Forum: Leben und Lernen
Listenklau - launige Aktionen oder nervige Störfälle?

Streit um Anwesenheitslisten: Die Rebellion einiger Studentengruppen gegen diese Form der Überprüfung führte zu Aktionen, die unter Lehrenden und Kommilitonen ein geteiltes Echo fanden. Sind solche Listen für ein erfolgreiches Studium notwendig? Oder nur ein überflüssiges Mittel zur Disziplinierung? Der Artikel zum Thema:

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jinky 28.06.2006, 10:00
40.

Zitat von Steve10625
Allgemeine Anwesenheitspflicht an der Uni: Was für eine saublöde Idee! Es kommt doch darauf an, dass man am Ende des Semesters alles verstanden hat und nicht das man möglichst viele Stunden an der Uni verbringt. Vorlesungen mit 600 bis 800 Studenten sind für die Wissensvermittlung meiner Ansicht nach absolut ungeeignet. Die Zeit verbringt man besser mit eigenständigem lernen.
Ganz Ihrer Ansicht. Aber erzählen Sie das bitte mal denjenigen, die die Einführung des ECTS erzwungen haben (European Credit Point System mit Anrechnung von "workload", der rein in Zeiteinheiten gemesssen wird, weil ja auch alle Studenten gleich lange brauchen, bis sie etwas verstanden haben).

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jinky 28.06.2006, 10:01
41.

Zitat von dpollzie
und nur so am schluß, wer sind denn die studenten die immer anwesend sind? meist streber die zwar einen super abschluß haben, dann aber entweder sozial inkompetent sind, garnicht wissen was sie da eigentlich auswendig gelernt haben, nicht anwenden können was sie auswendig gelernt haben, nicht auf das wirklich lebenvorbereitet sind oder alles zusammen. da bleib ich lieber abwesend!
Sie tun Ihrer Argumentation keinen Gefallen, wenn Sie die alte Mottenkiste, daß interessierte und engagierte Leute dämliche Sozialkrüppel sein müßten, wieder aufmachen.

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jinky 28.06.2006, 10:06
42.

Zitat von mosimosef
Anstatt die Studenten zu zwingen Veranstaltungen zu besuchen, die auf Grund minderer Qualität keinerlei fachliche Bereicherung bedeuten, sollte diese Energie lieber aufgewendet werden um die Professoren zu mehr Qualität zu zwingen.
Man bräuchte sie nicht zu zwingen, es würde genügen, sie zu belohnen - oder für Engagement in der Lehre einfach nicht zu strafen. Bei Stellenbesetzungen zählt nach wie vor die Publikationsliste mehr als alles andere. Wer keinen Lehrstuhl hat, gefährdet seine berufliche Zukunft, wenn er viel für die Lehre tut und deshalb weniger Aufsätze unters Volk bringen kann. Und wenn man dann einen Lehrstuhl hat, sitzt diese Haltung bei vielen schon fest.

(Anekdote aus einer Berufungskommission: "Kandidatin X hat den Landeslehrpreis bekommen - sollten wir bei der Besetzung nicht lieber auf wissenschaftliche Kompetenz achten?")

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HerrDerSchatten 28.06.2006, 10:28
43. Zustimmung

Zitat von M.e.D.
Und genau da liegt der Hase im Pfeffer. Sobald die Studiengebühren mal eingeführt sind, werden die Länder ohne Umschweife behaupten, daß die Unis sich ja jetzt selbst finanzieren könnten. Am besten zahlt die Universität auch gleich die Gehälter der Professoren, anstatt daß da noch aus der Landeskasse was fließen soll.
So siehts an der Uni Osnabrück aus. Die Studiengebühren gehen eh nur teilweise an die Uni (ca. 30% gehen in Auffangbecken, damit nicht gezahlte Beiträge bei den Banken gedeckt werden können), und ab jetzt darf die Uni jede Gehaltserhöhung selber tragen. Ich weiß jetzt nicht, wieviel Geld die Universität insgesamt durch Studiengebühren bekommt, aber die Lohnerhöhungen sind schnell mal im Bereich von 500.000 pro Jahr. Man muss nicht Adam Riese sein, um zu merken wie lange da die Studiengebühren vorhalten.
Genauso desolat ist die allgemeine Haushaltslage, zwar bringen die Gebühren eine enorme Erleichterung, ersetzen aber faktisch nur das Geld was in den letzten Jahren weggekürzt wurde (Die Bibliothek hat z.B. einen Bücherbestand, der faktisch aus den 80ern kommt,sehr toll wenn man Politik studiert, und nicht Geschichte). Das Problem ist aber, das die Uni unbedingt mehr Geld braucht: Einerseits gibts immer mehr Studenten (Social Sciences soll, im WS 06/07, über 150 Studenten haben..wir haben mit 100 angefangen und es war alles brechend voll), andererseits steigt der Arbeitsaufwand für Profs erheblich (wesentlich mehr Prüfungen als vorher) und daher brauchen wir einfach mehr. Das einzig Positive derzeit ist, das wir ab ca 2009 einen Mittelbau bekommen, der ist derzeit defacto kaum verhanden.

Zu den listen: Anwesenheitspflicht ist so sinnlos wie ein Kropf, gerade bei Vorlesungen wo lesen wesentlich mehr bringt, als dem wirren Gestammel eines unfähigen Dozenten zu lauschen. Zudem verunmöglicht es mir arbeiten gehen vollends, und so darf ich mit 410€ im Monat auskommen, was bei allem guten willen nicht reicht. Wie ich Studiengebühren finanzieren soll, ist da noch schleierhafter.
Zum Thema Arbeit: Dürfte in den meisten BA Studiengängen sehr schwein sein. Bei mir ist das unter der Woche völlig unmöglich, am Wochenende wäre es evtl. möglich, frisst aber auch wichtige Lernzeit.

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mosimosef 28.06.2006, 10:42
44.

Zitat von jinky
Man bräuchte sie nicht zu zwingen, es würde genügen, sie zu belohnen - oder für Engagement in der Lehre einfach nicht zu strafen. Bei Stellenbesetzungen zählt nach wie vor die Publikationsliste mehr als alles andere. Wer keinen Lehrstuhl hat, gefährdet seine berufliche Zukunft, wenn er viel für die Lehre tut und deshalb weniger Aufsätze unters Volk bringen kann. Und wenn man dann einen Lehrstuhl hat, sitzt diese Haltung bei vielen schon fest. (Anekdote aus einer Berufungskommission: "Kandidatin X hat den Landeslehrpreis bekommen - sollten wir bei der Besetzung nicht lieber auf wissenschaftliche Kompetenz achten?")
aber das zeigt doch nur die defizite des systems auf. während endlos über die reformation der studiengänge gestritten wirs, wird dieses problem des qualitätsverlustes kaum diskutiert. stattdessen werden die studenten gezwungen einschläfernde vorlesungen zu besuchen.

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Limulus 28.06.2006, 10:58
45. Listenclowns

Ich musste schmunzeln, als ich den Artikel gelesen habe.
Und eigentlich haben die Clowns durchaus recht.

Das Privileg studieren zu dürfen sollte man selbst erkennen.
Die "Schule", in der man zum Jagen getragen wird sollte in der Universität eigentlich vorbei sein. Wann sollte man selbstständigkeit sonst lernen ?

Seit ich angefangen habe zu studieren (1996/97) bis heute habe ich eine schleichende Verschulung in meinem Fach mitbekommen, die mit der immer grösseren Unfähigkeit der Absolventen selbstständig und selbstmotiviert zu forschen einherzugehen scheint.
Gut, in meinem Fach gab es schon sehr lange Präsenzveranstaltungen: Präparierkurse und Laborpraktika funktionieren nunmal nicht ohne Anwesenheit.

Doch die tägliche Abprüfung des Wissensstandes, die Abzeichnung von Anwesenheitslisten, die Dauerüberwachung von Arbeitsleistung führt, als Hilfloses Hilfsmittel gegen eine zu grosse Zahl von Studierenden dazu, das aus einer kreativen, "Wissen schaffenden" akademischen Ausbildung ein zentralisiertes einpauken von Curricularwissen wird. Das wird langfristig zu starken Verkrustungen führen.

Sehr spannedn finde ich dabei die Idee eines meiner Dozenten, der in seinen Kursen keinerlei Anwesenheit kontrolliert, die Infrastruktur stellt eine vorbereitende Begleitvorlesung hält. Zu einem vereinbarten täglichen Termin eine Vorbesprechung macht. 2-3 Stunden Präsenz im Kursraum zeigt und auf Fragen eingeht und ansonsten in seinem Büro erreichbar ist. Den Schein erhält man für das Kursprotokoll (also in diesem Fall einen illustrierten Aufsatz), daß jeder anfertigen muss.

Das erstaunlichste Ergebnis des Kurses: Die Teilnehmer sind immer hochmotiviert, übertreffen in aller Regel die vorgegebene Zielmarke, entwicklen eigene Ideen und Fragestellungen und arbeiten selbstständig und motiviert anstatt sich stundenlang berieseln zu lassen.

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Auriana 28.06.2006, 11:06
46.

Der Hintergrund der Aktion, der Versuch die Listen abzuschaffen ist sicherlich, was Vorlesungen betrifft (und auch bei einigen so genannten "Seminaren") durchaus sinnvoll. Die Durchführung allerdings ist dürftig und geht nicht genug auf die eigentlichen Probleme ein.

Hier wird von vielen der BA/MA-Studiengang angesprochen, ich habe jedoch das Gefühl, dass viele darüber reden aber selber den Studiengang nicht kennen. Das Problem dieses Studiengangs ist sicherlich, dass er sehr verschult rüberkommt und keine klare Einheit bildet. Jede kleine Uni hat ihr eigenes System (damit sind Universitäten-Wechsel nahezu unmöglich, da viele Module an einer anderen Uni entweder nicht stattfinden oder nicht angerechnet werden!)

Ich studiere auf BA Germanistik und Sachunterricht mit Biologie und bin daher im Moment mitten im Geschehen. Leider ist es abolut wahr, dass die Uni (ich spreche jetzt nur von meiner HS Vechta) immer mehr verschulen. Bei uns würde so ziemlich über diesen Satz lachen:

Zitat:
"Die Dozenten haben ihre ganz eigene Strategie, wie sie mit dem Problem umgehen. Soziologieprofessor Stephan Lessenich hat schon eine Idee: "Im nächsten Semester werde ich wohl auf die Anwesenheitspflicht verzichten und Prüfungen am Semesterende für alle Veranstaltungen einführen."

Im Gegensatz zu einigen anderen Unis und deren BA/Ma-System, ist bei uns nicht nur in jedem Seminar und jeder Vorlesung eine Anwesenheitsliste, sondern auch jedes Seminar und jede Vorlesung hat eine Abschlussüberprüfung (Klausur, Hausarbeit, Referatsausarbeitung, mündliche Prüfung - jeder Prof nimmt dabei natürlich sein eigenes Fach am wichtigsten, dass jede Benotung in die BA-Note einfließt brauch ich wohl kaum zu erwähnen). Das bedeutet im Klartext, dass einige meiner Kommilitonen eine Semesterwochenstundenzahl von über 30 haben, am Ende eines Semesters um die 8-11 Klausuren, in der Regel +-2 Hausarbeiten + anderweitige Arbeiten (z.B. Praktikaberichte). Das Beispiel, dass hier eine Person im Scherz schon sagte, zu seiner Tagesauslastung ist durchaus real und leider kein Scherz!

Wenn man zudem überlegt, dass viele unserer Seminare Teilnehmerzahlen im dreitstelligen Bereich haben, wird Euch vielleicht deutlich wieviel Interesse und Spaß man dann an den Fächern entwickeln kann.

Leider werden die Seminare die noch klein ausfallen oder Teilnehmerbeschränkungen von 20 Personen haben (besonders bei uns im Bereich Biologie) immer mehr gestrichen, weil sie zu teuer(!) sind. Das Gehalt und der Stand eines Professors in der Uni orientiert sich zum Teil an der Teilnehmerzahl seiner Studenten!
Das Paradoxe dabei seht ihr hoffentlich. Zugunsten von Massenveranstaltungen und Verschulung (von den unmöglichen Bedingungen spreche ich nicht, da sie ja einige hier schon sehr anschaulich beschrieben haben)werden kleinere Seminare, bei denen das Interesse an den wissenschaftlichen Hintergründen zentral sind immer mehr reduziert! Das geht zu lasten der Qualität der Ausbildung.
Freiwillige Belegung von Seminare außerhalb des vorgegebenen(!) Verlaufplanes (auch das kennen viele ehemalige Stundenten nicht) finden kaum noch statt, weil sie schlichtweg nicht zeittechnisch hineinpassen. Freiwillige Teilnahme an Exkursionen oder Vorträgen außerhalb von Veranstaltungen werden ebenfalls kaum noch eingeplant, weil es einfach nicht möglich ist, sich neben dem eigenen Wochenplan noch Stunden freizuschaufeln. (Selbst Tutorien werden sehr selten übernommen, weil die Studenten Angst haben ihr Pensum nicht zu schaffen!)

Traurige Bilanz, allerdings würde daher bei vielen Vorlesungen und auch vorlesungsähnlichen Seminaren eine Abschaffung der Anwesenheitslisten durchaus schon helfen!

Mit einem Gruß und dem Blick auf meine 2 möglichen Fehltage pro Seminar/Vorlesung werd ich mich dann mal wieder ans Lernen setzen.
Ein fröhliches diskutieren weiterhin, vielleicht wird es ja auch endlich einmal die richtigen Stellen erreichen!

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T. Eilnehmer 28.06.2006, 12:01
47. Eigenstudium statt Seminare?

Das Argument, dass man im Studium die Zeit besser nutzt, eigenständig zu studieren als in Seminare zu gehen und sich schlechte Präsentationen anzuhören, überzeugt nicht. Schließlich kommt der Tag, an dem man selbst Referat hält. Und da gilt: Erstens möchte man dann keine Mitstudierenden, die meinen besseres zu tun haben, als sich schlechte Referate anzuhören, und zweitens wird das Niveau dieser Referate ja nicht dadurch besser, dass die referierenden Kursteilnehmer ansonsten nicht aktiv an der Veranstaltung teilnehmen...

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V'ger 28.06.2006, 12:20
48.

Als ich studiert habe (FHTW Berlin WS98/99-SS02), hat eigentlich keiner der Dozenten eine Anwesenheitsliste geführt. Jedoch schloss jeder Kurs in jedem Semester mit einer Prüfung ab. Das waren entweder 3-4stündige schriftliche Prüfungen oder mündliche Vorträge oder Projekte. Und jede dieser Noten floss in meine Abschlussnote ein.

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Metalgeo 28.06.2006, 12:32
49. Anwesenheit ist Pflicht !!!

Zitat von Auriana
Zitat: "Die Dozenten haben ihre ganz eigene Strategie, wie sie mit dem Problem umgehen. Soziologieprofessor Stephan Lessenich hat schon eine Idee: "Im nächsten Semester werde ich wohl auf die Anwesenheitspflicht verzichten und Prüfungen am Semesterende für alle Veranstaltungen einführen."
Anwesenheitslisten sind genau der richtige Weg. Denn:

1. Das angebliche "Privileg studieren zu dürfen" wird doch von vielen missverstanden als Pausenbank vor der Arbeitszeit. Daher so viele "Schläfer" in Seminaren.
Studieren mag zwar ein Recht sein, setzt aber auch Pflichten: so die Anwesenheit. Wozu dann noch ein Seminar, wenn eh keiner mehr hingeht??? Dann brauche ich es gar nicht erst ansetzen!!!

2. MIt einer Endprüfung statt Liste machen es sich Profs sehr sehr leicht. Manko: Die Studies lernen nur auswendig, aber nicht wie man Wissen konkret anwendet. Das lernt man nur in der Diskussion im Seminar und nicht durch auswendig gelernte Antworten für Endprüfungen.

3. Viele sog. "Studenten" sehen doch die Uni sowieso nur deshalb von innen, weil sie zur Anwesenheit gezwungen werden. Alle, die für Abschaffung der Anwesenheitspflicht plädieren, können sich nicht beschweren: Sie hatten vor dem Studium die Wahl zwischen direktem Unterricht und einem Fernstudium. Die Wahl des direkten Unterrichts treffen diese Leute anscheind nur wegen dem Semesterticket und dem billigen ÖPNV-Nutzung. Wer für eine Endprüfung ist, der sollte sich exmatrikulieren und ein Fernstudium beginnen.

Ich bin übrigens auch Student, nicht das einige auf die Idee kommen, das ich nur ein blöder Auswärtiger wäre.

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