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Jobs für Geisteswissenschaftler: Mach immer, was dein Herz dir sagt
Paula Troxler

Geistes- und Sozialwissenschaftler werden alle Taxifahrer oder Thekenkraft? Kommt zwar vor, ist aber nicht die Regel. Viele finden gut in den Arbeitsmarkt, leicht haben es Historiker und Co. trotzdem nicht.

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mmh_23 14.03.2013, 10:38
1. Weitsicht/Akzeptanz

Ich denke, dass die Studienwahl nicht unbedingt etwas mit der späteren Berufswahl zu tun haben sollte bzw. zu tun hat. Interessen ändern sich zum einen. Zum anderen wird doch im Rahmen eines Studiums die sog. Methodenkompetenz geschult bzw. sollte es so sein. Kurz: Mal abgesehen von spez.-techn. Studienfächern wie bspw. Ing.-Wissenschaften, Medizin oder Jura ist es doch eigentlich egal, was man studiert hat. Problematisch m.E. ist die fast geschlossen vorhandene Blind- oder Verschlossenheit von Personalabteilungen so etwas zu sehen oder anzuerkennen. Wer sich als Literaturwissenschaftler auch für das Rechnungswesen interessiert, kann sich das in der Praxis schnell aneignen (als Bsp. - andere können sicher schnell konstruiert werden). Eine sog. Volkswirtschaft, um es mal groß aufzuhängen, vergibt sich auf diese Art viele Chancen für eine gute Durchmischung (siehe den Textproduktionsbegriff Diversity - ein Witz bisher) der Belegschaft. Je mehr Kontexte (durch Mitarbeiter/Innen mit ihren jeweiligen Ausbildungshintergründen) desto größer die kombinatorischen Möglichkeiten von Problemlösungen im sozialen Miteinander und bei sachlichen Problemstellungen, sag ich mal so.

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separatist 14.03.2013, 10:38
2. Gemder-Pay-Gap

Zitat von sysop
Geistes- und Sozialwissenschaftler werden alle Taxifahrer oder Thekenkraft? Kommt zwar vor, ist aber nicht die Regel. Viele finden gut in den Arbeitsmarkt, leicht haben es Historiker und Co. trotzdem nicht. "Überzeugungstäterinnen wie die Theaterwissenschaftsstudentin Gwendolin irritiert das nicht. 'Ich studiere doch nicht BWL oder Medizin, nur um später einen sicheren Job und ein gutes Gehalt zu haben'"
Soviel zum Thema Gender-Pay-Gap.

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E_SE 14.03.2013, 11:03
3. Herz zahlt alleine keine Miete

Zitat von mmh_23
.... ist es doch eigentlich egal, was man studiert hat. Problematisch m.E. ist die fast geschlossen vorhandene Blind- oder Verschlossenheit von Personalabteilungen so etwas zu sehen oder anzuerkennen. Wer sich als Literaturwissenschaftler auch für das Rechnungswesen interessiert, kann sich das in der Praxis schnell aneignen ....
Wer auf einen Job hin studiert, den er nicht mag, wird nicht gut darin sein.
Wer nur tut was ihm "gerade Spass macht" ohne Rücksicht auf den Arbeitsmarkt muss sich später nicht wundern, dass er keinen Job bekommt.
Wer diese beiden Punkte abwägt und einen tragfähigen Kompromiss sucht, der hat später gute Chancen auf Glück - und Geld.
Und zu Ihrer Behauptung: Jein. Ganz egal ist das nicht. Ein künstlerisches Herz (Theater, Literatur, Musik etc.) soll sich plötzlich ausgerechnet für das Rechnungswesen begeistern (trocken, klare Vorgaben, kaum Entfaltungsmöglichkeiten, ohne Fantasie) ? Sehr unglaubwürdig. Abgelehnt.
Ich kenne aber genug Fälle von früheren Selbständigen in mittlerweile angestellten und inhaltlich komplett anderen Arbeitsumfeldern, die gute Arbeit leisten und auch noch Spass haben. Weil Ihr "Herz" immer schon "Projekte eigenverantwortlich durchführen" war. Und genau hier achten die Personalabteilungen drauf.

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lafrench 14.03.2013, 11:26
4. Postmaterialimus

...ist den Pragmatikern wohl eine Unbekannte.

Ich erinnere mich gut an Komilitonen, die heute sagen: "Ich habe pragmatisch studiert - heute kann ich alles verkaufen, egal ob Windeln oder Traktoren. Hauptsache, ich habe einen Job und kann mich selbst darstellen. Wenn ich Rentner bin, studiere ich endlich Philosophie."
Manche Leute machen es eben andersherum und erfahren dann Neid, wenn sich bei den Pragmatikern herausstellt, dass der jursitische, betriebswirtschaftliche oder andere Bürojob doch nur schwer zu tragen ist - genauso schwer übrigens, wie schon das trockene Studium.
Naja, ich denke, genau diesen Neid sehen wir hier - er kommt spätestens auf, wenn der Pragmatiker merkt, dass Geld und Selbstdarstellung recht schnell langweilig werden und in sich selbst auch inhaltslos sind.
Genau über diese Inhaltslosigkeit beschweren sich meine alten Bwler Freunde heute. Dann kommt die tiefe Sinnsuche mit 30. Als Geisteswissenschaftler kann man auch Glück haben, ich halte hier die Fahne hoch :) Eigener Betrieb, offensichtlich genug Zeit zur Entspannung, Unitätigkeit. Das ist alles vereinbar.

Als junger Studentin hat man mir damals gesagt: machen Sie, was Sie am Besten können, dann werden Sie dort zu den Besten gehören.
Ich denke, das ist immernoch ein sehr guter Ratschlag für die Berufswahl - und besser, als die Zeit für sich entscheiden zu lassen, wenn man z.B. das falsche pragmatisch versucht zu studieren, zu dem man nicht geeignet ist :D Ich berate auch heute noch erfolglose BWL Studenten, die sich quälen... Was da alles zusammenkommt!

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mmueller60 14.03.2013, 11:30
5.

Zitat von separatist
Soviel zum Thema Gender-Pay-Gap.
Völlig korrekt. Die Wahrscheinlichkeit, daß so eine Frau (es sind wohl 80% Frauen in den Geisteswissenschaften) zum Miternährer einer Familie wird, ist recht gering. Die alten Rollen werden so zementiert. Und alle Stellweichen auf dem Weg dahin nehmen auch schon diese Ausrichtung - wer schon von einer "Karriere" als Mutter ausgeht, wird sich kaum selbständig machen und mit Rechnungswesen beschäftigen, sondern voll in der Selbstentfaltung bleiben.

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solitube 14.03.2013, 11:40
6. Och.

Der Artikel hat mir als Geisteswissenschaftlerin jetzt ja gar nichts gebracht. Mut machen sieht anders aus. Es wäre ja z.B. mal sinnvoll gewesen, ungewöhnliche Karrierewege aufzuzeigen, statt einfach nur zu schreiben "macht, was euch Spaß macht, wird schon". Bis auf ein paar wenige, die sich für die Promotion entschieden haben, kenne ich niemanden, der problemlos oder schnell einen halbwegs anständigen Job bekommen hat, egal wie gut die Noten waren und wieviele Praktika u.ä. absolviert wurden. Es ist schon sehr demotiviertend.

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mmh_23 14.03.2013, 11:59
7. Akzeptanz

(1) Und zu Ihrer Behauptung: Jein. Ganz egal ist das nicht. Ein künstlerisches Herz (Theater, Literatur, Musik etc.) soll sich plötzlich ausgerechnet für das Rechnungswesen begeistern (trocken, klare Vorgaben, kaum Entfaltungsmöglichkeiten, ohne Fantasie) ? Sehr unglaubwürdig. Abgelehnt.

(2) Ich kenne aber genug Fälle von früheren Selbständigen in mittlerweile angestellten und inhaltlich komplett anderen Arbeitsumfeldern, die gute Arbeit leisten und auch noch Spass haben. Weil Ihr "Herz" immer schon "Projekte eigenverantwortlich durchführen" war. Und genau hier achten die Personalabteilungen drauf.[/QUOTE]

(1) Jein und abgelehnt ist aber eine ziemlich harte Wende innerhalb von wenigen Zeilen. War nur ein konstruiertes Bsp. Entfaltung etc. klingt sehr idealistisch und hat m.E. mit der Praxis nur bedingt etwas zu tun. Egal. Es war nur ein konstruiertes Bsp., das implizit auf ein ziemlich desaströses Schemadenken zielt.

(2) Selbständigkeit und Personalabteilung: Sind das zwei Sachverhalte, die zusammengehen können? Ist wohl eine Frage von Meinung und Unternehmenskultur. Ich bekam einmal den Hinweis, dass Selbständige nicht gern in Personalabteilungen gesehen werden. Keine Ahnung warum, wo doch gerade unternehmerisches Denken gefordert wird. Man kann nur mutmaßen, dass Stallgeruch und ein entsprechend adäquates Mitdenkertum eine größere Rolle spielen als diese ganzen Anforderungskatalogen an pot. Mitarbeiter/Innen,die man so kennt (schön redende Theorie vs. schwarz-weiß Praxis, wobei es doch gerade umgekehrt sein sollte). Und Rechnungswesen gehört auch zu einem guten Projektmanagement bzw. zu einer guten Projektleitung. Aber, das ist jetzt Erbsenzählerei.

Wir brauchen einen Ruck, der durch das Land geht :), der aber nicht passieren wird. Ein Umdenken würde so aussehen, dass Studienfächer nicht einfach so digital oder binär betrachtet werden (obwohl das natürlich bequem eine Menge sog. Komplexität sog. reduziert): Geisteswissenschaften nein, alles andere ja. Also mehr Pragmatism :) (nicht bei der Studienwahl, sondern bei der Auswahl der Belegschaft).

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BettyB. 14.03.2013, 12:02
8. Gut so...

Man sollte wirklich alle Bedenken hintenanstellen, denn wenn es nicht klappt,steigt wenigstens das Wissensniveau der HartzIV-Empfänger. Und sollte es dazu kommen, dann kann man sich beim Klagen bestimmt auch gewählter ausdrücken...

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solitube 14.03.2013, 12:34
9. ..

Zitat von BettyB.
Man sollte wirklich alle Bedenken hintenanstellen, denn wenn es nicht klappt,steigt wenigstens das Wissensniveau der HartzIV-Empfänger. Und sollte es dazu kommen, dann kann man sich beim Klagen bestimmt auch gewählter ausdrücken...
Na das war ja ein sehr hilfreicher Kommentar. Außerdem denken Sie falsch herum. Die Arbeitgeber müssen offener werden, Geisteswissenschaftler haben mehr zu bieten, als die meisten ihnen zugestehen. Es wird auch falsch mit ihnen umgegangen. Das sieht man in Ländern wie England, wo das Studienfach für die meisten Karrierewege völlig nebensächlich ist. Natürlich sollte man sich jobtechnisch auch Gedanken über den "Spaß" hinaus machen, aber es braucht auch Geisteswissenschaftler auf der Welt, alles andere wäre für unsere Kultur, Moral, und Mentalität fatal. Lesen Sie am besten mal Kurt Vonnegut.

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