Forum: Leben und Lernen
Leseschwäche deutscher Schüler: "Auch Lehrer und Eltern müssen gefördert werden"
DPA

Fast jeder fünfte Viertklässler kann nicht richtig lesen, zeigt die neue Iglu-Studie. Wo hakt es, und was kann Deutschland von anderen Ländern lernen? Ein Anruf bei der für die Studie zuständigen Wissenschaftlerin.

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citizen01 06.12.2017, 11:46
10. Kann sich denn niemand mehr an Zeiten ohne Betreuer erinnern?

Solche Zeiten mit grundsätzlich stärkerer Verantwortung der Eltern, Kinder und Lehrer haben uns durchaus erfolgreich weitergebracht. Leider ist das Bildungssystem vor einigen Jahrzehnten unter die Soziologen und Amateure gefallen.

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oidahund 06.12.2017, 11:56
11. zu Nr 4

Hier muss ich Ihnen wesentlich widersprechen! Natürlich hat die Schule einen Anteil an dem Problem - aber das Elternhaus ist der entscheidende Faktor. Hier wird Lesespaß vorgelebt, hier wird Lesespaß erfahren und auch gefördert - oder eben nicht! Eltern, die sich ausschließlich durch (Unterschicht-)Fernsehen unterhalten lassen werden wohl kaum ihr Kind zum Lesen hin fördern. Dagegen ein Familienbesuch der Bücherei, gemeinsames Bücher auswählen und lesen, (vor-)lesende Eltern werden allein durch Vorbild Kinder schon wesentlich eher zum Lesen anregen. Kommt noch eine sprachliche Hürde hinzu wird alles noch verschlechtert. Den Unterschied habe ich in der Klasse meiner Tochter deutlich miterlebt. Dort die türkischen Eltern, die ihr Kind im besten Sinne zweisprachig erzogen haben und auf der anderen Seite der türkischstämmige Schüler, bei dem maximal der Vater für einige Minuten bei einer Klassenveranstaltung auftauchte mit der ältesten Tohter als Dolmetscher. Das eine Kind stand auf der Liste weit oben, das andere teilte sich die letzten Plätze mit einigen Mitschülern aus extrem bildungsfernen Familien. Die Schule kann starkes Bildungsdesinteresse in einer Familie nicht auffangen. Das fängt schon bei der Hausaufgabenbetreuung an und geht über die Lesemotivation bis hin zu außerschulischen Bildungsangeboten (das kann auch ein gemeinsamer Ausflug zB ins Deutsche Museum sein).

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Zitrone! 06.12.2017, 12:23
12.

Zitat von sweethobbits
Selbstverständlich ist das Elternhaus mitprägend und in dem Sinn auch "mitverantwortlich" für eine Leseschwäche. Hier geht es aber ausschließlich um eine Studie, die Viertklässler unter die Lupe genommen hat. Und in dem Fall lernen die Kinder bereits länger als drei Jahre in der Schule. Da liegt ein Großteil der Verantwortung in der Schule selbst. ... Zum anderen herrscht immer noch die unsägliche Reichen-Methode, ...
Sie haben zwar Recht, dass drei Jahre eigentlich ausreichen sollten, um den Kindern das Lesen beizubringen, wie auch mit der Aussage, dass die Reichen-Methode ("Schreiben nach Gehör", "Lesen durch Schreiben") eine Katastrophe ist, aber ein paar Anmerkungen möchte ich dazu machen:
1. steht die Leseförderung im Elternhaus ja nicht isoliert da. Eine allgemein negative Einstellung zum Bereich Bildung / Schule / Lehrer sorgt für Schüler, die sich desinteressiert bis aggressiv störend verhalten, falscher Umgang mit (neuen und alten) Medien tut ein Übriges. Das lässt sich eben selbst in 3 Jahren nicht ausgleichen.
2. Gut lesen und richtig schreiben hängen nicht zwingend eng zusammen. Mein Sohn hat ebenfalls nach "Lesen durch Schreiben" gelernt, war aber immer ein Bücherwurm. Von Bilderbüchern übers Vorlesen bis zu "richtigen" Büchern schon im Grundschulalter hat er sich für Bücher begeistert. Folge: Sein Wortschatz war in der 5. Klasse (wurde da getestet) weit überdurchschnittlich, die Rechtschreibung trotzdem katastrophal. Es hat Jahre gedauert, sie zumindest auf das Niveau "schlecht" anzuheben!
3. Die Anlauttabellen an sich sind nicht das Problem. Bildchen zu den entsprechenden Anfangsbuchstaben hingen schon vor ca. 45 Jahren in meiner Grundschulklasse (sogar unterschieden nach kurzen und langen Vokalen!). Nur werden die Buchstaben eben nicht systematisch gelernt, sondern per Anlauttabelle quasi als bekannt vorausgesetzt, wodurch Wörter dann ad hoc zusammengebastelt werden. Buchstabenkombinationen, wie häufig vorkommende Silben oder Vokal+Doppelkonsonant, werden weder in Aussprache noch Rechtschreibung eingeübt. Letzteres würde dann tatsächlich auch beim Lesen helfen.

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HansSzymanski 06.12.2017, 12:24
13. Fehler im System

Früher wurde den Kindern das ABC beigebracht, (in Schreibschrift)solange bis sie es konnten. Danach erst wurden Worte geschrieben. Wenn das drin war, ganze kurze Sätze usw.
Heute dressiertman die Kinder in Druckbuchstaben so zu schreiben wie sie es hören. Dabei hören einige Kinder die Worte ganz anders weil sie zum Teil die Begriffe überhaupt nicht kennen. Un dann verlangt man plötzlich fehlerfreies Schreiben und Lesen in Schreibschrift......!

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touri 06.12.2017, 12:37
14.

Zitat von Sixpack, Joe
Vielleicht verlieren die Kinder heute den Lust an Lesen gerade wegen Goethe und Schiller! Warum nicht auch mal Marie Curie oder Isaac Newton?
Nicht wirklich interessanterer Lesestoff für die meisten Kinder. Wie wär es mit Harry Potter oder der Hobbit? Letzteres haben wir sogar im Englischunterricht gelesen. Eine der wenigen Schullektüren die ich nicht nur unter Notenzwang gelesen habe (neben Goethes Faust, den ich tatsächlich auch spannend fand).

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misterknowitall2 06.12.2017, 12:40
15. Was ein Blödsinn!

Immer auf dem Teppich bleiben. Vor 35 Jahren gab es genau so Eltern und Lehrer, die nicht vorgelesen haben, es gab auch keine zusätzlichen Betreuer. Die Zahl der "schlechtleser" war genauso hoch. Kinder lernen lesen erst, wenn sie daraus einen Gewinn ziehen. Das kommt bei dem einen früher, bei dem anderen später. Wir werden die Intelligenz des Menschen mit noch so vielen pädagogischen Konzepten nicht verändern. Schlimm sind Eltern, die wer weiß was von der schule erwarten. Lest euren Kindern mehr vor und schon geht das wie von selber.

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zeisig 06.12.2017, 12:46
16. Was hat das Elternhaus damit zu tun?

"Diese Zusammenhänge sind ja schon seit Langem bekannt."
Aha. Mir sind diese Zusammenhänge nicht bekannt. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren jedenfalls hatten wir Kinder, zumindest wenn ich von mir und meinen Schulkameraden sprechen darf, auch keine Unterstützung von Elternseite. Und das war auch nicht nötig. Denn wir lernten in der Schule lesen und Schreiben, machten unsere Hausaufgaben, Papa ging arbeiten und Mutti hat uns dazu angehalten, unsere Hausafgaben zu machen. Vielleicht ist ja auch gerade das gemeint. Anleitung, Motivation, Druck von Elternseite. Aber dieses Thema ist so alt wie die Welt und ich verstehe nicht, wie man die Verantwortung immer auf das Elternhaus schiebt. Ich glaube eher, es hat etwas mit dem Wandel in unserer Bevölkerung zu tun. Migration hat die Zusammensetzung in den Schulklassen verändert und das senkt logischerweise den Schnitt, was Lernerfolge betrifft. Lesen und Schreiben lernt man in der Schule. Jedenfalls sollte es meiner Meinung nach im Idealfall so sein.

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chewbakka 06.12.2017, 12:49
17.

Verstörend! für mich zeigt die ganze Diskussion um 'das System' vor allem mal eines: Die meisten haben sich einen Standpunkt zueigen gemacht, der Schule vor allem mal als einen Dienstleister auffasst, der den Kindern nun aber bitte mal zackig die Dinge beizubringen hat, die halt so gebraucht werden. Dem kann ich nur widersprechen. Die Deutsche Sprache ist hier präziser: Schüler gehen in die Schule, um zu lernen - und nicht, um gelehrt zu werden - das impliziert schon auch so etwas wie 'eigene Bemühungen'. Egal nach welchem tollen System Schüler unterrichtet werden - solange denen keiner klarmacht (vielleicht ja auch mal das Elternhaus!!!), daß sie sich selber anstrengen müssen, wird das nix. Lernen ist eben nicht so was, wie mal eben Wein in ein Fass zu füllen. Ohne die Einsicht, daß auch eigene aktive Mitarbeit erforderlich ist, ist jedes noch so tolle System für den Unterricht nichts weiter als eine Mogelpackung und ein nicht zu erfüülendes Heilsversprechen.

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maikäfer 06.12.2017, 12:57
18. Lesen lernen

beginnt ab dem Zeitpunkt an dem Eltern ihren Kindern das Medium Buch rüberbringen. Geschichten erzählen, vorlesen, Bilderbücher angucken, verkritzeln und meinetwegen zerpflücken. Das Kind benötigt sensorische Erfahrungen mit Büchern, um erstmal ein grundsätzliches Interesse am Buch zu entwickeln zu können. Das Gift sind Bildschirmmedien, der ab Geburt beginnende technische Animationsanspruch vieler Eltern, der dem Kind die Möglichkeit raubt eigene Handlungsfähigkeiten zu entwickeln. Die Nahrung des kindlichen Gehirns sind harte Umweltdaten, Reize, Informationen. Schwerkraft, räumliche Wahrnehmung, usw. Und das optimalerweise, wenn die von der Natur vorgesehenen Zeitfenster dafür sperrangelweit geöffnet sind. Danach wirds schwieriger. Ist ungefähr so, als ob dem Bauherrn nach Hochziehen der Wände einfällt, dass da ja noch Fenster rein müssen.
Digitale Informationen stellen für die kindliche Wahrnehmung eher eine diffuse schlecht verwertbare Wahrnehmungssuppe dar, hemmen die Entwicklung der visuellen Wahrnehmungsverarbeitung die....wichtig für das Lesen ist. Das Sensorium vieler Kinder ist heutzutags bei Schulbeginn oft nicht ausgereift.
Das Problem sind nicht nur die Schulen und die Politik, sondern v.a. die derprivierende Gesellschaft.
Nach 6 Jahren Animation und zugewiesener Zuschauerrolle wird dann plötzlich Leistung verlangt.
Na dann viel Spass...

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fixik 06.12.2017, 13:00
19.

Deutschland hat einfach schlechte Pädagogen. An zu wenig Geld liegt das nicht. In gleicher Studie liegt Russland immerhin auf Platz 1. Ich habe selber die Grundschule dort besucht. Von der Ausstattung sehe ich keinen Unterschied zu Deutschland. Ähnlich große Klassen, ähnlich große Räume, Tische und Stühle für jeden Schüler, Lehrerpult und eine Tafel. Das war 99,9 % meiner Schulzeit sowohl in Russland als auch in Deutschland. Die Atmosphäre war auch sehr ähnlich.
Das einzig was ich in Russland besser fand. Das waren die Lehrer. Die waren nicht strenger, wirkten aber kompetenter. Nicht das Sie den Stoff besser verstanden, den Sie vermitteln mussten, die konnten es einfach irgendwie besser rüberbringen. Die Lernmethoden machten zumindest sinnvollen Eindruck.

Hier in Deutschland gibt es immer wieder neue Lernmethoden, die werden aber mit jedem Versuch irgendwie beschissener. Ich habe einige Kinder in der Verwandtschaft die zur Zeit in die Grundschule gehen. Einer muss z. B. einfach so schreiben wie er die Wörter hört. Dojtsch anstatt Deutsch. Ich sehe da irgendwie keinen Sinn darin. Auch die neue offizielle Schreibschrift sieht einfach sch***e aus. In Mathematik sieht das nicht besser aus. Man hält sich zu viel an demselben Thema auf. In Russland hatte ich in der vierten Klasse längst die Bruchrechnung komplett durch. Mein Neffe in der 4. Klasse weiß dagegen nicht was ein Bruch ist. Wiederholungen sind zwar wichtig, man kann es aber auch übertreiben. Dazwischen kann man immer wieder neue Themen dazwischenquetschen bevor man wieder plus/minus wiederholt. Auch Gleichungen mit zwei Unbekannten konnte ich bereits in der vierten Klasse lösen. Kann sein, dass mein Neffe besser Kopfrechnen kann(wahrscheinlich), weil er das wahrscheinlich öfter gemacht hat als ich in seinem Alter. Mir wäre aber irgendwie lieber, mein Neffe würde bei "163+192" 2-3 Sekunden länger brauchen, würde dafür aber die Bruchrechnung beherrschen. Macht in meinen Augen mehr Sinn.

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