Forum: Leben und Lernen
Prämien an Hochschulen: Professoren im warmen Boni-Regen
Corbis

Voller Einsatz bringt Extrageld: An Hochschulen dürfen sich fast nur Professoren über Boni freuen, Höchstleistungen von Mitarbeitern werden kaum gewürdigt. Warum nicht?

Seite 5 von 5
tl-hd 02.10.2014, 09:35
40. Teil 1

Zitat von jetbundle
Dann rechnen wir mal. Wenn ich mich nicht irre liegt der DFG Satz für Doktoranden um die 53k (und ja, die stehen bekanntlich idR. zu 100% drin). Macht also 106K für 2 Doktoranden. Daraus kann man locker ein W2 oder W3 Grundgehalt bezahlen. Und wenn Leute bereit sind bis Mitte 40 auf einem E14 oder gar E13 Gehalt mit 1-2 Jahren Befristung und kaum Aussicht auf feste Anstellung zu arbeiten, dann sind sie auch bereit für ein W2/W3 Grundgehalt mit Verbeamtung zu arbeiten. Wie gesagt: Als Wissenschaftler muss man ja nicht reich werden, wollen die meisten auch nicht.
Ich weiß nicht, in welchem Fach Sie arbeiten, dass Sie von der DFG Doktorandenstellen als 100%-Stellen genehmigt bekommen und diese auch so besetzen. Nach meiner Erfahrung haben Doktoranden nur 50%-Stellen (manche sogar noch weniger, aber gehen wir mal vom "Normalfall" aus). Da bricht Ihre Rechnung sofort zusammen. Erst als PostDoc erhält man (zumindest bei uns in den Lebenswissenschaften) 100%-Stellen. Da müssten Sie also schon vier Doktoranden durch einen Professor ersetzen - und ob da dann wirklich mehr bei rauskommt, ist doch zweifelhaft.

Zitat von
Ich weiss nicht wie oft Sie mit Ihren Doktoranden sprechen, aber in meiner Erfahrung ist im besten Fall das erste Jahr der Promotion reine Ausbildung, nur Betreuung, kaum Ergebnisse, im besten Fall hat man nach der Promotion dann einen ausgebildeten Fachmann der Ergebnisse liefert, im schlimmsten Fall auch nicht. Und viele der mittelmäßigen Doktoranden doktorn vor sich hin ohne richtig den Stand der Technik zu studieren, wobei viel Zeit vergeudet wird.
Da ich (noch) kein Professor bin, habe ich recht geringe eigene Erfahrung in der Betreuung von Doktoranden. Aber aus meiner eigenen Doktorarbeit (die natürlich nicht repräsentativ ist), und auch aus der Erfahrung mit Kollegen würde ich das Bild nicht ganz so negativ zeichnen. Natürlich gibt es auch Negativbeispiele. Aber leider weiß man oft erst im Nachhinein, wer jetzt ein Positiv- und wer ein Negativbeispiel ist - weniger Doktoranden würden da auch nicht viel dran ändern.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
tl-hd 02.10.2014, 09:36
41. Teil 2

Zitat von jetbundle
Die Qualität der Praktika und Tutorien der Doktoranden ist äußerst zweifelhaft, glauben Sie mir, ich kenne beides: Die Betreuung durch Professoren (in Ländern wo diese nicht nur Quereinsteiger-Manager sondern noch Wissenschaftler sind) ist viel besser. Wie bei der Theorie haben die Doktoranden auch die Praxis oft erst gerade gelernt, haben keinerlei Erfahrung in Didaktik und sind oft schlecht motiviert. Klar, positive Ausnahmen gibt es immer.
Nach meiner Erfahrung ist die Motivation bei Doktoranden in der Lehre oft höher als bei Professoren, die das schon seit Jahren machen. Und wie gesagt, so ein Praktikum, das keine Wahl- sondern eine Pflichtverantstaltung für den gesamten Studiengang mit mehr als 200 Studis ist, braucht entsprechend viele Dozenten. Wenn Sie da (um Gruppengrößen zu erreichen, die noch sinnvoll zu handhaben sind) z.B. 15 Gruppen einrichten, und jede Gruppe 10 Nachmittage Praktikum hat, sind das 150 Nachmittage Lehre - und das ist nur die reine Anwesenheit, die Korrektur von Protokollen etc. kommt noch dazu. Wenn Sie genügend Professuren einrichten könnten, um solche Veranstaltungen abzuhalten, wäre das sicher schön - aber leider nicht sehr realistisch.

Zitat von
Vielleicht sollten Sie mal ein paar Jahre in UK oder in den USA arbeiten und sich anschauen wie es da an den besseren Unis läuft.
Ich habe bereits in den USA gearbeitet, und zwar durchaus an einer der besseren Unis. Dass dort aber alles so viel besser sein sollte als in Deutschland kann ich nicht bestätigen.

Zitat von
Ein Problem was ich immer wieder sehe ist dass es enorm schwierig ist neue Konzepte zu vermitteln, insbesondere wenn die Leute stur vom alten Stand überzeugt sind. Die Leute sind oft nicht bereit oder in der Lage andere Konzepte und Denkweisen zu verstehen, gerade in Deutschland.
Das Problem ist in diesem Fall vor allem, dass Sie mit (zumindest aus Sicht der Natur-/Lebenswissenschaften, andere Fächer kann ich nicht gut beurteilen) falschen Zahlen rechnen, und z.T. sehr verallgemeinernd argumentieren. Dadurch wirken Sie nicht gerade glaubwürdig, weshalb dann auch die sinnvollen Aspekte Ihrer Ansätze schnell unter den Tisch gekehrt werden.

Wie ich schon in meiner ersten Antwort auf einen Ihrer Beiträge geschrieben habe, könnten wohl die meisten Professoren mit kleineren Gruppen, weniger Antrags- und Verwaltungsarbeit etc. gut leben. Aber so wie Sie das vorrechnen, geht das leider nicht auf.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
strixaluco 02.10.2014, 10:56
42. Bitte differenzieren...

Abschlussarbeiten _anteilig_ durch Doktoranden betreuen - ? Warum nicht, das ist eigentlich international nicht unüblich. Ich habe auch schon Doktoranden erlebt, die mal in der Vorlesung vertreten haben und das besser gemacht haben als der Professor. Eine Person, die ich da speziell meine, ist leider mittlerweile in die Wirtschaft abgewandert. Nicht vor allem des Gehalts wegen, wie ich annehme, sondern wegen der Arbeitsbedingungen. Das gilt für die meisten der Leute, von denen ich weiß, weswegen sie sich aus der Wissenschaft verabschiedet haben, oft trotz exzellenter Ergebnisse und Vorraussetzungen!
Ein Doktorand kann genau das machen und üben, mit dem er schon genug Erfahrung hat, und das sollte er auch, wie soll man denn bitte lernen, eine vernünftige Lehrveranstaltung abzuhalten, wenn einem das vor der Formalqualifikation niemand anvertraut? Das kommt doch nicht mit einem "Plopp" plötzlich mit dem Promotionszeugnis... (und ja, man merkt es den Leuten teils bös an, die nicht geübt haben) Der Professor sollte eben einen Blick darauf haben, dann läuft das auch - und ist so an vielen Stellen üblich.
Was die Bezahlung von Doktoranden betrifft: Das reicht von nichts bis zu halben Stellen, mehr ist schon ein mittleres Weltwunder und tendenziell mit reichlich viel Vorgaben verbunden. _Nichts_ ist nicht selten, Kleckerverträge auch nicht, und viele Programme reichen nur 2, maximal drei Jahre, wo es realistisch betrachtet 4 oder 5 dauert, um die Sache substanziell gut zuende zu bringen. Geschwindigkeit ist das absolut kein Qualitätsmerkmal, auch wenn man sich das politisch wünscht, weil es _scheinbar_ weniger kostet. Tut es aber nicht, weil so unglaublich viel Halbgares produziert wird, an das man auch schwerer vernünftig anknüpfen kann.
@austromir - Was Sie sich so unter Freizeit vorstellen... Es gab mal Zeiten, zu denen Akademiker Wert auf Allgemeinbildung, Engagement und Kultur gelegt haben. Da war man zwar in anderer Hinsicht verbohrt, aber... es sind im Erfolgszwang schon eine Menge Sachen über Bord gegangen, die etwas wert waren. BamS und Ballermann als Freizeitbeschäftigung für Wissenschaftler, sind wir da schon... bitte?? - Ich finde, ein wacher Verstand ist eine Verpflichtung, und es gibt eine Menge wichtiger Dinge auch jenseits der Uni, für die Menschen mit einem solchen dringend gebraucht werden: Politik, Kultur, Vereine, Integration... Es ist nicht gut, dass Berufsfunktionären zu überlassen, die keine Ahnung haben, wie es in dem Betrieb aussieht, den sie steuern sollen; das sieht man im Bildungswesen doch ganz besonders.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt - aber es ist eine effiziente Methode, unruhige Geister zum Schweigen zu bringen, wenn man sie mit existenzbedrohenden Wettbewerben gegeneinander ausspielt und kräftig mit Papierkram beschäftigt. Das sollte sich ein intelligenter Mensch und aufrechter demokratischer Bürger doch nicht gefallen lassen, oder?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 5 von 5