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Lehrergeständnis: "Ich gebe nur noch gute Noten"
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Ist es gerecht, Schülern die Zukunft zu verbauen, weil Lehrer ihnen schlechte Noten geben? Das hat sich eine Lehrerin gefragt - und entschieden: Bei ihr besteht jeder das Abitur.

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torotti 10.01.2019, 12:43
90. Früher ist immer noch heute

Unser Sohn ist im Sommer 2018 auf die weiterführende Schule gekommen (Gymnasium). Nach einem halben Jahr können wir sagen: Abgesehen von einer Flut von mehr oder weniger fragwürdigen Reformprojekten, Zertifizierungs- und Schulwettbewerbswahnsinn, MINT- und Dings-Zusatzgedöns und hat sich seit der Schulzeit von meiner Frau und mir (Abi vor 32 Jahren) im Kern nichts geändert: Noten, Schulerfolg und damit leider oftt auch der berufliche Lebensweg hängen wie ehedem von der jeweiligen Schule und von einzelnen Lehrerinnen und Lehrern ab. Die einen fördern verständnisvoll, die anderen machen schon in der 5. Klasse einen solchen Druck, dass Kindern jede Motivation verloren geht. Es gibt immer noch Lehrer, die vor versammelter Klasse die Noten der Klassenarbeiten vorlesen und Schülerinnen und Schüler bloßstellen. Mit verständnisvoll meine ich übrigens nicht Nachlässigkeit oder das "Noten verschenken" wie im Beitrag beschrieben, sondern einfach einen wertschätzenden Umgang.
Während es in den meisten Berufen inzwischen interne und externe Qualitätskontrollen gibt, können insbesondere Gymnasiallehrerinnen und -lehrer wie früher ihre ganz persönlichen Bildungsvorstellungen und Marotten ausleben - zum Vor- oder Nachteil unserer Kinder. Ein befreundeter Berufsschullehrer erzählt, dass bei Fortbildungsveranstaltungen, in denen es darum geht, das eigene Berufsbild und Lehren zu hinterfragen oder sich mit anderen auszutauschen (Pear-Review) Gymnasiallehrer kaum oder gar nicht auftauchen. Und das hat sicher weniger mit der Belastung durch überspannte Eltern zu tun, die sich sicher nicht immer sinnvoll zu jedem Thema einbringen, sondern in erster Linie mit einem ganz besonderen Selbstverständnis, dass sich mehr um die Ehre der Gymnasien als um eine gute Zukunft der Kinder dreht. Ausnahmen bestätigen die Regel.

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argumentumabsurdum 10.01.2019, 12:45
91. Angst vor Konfrontation

"Woher weiß ich, wie sich jemand in Zukunft noch entwickelt und wozu er fähig ist?" - Ganz genau, woher soll man das wissen? Das kann aber auch ins Gegenteil umschlagen. Im - zugegeben - kleineren Maßstab erlebe ich gerade die Folgen, wenn schon in der Grundschule die guten Noten mit der Gießkanne verteilt wurden. Die Klasse meiner Tochter ist zu 100% auf das Gymnasium gewechselt, was man uns Eltern nicht verdenken kann, wenn die Kinder alle einen Notendurchschnitt von 1-2 hatten. Wir bemühen uns gerade, dem Mädchen die dazugehörige Substanz zu vermitteln. In einem halben Jahr werden wir dann wohl entscheiden, ob die in gutem Glauben gewählte Schulform wirklich die richtige ist...
Ich suchte kürzlich das Gespräch mit ihrer ehemaligen Klassenlehrerin. Kernaussage der Frau:"Ich gebe doch lieber bessere Noten, als mich mit den Eltern rumärgern zu müssen." Schönen Dank auch; auf meine Beschwerde beim Stadtschulamt habe ich bisher nur die Eingangsbenachrichtigung erhalten.
Neu ist die Haltung ja nicht; als ich vor fast 30 Jahren Abitur gemacht habe, wurde in einem Parallelkurs von einem sehr beliebten Lehrer der komplette (wie sich herausstellte auch angenommene) Aufgabenvorschlag vorher durchgearbeitet; seine Aspiranten erzielten Traumergebnisse. Aber wo bildet das die Realität ab? Nun, um oben zitierte Aussage noch mal aufzugreifen: Vielleicht entwickeln sich ja alle noch und wenn der Knoten erst mit 50 platzt, dann hätte die Frau immer noch Recht behalten.

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stefan7777 10.01.2019, 12:50
92. Das deutsche Schulsystem soll nicht fördern sondern aussortieren.

"Notendruck macht vielen Schülern Angst, er frustriert und manipuliert sie, behindert häufig das Lernen oder auch, dass sie sich zu verantwortungsbewussten Personen entwickeln können."

Viele Kinder können genau das innerhalb des deutschen Systems nicht, es geht viel Potenzial verloren. Wenn man die Philologen so anhört, glaubt man zurückversetzt zu sein in die 80ger Jahre. Wobei es doch so leicht wäre auch mal über den Tellerrand zu blicken und zu lernen! Anbei ein kleines Beispiel:

https://www.geo.de/geolino/mensch/7795-rtkl-schule-ohne-noten

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µPi 10.01.2019, 12:51
93. Abitur - Nur durch WISSEN, Können und Lernwillen

Als ich mein Abitur gemacht habe, wurden nur Schüler zu der eltiären Wissenvermittlung zugelassen, die auch willens waren, sich Wissen anzueignen, die Grundlagen zum Gymnasium erbrachten und ein Grundmaß an Können mitbrachten. Leider werden alle Kinder zum Abi gedrängt, weil die Eltern es wollen.
Nun kommt der Fakt hinzu, dass die Leistungsbeurteilungen per Note sich auf wenige Zeitpunkte beschränken. Wo ich im Schuljahr z.B. in Chemie bis zu 20 Noten erhielt, muss ein Schüler heute mit 6 oder 8 Noten auskommen, was die Leistungsfähigkeit, den Wissenstand und auch den Stand des Wissenzuwachses nicht widerspiegeln kann. Heute kann eine Note einer versauten Arbeit nicht mehr ausgeglicvhen werden.
Das Schulsystem krankt an seinen stetigen "Reformen", wo die Lehrer resignieren und z.T. in den gleichen Jammerton der achso armen Schüler einstimmen.
Aber ich gebe zu bedenken: Wenn ich nicht Singen kann, kann ich keine 1 im Musik erwarten, ohne künstlerische Begabung fällt mir das Zeichnen schwer, mit körperlichen Schwächen kommt keine 1 im Sport in Frage. Lewistungsbeurteilungen sollte das bleiben was sie sind: Beurteilungen der Leistung, nicht ein Gnadengeschenk aus Mitleid.

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c-radler 10.01.2019, 12:53
94. Zwei Gedanken

1)
Diese Lehrerin diskreditiert die Kollegen, die noch ehrliche Noten geben. Wer nachher mit aufgebrachten Schülern und Eltern zu kämpfen hat, die sich wundern, dass nicht in jedem Fach die Wunschnote steht, dürfte klar sein.
2)
Es geht hier nicht um die Frage, ob das Auswendiglernen überholt ist (was ich nicht glaube).
Allerdings gibt es nicht nur „Auswendiglernfächer“.
Wenn zahlreiche SchüleInnen heute nicht mehr in der Lage sind halbseitige Texte zu lesen, zu verstehen oder gar zu schreiben, sind sie schlicht nicht geeignet für die Hochschule.

Ich bin Lehrer an einem beruflichen Gymnasium in Ba-Wü. Gut die Hälfte der SchülerInnen, die zu mir in die 11. Klasse kommt, ist nicht in der Lage eine Inhaltsangabe zu schreiben.
KollegInnen ändern in der Notenkonferenz die Notevon 4 auf 2 damit eine 5, die ich oder MathekollegInnen vergeben haben, ausgeglichen wird.
Die Klassenlehrer ruft (im Namen des Schulleiters!) KollegInnen an und fragt nach der Notenkonferenz für das 2. Halbjahr der 13. Klasse, ob nicht ein Kollege die Note für die SchülerIn xy um 3 Notenpunkte erhöhen könnte, damit besagter Schüler den NC für ein bestimmtes Studienfach überspringt!!

Die Zugeständnisse, die heute bei Schülern mit sozial prekärem Backround gemacht werden, gehen schon weit über das hinaus, was vor 20 Jahren denkbar war.

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5mark 10.01.2019, 12:57
95. Ha Ha Ha Ha Ha - ich übersetze oder reflektiere mal kurz

"Ist es gerecht, wenn Schülerinnen und Schüler aufgrund meiner Note nicht studieren können?"

Die Frage ist als geschlossene Frage formuliert, die man eigentlich nur mit Ja oder Nein beantworten können sollte. Allerdings führt sie hier in ein Paradoxon. Denn wenn ein Schüler nach einer üblichen Bewertung seiner Leistungen eine Note erhält, die Ihm ein Studium nicht erlaubt, kann er auch nicht studieren, wenn man ihm die Allgemeine Hochschulreife attestiert, ohne dass er die dafür erforderliche Leistung erbringen konnte. Denn dann hat er tatsächlich nicht die allgemeine Hochschulreife und kann zwar studieren aber nicht mit Erfolg und würde somit nur seine Lebenszeit verschwenden.
Das ist vergleichbar mit den Größenanforderungen in der Achterbahn. Wenn Kinder 1,40 m groß sein müssen, um mitfahren zu können kann man sich auch nicht die Frage stellen: "Ist es gerecht, wenn Kinder aufgrund meiner Messung nicht mitfahren können?" wenn eine ungeschönte Messung ergibt, dass das Kind zu klein ist, wäre die Fahrt lebensgefährlich. Und daran ändert sich nichts, wenn man einem zu kleinen Kind einfach die erforderliche Größe attestiert.

"Ich habe das Gefühl, dass ich durch die Notengebung meiner Aufgabe, die Schüler beim Lernen zu unterstützen."

Das heißt nichts anderes als, " Ich belüge meine Schüler lieber über ihren tatsächlichen Leistungsstand, weil aus welchem Grund auch immer."
Denn eine Lernunterstützung kann es wohl kaum sein, wenn man Schülern durch die Noten vermittelt, ihre Leistungen wären gut und sehr gut, wenn diese es tatsächlich nicht sind.
Wie bitte schön soll ein Abiturient mit 18 oder 19 Jahren, auf der Suche nach dem geeigneten Studienfach (ich unterstelle einfach mal, dass sie alle studieren wollen) auch nur im Geringsten eine Vorstellung entwickeln, ob er für das eine oder andere Studium überhaupt geeignet ist und ob er Chancen hat es erfolgreich zu beenden?

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g_bec 10.01.2019, 12:59
96. Weil

Zitat von luli-70
Die Abiturklausuren werden doch extern und durch mehrere Korrektoren bewertet? Und hier können zwei Lehrer entscheiden, ob das Abitur bestanden wird? Sehr merkwürdig, oder hat hier wieder die Qualitätskontrolle versagt? Ansonsten würde ich als Journalistin mal nachforschen, wie dieses Vorgehen möglich ist.
Weil das Abi mehr ist als Abiturklausuren, geht das ganz gut. Es sind für ein erfolgreiches Abi nämlich auch Punkte (in Nebenfächern) einzubringen, die bereits ab der elften Klasse erworben werden müssen und die nicht mit einer Prüfung zu erwerben sind, Korrektoren haben da also gar keine Bewertungsmacht. Zumindest in unserem Bundesland ist das so. Und die hier erzählende Lehrerin sagte ja explizit, dass es sich bei Tarik um ein Nebenfach handele.

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zwischen_durch 10.01.2019, 13:03
97.

Zitat von argumentumabsurdum
Als ich vor fast 30 Jahren Abitur gemacht habe, wurde in einem Parallelkurs von einem sehr beliebten Lehrer der komplette (wie sich herausstellte auch angenommene) Aufgabenvorschlag vorher durchgearbeitet; seine Aspiranten erzielten Traumergebnisse. Aber wo bildet das die Realität ab?
Ihr Beispiel zeigt sehr schön die Absurdität der Fixierung auf Noten auf. Denn das krasse Gegenbeispiel wäre ein Lehrer, der seinen Schülern nur mitteilt, was sie laut Lehrplan wissen müssten und dann eine Prüfung zu Stoff vornimmt, den sie im Unterricht nie durchgesprochen haben. Beide Varianten kommen im deutschen Schulsystem vor.
Absurd ist jedoch, dass die auf solch völlig unterschiedliche Art erzeugten Noten als gleichwertig nebeneinandergestellt werden und behauptet wird, man könne sie vergleichen.

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gangnamstyle 10.01.2019, 13:03
98. Tarik und Co sind die ersten Kandidaten, die an Hochschulen scheitern

Es ist nur menschlich, was die Lehrerin dabei gedacht hat. Allerdings hat sie nicht weit genug gedacht. Denn der Tarik kommt zur Hochschule und scheitert an Leistungsdruck und gehört zu denen, die frühzeitig das Studium abbrechen. Besser wäre es gewesen Tarik in eine Berufsschule zu schicken oder ihm bzw. seine Eltern dazu anzuregen eine Ausbildung anzufangen. Es ist keine Schande in Deutschland, wenn man nicht studiert hat. In Deutschland kann man mit einem Ausbildungsberuf bis zu einem Meister hocharbeiten. Manche Berufe sind so stark nachgefragt, dass sie inzwischen sehr gut bezahlt werden.

Die Lehrerin hat also das Problem nicht gelöst, sondern aus Feigheit das Problem nur nach hinten verschoben. Es tut mir leid um Tarik&Co. die nach wenigen Semestern das Studium abbrechen müssen und etwas anderes mach müssen.

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argumentumabsurdum 10.01.2019, 13:04
99. Kollabiertes Schulsystem

Allerdings kann man kaum jemandem einen Vorwurf machen, der versucht, seine Kinder durch das Gymnasium zu kriegen. Wir haben doch in den letzten Jahrzehnten selber für eine gewisse Alternativlosigkeit gesorgt. Hauptschule - Handwerk, Realschule - kaufmännische Berufe, Gymnasium - Studium. Das war mal; wenn heute die Abiturienten schon in das Handwerk streben, dann wird es für die Realschüler zunehmend schwerer. Hauptschüler sind schon komplett abgehängt. So gesehen gibt es bald kaum noch eine Alternative zum Gymnasium. Nur - wenn sich letztlich alle unsere Schüler dort wieder finden, dann sollte zumindest innerhalb dieser Schulstufe die Realität durch ehrlich erworbene Noten abgebildet werden.

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