Forum: Leben und Lernen
Jobsuche als Schulfach: Was soll bloß aus mir werden?

Abi, aber was dann... Die große Ratlosigkeit nach der Schule will Bayern mit einem neuen Pflichtfach bekämpfen: Ab Herbst 2009 sollen die Schüler fit gemacht werden für die Berufswahl. Einige Klassen haben den Testlauf bereits hinter sich - und sind enttäuscht.

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MasterMurks 15.05.2009, 14:08
1. Vielleicht etwas weniger erwarten!

Man sollte sich erstmal darauf besinnen, was die Schule eigentlich soll: Wissen vermitteln, damit man später einen Beruf vernünftig erlernen kann und auch im sonstigen Leben vernünftig zurechtkommt.

Wenn die Schule das richtig gut macht, dann weiß man eigentlich von vorneherein, was einem Spaß macht, und was nicht. Da aber die wenigsten Lehrer ihren Beruf ergriffen haben, weil sie anderen etwas beibringen wollten, zumindest hatte ich an Schule und Universität genau diesen Eindruck, können sie entweder schelecht lehren, oder wollen einfach nicht!

Bevor man also der Schule neue Aufgaben gibt, nämlich unentschlossenen, postpubertären Gestalten ihre verkorksten Gedanken geraderücken, damit sie sich für EINEN Beruf entscheiden, sollte man erstmal dafür sorgen, dass Lehrer lehren wollen! Dann klappt das auch mit der Orientierung.

Das Konzept, Berufswahl als Unterrichtsfach anzubieten ist ja wohl totaler Schwachsinn! Wie richtig geschrieben wurde, 25 Schüler, 50 Berufswünsche. Wie soll man denn da erschöpfend auf jeden eingehen?
Praktika sind wichtig, aber einen Kurs geschlossen ein Praktikum machen zu lassen ist Quatsch, denn ja, wieviele wollen Beleuchtungstechniker werden? Das hätte aber mit jedem anderen Beruf nicht viel anders ausgesehen! Wieviele wollen Chemikant, Zerspaner, Buchdrucker werden?

Also: Bevor man Jugendlichen die Entscheidungen abnehmen möchte, die sie im eigenen Interesse selbst treffen sollten, sollte man ihnen zu allererst das Handwerkszeug zum Treffen von Entscheidungen, nämlich Wissen, ordentlich vermitteln!
Mit solchen Programmen an den Symtomen anzufangen ist Schwachsinn!

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Silens Tempestas 15.05.2009, 15:03
2. Vorbereitung aufs Lenen...

Grundsaetzlich finde ich den Gedankenansatz
richtig.
Aber nur Grundsaetzlich. Die Schule soll ja nicht
nur auf den Job vorbereiten (sonst koennte man sich
einiges ersparen (niemand den ich kenne braucht Wurzelrechnung!)).
Aber genau das, scheint das Ziel zu sein. Nicht einen Job zu
finden der den jungen Menschen gefaellt und sie ausfuellt bis
sie in die Rente gehen, sondern sie schnell in die broeckelnde
Wirtschaft, respektive ins Arbeitsamt zu bringen...

Aber um auf meine Idee zurueckzukommen:
Warum nicht eine Stunde (oder auch zwei) pro Woche in den vorletzten und letzten Klassen der Schulen mit dem Thema 'Lebensvorbereitung'?
Neben den unterschiedlichen Berufsbildern kann man da auch mal was lernen wie: Steuererklaerung ausfuellen. Antraege vom Amt ausfuellen. Welche Behoerden bearbeiten was?
Also lauter Zeug das man sich muehsam ueber die Jahre aneignet und meist trotzdem nur zur Haelfte kennt.

Dann wuerde die Schule doch tatsaechlich mal wieder fuer's Leben lehren.

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ArbeitsloserMathematiker 15.05.2009, 15:43
3. drollig

Die heutigen verbeamteten Lehrer sind dafuer gaenzlich ungeeignet.
Ein weiteres Glanzstueck im deutschen Schulsystem...

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Ernst Robert 15.05.2009, 15:54
4. Versagen der kompletten Bürokratie

Guter Artikel. Kommt für einige wahrscheinlich um Jahre zu spät. Für mich gibt es, auch nach vielen Gesprächen mit jungen Leuten, nur eine Zwischenbilanz, die sich auf folgende Weisheit reduziert: Nicht jede/r kann oder will Pflicht und Neigung vereinen, nicht jede/r kann oder will sich prinzipiell für eins von beiden entscheiden, mit den jeweiligen Konsequenzen. Oft siegen Faulheit und/oder Bequemlichkeit, weil irgendwie klar ist: "man fällt weich".

Die meisten wissen inzwischen recht gut, in welchen Bereichen sie eine realistische und sichere Zukunft haben. Doch schon in der Schule wurden sie zu sehr auf 'durchmogeln' getrimmt, so dass sie auch jetzt denken: "vielleicht habe ich ja Glück und komme ohne viel Anstrengung durch und lande in meinem Traumjob". Wobei das Aussehen und das clevere Auftreten leider von einigen hoffnungslos überschätzt werden. Auch sogenannte 'soft skills' verlieren an Bedeutung, je größer die existentiellen Nöte werden. Und das werden sie!
Die goldenen Zeiten sind vorbei. Leider suchen die, die es sich leisten können, ihr Heil in Privatschulen. Denn, auch wenn es eine vielleicht unzulässige Pauschalisierung ist: die öffentlichen Schulen haben zu Lasten von Chancengleichheit versagt, v.a. in der Vermittlung von solidem Grundwissen, in Fächern, wie den Naturwissenschaften, wo man auch einmal etwas länger sich konzentrieren muss, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Versagt haben auch die Arbeitsämter, für die seriöse, am machbaren orientierte Berufsberatung, rechtzeitige und objektive Eignungstest und ein enger Austausch beim Lehrstoff angeblich immer 'viel zu konkret' sind. Zwangsläufig oberflächliche 'Jobsuche als Schulfach' ist doch einfach ein Skandal!

Man betrügt die jungen Leute um ihre Zukunft, wenn man Fleiß und Ausdauer als 'Sekundärtugenden' abtut und so tut als ginge es auch ohne sie. Es wird Jahre dauern bis diese Fehler wieder korrigiert werden.

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Oi!Olli 15.05.2009, 16:22
5. Ich muss ihnen da widersprechen

Zitat von Ernst Robert
Guter Artikel. Kommt für einige wahrscheinlich um Jahre zu spät. Für mich gibt es, auch nach vielen Gesprächen mit jungen Leuten, nur eine Zwischenbilanz, die sich auf folgende Weisheit reduziert: Nicht jede/r kann oder will Pflicht und Neigung vereinen, nicht jede/r kann oder will sich prinzipiell für eins von beiden entscheiden, mit den jeweiligen Konsequenzen. Oft siegen Faulheit und/oder Bequemlichkeit, weil irgendwie klar ist: "man fällt weich". Die meisten wissen inzwischen recht gut, in welchen Bereichen sie eine realistische und sichere Zukunft haben. Doch schon in der Schule wurden sie zu sehr auf 'durchmogeln' getrimmt, so dass sie auch jetzt denken: "vielleicht habe ich ja Glück und komme ohne viel Anstrengung durch und lande in meinem Traumjob". Wobei das Aussehen und das clevere Auftreten leider von einigen hoffnungslos überschätzt werden. Auch sogenannte 'soft skills' verlieren an Bedeutung, je größer die existentiellen Nöte werden. Und das werden sie! Die goldenen Zeiten sind vorbei. Leider suchen die, die es sich leisten können, ihr Heil in Privatschulen. Denn, auch wenn es eine vielleicht unzulässige Pauschalisierung ist: die öffentlichen Schulen haben zu Lasten von Chancengleichheit versagt, v.a. in der Vermittlung von solidem Grundwissen, in Fächern, wie den Naturwissenschaften, wo man auch einmal etwas länger sich konzentrieren muss, um zu einem Ergebnis zu kommen.

Das durchmogeln klappt leider immer noch zu oft auch im späteren Berufsleben. Gerade im Bereich IT trifft man viele. Wobei hier natürlich noch dazu kommt das die meisten Entscheidungsträger selber nicht viel von Computern verstehen und nicht wissen was für ein großes Feld IT ist.

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Ernst Robert 15.05.2009, 16:25
6. leider wahr

Zitat von MasterMurks
Bevor man also der Schule neue Aufgaben gibt, nämlich unentschlossenen, postpubertären Gestalten ihre verkorksten Gedanken geraderücken, damit sie sich für EINEN Beruf entscheiden, sollte man erstmal dafür sorgen, dass Lehrer lehren wollen! Dann klappt das auch mit der Orientierung.
So sehe ich das auch.
Zitat von MasterMurks
Also: Bevor man Jugendlichen die Entscheidungen abnehmen möchte, die sie im eigenen Interesse selbst treffen sollten, sollte man ihnen zu allererst das Handwerkszeug zum Treffen von Entscheidungen, nämlich Wissen, ordentlich vermitteln! Mit solchen Programmen an den Symptomen anzufangen ist Schwachsinn!
Damit scheint alles gesagt.

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Jan Erik Meyer 15.05.2009, 16:57
7. Irrtümer und Irrlichter

Zunächst einmal sehe ich folgende Irrtümer:
• "Abi, aber was dann ..." impliziert, dass es durchaus akzeptabel wäre, sich mit der Berufswahlentscheidung bis zum Abitur Zeit lassen zu können und zu dürfen.
• "... vielleicht ist es die wichtigste Entscheidung ihres Lebens." suggeriert eine Dramatik und schürt Ängste, die nicht selten dafür sorgen, dass die Entscheidung lieber weiterhin aufgeschoben wird.
• "Was soll aus mir werden? Ausbildung, Studium, erstmal abwarten?" klingt, als müsse sich jeder vor einer Berufswahl erst einmal pauschal für Ausbildung oder Studium entscheiden und als länge im weiter (!) abwarten die Möglichkeit einer Verbesserung der Situation.

Wer heute das Abitur anvisiert, ohne zu wissen, wofür er es ganz konkret (beruflich) benötigt, der läuft Gefahr einer falschen alten Formel auf den Leim zu gehen: Wir können nicht mehr behaupten, dass der, der die längste Schullaufbahn genossen hat, auch die "beste" berufliche Zukunft vor sich hat. Akademische Taxifahrer mögen da wie ein Vorurteil klingen. Die Auswirkungen fehlgeleiteter und zu lange aufgeschobener Berufswahlorientierung lassen sich mit diesem Beispiel aber immer noch gut veranschaulichen.

Berufswahl ist - in welchem Schulsystem und Bundesland auch immer - ein langer Prozess. Sie lässt sich mit keinem Test (mal eben) lösen und stellt einen sehr komplexen und von unvorstellbar vielen Einflüssen geprägten Weg dar. Das kann fast jeder an sich selbst rückblickend bestätigen: War Ihre Berufswahl, Ihr Berufseinstieg vollständig geplant, immer gut berechnet, wohl überlegt und voller vorausschauender Logik? Also bei mir hat der Zufall eine riesige Rolle gespielt. Und das ist im Kern der wichtigste Bestandteil einer funktionierenden Berufswahlorientierung: dem gedanklichen oder praktischen Zufall ein Stück weit die Tür öffnen. Das bedeutet: so früh wie möglich mit dem Thema Berufswahl zu beginnen, eine kontinuierliche und langfristige Auseinandersetzung mit sich selbst und der "Welt da draußen" fördern und fordern, theoretische und (!) praktische Erfahrungen machen und so oft wie möglich den konkreten Dialog mit Berufstätigen in Wunschberufen ermöglichen.

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...ergo sum 15.05.2009, 17:31
8. pragmatisch gesehen

Jedes Jahr entscheidet (würfelt) sich die Wirtschaft aus welche Berufszweige sie mal gerade so brauchen könnte.
Mal haben wir zuwenige ITler, dann fehlen angeblich massenhaft Ingenieure (hockten aber jeeis immer gerade arbeitssuchend in Mengen bei den Jobcentern, waren aber zu teuer) ...

Meinem wesentlich jüngeren Cousin habe ich damals, als es darum ging nun Abi ja /nein, gesagt - mach das Abi, was du hast kann dir niemand mehr nehmen und wer weiß wann du es zu einem Studium brauchen kannst -.
Er machte es, lernte jedoch danach einen Beruf, hatte einige Jahre später einen Unfall und mußte sich beruflich umorientieren. So ging er mit Anfang 30 zur Uni, machte einen guten Abschluß und hat es bisher noch nicht bereut auf mich gehört zu haben.
heißt:
1. nimm mit was du in jungen Jahren noch problemlos leisten kannst
2. bei einem Beruf wird es nie bleiben

Man sollte den Jugendlichen frühzeitig diese beiden Dinge klarmachen. In der Hand haben sie es selten wann und ob ihr jeweiliger Beruf noch gefragt sein wird. Aber alle Optionen offen halten ist wichtig.

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Jan Erik Meyer 15.05.2009, 17:59
9. Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte ohne schulische Hochschulzugangsberechtig

Zitat von ...ergo sum
Meinem wesentlich jüngeren Cousin habe ich damals, als es darum ging nun Abi ja /nein, gesagt - mach das Abi, was du hast kann dir niemand mehr nehmen und wer weiß wann du es zu einem Studium brauchen kannst -.
Siehe hierzu "Hochschulzugang für beruflich Qualifizierte ohne schulische Hochschulzugangsberechtigung": Am 06.03.2009 haben sich die Kultusminister der Bundesländer endlich auf allgemeine Standards geeinigt. Werden diese erfüllt, erhält man in allen Bundesländern eine Hochschulzugangsberechtigung. Weiteres unter http://www.studis-online.de/StudInfo...gang-quali.php

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