Forum: Leben und Lernen
Oststudentin unter Wessis: "Wie ist es denn bei euch drüben?"

Drei Jahre alt war Antonie Rietzschel, als die DDR starb. Aber die Vorurteile, die leben noch. Beim Studium in Bremen braucht Antonie heute starke Nerven - sie ist Missionarin wider Willen. Denn ihre Heimat kennen andere Politikstudenten nur als Dunkeldeutschland voller Nazis.

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yolie2206 06.05.2008, 13:45
10. Solche Erfahrungen heute?

Ich noch etwas früher als die Autorin des Artikels geboren und habe immerhin knapp 5 Jahre in der ehemaligen DDR erlebt.

Das ich dadurch einen Nachteil habe, ist mir nie aufgefallen: Seit 3 Jahren studiere ich in Kooperation mit einem großen deutschen Unternehmen, bin in Dortmund, München und Stuttgart. Obwohl ich viele Kollegen, ob gleich alt, älter oder jünger habe, bin ich nie in obgenannte Diskussion gekommen.

Warum? Nicht aus desinteresse, sondern weil ich nicht auf Sprüche von vermeintlich überlegenen "anspringe wie ein Westmofa"

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Christian12002 06.05.2008, 13:50
11. Leicht zu erklären.

Spiegel Online veröffentlicht regelmäßig Artikel, in denen Ostdeutschland auf Skinheads, Fußball-Randale und post-sozialistische Tristesse reduziert wird. Wen kann es da wundern, dass die Leute so daherreden, obwohl sie nie in den neuen Bundesländern waren?

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krappi 06.05.2008, 13:52
12. Erlebe ich anders

Zitat von S_W
Als Wessi-Studentin in Leipzig macht man übrigens solche Erfahrungen nicht. Wenn dann mit westdeutschen Bekannten, die einem die gleichen blöden Fragen stellen und den Kopf schütteln, wenn man ihnen den Studienort verrät.
Ich erlebe das als "Wessi" in Leipzig allerdings anders... Mir kommt das was in dem Artikel geschildert wird sehr bekannt vor. Bemerkenswert ist dabei, dass die dummen Sprüche überwiegend von den "Kindern" also den jüngeren Studenten, die die Zeit eigtl. gar nicht richtig erlebt haben dürften, kommen.

Komme ich zwecks Besuch nach Hause in den Westen, bin ich für viele Bekannte allerdings mittlerweile auch "der ossi"... Ich finds traurig dass solche Vorurteile nach wie vor existieren, vor allem in einer Generation, die den Großteil dieser Zeit nur aus dem Geschichtsunterricht kennt!

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Tom Berger 06.05.2008, 13:55
13. ein Wessi im Osten

Zitat von sysop
Drei Jahre alt war Antonie Rietzschel, als die DDR starb. Aber die Vorurteile, die leben noch. Beim Studium in Bremen braucht Antonie heute starke Nerven - sie ist Missionarin wider Willen. Denn ihre Heimat kennen andere Politikstudenten nur als Dunkeldeutschland voller Nazis.
Ich, ein linksintellektueller, akademisch gebildeter und liberaler Wessi aus der Stadt war vorletztes Jahr ziemlich lange in Ostdeutschland und wohnte dort auf meinem Segelboot in Lassan, einer kleinen sterbenden Kleinststadt am Peenestrom nahe dem Stettiner Haff.

Lassan liegt ziemlich abseits, um es mal vorsichtig auszudrücken, und deshalb verwundert es auch nicht, dass dort, wie in jeder provinziellen Einöde, Einfalt und Zwietracht Hand in Hand gehen und das Lebensgefühl der Einwohner bestimmen. Man gönnt dem Nachbarn dort nicht das Schwarze unter dem Fingernagel, selbst wenn man selbst dadurch erhebliche Einbußen hinnehmen muss. Das kenne ich aus der Provinz in Westdeutschland auch, aber das Ausmaß im Osten war schon sehr überraschend. Aber vielleicht lag es im Fall von Lassan eben an der wirklich äußerst abgelegenen Situation, dass sich das dort so stark ausprägte.

Nicht wegzudiskutieren aber sind die Nazis dort. Sie bestimmen das Ortsbild und dominieren auch das kulturelle Leben. Als Ausländer wäre es völlig unmöglich, sich dort auch nur 5 Minuten frei zu bewegen. Natürlich habe ich in den 5 Monaten, die ich mich dort aufgehalten habe, auch keinen einzigen Ausländer gesehen. Auch keinen aus dem nahe liegenden Polen.

Die NPD erzielte bei den letzten Landtagswahlen im Jahr 2006 in Lassan ein Ergebnis von 12,7%. Der Lassaner PDS-Bürgermeister wiegelt ab und bestreitet die Existenz einer rechten Szene; er arumentiert öffentlich, dass die rechte Szene von außen nach Lassan herein getragen werde. Aber: Die alte Kaufhalle in Lassan, in der Neonazis regelmäßig Konzerte veranstalten, gehört dem Landkreis.

Ich habe Lassan am Tag nach der Landtagswahl verlassen. Für immer.

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ibeintner 06.05.2008, 14:03
14. Oh bitte!!!

Ich bin in der DDR aufgewachsen und war 11, als die Wende kam. Ich habe in Niedersachsen studiert. Woher ich kam, war nie ein großes Thema, über Ossis wurden genauso Witze gemacht wie über Bayern und Ostfriesen. Jetzt bin ich in Dresden und hier denken einige Leute, dass Düsseldorf im Ruhrpott liegt. So what. Das hat nichts mit Ost und West zu tun, sondern mit fremd und weit weg. Ein bisschen Selbstironie würde sicherlich vielen Leuten weiterhelfen, aber das geht nur, wenn die Ossis ihren ewigen Minderwertigkeitskomplex ablegen und für sich selbst erkennen, dass sie genauso viel wert sind wie Hamburger, Bayern oder Düsseldorfer. Dann kann man auch als Sachse oder Thüringer zu seinem eigenen Dialekt stehen und darüber lachen, so wie Bayern und Schwaben das ganz selbstverständlich tun.

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ucnet 06.05.2008, 14:09
15. ich musste mir auch ganz schön was anhören

Hallo zusammen,
als ich vor einem Jahr den Entschluss gefasst habe meine Heimat Hamburg zu verlassen und fortan in Thüringen zu arbeiten musste ich mir auch so einiges Anhören.

Da kamen Sprüche wie: "keine Sorge, wir bauen die Luftbrücke wieder auf" oder wenn ich mal wieder im Norden war "na endlich Mal wieder satt essen..."
Auch von Leuten, die ich eigentlich sehr gut leiden kann. Natürlich kommt immer dieser Spruch "Hey ist doch nur Spaß", aber irgendwie nervt es.
Die Frage die mich aber viel stärker quält, ist die, ob ich auch solche Sprüche loslassen würde, wenn ich in Hamburg geblieben wäre.

Gerade die Hamburger sind ein besonders schwieriges Völkchen. Da wird eigentlich schon von Stadtteil zu Stadtteil gelästert. Alleine der Ausspruch "südlich der Elbe beginnt Bayern" lässt tief blicken.
Schöne Grüße aus Thüringen
Christian

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soylentgreen2022 06.05.2008, 14:10
16. Geschichten

Ich muss bei dem Artikel auch gleich an meine Begebenheiten erinnern.
Sache eins: Letztens im ICE von Hamburg nach Leipzig. Ich kam von einer Freundin aus Kiel und hörte mir im Zug ein Nachbargespräch an:
Fahrgast 1:
Sind wir schon drüben?
Fahrgast 2:
Schau dir mal die heruntergekommenen Häuser an. Wir müssen schon in der Zone sein.

Interessanterweise waren wir keine 10 Minuten vorher aus dem Hamburger Bahnhof gefahren und befanden uns mitten in Niedersachsen.
Sache Zwei: Eine Bremerin, die bei uns an der Uni in Chemnitz studiert hat, hat sich sehr darüber aufgeregt, daß man im Osten Viertel Zwei und nicht Viertel VOR Zwei sagt. Sie fand es schlimm, daß wir kein ordentliches deutsch sprechen könnten. Was hat das mit dem Osten zu tun?

Sache Drei: Bei einer Feier bei Freunden in Frankreich, traf ich auf zwei Deutsche aus dem Saarland. Sie haben tatsächlich gefragt, ob wir Wasseranschluß im Haus hätten.
Ich denke das steht für sich.

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cr8 06.05.2008, 14:13
17. Also entweder liegt es an Bremen, oder...

Bin selbst in Thüringen groß geworden, und habe einige Zeit im Saarland (als einziger "Ossi" unter "Wessis" beim Bund) und in München verbracht, und kenne die Verhaltensweisen, die im Artikel dargestellt werden, so nicht. Gelästert wird quasi gar nicht, und wenn ich mal von meinen (wenigen) Erfahrungen von früher berichte, scheint das Erzählte eher interessant als verspottenswert zu sein. Vielleicht liegt das aber auch daran, dass ich mich meiner Herkunft nicht schäme und recht offen damit umgehe, bzw. bei kleinen Witzchen auch mal über mich selbst lachen kann.

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MillenCollin 06.05.2008, 14:18
18. viertel 2 = 13.45 oder 13.15

Zitat von soylentgreen2022
Eine Bremerin, die bei uns an der Uni in Chemnitz studiert hat, hat sich sehr darüber aufgeregt, daß man im Osten Viertel Zwei und nicht Viertel VOR Zwei sagt. Sie fand es schlimm, daß wir kein ordentliches deutsch sprechen könnten. Was hat das mit dem Osten zu tun?
aber ist viertel 2 nicht 13.15 uhr, während 13.45 (viertel vor 2) dreiviertel 2 ist?

ich meine diese frage übrigens ernst. ich kenne aus nordhessen nämlich dreiviertel 2 als 13.45 Uhr

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Mulharste 06.05.2008, 14:19
19. *feix*

Zitat von soylentgreen2022
Sache Zwei: Eine Bremerin, die bei uns an der Uni in Chemnitz studiert hat, hat sich sehr darüber aufgeregt, daß man im Osten Viertel Zwei und nicht Viertel VOR Zwei sagt. Sie fand es schlimm, daß wir kein ordentliches deutsch sprechen könnten. Was hat das mit dem Osten zu tun?
Nun, viertel zwei ist ja auch viertel nach eins..respektive dreiveretel vor zwei also 13:15!
Nicht 13:45..das wäre dreiviertel zwei oder viertel vor eins...
So schwer ist ostdeutsch...Btw 75% sprechen keins. :D

Zitat von
Sache Drei: Bei einer Feier bei Freunden in Frankreich, traf ich auf zwei Deutsche aus dem Saarland. Sie haben tatsächlich gefragt, ob wir Wasseranschluß im Haus hätten. Ich denke das steht für sich.
Habe ähnliches mit Amerikaner erlebt, die ernsthaft fragten ob ich aus OSt/West oder Nazideutschland käme und ob wir schon Waschmaschinen kennen würden...

naja....Saarland ist halt auch weit draussen :DDD

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