Forum: Leben und Lernen
Hamburger Schulexperiment: Ein bisschen Regelschule, ein bisschen Waldorf
Ganztagsschule Fährstraße

Deutschlandpremiere in Hamburg? Ab 2014 sollen Lehrer einer staatlichen Grundschule auch nach Prinzipien der Waldorfpädagogik unterrichten dürfen. Die Waldorfgemeinde ist euphorisch, die Schulbehörde hofft auf eine bessere soziale Durchmischung der Schule im sozialen Brennpunkt Wilhelmsburg.

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semitone 19.09.2012, 18:17
1.

Schulversuch in Hamburg: Waldorfpädagogik an staatlicher Schule - SPIEGEL ONLINE[/QUOTE]

Reformpädagogische Ansätze sind ja zu begrüssen, aber dann sollte der
Staat lieber Ansätze fördern, die frei von pseudoreligösen und esoterischen Hintergründen sind. (Montessori z.B)
Ich kann nur jedem mal empfehlen diverse Werke von Rudolf Steiner zu lesen. Das ist gruselig!
Und nein, die Waldorfpädagogik ist nicht frei davon, im Gegenteil.
Aber es scheinen ja genügend Anthros auf den richtigen Positionen zu sitzen, anders kann ich mir das nicht erklären.

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ebehrens 19.09.2012, 21:22
2. In anderen Staaten nicht ungewöhnlich

Im angelsächsischen Raum kennt man den Status "Charter-School". Da übergibt der Staat die Leitung von Schulen, die er weiterhin wie bisher finanziert, an Institutionen, die ein pädagogisches Konzept vorlegen. In England hat das Tony Blair forciert, um zu pädagogischen Verbesserungen zu kommen. Um den Wettbewerb der Schulen um die Schüler anzufachen und um allen Schülern den Zugang zur gewünschten Schule zu erleichtern, hat er sogar eine großzügige Schülerbeförderung finanziert.

Die Charter-Schools sind keine Versuchsschulen, die für das staatliche Schulen ein neues pädagogisches Konzept ausprobieren sollen, das danach im Erfolgsfalle von allen anderen Schulen übernommen werden soll. Diese Schulen brauchen einen Dauerstatus im Schulgesetz, damit sie wie private Schulen pädagogisch eigene Wege gehen können.

Auch in Nordamerika gibt es Charter-Schools, auch solche, die waldorfpädagogisch arbeiten. So frei wie Schulen in freier Trägerschaft sind sie nicht und der Staat sollte sich wirklich fragen, ob es nicht sinnvoller ist, für jeden Schüler an freien Schulen denselben Aufwand zu treiben, wie für die an staatlichen Schulen. Dann könnte er staatliche Schulen, die das wünschen, um pädagogisch andere Wege gehen zu können, an Stiftungen oder gemeinnützige Vereine übergeben. Die Charter-Schools sind nur ein schwierig zu gestaltender Kompromiss, bei dem keiner so recht weiß, woran er auf Dauer sein wird.

Eckhard Behrens, Heidelberg

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Zentralabitur 20.09.2012, 00:25
3. Warum immer Grundschule?

Was ist so wichtig an einer Grundschule? Warum interessieren sich alle für Kindergarten? Viel wichtiger wäre es das Abi nun auch wirklich mal Standard wird und Hauptschulen dicht gemacht werden. Den Leuten wie z.B. in Kanada einfach keine Wahl lassen ob diese sich gut bilden wollen. Heute gildet ein Abi - auch wenn es viele machen - immer noch als etwas besonderes.

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crazy.diamond 20.09.2012, 09:01
4.

Zitat von semitone
Reformpädagogische Ansätze sind ja zu begrüssen, aber dann sollte der
Staat lieber Ansätze fördern, die frei von pseudoreligösen und esoterischen Hintergründen sind. (Montessori z.B)
Ich kann nur jedem mal empfehlen diverse Werke von Rudolf Steiner zu lesen. Das ist gruselig!
Und nein, die Waldorfpädagogik ist nicht frei davon, im Gegenteil.
[/QUOTE]

Woher wissen Sie denn, dass Waldorfschüler Waldorfpädagogik lernen? Sicher nicht durch den Besuch einer Waldorfschule - dann wüsste ich das nämlich auch. Aus meiner Klasse (1. Klasse bis Abitur) haben immerhin ausnahmslos alle etwas aus ihrem Leben gemacht. Entweder mit Realschulabschluss und dann eigener Firma oder mit Abitur, Ausbildung (mit anschließender Firmengründung) oder Studium. Und für alle mit denen ich noch engeren Kontakt habe ist beruflicher Erfolg nicht alles - es sind glückliche, mit sich selbst und ihrem Leben zufriedene Menschen. Ist das nicht schon eine ganze Menge für unsere heutige Gesellschaft? Man wird an jedem System etwas Negatives finden. Mir persönlich machen meine Berliner Gymnasiallehrer-Freunde die reihenweise in andere Bundesländer abwandern viel mehr Angst. Nur weil Berlin keinen Beamtenstatus (dafür aber das Höchstgehalt ab Berufseinstieg) bietet verlassen sie Heimat, Freunde und Familie. Ich möchte nicht, dass meinen Kindern ausgerechnet von ihren Lehrern vorgelebt wird, dass Geld das einzig Wichtige im Leben ist!

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wahlossi_80 20.09.2012, 09:29
5.

Zitat von semitone
Reformpädagogische Ansätze sind ja zu begrüssen, aber dann sollte der
Staat lieber Ansätze fördern, die frei von pseudoreligösen und esoterischen Hintergründen sind. (Montessori z.B)
Ich kann nur jedem mal empfehlen diverse Werke von Rudolf Steiner zu lesen. Das ist gruselig!
Und nein, die Waldorfpädagogik ist nicht frei davon, im Gegenteil.
Aber es scheinen ja genügend Anthros auf den richtigen Positionen zu sitzen, anders kann ich mir das nicht erklären.[/QUOTE]

Nur weil Sie Steiners Werke gruselig finden, heißt das nicht, dass er den Dingen nicht mehr auf der Spur ist als unser säkular-materialistisches Ausnahmesystem. Natürlich ist die Waldorfpädagogik nicht frei von Steiners Ansichten. Sie fußt darauf. Für die Schüler gereicht es zum Vorteil, von ihren Lehrern nicht für den Kampf in einem hinfälligen orientierungsunfähigen System getrimmt, sondern zu wahren Menschen gebildet zu werden. Dazu bedarf es der Überzeugung einer Verankerung des Menschen im Absoluten, wie sehr sich hartnäckige Materialisten auch dagegen wehren mögen, weil sie nicht über den Tellerrand schauen mögen.

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drsteffenkleinlich 20.09.2012, 11:51
6. erhaltet die Wahlfreiheit

Zitat von wahlossi_80
Reformpädagogische Ansätze sind ja zu begrüssen, aber dann sollte der Staat lieber Ansätze fördern, die frei von pseudoreligösen und esoterischen Hintergründen sind. (Montessori z.B) Ich kann nur jedem mal empfehlen diverse Werke von Rudolf Steiner zu lesen. Das ist gruselig! Und nein, die Waldorfpädagogik ist nicht frei davon, im Gegenteil. Aber es scheinen ja genügend Anthros auf den richtigen Positionen zu sitzen, anders kann ich mir das nicht erklären. Nur weil Sie Steiners Werke gruselig finden, heißt das nicht, dass er den Dingen nicht mehr auf der Spur ist als unser säkular-materialistisches Ausnahmesystem. Natürlich ist die Waldorfpädagogik nicht frei von Steiners Ansichten. Sie fußt darauf. Für die Schüler gereicht es zum Vorteil, von ihren Lehrern nicht für den Kampf in einem hinfälligen orientierungsunfähigen System getrimmt, sondern zu wahren Menschen gebildet zu werden. Dazu bedarf es der Überzeugung einer Verankerung des Menschen im Absoluten, wie sehr sich hartnäckige Materialisten auch dagegen wehren mögen, weil sie nicht über den Tellerrand schauen mögen.
Schöner Beitrag (also der zweite, nicht der erste). Ich sehe im Moment keine Alternative zur Waldorfschule für meine vier Kinder. Aber wer ständig Angst hat um Einkommen, Arbeit, Gesundheit, Status und sonst alle wichtigen Dinge in unserem modernen aufgeklärten Leben, sollte sich das besser genau überlegen...

Ich habe vor kurzem mal ein bisschen auf der Homepage meines ehemaligen bayerischen Gymnasiums gestöbert. Als ich dann eine vierseitigen Brief an die Eltern gefunden habe, in dem erklärt wurde wie nun die neue Schulaufgabenstruktur ist, wie die ganzen Noten verrechnet werden und und und, fand ich das auch gruselig. Da wundert es mich nicht, wenn die ganzen Str,OstrIn, StDin und and der Spitze der OStD, doch trotz über 12 Wochen bezahltem Urlaub überlastet sind.
Da lobe ich mir doch die entspannten Waldorflehrer, meine Kiinder haben ein von der Lehrerin slebst gemaltes Bild als Zeugnis bekommen (hat auch mir gut gefallen), reicht doch auch in der Grundschule. Was die Kinder nicht wissen und können merken sie auch selbst ohne das allgemeine Zeugnisgelaber.

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ollowain13 20.09.2012, 13:45
7.

Zitat von sysop
Deutschlandpremiere in Hamburg? Ab 2014 sollen Lehrer einer staatlichen Grundschule auch nach Prinzipien der Waldorfpädagogik unterrichten dürfen. Die Waldorfgemeinde ist euphorisch, die Schulbehörde hofft auf eine bessere soziale Durchmischung der Schule im sozialen Brennpunkt Wilhelmsburg.
Das finde ich vor allem vor dem Hintergrund, dass Kinder nach ihrem Wohnort eine Grundschule zugewiesen wird, die sie dann besuchen müssen, sehr problematisch. Das elterliche Erziehungsrecht wird zu stark eingeschränkt, wenn Kindern eines Stadtbezirks nun eine Walldorfschule staatlich verordnet wird, ganz egal, ob die Eltern das gut finden oder nicht. Als paralleles Angebot, sprich eine normale staatliche und eine Walldorfschule getrennt nebeneinander, wäre es akzeptabel, weil die Eltern dann die Wahl hätten, ob sie ihre Kinder wirklich der Walldorfpädagogik anvertrauen wollen, aber so wie das jetzt aufgezogen wird, kann ich Eltern nur raten, bei Bedarf umzuziehen, um dem Walldorfhokuspokus zu entgehen. Es muss ja wohl möglich sein, sein Kind auf eine ganz normale staatliche Grundschule schicken zu können - und nebenbei: In der Medizin gelten Experimente direkt am Patienten als ethisch bedenklich. Warum lassen wir es zu, dass mit unseren Kindern herumexperimentiert wird, nur weil ein paar Ideologen ihre persönliche Selbstverwirklichung verpasst haben und nun meinen, fremder Leute Kinder damit zwangsbeglücken zu müssen?

Außerdem sollte man auch bedenken, dass das Walldorfkonzept nur aufgeht, wenn Kinder zur Eigeninitiative bereit und in der Lage sind. Dazu ist auch viel elterliche Unterstützung nötig, die aber gewöhnlich bei den Eltern, die bewusst ihre Kinder auf eine Walldorfschule schicken und dafür sogar extra Schulgeld bezahlen, vorhanden ist. Hier ist die Situation eine ganz andere: Es handelt sich um einen Sozialen Brennpunkt und dort kümmert sich die Mehrzahl der Eltern in aller Regel kaum um die schulische Laufbahn ihrer Kinder. Wie soll unter solchen Bedingungen ein Walldorfkonzept funktionieren?

Und was ist mit den älteren Kindern, wenn dieses Konzept nach und nach auf alle Alterstufen ausgeweitet wird, wie es beabsichtigt ist? Dann bin ich mal gespannt, wie Walldorfpädagogen ausgerechnet den Schülern, die eh schon keinen Bock auf Schule haben und nicht die Bohne eigene Anstrengung zu investieren gewohnt sind, ja zum Teil selbst die deutsche Sprache nur auf sehr niedrigem Niveau beherrschen, zum Mitmachen motivieren wollen.

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drsteffenkleinlich 20.09.2012, 15:42
8. Experimente?

Zitat von ollowain13
... und nebenbei: In der Medizin gelten Experimente direkt am Patienten als ethisch bedenklich. Warum lassen wir es zu, dass mit unseren Kindern herumexperimentiert wird, ...
... das frage ich mich beim staatlichen Schulsystem auch, hier kommen ständig Neuerungen und Reformen...
Zunächst noch wissenschaftlich angehaucht, denn irgendein Professor findet sich immer für ein bezahltes Gutachten, dann dreimal durchs Ministerium gekaut, bis keiner der Beamten und zuständigen Landtagsabgeordneten mehr kann, und dann der hoch motivierten Lehrerschaft übergestülpt. Nur gut, dass die Eltern nicht mitreden können, das wäre dann wirklich zu viel.

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carolsebastian 21.09.2012, 11:42
9. optional

Das noch auszuarbeitende Konzept wird nicht auf schon bestehende Klassen ausgeweitet, sondern wächst beginnend mit Klasse 1 von Jahr zu Jahr nach oben.
Zur Medizin : Es ist wohl eher so das es sich bei der Waldorfpädagogik um ein jahrzehntelang sehr bewährtes "Medikament" handelt, welches sich in der Vergangenheit bedauerlicherweise nicht alle leisten konnten. Hier tut sich durch die Bereitschaft, Offenheit und auch Einsicht des Staates eine große Chance auf. Wie in fast allen OECD-Ländern selbstverständlich wird Bildungspolitik hier ein Stückchen mehr Sozialpolitik. Das von Ihnen angesprochene Problem der Herkunftsbedingten Bildungsferne bis hin zu einer Art Antibildungshaltung (BEI KINDERN IM GRUNDSCHULALTER !!!) ist erstens ja mal Status Quo und erfordert neben der Neugestaltung des Kerngeschäfts von Schulen in sozialen Brennpunkten zweitens sowieso weitere sehr mutige Schritte. Stichwort Informelle Bildung.
Die Waldorfpädagogen in Wilhelmsburg haben übrigens sehr bewußt diesen Stadtteil ausgewählt.

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