Forum: Leben und Lernen
Kürzung an Hochschulen: Ost-Unis droht Spardiktat
Jan-Henrik Wiebe

Politikwissenschaft, Pharmazie, Wirtschaftsgeschichte - gestrichen. Viele Hochschulen in Ostdeutschland müssen massiv sparen. Nach Jahren des Aufschwungs werden in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt Hunderte Stellen abgebaut. Viele Professuren und ganze Studiengänge fallen weg.

Seite 1 von 7
hans-haase 22.11.2013, 07:58
1. Überversorgung

Im Zuge der Evaluation nach der Wende wurden im Vergleich zum Rest der Welt unverhältnismässig viele Lehrende an Thüringer Hochschulen zu Professoren gemacht, eine Menge Pappnasen darunter (siehe Musikhochschule Weimar). Man kannte und half sich gegenseitig. Welcome to reality....

Beitrag melden Antworten / Zitieren
sista72 22.11.2013, 08:04
2. lol!

Genau, gute Lehre könnte auch von Lehrbeauftragten gemacht werden! Problem ist nur, dass die entweder kaum (wie in Jena) oder nur für die Stunden der Lehre (also ohne Vorbereitung oder Fahrkosten) bezahlt werden. Das sichert weder Motivation noch Qualität. Nicht zu fassen, dass dieses System von Ausbeutung kultiviert werden soll...

Beitrag melden Antworten / Zitieren
gog-magog 22.11.2013, 08:21
3. Tja, die Totalüberwachung und die Bankenrettung, das kostet halt.

Zitat von sysop
Politikwissenschaft, Pharmazie, Wirtschaftsgeschichte - gestrichen. Viele Hochschulen in Ostdeutschland müssen massiv sparen. Nach Jahren des Aufschwungs werden in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt Hunderte Stellen abgebaut. Viele Professuren und ganze Studiengänge fallen weg.
Es ist immer wieder das gleiche: Politiker stellen sich hin und versprechen Investitionen in Bildung, weil das die einzige Ressource dieses Landes ist und nach der Wahl wird im Bildungsbereich gestrichen was das Zeugs hält. Das ist nicht nur in Thüringen so, sondern in allen Bundesländern. Wer in diesem Land noch eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, der muss gehörig einen an der Waffel haben.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
holdensturm 22.11.2013, 08:21
4.

Ja, wird ja auch zunehmend gemacht und ist grundsätzlich falsch! Die Universität ist keine Schule, sondern ein Ort der Begegnung und konstruktiven Zusammenarbeit von Forschern und Studenten. Diese sollten eine fruchtbare, wechselseitige Beziehung zueinander entwickeln. Stattdessen übernehmen Lehrbeauftragte und junge (unerfahrene) wissenschaftliche Mitarbeiter einen Großteil des Kontakts zu den Studenten, während die Professoren sich zunehmend zurückziehen (sollen). Die (Akademiker-)quotengetriebene Verschulung des Bildungs~ und Wissenschaftsbetriebs einschließlich des damit einhergehenden Leistungsniveaurückgangs ist entmündigend und züchtet eine immer stärker des selbstständigen Denkens unfähige Generation heran, die die heutige "Elite" nach Belieben manipulieren kann. Und das Wahlvolk erhebt sich nicht, sondern schaut nur zu und nickt ab. Es ist nicht zu fassen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
renee gelduin 22.11.2013, 08:22
5. optional

Unter diesem Aspekt erscheint die Aussage eines WiWi-Profs der FSU Jena umso fragwürdiger: "... da hatten wir noch Geld übrig (gemeint ist hoch vier-, bzw niedrig fünfstellig) und wussten gar nicht wohin damit. Dann haben wir einfach noch einen Beamer gekauft und ...".Mit Ausnahme des ein oder anderen engagierten Profs ist mir die FSU ehrlich gesagt auch nicht sonderlich positiv in Erinnerung geblieben. Wofür, auch an anderen Hochschulen, so Geld ausgegeben wird, da schlägt man als Student, der sich das Geld anderswo absparen und dann auch noch seltendämlich Kommentare anhören muss ("Sie müssen sich entscheiden, studieren und arbeiten geht halt nicht") die Hände vorm Gesicht zusammen.
Andere Erlebnisse: Man saß in mehreren Reihen noch aus den Räumen heraus auf dem Flur (!), bei anderen Kursen fanden sich später zwei, drei Leute plus Dozent (was Privatunterricht gleichkommt, mit sämtlichen Vor- und Nachteilen). Sind jetzt natürlich Erfahrungen im kleinen Rahmen, aber die Verwaltung scheint in puncto Effizienz noch ausbaufähig zu sein.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
crabcrab 22.11.2013, 08:24
6.

Auch Unis müssen wirtschaften, keine Frage. Gerade weil Sie nicht wie Unternehmen funktionieren (auch wenn viele das gerne so hätten), sind solche Aktionen unvermeidbar. Angebot und Nachfrage müssen abgestimmt werden – Fragwürdig ist nur, ob das durch die Politik geschehen sollte.

Eine Farce ist allerdings der Hinweis auf die Lehraufträge. Lehraufträge sind schlecht vergütet, werden häufig nachschüssig bezahlt, und kurzfristig verhandelt. Sie dienen als Lückenfüller und werden nicht mehr verlängert, wenn Sie nicht mehr benötigt werden. Für die Unis ist das eine tolle Sache.

Auf der anderen Seite stehen aber hoch- bis höchstqualifizierte, die neben Detailwissen auch didaktische Fähigkeiten brauchen. Am liebsten wird jemand genommen, der eigentlich auch zum Professor taugen würde. Der lädt sich den Lehrauftrag entweder zu einer zusätzlichen Tätigkeit auf, oder aber versucht mit Lehraufträgen über die Runden zu kommen. Häufig mit enormer Pendelei und einem Planungshorizont von 3 Monaten. Das mag man jetzt mit dem Los eines kleinen Selbstständigen vergleichen, so einfach ist die Geschichte aber leider nicht.

Davon ab macht sich eine Uni unglaubwürdig: mit Lehraufträgen Lücken abzufangen, macht Sinn, die Lehre darauf auszurichten nicht. Wo bleibt der Wissenstransfer aus der Forschung ins Studium? Oder sollen die Damen und Herren Lehrbeauftragten in Ihrer Freizeit auf eigene Kosten forschen? Wie soll sinnvoll ein Verhältnis zwischen Studenten und Lehrenden aufgebaut werden, wenn letztere ständig wechseln?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
kwifte 22.11.2013, 08:24
7. Es wäre doch gelacht,

wenn wir die Bildungs-Musterschüler im Osten nicht auf West-Niveau bekämen, also herunterziehen. Keine Bange, sobald die universitäre Landschaft geschleift ist, kümmern wir uns um die Schulen. Da liegt im Osten noch vieles im Argen, sprich ist zu teuer und zu gut.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
barragan 22.11.2013, 08:31
8. Round 1 - Fight!

Jetzt gehts wieder los! Der von SPON so heiß geliebte ewige Kampf zwischen MINT und Geistis... wer hat diesmal die meisten Foristen auf seine Seite?

Die Idee mit dem Sensenmann finde ich persönlich ausgesprochen innovativ... *hust*

Beitrag melden Antworten / Zitieren
wwwwalter 22.11.2013, 08:32
9. Gefährliche Entwicklung

Bis zu einem gewissen Grad ist es verständlich, wenn sich Unis noch mehr auf Fächer konzentrieren, die an der Forschungsfront ganz vorne stehen, Fächer in denen noch eine Menge Erkenntnisgewinn möglich ist. Es ist konsequent und sinnvoll, wenn da das meiste Geld reinfließt. Andererseits gibt es auch einige totgeforschte Fächer, besonders in den Geisteswissenschaften... Aber muss man die gleich komplett abschießen ?

Ich bin der Meinung, dass auch weiterhin die volle Breite der Bildung und Forschung in Deutschland vertreten sein muss - auch in den sogenannten Orchideenfächern, sonst hat man in bestimmten Fachbereichen plötzlich bundesweit gar keinen Ansprechpartner mehr, was fatal bis gefährlich wäre.

Wie das bei den aktuellen Strukturen allerdings gewährleistet werden soll, ist mir ein Rätsel. In den letzten 10-15 Jahren wurden bereits eine Menge Lehrstühle wegrationalisiert, und jetzt rollt offenbar eine zweite Welle an.

Die Unis sind in meinen Augen zu autark geworden, sie arbeiten teilweise schon wie Wirtschaftsunternehmen und stehen immer mehr unter Zwang, Drittmittel an Land zu ziehen. Am Ende dieser Entwicklung bleiben ausschließlich die Fächer übrig, die am meisten Geld, Einfluss und viele Studenten bringen.

Drum brauchen wir wieder mehr Einflussmöglichkeiten der Wissenschaftsministerien. Entsprechende Gremien sollten den Blick aufs Ganze ermöglichen, dendie einzelnen Unis, aber auch die Bundesländer nicht haben. Zumindest in wichtigen Einzelfällen sollte es eine Vetomöglichkeit geben, wenn eine Uni komplette Fachbereiche schließen oder ganz neu ausrichten will. An so einer Stelle muss das Primat der Politik wiederhergestellt werden. Die Unabhängigkeit einer jeden Uni geht mir inzwischen zu weit. Es gibt auch eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung und eine Verantwortung für die Wissenschaft und ihre Geschichte. Da zählen nicht nur kurzfristige Modeerscheinungen und Strömungen. Ist ein Fachbereich erst mal völlig weggebrochen, wird es sehr schwer und kostspielig, ihn wieder aufzubauen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 7