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Prämien an Hochschulen: Professoren im warmen Boni-Regen
Corbis

Voller Einsatz bringt Extrageld: An Hochschulen dürfen sich fast nur Professoren über Boni freuen, Höchstleistungen von Mitarbeitern werden kaum gewürdigt. Warum nicht?

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austromir 01.10.2014, 14:17
20. ahnungslos

Die W-Besoldung hat das Gehalt von Professoren gesenkt. Die vermeintlichen Zulagen sind entweder Standard (um die Gehälter weiterzahlen zu können) oder Bleibezulagen mit denen man die früheren Gehaltserhöhungen ersetzt.

Der Autor berichtet wahrscheinlich auch, dass Journalisten Zulagen erhalten wenn man sie als Festangestellte entlässt und ihnen Zeilenhonorare bezahlt.

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austromir 01.10.2014, 14:32
21.

Zitat von strixaluco
- Sie werden mit Bürokratie und allem Möglichen überhäuft, und im Vergleich mit Wirtschaftlenkern verdienen sie nicht besonders. Darüber kann man sich ärgern, aber: Bitte nehmen Sie zur Kenntnis, dass es der großen Masse der Menschen im System Uni wesentlich schlechter geht als Ihnen selbst!..... Bitte fangen Sie heute an, jetzt, nicht morgen, nicht übermorgen, es geht um das Leben von Menschen und es geht auch um die Integrität Ihres Berufsstandes!
Lieber Unbekannter,

das tun wir. Und Finanzstaatsekretariat und Wissenschaftsministeriumsspitze haben Hilfe zugesagt. Aber: ist es wirklich hilfreich wenn sich die akademischen Statusgruppen gegenseitig anklagen weil die Wissenschaft unterfinanziert ist?
Ist es die Schuld der Professoren das Verdi mit dem TV-L einen Tarifvertrag geschaffen hat der meinen wissenschaftlichen Mitarbeitern bis zu 15% Gehalteinbuße gebracht hat?
Und zuletzt: wer kämpft dagegen dass ein Professor für seine Studenten 7x24 erreichbar sein muss weil es sonst eine Beschwerde im Dekanat gibt?
Wer erwartet weiterhin dass wir in China, USA, Japan, Russland, ... aktiv sind weil internationale Kontakte gepflegt werden sollen?
Wer erwartet dass wir die Projekte auch am Wochenende noch vorantreiben damit wir die Deadline am Montag schaffen du mit etwas Glück Mitarbeiter weiterbezahlen können?
Wer hindert uns daran Dauerverträge zu schließen weil die Länderregierungen (unabhängig von der Farbe) das nicht wollen?
Wer hat mit der Bologna-Reform die Bürokratie weiter ausgebaut?
Wer zwingt uns Lehrpläne zu machen, die in 3 Jahren in einer Schnellbleiche aus überforderten Abiturienten erfahrene Akademiker machen soll?
Wer fordert, die Studentenzahlen weiter zu erhöhen und dabei weiter Stellen im Mittelbau zu kürzen?

Es sind NICHT die Professoren!

Kritik im SPON ist nett, aber sobald vorne ein Regierungsmitglied steht ist der Professor allein und der Mittelbau ist mucksmäuschenstill.

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whostalking 01.10.2014, 14:48
22. Boni-Rege, aha

Aus einer aktuellen Stellenanzeige für eine Informatik-Professur in Irland:

"Salary: €121,765.60 p.a.
(This appointment will be made on the Senior Lecturer scale in line with current Government pay policy)"

Einfach so, ohne Bonus- und Verhandlungsbullshit. Ein deutscher W3 kommt im Grundgehalt auf etwa die Hälfte.

Mal ehrlich, wer als heutiger Absolvent in Deutschland nicht spätestens nach dem Doktor das Weite sucht und sich auf die hochriskante Unikarierre hier einläßt kann nicht rechnen; zumal man vor lauter Evaluierungen, Anträgen, Formularen und Verwaltungskampf eh kaum zum forschen kommt.

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wally76 01.10.2014, 14:51
23. Warmer Boni-Regen?

Das klingt ja gerade so, als ob Professoren sich vor Geld nicht retten könnten. Das ist nicht so. Wir haben kein schlechtes Gehalt, im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung. Im Vergleich mit ähnlich ausgebildeten Angestellten in der Industrie ist's eher wenig. Aber die Professur war ja meine freie Entscheidung, insofern ist Jammern nicht angebracht.

Die tendenziöse Schlagzeile erregt zwar vielleicht die Gemüter, entspricht aber nicht den Tatsachen hier an meiner Hochschule:

Ich bekomme derzeit zu meinem W2-Gehalt eine Berufungszulage von etwas unter 200 Euro Euro mtl. Eingeworbene private oder öffentliche Drittmittel werden an meiner öffentlichen Hochschule weder mit Einmalprämien noch mit turnusmäßig verhandelbaren Zulagen belohnt. Die Hochschulleitung geht hier von intrinsischer Motivation aus. Dazu muss man wissen, dass jegliche Projekteinwerbung durch Professoren absolut freiwillig geschieht. Motiviert zu interessanter Forschung bin ich durchaus, aber würde ich nun Projekte einwerben, würde mir die hiesige Verwaltung mit ihrem oft objektiv sinnlosen Formularkrieg massiv Steine in den Weg legen. Einige der hiesigen Kollegen verzweifeln gerade an ihren erfolgreichen Projekteinwerbungen (80-Stunden Wochen wegen insuffizienter Verwaltungsunterstützung).

Unter diesen Umständen mache ich doch lieber eine fundierte Lehre für die Studenten, gar keine drittmittelfinanzierte Forschung und kümmere mich ansonsten um Familie und Nebentätigkeiten. Von den Kunden meiner Nebentätigkeiten wird meine Arbeit nicht nur finanziell sondern auch fachlich gewürdigt und die Akquise ist wesentlich unbürokratischer.

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whostalking 01.10.2014, 14:52
24. Boni-Rege, aha

Aus einer aktuellen Stellenanzeige für eine Informatik-Professur in Irland:

"Salary: €121,765.60 p.a.
(This appointment will be made on the Senior Lecturer scale in line with current Government pay policy)"

Einfach so, ohne Bonus- und Verhandlungsbullshit. Ein deutscher W3 kommt im Grundgehalt auf etwa die Hälfte.

Mal ehrlich, wer als heutiger Absolvent in Deutschland nicht spätestens nach dem Doktor das Weite sucht und sich auf die hochriskante Unikarierre hier einläßt kann nicht rechnen; zumal man vor lauter Evaluierungen, Anträgen, Formularen und Verwaltungskampf eh kaum zum forschen kommt.

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donicc 01.10.2014, 14:55
25. Rechnen Sie mal vor...

Zitat von jetbundle
Tja, in der akademischen Welt ist die Ausnutzung des Humankapitals optimiert, dass sich die Industrie die Finger dafür lecken würde: Der "wissenschaftliche Nachwuchs", also die Postdocs und Doktoranden mit Ambition beutet sich schon allein für das Fernziel Professur, oder zumindest für die nächste Vertragsverlängerung selber aus. Die Heerschaar an mittelmäßigen Doktoranden die aus verschiedensten Gründen promoviert will nur die zwei Buchstaben und weg. Da bringen auch Boni nichts. Die Professoren kriegen dann, und nur dann, Boni wenn sie sich woanders bewerben und ein Angebot kriegen. Das nennt man "Bleibeverhandlungen". Bemessungsgrundlage ist in der Regel die Höhe der eingeworbenen Drittmittel, wobei auch da der Hebelsatz extrem hoch ist. Die meisten Profs die keine de-facto Consultingfirma als Lehrstuhl betreiben bleiben im Grundgehalt oder kriegen ein Trinkgeld für administrative Arbeiten. Was richtig Geld bringt sind bei einigen wenigen Profs die Ausgründungen und Nebentätigkeiten. Da kann man dann auch nett Doktoranden und "wissenschaftlichen Nachwuchs" für einspannen, entweder direkt oder um die Arbeit an der Uni zu erledigen (Vorlesungen machen ist ja wichtig für den Lebenslauf...), und Räumlichkeiten und Geräte der Uni für nutzen.
Keine Frage: Der Staat bedient sich an zusätzlichen Einnahmen (Boni, Überstundenvergütung, Gehaltserhöhungen, ...) überproportional. Aber wie von einem Nettogehalt noch eine Tankfüllung übrig bleibt, müssen Sie mir vorrechnen.
Wenn ich einfach mal ein Nettogehalt von 1500€ zugrunde lege, und eine Tankfüllung auf 75€ taxiere, so entspricht dies 5%. Sie behaupten also, der Staat hat Ihnen 95% der Zulage als Steuer genommen. Wie gesagt, bitte rechnen Sie mal vor!

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donicc 01.10.2014, 15:06
26. Bitte vorrechnen!

Zitat von FerrisBueller
Boni werden voll auf das Gehalt angerechnet. Dadurch rutschen viele Empfänger in neue Steuerklassen und der Fiskus kassiert unter dem Strich den gesamten Bonus. Das ist mir schon öfters passiert: Der Bonus war eigentlich fast ein Netto-Gehalt aber nach dem das Finanzamt sich bedient hatte, reichte es so gerade noch für eine Tankfüllung. Von daher: Boni sind zwar bei normalen Arbeitnehmern eine nette Geste aber finanziell lohnt sich die Mehrarbeit für sie selten..
Keine Frage: Der Staat bedient sich an zusätzlichen Einnahmen (Boni, Überstundenvergütung, Gehaltserhöhungen, ...) überproportional. Aber wie von einem Nettogehalt noch eine Tankfüllung übrig bleibt, müssen Sie mir vorrechnen.
Wenn ich einfach mal ein Nettogehalt von 1500€ zugrunde lege, und eine Tankfüllung auf 75€ taxiere, so entspricht dies 5%. Sie behaupten also, der Staat hat Ihnen 95% der Zulage als Steuer genommen. Wie gesagt, bitte rechnen Sie mal vor!

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jetbundle 01.10.2014, 15:16
27.

Zitat von austromir
Es sind NICHT die Professoren! Kritik im SPON ist nett, aber sobald vorne ein Regierungsmitglied steht ist der Professor allein und der Mittelbau ist mucksmäuschenstill.
Die Professoren sind aber diejenigen die Sicherheit und Macht haben um etwas zu beeinflussen. Die befristeten Mitarbeiter mit 9 Monaten Restlaufzeit die an 3 Anschlussanträgen arbeiten sitzen ja nicht gerade in den Gremien der Unis, DFG, Max Planck/Fraunhofer und den Beratungsgremien im Bildungsministerium.
Außerdem ist die Wissenschaft nicht unterfinanziert sondern falsch organisiert. Das sieht man schon daran dass immer mehr Mittelmaß eine Promotion finanziert kriegt, und auch im internationalen Vergleich.

Die akademische Welt sollte von sich aus ein Sanierungskonzept erarbeiten, wie eine vernünftige Nachhaltige Struktur geschaffen werden kann. Das bedeutet die Gesamtmittel so umzugruppieren dass es einerseits weiterhin Wettbewerb um Drittmittel gibt, andererseits gute Wissenschaftler Karriereperspektiven haben und dadurch auch das Know-How und die Betreuung an den Unis verbessert werden.

Einerseits müsste ein Teil der staatlichen Fördermittel für dauerhafte Stellen eingesetzt werden, andererseits müsste die "Professur" reformiert werden. Weg vom kleinen Reich mit eigenen Stellen und Laboren, hin zu einer einfachen dauerhaften eigenständigen Stelle als Hochschullehrer und Forscher in einem Fachbereich oder Institut mit gemeinsamen Laboren, Großgeräten und Sekretärinnen. Förderanträge bei DfG und BMBF müssten limitiert werden auf einen Antrag pro Professor pro Semester (oder Jahr) um der Flut an Anträgen Herr zu werden.

Die Professoren haben allerdings kein Interesse daran, denn das würde bedeuten ihre 3 Labore, Großgeräte, Sekretärinnen und Entscheidungsgewalt über Wissenschaftler abzugeben oder zu teilen. Und hieran scheitern alle Erneuerungsansätze. 5 Mal so viel Geld für 5 Mal so viel Professuren des bisherigen Stils wird es nämlich nicht geben.

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strixaluco 01.10.2014, 15:46
28. @austromir: Schweigen aus Angst

Es gibt Leute, die haben eine feste Stelle, sind damit glücklich und lassen alles an sich vorbeiziehen, man kann ihnen ja nichts mehr. Die Mehrheit der Leute schweigt aber vor allem aus Angst - und weil sie komplett überbeschäftigt sind. Wer vorankommen will, hat eigentlich keine Zeit, sich zu engagieren - das ist das perfide am jetzigen (v. A. Antrags-) System. Die Leute werden mit Massenproduktion und Selbstzerfleischung beschäftigt. Wer offen redet, wird teils von den Kollegen regelrecht ausgeschlossen. Da viele Fachbereiche klein sind und die Leute gut vernetzt, kann das das berufliche Aus bedeuten.
Ich habe durchaus wahrgenommen, dass vor einiger Zeit in Baden-Württemberg auch Professoren auf der Straße waren - aber damit sich etwas in einer Geschwindigkeit bewegt, die an der prekären Lage Vieler etwas ändert, müsste dieser Protest noch viel lauter und öffentlicher sein. Und: bitte nicht weiter den Leuten hinterherlaufen, die meinen, es müsste nur "etwas mehr Wirtschaft" sein und dann ergibt sich alles von selbst. Eigentlich bräuchte es einen Neustart, und zwar einen, der zum Prinzip _freie Lehre und Forschung_ wirklich passt. Da kann die Wirtschaft nicht viel helfen, im Gegenteil, vieles, was von da kommt, richtet eine Menge Schaden an.
Ja, ich weiß, Sie haben eigentlich ohnehin viel zu viel zu tun, aber das liegt auch daran, dass der Reformstau seit Jahrzehnten aufläuft, weil schon immer alle eigentlich zu viel zu tun haben. Wenn die Bedingungen anfangen, den Kern der Sache aufzufressen, dann muss man auch daran mal gründlich arbeiten, dann geht es hinterher viel glatter weiter. Wenn man die Politik immer nur den Anderen überlässt, muss man sich nicht wundern, wenn die einem irgendwann in völliger Unkenntnis die Seele verkaufen... Forschungsfreiheit!
Wehren Sie sich! Sie haben auch ein Risiko, aber das geringste von allen, und auch wenn Sie einen kurzen Hebel haben, Sie haben überhaupt einen. Versuchen Sie es weiter, bitte!

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tl-hd 01.10.2014, 15:47
29. Teil 1

Zitat von jetbundle
Die Professoren sind aber diejenigen die Sicherheit und Macht haben um etwas zu beeinflussen. Die befristeten Mitarbeiter mit 9 Monaten Restlaufzeit die an 3 Anschlussanträgen arbeiten sitzen ja nicht gerade in den Gremien der Unis, DFG, Max Planck/Fraunhofer und den Beratungsgremien im Bildungsministerium. Außerdem ist die Wissenschaft nicht unterfinanziert sondern falsch organisiert. Das sieht man schon daran dass immer mehr Mittelmaß eine Promotion finanziert kriegt, und auch im internationalen Vergleich.
Professoren mögen sichere Stellen haben, viel Macht haben die aber trotzdem nicht. Streiken dürfen die z.B. nicht, und selbst wenn, würde ein Streik kaum auffallen, weil eben nicht wie bei Lokführern oder Piloten viele Menschen direkt betroffen sind, sondern weil vor allem Arbeit liegen bleibt, die dann anschließend in Überstunden doch gemacht werden muss, wenn die Karriere noch weitergehen soll.

In den Gremien bleibt auch nicht viel Macht. Da geht es meist nur darum, die wenigen Mittel zu verwalten - an die Entscheidungsträger in der Politik kommen auch die Profs kaum ran.

Sonst wäre es z.B. wohl kaum so, dass in manchen Bundesländern die Gehaltssteigerungen im ÖD nicht ins Personalbudget der Unis einfließen, die Unis also weiterhin das gleiche Budget haben, davon aber höhere Gehälter zahlen müssen - was nur dadurch gelöst werden kann, dass Stellen gestrichen werden.

Können Sie die angebliche falsche Organisation der Wissenschaft genauer belegen (also nicht nur mit Stammtischparolen)?

Zitat von
Die akademische Welt sollte von sich aus ein Sanierungskonzept erarbeiten, wie eine vernünftige Nachhaltige Struktur geschaffen werden kann. Das bedeutet die Gesamtmittel so umzugruppieren dass es einerseits weiterhin Wettbewerb um Drittmittel gibt, andererseits gute Wissenschaftler Karriereperspektiven haben und dadurch auch das Know-How und die Betreuung an den Unis verbessert werden.
Das klingt in der Theorie gut. Haben Sie auch eine Idee, wie man das in der Praxis umsetzen könnte? "Gesamtmittel so umgruppieren, dass..." schreibt sich leicht - genauso leicht, wie ich schreiben könnte, dass die Autohersteller einfach die Motoren so umkonstruieren sollten, dass diese bei gleichbleibendem Benzinverbrauch deutlich schneller und stärker sind...

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