Forum: Leben und Lernen
Große Ferien für Absolventen: NRW verdonnert Junglehrer zur Zwangspause

Das Examen haben sie fast in der Tasche und wollen nach den Sommerferien als Referendare arbeiten. Geht aber nicht - Nordrhein-Westfalen schickt angehende Lehrer in die ganz große Pause. Der Kniff: Plötzlich gilt eine Bewerbungsfrist, die nicht einzuhalten ist. Absolventen müssen bis Februar ausharren.

Seite 3 von 4
zandkorrel 12.06.2010, 22:51
20. Train the trainer!

Das war 1984 in Ba-Wü schon ähnlich, als ich meinen Abschluss als Realschullehrerin machte. Den KuMis war noch immer jedes Mittel recht, die frischgebackenen Lehrer in der Warteschleife zu halten oder auf der Straße stehen zu lassen. Auch eine Art zu sparen. Einer vom Regierungspräsidium war in den letzten Jahren sogar richtig beleidigt, weil die Referendare nach ihrer zweiten Dienstprüfung abgewandert sind und einfach nicht warten wollten, ob sie nach Monaten noch irgendwo als Krankheitsvertretung mit Zeitvertrag unterkommen konnten (Ablauf natürlich VOR den nächsten Sommerferien, um das Gehalt in den Ferien zu sparen!!)
Und das Schlimmste dabei: die Junglehrer freuen sich wie doof, wenn sie dann nach ein paar Jahren verbeamtet werden und begreifen nicht, dass das nur eine moderne Form der Sklaverei ist - Entsendung an jede beliebige Schule möglich!
Die KuMis sollten wirklich mal ein paar Nachhilfestunden im europäischen Ausland nehmen, vor allem in den Beneluxländern. Kann ich nur empfehlen, ich lebe und arbeite dort :-)

Beitrag melden
zandkorrel 13.06.2010, 10:07
21. Es lebe das Klischee!!

Lehrer haben morgens recht und nachmittags frei! In der Industrie gibt es keine tollen Managergehälter mehr, aber alle arbeiten, bis Blut spritzt. Die einen sind faul, fahren ständig in die Toskana und fühlen sich auch noch unterbezahlt. Die anderen halten die Wirtschaft am Laufen und bekommen längst nicht das, was sie verdienen. Hach, wie einfach ist doch die Welt!
Ich habe beide Welten kennen gelernt: sie schenken sich nichts! Vorteile der einen sind Nachteile der anderen und umgekehrt.
Mein Vorschlag für alle angehenden Lehrer: mindestens zwei Jahre in der Wirtschaft arbeiten, bevor sie in der Klasse stehen - trainiert für die Realität.
Und den Herrschaften, die ständig über die Lehrer herziehen, empfehle ich mal eine Stunde zu halten. Eine ganz normale Stunde in einer 8. Klasse, volle Pubertät, null Bock, Geräuschpegel wie bei der WM und dann noch Freitag letzte Stunde. Viel Vergnügen! Denn die, die so über die Lehrer abziehen, haben ja immer noch den angestaubten Frontalunterricht ihrer eigenen Schulzeit vor Augen, den sie dann genau so einsetzen würden - mangels Kenntnis weiter entwickelter Didaktik.

Aber mal ohne Polemik: Diese Klischees helfen niemandem! Es muss in der Bildungspolitik endlich was passieren. Aber solange die Regierung Bildung und alle damit zusammen hängenden Themen nur als Futter für die Länderfürsten benutzt, wird D immer weiter nach hinten abrutschen.

Beitrag melden
Berta 13.06.2010, 10:12
22. Absolventen müssen bis Februar ausharren

Zitat von sysop
Das Examen haben sie fast in der Tasche und wollen nach den Sommerferien als Referendare arbeiten. Geht aber nicht - Nordrhein-Westfalen schickt angehende Lehrer in die ganz große Pause. Der Kniff: Plötzlich gilt eine Bewerbungsfrist, die nicht einzuhalten ist. Absolventen müssen bis Februar ausharren.
Und dann wundern wenn die Leute die Schnauze gestrichen
voll haben und in Berlin Demo machen.

Beitrag melden
drkloebner 13.06.2010, 15:32
23. 13 Monate bezahlt, 9 Monate gearbeitet

Zitat von albert schulz
Daß die Länder pleite sind ist ein alter Hut, und was die Bezahlung der Lehrer angeht, stehen sie vor dem finanziellen Nirwana, wenn die Jahrgänge um 1950 ausscheiden, das Gros aller Lehrer, ganz zu schweigen von den Fächern, die bereits pragmatisch gestrichen wurden. Wünschenswerter Ganztagsunterricht kann derzeit ohnehin als ausgeschlossen gelten.
Ja, die Länder sind pleite, und einen großen Anteil daran tragen die Pensionsverpflichtungen gegenüber Beamten, die mangels Substanz aus den laufenden Steuereinnahmen bezahlt werden müssen. Ca. 30 Milliarden(!) Euro sind das bundesweit inzwischen pro Jahr, die auf die Konten der Pensionäre überwiesen werden. Zum Vergleich: Der Bundebildungssetat 2010 beträgt etwa 10 Milliarden Euro.

Jeder neu verbeamtete Lehrer ist eine schallende Ohrfeige für die jüngeren Generationen, auf deren Rücken die Unfähigkeit zur Einführung einer modernen Bildungsstruktur ausgetragen wird.

Ich protestiere energisch gegen die regelmäßige Schließung der Schulen und Zwangsbeurlaubung der Lehrer! Es gibt wahrhaftig genügend zu tun, während Lehrer Lempel seine Freizeit totschlägt. Jeder Lehrer wird für 13 Monate pro Jahr bezahlt, wieso soll er nur 9 Monate arbeiten?

Beitrag melden
selberlehrer 13.06.2010, 18:40
24. geht leider nicht

Zitat von drkloebner
Da Sie die Arbeitszeiten eines Managers kennen, waren Sie vor Ihrem Lehrerdasein vermutlich selbst Manager? Ja, war ich. Genauer gesagt bei einer "Consulting-Firma", die sich (auch hier auf spiegel.de) damit brüstet, Absolventen aus allen Fachrichtungen einzustellen. Meine Vision einer modernen, ganzjährig geöffneten, immer und überall zugänglichen Institution für alle Bildungsfragen und Wissensvermittlung ruft regelmäßig Entsetzen hervor, stellt sie doch die Tauglichkeit des Beamten als Lehrer in Frage. Im Gegenteil - das ist eine feine Idee! Viele Lehrer hätten heute schon nichts lieber als das. Ich unterrichte u.a. Mathematik, ein Mangelfach. Könnte ich mir mein Gehalt frei mit den Schulen aushandeln, könnte ich das doppelt- bis dreifache vom momentanen verdienen. Nur: Leider ist diese von Ihnen vorgeschlagene Umstellung unmöglich, aus einem Grund, den Sie gleich selber nennen: Mit 30 Urlaubstagen pro Jahr, einer reglmäßigen Überprüfung Ihrer Lehrer-Tauglichkeit und einer eigenverantwortlichen Altersvorsorge wären Lehrer jobmäßig immer noch gut bedient. Oder haben Sie jemals eine Fortbildungsveranstaltung in den Ferien absolviert? Wohl kaum, denn da ist alles abgeschlossen was mit Schule zu tun hat.


Das Problem ist die "regelmäßige Überprüfung". Wer soll die machen? Wer beurteilt, ob ein Lehrer gut oder schlecht ist? Die schüler? Unrealistisch, dann ist derjenige der beste Lehrer, der nur 1en und 2en verteilt.
Die Eltern? Dabei käme dasselbe raus: Gute Noten = guter Lehrer

Irgendwelche "Pädagogik-Professoren"? Mal abgesehen davon, dass es davon nicht genügend gibt (zum Glück), um alle Lehrer zu evaluieren: Solche Pädagogik-Professoren sind von allen am wenigsten geeignet. Trauen sich sicher nicht in die Schule und salbadern, um ihre Publikationslisten vollzubekommen, irgendwelchen unsäglichen Unfug.

DAS ist das Problem. Eine Überprüfung der Lehrer ist unmöglich. Wäre uns Lehrern selbst am liebsten! Haben Sie sich den Pispers-Ausschnitt angesehen? "Das Studium doppelt so schwer machen, nur noch die besten Akademiker als Lehrer einstellen, die 30% Nieten dann rauswerfen". Der Mann hat v vollkommen recht.

Beitrag melden
selberlehrer 13.06.2010, 18:47
25. keine Ahnung...!

Zitat von drkloebner
Jeder Lehrer wird für 13 Monate pro Jahr bezahlt, wieso soll er nur 9 Monate arbeiten?


Nur mal so nebenbei, Sie "Experte": Das 13.Gehalt, das es früher mal gegeben hat, ist seit gut einem Jahrzehnt (je nach Bundesland) abgeschafft. Informieren Sie sich erstmal, bevor Sie so einen Unsinn schwadronieren. Durch Leute wie Sie springen nur noch mehr junge Menschen, die eigentlich toll geeignet wären für den Lehrerberuf, davon ab. Ich selber spreche jedes Jahr mit den Abiturienten und versuche die geeigneten davon zu überzeugen, doch auch Lehramt zu studieren. Gerade von den guten Abiturienten macht das keiner mehr, es tut sich einfach keiner mehr an, dieses lächerliche Missverhältnis zwischen Arbeitsbelastung und Bezahlung. Statt Lehramt studieren die lieber BWL/VWL oder Jura. Warum wohl...!?

Beitrag melden
zandkorrel 13.06.2010, 20:13
26. Wo leben wir denn?

Ferien = freie Zeit? In welcher Welt leben denn diese Träumer noch? Engagierte Lehrer haben eine 60 bis 80 Stundenwoche, werden oft genug abends noch von besorgten Eltern angerufen, bei denen sie Seelenpflege machen müssen und verbringen meist einen großen Teil ihrer Wochenenden am Schreibtisch. OK, freie Zeiteinteilung in der unterrichtsfreien Zeit haben sie, aber ansonsten keinen Deut weniger Arbeit und Belastung als irgendeiner, der als Sachbearbeiter oder Manager in der Industrie werkelt.

Unterrichten heißt auch höchste Konzentration im 45-Minuten-Takt, fast nonstop über 6 bis 8 Stunden täglich. Die Konzentrationsbelastung ist der eines Piloten vergleichbar (dazu gibt es Studien).

Da ist kein Kaffeeplausch mit Kollegen drin, da gibt es keine Sitzungen, wo man unterm Tisch auch mal smsen kann, keine Sekretärin, die einem den Rücken frei hält, keinen Chef, dem man mal einen Ball zurückspielen kann, kein Nachbarbüro, in dem man mal schnell Rat und Auskunft holen kann.
One-(wo)man-Show ist im Unterricht angesagt, blitzschnelle Reaktion auf Unvorhergesehenes, dazu noch jede Menge menschliche Probleme, die die Schüler mitbringen. Und und und....
Ich habe in der Industrie gearbeitet und in Schulen: In der Industrie arbeiten sie - manchmal unter hohem Druck - aber relativ gleichmäßig ihre rund 10 Monate im Jahr (Gleitzeit nicht vergessen bei der Urlaubsberechnung!!), die Lehrer machen das in 9 Monaten und dafür jeden Tag sehr komprimiert.
Dass Lehrer Beamten sein müssen, ist ein alter Zopf, der längst abgeschnitten gehört. Aber dafür sind sie so schön verschiebbar auf dem Bildungsbahnhof.
Das Problem liegt aber in den 16 dämlichen, veralteten und noch immer eisern verteidigten Bildungsministerien, die vor allem an der Einbildung leiden, irgendetwas richtig zu machen. Bildung gehört zum Bund, zentral geregelt und auf den neuesten Stand der Didaktik, Methodik und Pädagogik gebracht. Andere Länder haben es längst vorgemacht. Dort findet auch eine Evaluation der Schulen und Lehrer statt. Und es werden strenge Maßstäbe an Qualität gelegt, die genau überprüft werden. Warum soll das in D nicht auch funktionieren?
Runter von den hohen Rössern, weg von Klischees und Vorurteilen, genau hinsehen, welches Land es besser kann und dann modifiziert nachmachen.

Beitrag melden
zandkorrel 13.06.2010, 20:22
27. ach, noch was....

... Faultiere gibt es in allen Branchen ;-)

Beitrag melden
albert schulz 13.06.2010, 20:34
28. Heilsklehre Pädagogik

Zitat von selberlehrer
Statt Lehramt studieren die lieber BWL/VWL oder Jura. Warum wohl...!?
Schlicht und ergreifend, weil die Landesregierungen nach Gusto einstellen, oder besser nach Finanzlage oder wenn es brennt. Normalerweise steht man im Nirgendwo. Ich kenne Jahrgänge aus den Fünfzigern, von denen erst gar keiner genommen wurde, egal wie gut das Zeugnis war.

Der Lehrerberuf ist qua Ausbildung und Refrendariat nun mal eine Einbahnstraße. Die Möglichkeiten anderweitig unterzukommen sind begrenzt.

Meine besten Lehrer waren übrigens allesamt Quereinsteiger aus allen möglichen Berufen. Sie waren sehr konkret bei der Sache, haben was verlangt, aber auch die Leistungen überprüft, und wenn die unzureichend waren, haben sie sich das selbst angekreidet.

Und das macht ein richtiger Pädagogen - Philologe niemals.

Interessant auch bei Meistern. Die müssen Leute ausbilden, die was für die Firma bringen und helfen ihren Lehrlingen damit am meisten. Und sie haben ganz unausgebildet häufig ein besseres Gespür für Leistung und Didaktik als mancher Superpädagoge oder Superwissenschaftler. Letzteren braucht man bestenfalls an der Oberstufe des Gymnasiums.

Beitrag melden
albert schulz 13.06.2010, 20:42
29. sicher gibt es überall Faule, aber in der Industrie nicht lang

Zitat von zandkorrel
... Faultiere gibt es in allen Branchen ;-)
Vollkommen richtig. Ich hatte etwa dreißíg unglaublich bemühte Lehrer und ein einziges superfaules Arschloch, eine Viertelstunde zu spät im Unterricht und dann nur kreuzlangweilige Anekdoten.

Bei meinen Professoren war das Zahlenverhältnis umgekehrt.

Man darf allerdings beobachten, daß das laissez - faire, die Leistungsbereitschaft, die Wertevermittlung und das Selbstverständnis von Kollgium zu Kollegium unteerschiedlich sind. Es gibt gewaltige Saftläden.

Beitrag melden
Seite 3 von 4
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!