Forum: Leben und Lernen
Postdocs: Wie geht es Ihnen, Dr. Unsichtbar?

Milliarden zusätzlicher Euro pumpen Bund und Länder in die Wissenschaft. Das könnte den deutschen Hochschulen eine "Happy Hour" bescheren, der Umschwung verbessert die Karrierechancen für Postdocs. Und doch bleibt die Stimmung beim Forschernachwuchs mies. Warum nur?

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tl-hd 13.03.2008, 13:19
1. Problem der Zeitverträge

Zitat von sysop
Und doch bleibt die Stimmung beim Forschernachwuchs mies. Warum nur?
Solange man sich als PostDoc einem befristeten Vertrag zum nächsten hangelt, meist nicht genau weiß, wie es nach Vertragsende weitergeht, und alle paar Jahre umziehen muss, weil sich eine neue Stelle nur an einer anderen Uni (evtl. auch im Ausland) gefunden hat, fällt es schwer, eine rein positive Stimmung zu haben. Was fehlt, sind die langfristigen Karriereaussichten, die Aussicht auf eine unbefristete Stelle.

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fazh 13.03.2008, 13:48
2. Warum nur?

wieso fangen sie Ihren Artikel nicht von hinten an und ersparen uns den Anfang nach dem Motto "alles nur eine Frage der Kommunikation"

[einer, der eine "Eigene Stelle" hat - und drei Kinder]

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mws 13.03.2008, 14:20
3. Berufsverbot

Der Verfasserin Frau Prußky scheint wohl entgangen zu sein, das faktisch weiterhin ein Berufsverbot nach HRG besteht.
Auch wenn diese Regelung inzwischen modifiziert wurde, nach 12 Jahren (6 Jahre vor und 6 Jahre nach der Promotion) ist Schluss an Deutschen Unis, selbst wenn man eigene Forschungsgelder in der Tasche hätte.

Komischerweise interessierte lange Zeit diese Art von Berufsverbot niemanden.
Aber es gibt noch weitere Bremser in der Universitätslandschaft. So wird aus vermeintlichen Sparzwängen der universitäre Mittelbau abgetragen, Doktoranden werden bei 150% Arbeitseinsatz mit halben oder viertel Stellen, mitunter sogar mit Arbeitslosengeld "bezahlt". Fachbereiche sind chronisch unterfinanziert, so dass der Betrieb meist nur mit Diplomanden und Doktoranden aufrecht gehalten wird.

Keine Frage, die besten 10% werden sich ihre Stellen überall aussuchen können. Was ist aber mit dem "Rest"? Die, die einfach nur forschen wollen, ohne Professor werden zu müssen? Diejenigen, die älter als 35, 40 Jahre sind? In der Forschung vergeht diese Zeit schnell, aber in der Forschungsförderung zählen sie nicht mehr, man will nur junge Nachwuchswissenschaftler fördern.

Das Beste was bleibt, man wandert aus. Geforscht wird überall in der Welt, und inzwischen vieler Ortens auch barrierefrei. Zurückkehren- keine Option.

Mehr zum Braindrain: http://www.maintainbrains.de ,

Ein Beispiel über die gute Ausstattung an den Unis: http://www.spiegel.de/unispiegel/stu...540563,00.html
("Wie ein Fachbereich langsam verrottet")

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martin_schlimme 13.03.2008, 14:29
4. Immer noch Trainee!

[QUOTE=sysop;2061614]Milliarden zusätzlicher Euro pumpen Bund und Länder in die Wissenschaft. Das könnte den deutschen Hochschulen eine "Happy Hour" bescheren, der Umschwung verbessert die Karrierechancen für Postdocs. Und doch bleibt die Stimmung beim Forschernachwuchs mies. Warum nur?

Da kann ich mich meinem Vorredner nur anschliessen. Von Antrag zu Antrag hangeln, gibt nicht die entsprechende Stabilitaet (auch finanziell), die man mit 30+ eigentlich sich selbst mal vorgenommen hat. Mit Familie ist es sogar noch schwieriger. Aber ich denke, dass die Stimmung nicht nur wegen der finanziellen Unsicherheit eher als schlecht einzuordnen ist. Es hat auch etwas mit der "Situation Postdoc" zu tun. Hier in den USA wird klipp und klar gesagt, dass dies eine "Trainee" Stelle ist. Also noch mehr studieren. Natuerlich, wir haben uns dies so ausgesucht, nach einem Beruf gesehnt, in dem nichts alltaeglich ist, jeden Tag neue Herausforderungen birgt und uns die Moeglichkeit gibt, staendig etwas neues zu lernen. Jedoch nach 9+ Jahren immer noch als "Trainee" angesehen zu werden, und auch so behandelt zu werden, verfuehrt einen nicht gerade zu Freudenspruengen. Natuerlich haengt das auch sehr stark von dem Mentor ab, unter dem man arbeitet, aber dort ist die Spanne unter den Professoren von "sagenhaftem Mentorship" bis zu "absolutes unterstes Niveau" ziemlich breit....

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brombasch 13.03.2008, 14:48
5. Kisswin und Perspektive

Das Internetportal kisswin.de gibt mir wenig Grund für neuen Optimismus. In erster Linie ist dort der aktuelle Zustand auf einigen Dutzend (!) Seiten zusammengefaßt. Um dort Sinnvolle Information zu finden müßte man schon einen ganzen Nachmittag veranschlagen. Welcher Postdoc hat schon so viel Zeit?

Ich denke, daß die Unsicherheit der beruflichen Perspektive die Hauptursache für die fehlende Attraktivität der Wissenschaft für Postdocs bleibt. Um es noch deutlicher zu formulieren: Ohne feste Stelle ist die berufliche Perspektive in der Wirtschaft deutlich besser. Jedenfalls habe ich noch von keinem Fall gehört, in dem ein Angestellter nach 12 Jahren gefeuert wurde, nur weil er es nich nicht zum Abteilungsleiter gebarcht hat. Ein solcher Fall hat sich vor kurzem an dem Institut ereignet, an dem ich arbeite.

Doch selbst mit einem unbefristeten Vertrag als Akademischer Rat (A13), und erst Recht als wissenschaftlicher Mitarbeiter (TVÖD13/14), steht das Verhältnis von Beruflicher Qualifikation zum Monatsgehalt im Vergleich zu anderen Angestelen und Beamten des öffentlichen Dienstes (z.B. Oberschullehrern) sehr sehr schlecht aus.

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h_werner 13.03.2008, 14:55
6. Mit PR kann man das Problem nicht lösen

Im Grunde hat sich an der Situation der Postdocs qualitativ nichts verändert und man versucht sie lediglich mit großem Aufwand schönzureden. Selbst die Anstellung in einem windigen Startup-Unternehmen bietet mehr Sicherheit und Perspektive als die Universität. Der von meinem Vorredner gewählte Begriff des faktischen Berufsverbots erscheint zwar überspitzt, trifft aber die Sachlage ziemlich gut.

Und dank der Einführung der W-Professur ist selbst die Perspektive, am Ende eine Professur zu ergattern, völlig uninteressant geworden - nach 6 Jahren in der Industrie wäre eine Professur finanziell ein Rückschritt.

Bei diesen Rahmenbedingungen für Forscher ist der brain-drain nicht zu stoppen - schon gar nicht durch PR-Kampagnen.

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dude74eu 13.03.2008, 15:05
7. It's the tenure track, stupid!

Ich stimme obigen Kommentaren zum Artikel zu. Zeitvertraege mit ggf. permanentem Umziehen, nur damit man irgendwann mit 40 eine (eher schlecht bezahlte) Professur in der Wallachei bekommt, sind einfach nicht attraktiv.

Wenn man mir

a) eine Postdoc-Stelle in einer deutschen Grossstadt anbietet, die
b) bei guter Arbeit nach ein paar Jahren in eine unbefristete Stelle umgewandelt wird und
c) nach entsprechender Qualifikation und eintsprechenden Forschungsergebnissen zu einer Professur wird,

dann und nur(!) dann waere ich auch ernsthaft bereit, in Erwaegung zu ziehen, nach Deutschland zurueckzukommen.

Es koennten noch fuenf weitere Informationsportale eingerichtet werden (meinetwegen mit kostenlosem Buecherversand, Klingelton-download und Gratisurlaubsreisen :-), und ich wuerde nicht zurueckkommen, ohne dass es einen "tenure track" gibt.

Es sind uebrigens nicht nur die viel zitierten USA, wo es "tenure track"-artige Anstellungsverhaeltnisse gibt. Auch in Grossbritannien, Kanada und Australien findet man zuverlaessigere Karrierewege als in Deutschland.

Insofern waere es deutlich sinnvoller und realistischer gewesen, wenn die/der Autor(in) der SPIEGEL-Artikels nicht ueber "unsichtbare" Post-Doktoranden und die Kommunikationsprobleme Frau Schawans und ihrer Kollegen geschrieben haette, sondern eher wie folgt berichtet haette:
1. Die Bundesrepublik bemueht sich derzeit verzweifelt, fuer Nachwuchswissenschaftler attraktiv zu werden.
2. Leider wird das eigentliche Problem (naemlich das Fehlen eines "tenure tracks") gar nicht angegangen.
3. Schade um das viele (mehr oder weniger) umsonst ausgegebene Geld.

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countingzero 13.03.2008, 15:06
8. Es liegt an Euch

Es gibt immer zwei, einer der ausnutzt und der andere der sich ausnutzen lässt. Erkennt endlich, dass Deutschland nicht mehr zu retten ist und sich nicht retten lassen will. Geht nach USA, Kanada, Australien.....Arbeitet frei, ohne die Mittel einer mittelalterlichen Sklavenhaltung (=Habilitation), verdient angemessenes Geld und habt eine Perspektive, werdet gluecklich!

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survival of motoneuron 13.03.2008, 15:09
9. Postdocs...!?

Das Unglueck faengt doch schon als Promotions"student" an!!!
Als Promotions"student" ist man naemlich beides: Student, wenn es darum geht, den Semesterbeitrag zu ueberweisen und vor dem ehrenwerten Herrn Prof zu kuschen, und Angestellter, wenn es um den Beitrag fuer die Krankenkasse geht.

Ich geb was auf den Postdoc!!!

Selber Schuld, wer heute noch -nach 4 Jahren Versklavung als Doktorand mit 7 Tage Woche und knapp 1000 Euro netto monatlich- ernsthaft ueber eine Unikarriere nachdenkt...

Ich (selbst als Doktorand in der Bioforschung taetig), habe abgeschlossen mit dem Thema Uni, wie ca. 95% meiner Leidensgenossen auch. Schnell den Doc machen und dann raus hier, weit weit weg! 4 Jahre illegaler Ausnutzung (halbe Stelle, mehr als volle Arbeitszeit, gezwungener Massen, denn wer nur halbe Stelle arbeitet, dessen Stelle wird am Ende des Jahres wohl kaum mehr verlaengert) sind einfach genug.

Die Politik ignoriert diesen Zustand - solange, bis es irgendwann einen Megaknall gibt! Die Grenze des Zumutbaren fuer Doktoranden und Postdocs ist bald erreicht!

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