Forum: Leben und Lernen
Kritik an Abi-Zensuren: "Diese Noteninflation ist nicht zufällig"
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Früher war alles besser? Das gilt nicht für die Abiturnoten, denn mit denen geht es aufwärts. Den Gymnasiallehrern gefällt das nicht. Der Vorsitzende des Philologenverbandes Meidinger vermutet: Die Noteninflation hat Methode.

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th.enz 18.07.2014, 14:50
50. Realität?

Zitat von Immanuel_Goldstein
Wann soll das gewesen sein? Im G8 ist dafür gar keine Zeit mehr. 20% der Zeit, die ein Schüler in der Schule verbringt, befindet er sich in einer reinen Prüfungssituation und das Lernen an sich, das nachhaltige Üben und das Vertiefen von Stoff nimmt nur noch minimale Zeit ein. Es geht nur noch um Leistungsprüfung, Leistungsprüfung, Leistungsprüfung
Und das ist vor dem "G8" in den alten Bundesländern anders gewesen?
Eher nicht. Man schaue sich einfach die Stundentafeln und Unterrichtsvolumina an. In den alten Bundesländern brauchten die Schüler 13 Jahre, weil die Unterrichtszeit pro Woche 29-30 Schulstunden nicht überschreiten durfte. Das "G8" ist kein "Turboabi", sondern das "G9" war Müßiggang und Bummelei. Schüler berichten darüber hinaus sehr oft (und aus beliebigen Bundesländern), daß die 11. bzw. 13 Klasse total überflüssig gewesen ist. Wiederholung, Wiederholung, Wiederholung, um noch den letzten durchzuschleifen und sicherzustellen, daß sich die Schule in den Abiprüfungen nicht blamiert. Dieses eine Schuljahr in der Abiturstufe war sogar so überflüssig, daß Zeit blieb, um just for fun ins Ausland zu gehen oder sich kaum noch um Schule zu kümmern. Stoff wurde keiner gelernt, gefestigt wurde praktisch nichts. Herumlungern - das war die Devise.

In der 13. Klasse war eine derart ausufernde Prüfungsvorbereitung die Norm, daß die Abiturnoten der Ostdeutschen eigentlich alle +0,5 angehoben werden müßten, denn in Sachsen oder in Thüringen wird mindestens der gleiche Stoff (in den harten MNT ist das Niveau den alten Bundesländern mehrere Schuljahre voraus wie wir wissen, und in Sachsen darf man seit Jahren nichtmal mehr Fächer abwählen) in kürzerer Zeit behandelt, auf Grund der besseren Lehrer nachhaltiger vertieft, während die Prüfungsvorbereitung quasi permanent erfolgen muß, implizit und parallel zur "normalen" Behandlung des Stoffes. Vor den Prüfungen bleiben ungefähr 3-4 Wochen Zeit, den Schulstoff zu wiederholen und zu systematisieren. Das ist nichts im Vergleich zu den wiederkäuenden, trägen Vorgängen des G9, und vor allem ist es wesentlich anspruchsvoller. Wer sich nämlich nicht selbst hinsetzt und eigenverantwortlich die Prüfungsvorbereitung zuhause durchzieht, bekommt in der Schule nur ein Minimalprogramm.

Solche und andere Umstände lassen das Abitur West in einem ganz schlechten Licht erscheinen; egal ob G8 oder G9. In Sachsen und Thüringen geht G8 seit 1946 ohne Probleme. Wie dilettantisch kann man in Bayern oder Baden-Württemberg eigentlich noch sein, daß das nach Jahren und Jahren und Jahren immer noch nicht klappt.

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hjm 18.07.2014, 18:07
51.

Zitat von Crom
Um die Noteninflation zu erkennen, brauch man sich also nur einmal die Häufigkeit der Note 1,0 anschauen.
Keine Sorge, da hat sich unsere Landesregierung auch schon etwas ausgedacht und erfolgreich erprobt. Zentralabituraufgaben werden so verquast formuliert, dass es unnöglich ist, die volle Punktzahl zu erreichen, insbesondere dann, wenn man fachlich wirklich kompetent ist. Dadurch werden Bestnoten konsequent verhindert, so dass nicht der Verdacht einer „zu leichten“ Prüfung aufkommt.

Ein weiterer Verschleierungstrick beruht darauf, dass der unbedarfte Beobachter oft nicht zwischen einer „anstrengenden“ und einer „anspruchsvollen“ Prüfung unterscheidet, und beides undifferenziert als „schwierig” bezeichnet. Ersetzt man in der Prüfung für Baustatiker die Frage „Welche Mindesttiefe muss das Fundament für einen 100m hohen Stahlbetonturm haben?“ durch die Aufgabe „Buddeln Sie ein 20 Meter tiefes Loch und gießen Sie es mit Beton aus!“, so ist die neue Prüfung, insbesondere bei begrenzter Bearbeitungszeit, möglichweise deutlich „schwieriger“ als die alte.

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rugall70 18.07.2014, 19:39
52. Ausgerechnet die Hochschulen!

Zitat von frankfurt1970
Neben der Noteninflation ist mir als Hochschulmitarbeiter noch ein weiterer Aspekt aufgefallen. Die Studenten sind heute wesentlich weniger leistungsfähig als noch vor zehn und insbesondere vor 20 Jahren.
Naja, als Hochschulmitarbeiter wissen Sie ja bestens, wie Noten-Inflation funktioniert. Schon 2011 hat der Wissenschaftsrat die "Inflation guter Noten" an den Hochschulen kritisiert. Im Jahr 2000 waren 67 Prozent der Abschlussnoten "gut" oder "sehr gut". 2011 waren es 76 Prozent! Das schlägt das Abitur um Längen!

Wenn die Abiturienten so schlecht sind, wie Sie behaupten: Warum gehen die dann mit so exzellenten Noten von der Uni ab?

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markusob 18.07.2014, 20:21
53.

Ich habe Erfahrungen als Student an der Uni in einem Fach, in dem schon vor 15 Jahren durchweg gute Noten vergeben wurden. Das bedeutete aber nur, dass die Notenskala nicht ausgereizt wurde. Im Endeffekt konnte man an der Note aber durchaus eine klare Bewertung erkennen. Bei einer schlechten Arbeit bekam man eine Note schlechter 2,0. Eine durchschnittliche Arbeit bekam die Note 2,0. Und nur wenn man eine gute Arbeit abgeliefert hat, bekam man eine 1 vor dem Komma.

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crigs 19.07.2014, 17:20
54. Naturwissenschaft / geisteswissenschaft

Die technische Revolution des Buchdrucks half den Geisteswissenschaften dominant aufzutreten. Texte konnten ohne Schwierigkeiten gedruckt werden. Die Mathematik trat völlig in den Hintergrund, den die Skizzen, Symbole uam überforderten den Buchdruck. Erst durch den Fotodruck kam auch die Mathematik zum Zuge. Heute dominiert die angewandte Mathematik unser Leben und die Geisteswissenschaften sind zum Hobby geworden. Wenn Sie Geld verdienen wollen, dann ...
Auf You Tube finden Sie die sehr lehrreichen Videobeiträge von Keith Devlin zur Geschichte. Die erste Vorlesung heisst: "General Overview and the
Development of Numbers".
Ich hoffe, dass jeder Leser diesem Hinweis nachgeht und wünsche euch allen viel Lebensfreude.
Die nächsten Ferien verbringen Sie auf Hawai !

Nachtrag: Geisteswissenschaftler greifen zum Buch. Mathematiker greifen zum Computer.
Wem gehört die Zukunft ?
Es gibt keine Geiss, die den Computer weglecken kann

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lecon 20.07.2014, 12:25
55. Dass

Zitat von crigs
Heute dominiert die angewandte Mathematik unser Leben und die Geisteswissenschaften sind zum Hobby geworden. Wenn Sie Geld verdienen wollen, dann ...
es die Geisteswissenschaften bei Ihnen nicht einmal bis zum Hobby geschafft haben, machen Sie durch Ihren verqueren Post mehr als deutlich. Oder was hat — außer MINT-Propaganda — Ihr Hinweis mit dem Thema zu tun?
Auf der einen Seite wird sich hier darüber beschwert, dass Schüler angeblich keine Rechtschreibung oder selbständiges Denken mehr beherrschen, auf der anderen gibt es dann aber Exemplare wie Sie, die genau diesen "Disziplinen" nur noch Hobbycharakter zuschreiben. Erkennen Sei einen Zusammenhang? Ich bin mir nicht sicher...

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hjm 20.07.2014, 13:19
56.

Zitat von lecon
es die Geisteswissenschaften bei Ihnen nicht einmal bis zum Hobby geschafft haben, machen Sie durch Ihren verqueren Post mehr als deutlich. Oder was hat — außer MINT-Propaganda — Ihr Hinweis mit dem Thema zu tun? Auf der einen Seite wird sich hier darüber beschwert, dass Schüler angeblich keine Rechtschreibung oder selbständiges Denken mehr beherrschen, auf der anderen gibt es dann aber Exemplare wie Sie, die genau diesen "Disziplinen" nur noch Hobbycharakter zuschreiben. Erkennen Sei einen Zusammenhang? Ich bin mir nicht sicher...
Ich stimme Ihnen in der Kritik an crigs zu, frage mich aber: Was haben Rechtschreibung und selbständiges Denken speziell mit Geisteswissenschaften zu tun?

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lecon 20.07.2014, 15:57
57. Sie

Zitat von hjm
Ich stimme Ihnen in der Kritik an crigs zu, frage mich aber: Was haben Rechtschreibung und selbständiges Denken speziell mit Geisteswissenschaften zu tun?
liegen vollkommen richtig. Per definitionem natürlich zunächst nichts. Sie müssen mir aber zustimmen, wenn ich behaupte, dass Sprache — deren Untersuchung, Beschreibung etc. — eher ein Feld der Geistes-, denn der Naturwissenschaft ist. In Bezug auf die Schulfächer hat allerdings das Fach Deutsch mit Germanistik ungefähr so viel gemein wie schulische Mathematik mit universitärer.
Worauf ich hinauswollte: So lange der Wert eines Faches an der potenziellen Monetarisierung gemessen wird — so argumentierte schließlich der Vorposter indirekt —, dann ist eine Vernachlässigung/Geringschätzung anderer Disziplinen fast eine logische Konsequenz. Wenn also alle Ingenieure und "harten" Naturwissenschaftler hier im Forum Ihren Sprösslingen das vermitteln, was sie hier immer lauthals äußern — nämlich dass Geisteswissenschaften (Deutsch, Philosophie, ...) allesamt "Laberfächer" sind —, dann bleibt das nicht ohne Effekt.

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Blaue Fee 20.07.2014, 17:18
58. Seltsam...

Zitat von th.enz
Und das ist vor dem "G8" in den alten Bundesländern anders gewesen? Eher nicht. Man schaue sich einfach die Stundentafeln und Unterrichtsvolumina an. In den alten Bundesländern brauchten die Schüler 13 Jahre, weil die Unterrichtszeit pro Woche 29-30 Schulstunden nicht überschreiten durfte. ... Solche und andere Umstände lassen das Abitur West in einem ganz schlechten Licht erscheinen; egal ob G8 oder G9. In Sachsen und Thüringen geht G8 seit 1946 ohne Probleme. Wie dilettantisch kann man in Bayern oder Baden-Württemberg eigentlich noch sein, daß das nach Jahren und Jahren und Jahren immer noch nicht klappt.
Ich finde es ja immer wieder amüsant, dass Sie ihr Ostabitur auf so ein hohes Podest stellen wollen, indem Sie andere Bundesländer schlechtmachen.

Lustigerweise hatte ich in Bayern auch noch 1989 eine 6-Tage-Woche, in der 11. Klasse 20 Fächer (darunter ein Feldmesspraktikum) und auch knapp 40 Schulstunden.

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fandango2 28.07.2014, 21:21
59. Früher

Meine Mutter Jahrgang 1921 besuchte "nur" eine Zwergschule in Vorderpommern, also um 1930 herum. Zur Erntezweit hatte man schulfrei, die Kinder mussten mit anfassen. Im Winter war schon mal schneefrei. Trotz dieser miserablen Bildungsvoraussetzungen war meine Mutter in der Lage, bis hoch in ihre 80er-Jahre hinein,- seitenlange Briefe in DIN-A4 zu verfassen, in gestochener Schreibschrift und nahezu fehlerfrei,- vielleicht einmal ein fehlendes Komma, Rechtschreibefehler nahe an Null. Man hatte ja einen abgegriffenen Duden zur Hand!
Meine Mutter war sicher keine akademisch begabte Intellektuelle, halt ganz normal.
Heute erbringen wahrscheinlich nicht einmal Leistungskursschüler im Fach Deutsch in Bayern solche Rechtschreibleistungen über mehrere Tausend Wörter hinweg. Noch Fragen?

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