Forum: Leben und Lernen
Gnadenloses Beamtenrecht: Krebs-Genesene darf nicht Rektorin werden

Sie ist mit dem Leben davongekommen: Nach Krebserkrankung und Chemotherapie wollte Renate Lieckfeldt als Rektorin an Sachsens größter Fachhochschule durchstarten. Doch der Freistaat bremst sie aus - wegen "erhöhtem Wiedererkrankungsrisiko".

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schinge 23.04.2011, 15:19
100. .

Zitat von Arrivato
Pro Jahr erkranken ca. 450.000 Deutsche an Krebs. Hochgerechnet auf 80 Jahre (ungefähr eine Generation) macht das 36 Millionen Menschen. Wenn diese Menschen alle keine Beamten werden dürfen und von der restlichen Bevölkerung nicht jeder Beamter werden will, erübrigt sich das Beamtentum irgendwann von selbst.
Sie sollten aber auch berücksichtigen, daß ein sehr großer Teil der Krebserkrankungen erst nach dem 55.-60. Lebensjahr diagnostiziert wird und da ist eine Neuberufung in ein Beamtenverhältnis eher selten. Zudem sollten sie auch nicht die Lebenserwartung als Maßstab für ihre Hochrechnung nehmen, denn in Deutschland leben lt. RKI-Schätzungen rund 1,5 Mio. Krebspatienten (Diagnose in den letzten 5 Jahren) - da sind ihre 36 Mio. doch etwas zu hoch gegriffen.

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Dumme Fragen 23.04.2011, 15:21
101. sowieso:

Das Beamtenrecht GehÖrt Ersatzlos Abgeschafft!

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AlexanderKiel 23.04.2011, 15:21
102. ich bin ein schöner Titel

Nur mal aus Interesse: Wie ist eigentlich die vergleichbare Situation für ein privates Unternehmen - darf dieses auch auf Grund "gesundheitlicher Risiken" bei der Einstellung sortieren? Würde das nicht u.U. gegen den Anti-Diskriminierungs-§ verstoßen?

Und wie sieht es nebenbei mit Datenschutz aus, wenn ich z.B. nicht Ex-Krebs-krank bin, sondern HIV-positiv? Also auch nicht krank, aber an hohem Risiko leidend, AIDS und damit einhergehend schweren Folgeerkrankungen zu bekommen?

Ich dachte immer, da HIV nach wie vor mit einer hohen Stigmatisierung verbunden ist, habe man hier das Recht, diese Krankheit weitgehend zu verschweigen?

Und nebenbei finde ich die Frage nach dem Rauchen auch interessant: Dürfen nachgewiesene starke Raucher überhaupt verbeamtet werden (die haben ja auch ein erhöhtes Krebsrisiko)? Soweit ich weiß, düfen z.B. starke Alkoholiker - wie auch immer man in diese Kategorie eingestuft wird - auch nicht verbeamtet werden.

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loeweneule 23.04.2011, 15:28
103. nee

Zitat von oli345
Wie ja hier schon im Forum erwähnt wurde, ist dieser Artikel sehr tendenziell. Es ist natürlich für die betroffene Frau eine sehr harte Entscheidung. Aber nebenbei bemerkt, fällt sie wohl auch "weich", denn die hat wie im Artikel erwähnt eine Professur in Gelsenkirchen. Da gibt es ganz andere Schicksalsschläge, die allerdings weniger interessant sind als dass man ihnen Artikel gönnt weil diese viel häufiger vorkommen und deshalb weniger spektakulär sind.
Mit dem Argument, es gäbe ganz andere und evtl. viel schlimmere Vorkommnisse läßt sich allerdings letztlich gegen jegliche Berichterstattung argumentieren. Soweit man das "argumentieren" nennen kann.

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j0nnl 23.04.2011, 15:29
104. .:.:.:.

Angesichts des gewohnten Niveaus vieler Kommentatoren in diesem Forum kann mich hier nur noch wenig wundern.
Dass Leute Beifall klatschen für ein unwürdiges Gesetz mit dem Argument "Ich bezahl doch mit meinen Steuern keine Leute, die Krebs hatten", war absehbar.

Jeder mit auch nur noch einer Gehirnzelle erkennt, dass egal was Beamtengesetz oder BGH sagen, ein Gesetz, dass die berufliche Diskriminierung von Menschen aufgrund eines Erkrankungsrisikos offiziell erlaubt, gegen jedes Rechtsverständnis verstößt.

Der hohle Vergleich zum Privatsektor, der hier schon kam (wo die Dame angeblich keine Beförderung bekäme), ist eine Anekdote und irrelevant.
Es geht hier nicht um Diskriminierungen in der freien Wirtschaft, die allseits bekannt sind und deshalb noch lange nicht akzeptiert werden müssen, sondern um offizielle Maßgaben des deutschen Staates.
Des gleichen Staates, der zB Unternehmen aufzwingt Schwerbehinderte einzustellen oder sich von ihnen frei zu kaufen, und der gleiche Staat der Schwerbehinderten einen besonderen Kündigungsschutz zusichert (der von vielen Behinderten als Problem gesehen wird).
In Bewerbungsgesprächen darf eine Bewerberin nicht nach Schwangerschaft gefragt werden, passiert es doch, darf sie lügen, falls sie schwanger ist.

Der Staat legt überall Maßnahmen gegen Diskriminierungen auf, auch gegen solche, die "lediglich" aus ökonomischen Gründen bestehen- aber für ihn selbst soll das bitte nicht gelten.
Wie praktisch, dass man sich die Gesetze selber schreiben kann.

Das Problem ist gefächert.
Es geht hier zum einen um die Diskriminierung bestimmte Leute aufgrund ihrer Krankheitsheitgeschichte nicht als Beamte zu zu lassen.
Punkt 1.
Im Punkt 2 geht es um das faktische Berufsverbot, wenn für bestimmte Berufe das Beamtentum Voraussetzung ist.
Beides ist nicht hinnehmbar.
Punkt 3, wenn Punkt 1 und Punkt 2 schon nicht dem eigenen Verständnis von Moral und Recht entgegen stehen, hat man dennoch ein Problem:
Wo zieht man eine Grenze zwischen -gerade noch Beamtentum möglich- und -gerade kein Beamtentum mehr möglich-?
Zieht man überhaupt eine Grenze oder hat pickt man einfach einen beliebigen statistischen Risikofaktor?

Wollen wir Schwulen das Beamtentum verweigern, weil sie statistisch ein wesentlich höheres Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren?
Wie viele Raucher gibt es bitte unter Bewerbern für das Beamtentum?
Wie viele Leute mit Bluthochdruck?
Mit Übergewicht?
Mit Diabetes?
Mit Herzkrankheiten in der Familie?
Brustkrebs bei Angehörigen?

Man kann diese Liste der Risikofaktoren endlos weiterführen.
Man könnte die Risiken addieren und mutliplizieren.
Schreiben wir doch ein juristisches Kommentarbuch über die Anwendung der Krankheitsgesetze.
Wer ist ein Viertel-Krebskandidat, wer nur ein Achtel- und damit noch voll beamtenfähig?

Wollen wir nicht einen Gentest einführen für angehende Beamte, um festzustellen welche Veranlagungen sie haben, die ihr Risiko für Krankheit X um Y % erhöht?
Und ihnen deshalb den Status auf Beamtentum verweigern?

In meinen Augen ist es nur eine Frage der Zeit bis dieses Gesetz abgeschafft werden muss, und wenn dafür eine Entscheidung des Europäische Gerichtshof für Menschenrechte nötig wird...

Was Frau Lieckfeldts Zukunft angeht:
Wenn sie der Meinung ist nach erfolgreicher Therapie (und genau das beschreibt das Wort Genesung) diese Stelle antreten zu können und der Aufgabe gewachsen zu sein, ist es anmaßend ihr diese Entscheidung absprechen zu wollen.

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Fulano de Tal 23.04.2011, 15:29
105. .

Zitat von dextermorgan
Wer auf Kosten der Steuerzahler lebt, muss sich den geltenden Regeln unterwerfen! Wer krank ist oder ein hohes Krankheitsrisiko hat, sollte dann doch lieber NUR angestellt werden! Besser für uns Steuezahler! Es gibt schon zu viele Beamte die WIR Steuerzahler "durchfüttern" müssen!
Ihre Wahrnehmung von Beamten als Parasiten wirkt bei diesem Beispiel besonders absurd. Hier geht es um die Leitung einer Institution, die die berufliche Qualifikation Zehntausender ermöglicht, insbesondere in jenen technischen Berufen, in denen viele Stellen mangels Bewerber derzeit nicht besetzt werden können. Der langfristige volkswirtschaftliche Beitrag einer solchen Hochschule dürfte zig Milliarden Euro wert sein.

Als Steuerzahler wünsche ich mir daher die bestmögliche Besetzung dieser wichtigen Funktion. Dass bei Frau Lieckfeldt ein erhöhtes Risiko besteht, in 5 oder 10 Jahren erneut an Krebs zu erkranken, sollte daher kein Grund sein, den zweitbesten Kandidaten einzustellen.

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matt1981bav 23.04.2011, 15:43
106. Gleiches Recht für alle

Das Beamtenrecht ist doch absichtlich so gestaltet dass es den Staat vor Zahlungen bei Invalidität schützt. Das ging zu Zeiten der Bundespost und Bahn jedem kleinen Beamtenanwärter so, z.B Postboten oder Bahnbeschäftigte.

Warum soll man nun wegen dieser Rektorin eine Ausnahme machen? Weil sie eine Frau ist? Weil der Krebs so eine heimtückische Krankheit ist?

Der Beamtenstatus ist für den Staat als Mittel da seine bediensteten langfristig und loyal an sich zu binden und nicht in erster Linie als Versorgungsinstrument gedacht.

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Hubert Rudnick 23.04.2011, 15:48
107. So ist nun mal unsere Gesellschaft

Zitat von sysop
Sie ist mit dem Leben davongekommen: Nach Krebserkrankung und Chemotherapie wollte Renate Lieckfeldt als Rektorin an Sachsens größter Fachhochschule durchstarten. Doch der Freistaat bremst sie aus - wegen "erhöhtem Wiedererkrankungsrisiko".
Da kann ich nur zu sagen: So ist nun mal unsere sogenannte Leistungsgesellschaft, der einzelne Mensch zählt nicht, nur das was man glaubt aus ihm herausholen zu können.

Es liegt auch nicht an den einzelnen Verantworlichen im Freistaat Sachsen, sondern wer was verändern will, der muss die gesellschaftlichen Verhältnisse grundlegend verändern.

Aber jetzt können es auch mal Beschäftigte aus den nichtproduzierenden Bereichen erleben wie es ist, wenn man mit einer Krankheit gezeichneter ist, der seine Arbeitsstelle verliert obwohl man sie wieder ausüben könnte.
So ergeht es zigtausende Bürgern, die nach ihrer erfolgreichen Krankheitsbeendigung wieder in ihrem Berufsleben zurückkehren würden, aber die als abgestempelt gelten und somit nie wieder eine bezahlbare Arbeit finden.
So sieht die Welt im Kapitalismus aus und wir sind noch stolz darauf und wollen diesen System immer weiter im Interesse einiger wenigen ausbauen, einfach nur widerlich.
HR

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siegeline 23.04.2011, 15:55
108. Bohai

Zitat von matt1981bav
Das Beamtenrecht ist doch absichtlich so gestaltet dass es den Staat vor Zahlungen bei Invalidität schützt. Das ging zu Zeiten der Bundespost und Bahn jedem kleinen Beamtenanwärter so, z.B Postboten oder Bahnbeschäftigte. Warum soll man nun wegen dieser Rektorin eine Ausnahme machen? Weil sie eine Frau ist? Weil der Krebs so eine heimtückische Krankheit ist? Der Beamtenstatus ist für den Staat als Mittel da seine bediensteten langfristig und loyal an sich zu binden und nicht in erster Linie als Versorgungsinstrument gedacht.
Eben. Ich verstehe diesen Bohai nicht. Nur weil eine besonders previlegierte Person betroffen ist von einer Regelung, die schon seit jeher so gehandhabt wird?

Kommt dann demnächst ein Spiegel-Artikel über den Skandal, dass Berufsunfähigkeitsversicherungen keine in der Vergangenheit ernsthaft erkrankten Personen aufnimmt?

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mayer60 23.04.2011, 16:18
109. Titelfrei.

Zitat von Hans Engler
Frau lieckfeldt bereits Beamtin, in NRW. Sachsen weigert sich, diesen Status zu uebernehmen, aus einem allgemeinen Verdacht heraus - nicht aus konkreten Gruenden.
Was rechtlich völlig in Ordnung ist.

Zitat von Hans Engler
Irgendein Betonkopf im Ministerium hat da einen Ermessensspielraum, den er/sie nur auf seine/ihre Weise wahrnehmen will. Denn die Einstellung Frau Lieckfeldts scheint ja nicht rechtswidrig zu sein.
Man muß die Regeln halt kennen und sich ihnen angepasst verhalten. Hätte sie nix gesagt, wäre auch nix passiert.

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