfrei" sein können, wie kann es dann ein Test sein.

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mittekwilli 17.07.2018, 15:29
6. Fehler im Grundgedanken des Teilhabegesetzes

Da wird im Kindergarten entschieden, daß jemand Förderbedarf hat. Die Folge ist, daß dem Kindauf dauer ein regulärer Schulabschluß verweigert wird....
Grundgedanke dieses Gesetzes sollte sein Kinder mit Förderbedarf sich entwickeln zu lassen und auch reguläre Schulabschlüsse zu machen.
Bevor jetzt mit Lehm geworfen wird. Mir wurde als Elternteil selber gesagt: Entweder Ihr Kind bekommt Förderung oder kan einen ordentlichen Schulabschluß machen.

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lupo62 17.07.2018, 15:40
7.

Eines verstehe ich nicht: Den Lehrern hätte doch in langen Zeit ( elf Jahre!) auffallen müssen, das da einer sitzt, der auf ihrer Förderschule nichts zu suchen hat, weil es da nichts zu fördern gibt. Hat sich denn da keiner gekümmtert? Man fasst es nicht...

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christophe007 17.07.2018, 15:50
8. Intelligenztest

Die Theorie besagt, dass Intelligenztests sehr verlässlich sind und vor allem fürs Leben gelten: wird eine unterdurchschnittliche Intelligenz festgestellt, bleibe fürs Leben... so die Theorie. Eine Psychologin von einem Kinderpsychiatrischen Dienst sagte mir aber, dass die Praxis dieser Theorie täglich widerspricht. Es ist daher fatal, wenn die Schule sich darauf verlässt.

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Manitou-01@gmx.de 17.07.2018, 15:56
9.

Zitat von autocrator
Ich würde mir mal wünschen, dass das so richtig richtig teuer wird: Es ist ja nicht nur der Verdienstausfall durch den verspäteten Schulabschluss. Da ist ein ganzen Berufsleben von vorneherein "stigmatisiert" worden. Sagen wir's doch einfach mal so wie's ist: Als "Sonderschüler" wird der junge Mann nie die berufliche Karriere verfolgen oder gar machen können, wie wenn die Herrschaften, die über ihn den Stab gebrochen haben, ihren Job ordentlich gemacht hätten. Da wurde ein ganzes Leben durch eine oberflächliche Hopplahopp–Entscheidung, die später auch nie hinterfragt oder korrigiert worden ist, verpfuscht. – Da sind 20.000 € Schmerzensgeld auch lächerlich: Alleinschon der jahrelange Kampf und Krampf gegen die "Windmühlen des Systems" ist an Aufwand, Zeit, Nerven, Verlust der Lebensqualität, depressive Verstimmung und Trauma viel zu gering bewertet! Der junge Mann wird den Rest seines Erwerbslebens unter den Folgen der Fehlentscheidung von verantwortungslosen Leuten (die selbst versehen mit fetten Beamtenbezügen und Pensiönchen ein sorgenfrei-feistes Wohlleben leben können) zu leiden haben. Allein die Einkommenslücke, über ein ganzes Erwerbsleben von 50 Jahren gerechnet, zu einer vergleichbaren, "normalen Arbeitsbiographie" wird wohl in die Hunderttausende gehen. Wobei das nächst-Ärgerliche ist, dass die Inkompetenzlinge, die diese mehrfachen Fehlentscheidungen über den jungen Mann seinerzeit getroffen haben, denen man ihre Unfähigkeit nun gerichtlich nachgewiesen hat, fröhlich auf ihren Pöstchen sitzen bleiben und sich weiter vom Steuerzahler pampern lassen.
Deshalb sollte das Urteil auch darauf lauten, durch nachträgliche Ausstellung der rückdatierter Zeugnisse einer Realsschule, sowie Aufnahme in eine geeignete Beschäftigung im öffentlichen Dienst, bei welcher eine Berufsausbildung berufsbegleitend nachgeholt werden kann. Dabei sind dann die Ausbildungszeugnisse rückdatiert auszustellen.
Durch die rückdatierte Nachausstellung von Zeugnissen einer späteren Ausbildung konnte der Betroffene in ca. 5-10 Jahren den beruflichen Nachteil auch bei anderen Arbeitgebern ausgleichen, im öffentlichen Dienst könnte die Schadenersatzauflage die vorzeitige Beförderung (bzw. rückwirkende Beförderung bei nachgeholten Ausbildungen) im Urteil verankert werden.

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