Forum: Leben und Lernen
Lernen mit Behinderung: "Jedes Kind darf auf eine Regelschule"

Bisher wurden Kinder mit einer Behinderung auf Sonderschulen wegsortiert - auch gegen den Willen der Eltern. Dies soll sich in den nächsten Jahren ändern. Völkerrechtsexperte Eibe Riedel erklärt im Interview, wie sich Eltern schon jetzt für einen Platz an einer Regelschule einsetzen können.

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Velbert2 28.01.2010, 14:31
1. Behinderte Kinder in die Regelschule

Zitat von sysop
Bisher wurden Kinder mit einer Behinderung auf Sonderschulen wegsortiert - auch gegen den Willen der Eltern. Dies soll sich in den nächsten Jahren ändern. Völkerrechtsexperte Eibe Riedel erklärt im Interview, wie sich Eltern schon jetzt für einen Platz an einer Regelschule einsetzen können.
Grundsätzlich ist gegen eine Integration von behinderten Kindern in Regelschulen nichts einzuwenden.
Es muß allerdings gewährleistet sein, dass alle Kinder einer Klasse die gleiche Aufmerksamkeit der Lehrer erfahren.
Wenn behinderte Kinder mehr Aufmerksamkeit erfahren als die anderen Kinder ist die Gefahr der Eifersucht groß.
Die Motive dieser größeren Aufmerksamkeit sind Kindern zumindestens in den unteren Klassen der Grundschule schwer zu vermitteln.

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DanielaMund 28.01.2010, 14:40
2. Wie eine Kuh vom Klettern..

Eibe Riedel, der an der Uni Mannheim eher zu den Koryphäen in Forschung als in Lehre gehörte, ist also der Meinung, alle Behinderten, egeal welche Behinderung sie haben, hätten ein Recht auf Beschulung in Regelschulklassen. Wenn ich es recht weiß, war seine Homepage aber alles andere als barrierefrei - und hier geht es "nur" um Sehbehinderung, nicht um Spastiken, Rollstuhlfahrer, etc. Kann man eigentlich an der Uni Mannheim inzwischen sein Hörgerät einstöpseln? Hat sich Herr Riedel dort jemals für die Integration Behinderter engagiert? Oder macht man das nur, wenn es weit weg von einem ist?

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kerstinschmidt79 28.01.2010, 14:53
3. aus Erfahrung

Zitat von Velbert2
Grundsätzlich ist gegen eine Integration von behinderten Kindern in Regelschulen nichts einzuwenden. Es muß allerdings.....
Ich habe selbst vor Jahren eine Schule besucht, in der Hauptschüler, Realschüler und Gymnasiasten zusammen in einer Klasse saßen und wir hatten einen geistig und körperlich behinderten Mitschüler.
Aus Erfahrung muss ich sagen, es hat das Leben der Klasse bereichert und die größere Aufmerksamkeit der Lehrer wurde in diesem Fall durch Zivildienstleistende, die sich um meinen Klassenkameraden gekümmert haben, abgemildert. Für mich war er ein ganz normaler Schüler.

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Nikolaus Timmerbeil 28.01.2010, 14:54
4. Wegsortiert

Tut man vielleicht manchem behinderten Kind gar keinen Gefallen, wenn man es in eine der Schulformen für Nicht-Behinderte steckt. Wenn es geht, ja, aber wenn es wegen der Art der Behinderung nicht geht, stelle ich mir einen gemeinsamen Schulbesuch schwierig vor. Contergan-Kinder, Glasknochen, Sehbeinderte hatten wir schon an unserem Gymnasium. Was wäre aber mit Down-Kindern mit schwerer Beeinträchtigung? Wo würde ihnen das gemeinsame Lernen hilfreich sein? --- Mit großen Sprüchen und auch großen Rechtsansprüchen löst man keine Probleme.

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urbansonnet 28.01.2010, 15:32
5. Individualbetreuung statt Gleichmacherrei

Grundsaetzliche gleiche Chancen fuer alle ist natuerlich wichtig und richtig. Aber trotz alle dem muss man doch auch einsehen, dass nicht alle Menschen gleich sind und demnach auch die Lernbetreuung nicht fuer alle die selbe sein kann.

Diese ewige auf Gutmensch komm raus Gleichmacherrei geht mir langsam wirklich auf die Nerven. Auch wenn man es moralisch gern so haette, nicht jeder ist fuers Gymnasium oder eine hoeher weiterfuehrende Schule geeignet. Und zwanghaft zu versuchen die Kinder auf ein Niveau zu trimmen, sollte man eher drauf aus sein, das nicht zu tun, sondern nach Talent und Veranlagung zu foerdern. Lieber ein guter Handwerker als ein schlechter Akademiker.

Und diese Einstellung: "Alle in einen Pott und der Lehrer wirds schon richten und jedem die individuell noetige Aufmerksamkeit schenken" ist ja wohl absolut blauauegig. Gut, es mag Faelle geben, wo dieses Konzept wirklich aufgeht, aber im grossen und ganzen sind das wohl eher die Ausnahmen.
Man kann es drehen und wenden wie man will, die alte Kalenderweisheit "Jede Kette ist nur so stark wie ihr schwachstes Glied." bewahrheitet sich. Und auf kurz oder lang wird man sich mit dem Kurs der Gleichmacherrei eine Generation des noch ertraeglichen Mittelmasses herrangezuechtet haben, die alle Talente des Einzelnen niedergebuttert hat um sich eine Pseudo-moralisch weisse Weste anziehen zu koennen. Aber dann nicht bei naechsten Pisa-Test wieder anfangen zu heulen.

Wirklich, was ist denn so falsch daran, Lerngruppen zu bilden (a.k.a Klassen) von Schuelern mit den gleichen Talenten, Begabungen, Veranlagungen? Ich verstehe nicht, warum das ein schlechters Lernkonzept sein soll, als alle zusammen in einen Topf zu schmeissen.

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simie 28.01.2010, 19:00
6. @ urbansonnet

Ihr Informationsstand ist vom aktuellen Stand der Forschung im Bereich Bildung Lichtjahre entfernt. Alle Studien belegen, dass stärkere Schüler nicht unter der Anwesenheit von Schwächeren leiden. Im Gegenteil. Ihr Spruch vom schwächsten Glied der Kette ist in diesem Fall komplett falsch und auch menschenverachtend.

Um auf die Situation von körperlich und geistig Behinderten Jugendlichen in Deutschland einzugehen. Es ist ein Skandal, dass überhaupt Sonderschulen existieren. Dies führt dazu, dass Behinderte - unabhängig von ihren Fähigkeiten - von vornherein abgestempelt werden, und kaum Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben. Anstatt gefördert werden sie vielfach einfach unterfordert. Ein tragisches Beispiel ist hier zu lesen:http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-63344762.html

Ein Auszug:"Carolins Mutter Inge Kirst hat von dieser Studie nichts gewusst, doch der beste Beleg für die Richtigkeit der These sitzt neben ihr am Küchentisch. Carolins fünf Jahre jüngere Schwester Sarah hat den gleichen Gendefekt, doch sie hatte das Glück, einen Platz an der integrati- ven Grundschule gleich um die Ecke zu bekommen. Die Mutter hatte inzwischen herausgefunden, wie man mit Finesse das Schulamt umgeht.

Sarah hat in der vierten Klasse der Regelschule schon mehr gelernt als ihre große Schwester nach acht Jahren an der Förderschule."

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marit 28.01.2010, 19:40
7. tatsächlich?

Zitat von simie
Ihr Informationsstand ist vom aktuellen Stand der Forschung im Bereich Bildung Lichtjahre entfernt. Alle Studien belegen, dass stärkere Schüler nicht unter der Anwesenheit von Schwächeren leiden. Im Gegenteil.
Ich finde es immer sehr interessant, wenn Studien etwas erzählen das der Alltäglichen Erfahrung widerspricht.

Schonmal eine Klasse erlebt in der gute Schüler sich langweilen und schlechte Schüler an maulen weil sie nicht weiter machen dürfen?
Schonmal Schüler erlebt die andere beschimpfen weil sie diese für dumm halten weil sie die "einfachsten Sachen" nicht begreifen?

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andrea herrig 28.01.2010, 19:59
8. "Wegsortiert" zu sagen zeugt schlicht von Unwissenheit

"Wegsortiert" klingt wie weggesperrt und weckt noch schlimmere Assoziationen! Hilfe! Diejenigen die davon sprechen sind herzlich eingeladen, sich eine Förderschule für geistig Behinderte mal von Innen anzuschauen! Für diese spreche ich.

Bevor jedoch die Diskussion über die Umsetzung der UN-Konvention an der Bildung "hängenbleibt", (die keineswegs alleiniger Inhalt dieser ist),sollte Jede und Jeder sich an die eigene Nase fassen und überlegen, was und wie und wo er/sie selbst etwas dazu beitragen kann im alltäglichen Miteinander!
In welchen Bereichen können wir denn Integration oder sogar Inklusion finden in der Gesellschaft? Das geht mit fehlenden Bordsteinabsenkungen los und weiter mit dem nichtgemachten Hilsangebot an einen benachbarten Senior oder an eine Familie mit einem behinderten Kind.(Diese Liste könnte endlos werden!)

Zurück zur Bildung:
Ich habe nichts gegen Integration im Schulbereich, aber etwas gegen Pauschlisierungen wie die Formulierung "Sonderschulen sollten abgeschafft" werden.
Das hieße, eine graue Masse von behinderten Kindern besucht -komme was wolle- in den nächsten zwei bis vier Jahren (laut Herrn Riedel) eine Regelschule. Ist aber nicht jedes Kind ein Unikat, dessen besondere Bedürfnisse in Einzelnen eruiert werden müssen?
Ich meine schon, die Möglichkeiten einer integrativen Unterrichtung sollten ausgebaut und qualitativ gut abgesichert werden. Das bedeutet Gestzesänderungen, aber vor allem ein Umdenken vor Ort. Die Lehrerbildung muss optimiert werden, sprich Behindertenpädagogik, Psychologie, Pädiatrie, Neuropsychiatrie, Neurologie, usw. (Inhalte der Ausbildung von Sonderpädagogen) dürfen für Regelschullehrer keine böhmischen Dörfer mehr sein! In den Regelschulen müssen organisatorisch, materiell und vor allem personell entsprechende Bedingungen geschaffen werden. Das sind Rückzugsräume, besondere therapeutische Materialien und Angebote, genügend ausgbildetes Personal usw.

"Dabei-sein" kann für ein behindertes Kind durchaus schön und gewinnbringend sein, aber es ist nicht alles!
Denn Streicheln und positive Zuwendung sind noch nicht die optimale Förderung, die für jedes behinderte Kind individuell eruiert werden muss!
Beispiel: Es ist ein Unterschied, ob ein Schüler in der Integrationssituation bei einer Liederarbeitung im Musikunterricht der Mittelschule in der letzten Bank sitzt und eine Gitarre ausmalen darf, oder in einer Förderschule im Chor den Solopart übernimmt!

Und es muss dem körperbehinderten Jugendlichen zugestanden werden, in einer Förderschule lernen zu dürfen, wenn er sich "draußen" immer so komisch angestarrt fühlt.
Manches Kind benötigt für eine optimale Entwicklung z.B.aufgrund individueller Wahrnehmung-und Wahrnehmungsverarbeitungsprozesse auch einfach den "Schutzraum" Förderschule.

Fazit: Diskutieren sollte man nicht Sinn oder Unsinn von Förderschulen, auch nicht eine Integration um jeden Preis. Es kann nicht darum gehen, Fronten zu schaffen! Ich habe den Eindruck dies geschieht jetzt mit "Liebe Eltern wehrt euch, rettet euer Kind vor der Sonderschule"!

Gedanken machen sollten sich im Bildungsektor alle gemeinsam, wie ein guter Weg aussehen kann, nicht um von der Staatengemeinschaft nicht angezählt werden zu können, auch nicht, um irgendwelche Statistiken zu schönen, sondern einzig und allein im Sinne jedes Kindes mit Behinderung und deren Familien.

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klein-ida 29.01.2010, 10:46
9. ...

Was sagt Herr Riedel eigentlich Kindern, die in der Grundschule trotz engagierter Lehrer nicht mitkommen und möglicherweise zum zweiten Mal sitzen bleiben? Die so überfordert sind, dass sie deswegen bitterlich weinen und vielleicht sogar Schulangst bekommen? Niemand - weder Lehrer noch Eltern - steckt ein Kind einfach so auf eine Förderschule. Aber in so krassen Fällen mag das immer noch die bessere Alternative sein als ein Kind auf biegen und brechen in der Regelschule zu lassen und eine ausgewachsene Schulangst mit psychischen und physischen Folgen zu riskieren.

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