Forum: Leben und Lernen
Modellrechnung: Ganztagsschulen zahlen sich aus - auch für den Staat
DPA

Der Ausbau der Ganztagsbetreuung ist teuer. Doch das Geld ist bestens investiert, sagen Forscher. Sie sehen Vorteile für Kinder, Eltern - und die öffentlichen Kassen.

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Urzweck 22.03.2019, 20:19
10. Volkswirtschaftlicher Nutzen?

So wie ich mich erinnere ist ein volkswirtschaftlicher Nutzen eine Steigerug der Lebensqualität, indem z.B. die Produktivität, die Gesundheit, die Kriminalitätsrate oder die Bildung verbessert wird. Aber nicht, wenn mehr Steuern eingenommen werden oder die Staatsquote steigt. Das Geld ist nur Mittel zum Zweck.

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Frauenversteher007 22.03.2019, 20:25
11. was kommt danach?

Wie wird es weiter gehen?
Danach die Ganztagsschul-Pflicht?
Würde mich nicht wundern, so, wie (auch Dank Spiegel) unsere Gesellschaft immer schlimmer Richtung Gebieter- und Verbieterkultur degeneriert.
Bleibt zu hoffen, dass diese Kinder späterer Generationen wenigstens noch die Namen ihrer Eltern kennen und umgekehrt.

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st.esser 22.03.2019, 20:30
12. Wohlstandsverlust?

Zitat von Krokodilstreichler
Ganztagsschule führen eher zu einem ökonomischen Wohlstandsverlust. Dies liegt an folgenden Gründen: 1. Die Kinder sitzen zu lange in der Schule und bewegen sich so zu wenig. Dadurch bekommen sie Muskelschwund und Gelenkschmerzen, die teuer behandelt werden müssen. 2. Die Kinder haben weniger Zeit, um den Stoff daheim zu lernen, somit vergessen sie ihn noch schneller bzw. lernen weniger. 3. Es müssen mehr teure Lehrer angestellt werden, wodurch die Steuern unnötig hoch sein müssen. Dies verdrängt private Investitionen. 4. Die Energiekosten des Staates sind höher, da das Licht in Ganztagsschulen länger brennt. 5. Die Lehrer erkranken eher an Burn-out und so werden mehr Lehrer frühpensioniert.
Das hat offensichtlich jemand geschrieben, der keinerlei Erfahrung damit hat ...

1. Viele Kinder (vor allem in "sozial schwachen" Familien) bewegen sich außerhalb der Schule praktisch nicht, sondern verbringen ihre Freizeit vor dem Fernseher oder mit einem Tablet. Der Ganztag bietet viele Sport- und Bewegungsangebote und erlaubt freies Spielen auf dem Schulhof, während Kinder in der Stadt sonst kaum noch "draußen" spielen.

2. Es geht vor allem um Kinder, die zu Hause keine Unterstützung haben und deren Eltern oft auch kein Verständnis dafür haben, dass Hausaufgaben gemacht werden müssen. Die Hausaufgabenbetreuung im Ganztag ist für viele Kinder die einzige Chance, die "Hausaufgaben" zu bearbeiten. Zu Hause brauchen diese Kinder daran nicht zu arbeiten.

3. Ja, es sind qualifizierte Betreuer notwendig, aber die Lehrerstunden sind gut investiert. Für die Lehrer ist es deshalb lästig, weil sie keinen Schreibtisch in der Schule haben und die Zeit zwischen Unterricht und Hausaufgabenbetreuung überbrücken müssen, ohne dass sie als Arbeitszeit zählt.

4. Die Energiekosten für Beleuchtung sind in diesem Kontext absolut irrelevant. Eine Grundschule mit 200 Kindern dürfte Personalkosten von weit über 100.000 Euro im Monat haben, bei Stromkosten die weit unter einem Prozent davon liegen.

5. Die Gründer für Belastung und Burn-out bei Lehrern sind vielfältig, aber Nachmittagsunterricht dürfte daran den geringsten Anteil haben. Im Gegenteil kann das zu einem entspannteren Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern führen und insbesondere mäßigend auf "schwierige" Schüler wirken. Relevant für Burn-out sind Belastungen durch gewalttätige Schüler (sozial-emotionaler Förderbedarf), durch mangelnde Organisation bei lange fehlender Schulleitung, fehlende Ressourcen, Überforderung durch "moderne" Lehrmethoden, für die die Lehrer nicht ausgebildet sind, ...

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st.esser 22.03.2019, 20:36
13. Arbeitszeit und Stundenlohn

Zitat von timtom2222
"Die verbesserte Schulkindbetreuung unterstützt das Bemühen von Müttern, ihre Arbeitszeit auszuweiten und ihren Stundenlohn zu steigern." Was hat die Arbeitszeit mit dem Stundenlohn zu tun?
Ohne Ganztagsbetreuung der Kinder können oft nur gering qualifizierte Aushilfsarbeiten angenommen werden. Die Ganztagsbetreuung bietet einen stabilen Zeitrahmen, der auch für einen Arbeitgeber wichtig ist.

Außerdem wird dabei in der Regel eine Ferienbetreuung angeboten, die zusammen mit dem üblichen Urlaubsanspruch eine ganzjährige Betreuung der Kinder sicherstellt.

Dadurch ist dann eine reguläre Anstellung mit 3/4 oder voller Stundenzahl möglich, während sonst oft nur eine geringfügige Beschäftigung in Frage käme.

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ds_ge 22.03.2019, 20:45
14. Hat mal jemand die Kinder gefragt...?

Meine Kinder waren froh, wenn sie am Mittag / frühen Nachmittag die Grundschule verlassen konnten. Sie sind danach in ein ca. 400m entferntes Hortgebäude gegangen. Dort gab es Mittagessen, Hausaufgabenstunde, basteln, lesen, Fussball, Kettcar fahren, spielen, Toberäume etc. Vor allem mussten sie nicht die gleichen Nasen sehen wie am Vormittag und die Betreuer waren ausgebildete Erzieher mit einem anderen Fokus als die Lehrer. Der Wechsel (räumlich als auch personell) hat also viele Vorteile....ich finde es wichtig, Schule und Nachmittag zu trennen und auch meine Kinder stimmen mir da zu. Bin übrigens selbst Lehrer an einer Schule mit täglich 10 Stunden (7.20 bis 14.50) Unterricht... die Kinder werden nicht schlauer, wenn sie auch Nachmittags beschult werden ... eher das Gegenteil. Hier gilt nicht die alte Weisheit: Viel Hilft viel!

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mumuwilli1975 22.03.2019, 21:09
15. Krokodilstreichler

Ja klar?? Und die Alleinerziehenden können dann sehen, wie sie mit 4 Stunden am Tag Arbeit über die Runden kommen. Mein Sohn geht in eine Ganztagsschule und dann 2 Mal danach vom Babysitter betreut. Und da soll ich sagen? Es geht ihm prächtig.

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mumuwilli1975 22.03.2019, 21:12
16. Frauenversteher007

Du kannst ja deine Frau zuhause lassen. Ich Als Frau möchte und kann das nicht. Sonst müsste ich Hartz4 beantragen.

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PRAN1974 22.03.2019, 21:59
17.

Zitat von st.esser
In "offenen" Ganztagsschulen (bei denen die Eltern für jedes Schuljahr entscheiden können, ob ihr Kind nachmittags betreut werden soll) wird üblicherweise nach der 5. Stunde das Mittagessen eingeplant, die Zeit von 12:30 bis 14:00 ist dafür frei (aber natürlich betreut). Am Nachmittag gibt es dann AGs (Sport, Theater, Chor, Vorlesen, ...) und Hausaufgabenbetreuung durch Lehrer. Da die Schüler am Nachmittag nicht mehr einfach in Sportvereine gehen können, kommen Sportvereine inzwischen in die Schule. Die Kinder können ab 15:00 Uhr abgeholt werden, falls die Eltern so früh Zeit dafür haben, eine Betreuung ist aber zumindest bis 16:30 (und oft deutlich später) gewährleistet. Im "gebundenen" Ganztag (an dem dann alle Kinder einer Klasse teilnehmen müssen) wird der Unterricht auf den Vor- und Nachmittag verteilt. Dann sind auch Spiel- und Erholungsphasen im Vormittag denkbar. Aber die meisten Grundschulen (zumindest in NRW) bieten nur den "offenen" Ganztag an ...
Sport, Theater, Chor, Vorlesen - hört sich nett an, so nach Hobby. Tatsache ist aber, dass das für ein junges Schulkind auch kein großer Unterschied ist zu den normalen Fächern, zu denen ja auch Musik, Kunst oder Sport zählen: Zeit, in der sie sich nicht frei entfalten können, sondern angepasst an eine nicht immer wohlwollende Gruppe erwünschtes Verhalten zeigen sollen. Dieser Ganztagesunterricht ist, als ob man die Kinder jeden Nachmittag zu weiteren Terminen fährt - einmal Ballett und Englisch, einmal Mathe-Nachhilfe und Fußball, und das 5 Tage die Woche...
Schon als Erwachsene sind mir betriebliche "Freizeit"-Angebote ein Graus. Ich würde niemals freiwillig an einem Firmenchor teilnehmen und verlasse Weihnachtsfeiern meist zeitig. So wird es auch bei den Kindern zwar manche geben, die in einer Ganztagsschule aufblühen, während es für andere die reinste Tortur ist.
Meiner Meinung nach werden vor allem die psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter weiter enorm zunehmen, wie es ja schon in den letzten Jahrzehnten zu beobachten ist.

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ondrana 22.03.2019, 22:09
18.

Da gilt es zu differenzieren:
Es gibt den Ganztag, an dem alle Schüler/innen teilnehmen. Den kann man auch gut organisieren. Alle bleiben da und gehen entweder in Förderkurse, machen Hausaufgaben oder gehen in Arbeitsgemeinschaften.
Der teilgebundene Ganztag ist problematisch. Willi geht montags und donnerstags, Bärbel geht mittwochs, Özgür geht die ganze Woche, Vitali geht gar nicht. Dies Organisationsform gibt das Gefühl der Beliebigkeit.
Das Nachmittagsangebot verkommt zu einer freiwilligen Betreuung, bei der man jederzeit das Gefühl hat, man kann sein Kind da einfach mal abmelden, weil man gerne shoppen gehen möchte.
Meiner Erfahrung nach sollte man sich entscheiden zwischen Ganztag für alle oder eben keinen Ganztag.

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Athene II 22.03.2019, 23:02
19.

@st.esser
Vielen Dank für Ihren kompetenten Beitrag. Ich dachte schon es werden nur wieder die nostalgisch gefärbten "früher war alles besser" Kommentare abgegeben, die von einer unbeschwerten Kindheit berichten. Einer solch süßlich gefärbten Kindheit, als würden sie einem Astrid Lindgren Buch entstammen.
Ich komme vom Land und habe es schon als ca. 10 Jährige gehasst dort zu wohnen, dabei dürfte ich als Kind unbeaufsichtigt draußen spielen. Doch lockte auch schon in den 90ern das Fernsehen mit vielen Kinder- und Jugendserien und vor allem im Winter gewann oft genug der wohlig warme Platz vor der Flimmerkiste.

Wer heutzutage glaubt 6-10 Jährige würden sich nach der Schule verabreden um täglich frei durch die ländliche Gegend zu streifen, der hat die Rechnung wohl ohne die Macht der Medien gemacht.
Ich selbst verteufele die Mediennutzung durch Kinder nicht (Medienkompetenz muss in der Schule stärker in den Fokus gerückt werden), doch eine unkontrollierte Mediennutzung birgt gefahren (um die hier aber nicht primär geht).
Wie st.esserschon äußerste wird an guten Ganztagsschulen und Horten eine Vielzahl von Beschäftigungsmöglichkeiten in Form von AGs, Vereinssport, kurzweiligen Angeboten etc. angeboten, die die Schüler selbst nach persönlichen Vorlieben wählen bzw. abwählen können. In keiner der Horte und der Ganztagsschule in der ich bisher gearbeitet habe wurden die Kinder zu einer Tätigkeit gezwungen (außer dass sie zusammen mit allen anderen die Hausaufgaben machen mussten und dabei bei Problemen kompetente Unterstützung bekamen).
Mir ist es daher lieber wenn man Sohn in ein paar Jahren einen guten Hort oder Ganztagsschule besucht, als stundenlang allein Zuhause vor irgendeinem Medium mit Internetzugang zu sitzen. Außerdem bin ich so nicht dazu verdammt tagtäglich das Taxi zu den späteren Hobbys meines Sohnes spielen zu müssen (Fußballverein, Ruderverein, Mathenachhilfe, Schlagzeugunterricht, Programmiererclub etc.), denn bei den hoffentlich vielfältigen Angeboten und Möglichkeiten die in den Horten und Ganztagsschulen ist alles an einen Ort vereint, das entlastet die Eltern ungemein und erzeugt weniger Stress auf allen Seiten.

Bei den personellen Engpässen momentan gehe ich von einen Schweinezyklus aus, in ein paar Jahren wird sich das Problem wieder ins Gegenteilige gekehrt haben (als ich mit meiner Ausbildung und danach mit den Studium anfing, gab es viel zu wenige Stellen), insbesondere bei den Lehrerstellen, wird das eher früher als später so sein (ich weiß noch wie schwer sich mein Ex-Freund tat 2003 eine Stelle als Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Gymnasium zu finden).

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