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Prekäre Arbeitsbedingungen: Wanka will Ausbeutung von Wissenschaftlern stoppen
DPA

Der Bund will gegen die miserablen Arbeitsbedingungen von jungen Forschern vorgehen. Daueraufgaben sollen nicht mehr über Zeitverträge geregelt werden. Die Finanzierung wird allerdings weiter von den Ländern abhängen.

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Newspeak 19.01.2015, 10:20
1. ...

Die Möglichkeit, Forschern befristete Verträge zu geben, werde "teilweise ausgenutzt"

Nein, nicht teilweise (das klingt wie zufällig, "aus Versehen"), sondern ganz bewusst, systematisch und auf größtmöglicher Skala, von allen Beteiligten.

Nebenbei...mancher Nachwuchswissenschaftler wäre schon um eine befristete Stelle froh und lebt von "Deutschlandstipendien" (Arbeitslosengeld/Hartz IV). Auch das wird von Vorgesetzten "teilweise" ganz bewusst in Kauf genommen, genauso wie Halbe (oder Drittel/Viertel) Stellen. Doktorarbeit ist schließlich Privatvergnügen.

Und beinahe jede Nachfrage nach einem Postdoc wird damit beschieden, daß man sofort anfangen könne, mitzuarbeiten, wenn man sein eigenes Geld mitbringt. Ich wäre dafür, daß man diese Regelung auf alle Angestelltenverhältnisse ausdehnt. Deutschland ist in dieser Hinsicht noch viel zu sozial.

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Vater Gans 19.01.2015, 10:25
2. 12-Jahres-Regel abschaffen

Geändert werden muss vor allem die 12-Jahres-Regelung, die es verbietet, dass wissenschaftliche Mitarbeiter mehr als 12 Jahre in Fristverträgen arbeiten. Die Regel war zwar gut gemeint und sollte dazu führen, dass die Unis unbefristet anstellen, führt aber zu einem faktischen Berufsverbot für wiss. Mitarbeiter an deutschen Universitäten. Da die Leute nach 12 Jahren Zeitverträgen oft Anfang vierzig sind und bisher nur an der Uni gearbeitet haben, kommen sie auf dem Arbeitsmarkt nirgends mehr unter. Das ist die häßliche Seite der "Bildungsrepublik" Deutschland.

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bosom 19.01.2015, 10:30
3. Nicht nur das

auch TAs(Technische Assistenz) das Rückrad eines jeden Labores werden nur noch befristet angestellt. Die Finanzaufseher der Hochschulen reiben sich schon vorfreudig die Hände in Aussicht auf die anstehende Rentenwelle der unbefristeten Angestellten. Dann kann man endlich 40 Jahre Berufserfahrung gegen Menschen mit Zukunftsangst und Planungsunsicherheit eintauschen. Ist billiger und man wird sie auch schneller los. Nur die Forschung und Ausbildung wird dauerhaft leiden. Aber Hey, die Zahlen sind endlich schwarz.

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sapere+aude 19.01.2015, 10:36
4. Spreu von Weizen, Leidenschaft von Normalität

Das jetzige PostDoc-System ist mit Sicherheit nicht nett. Es hat allerdings den massiven Vorteil, dass es stark und sinnvoll filtert, wer Professor wird.

Es werden nämlich die Leute, die sehr viel können, wahnsinnig viel arbeiten, auf ihr Fach fokussiert sind, international flexibel sind, und die so leidenschaftlich sind, dass sie gar nicht anders können, als dran zu bleiben.

Das hat auch viel gutes, es begründet nämlich unter anderem den wirtschaftlichen Erfolg von Deutschland.

sapere+aude

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vish 19.01.2015, 10:53
5. Schön,...

... dass Frau Wanka sich über die Arbeitsbedingungen von Wissenschaftlern Sorgen macht. Ich hoffe, Sie verbessert sie. Wenn sie damit fertig ist, kann sie sich ja dann um die prekären Arbeitsbedingungen von Millionen Niedriglöhnern, Zeitarbeitern, 1-Euro-Jobbern, Putzfrauen, Pflegekräften, Friseuren usw. kümmern. Die haben übrigens im Gegensatz zu den o.g. Wissenschaftlern nämlich nicht nur eine prekäre Arbeitssituation sondern auch keine Perspektive, diese Situation durch beruflichen Aufstieg zu verbessern. Aber das wird wohl nicht passieren, falsche Wähler-Zielgruppe.

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der_stille_beobachter 19.01.2015, 11:00
6.

Zitat von sapere+aude
Das jetzige PostDoc-System ist mit Sicherheit nicht nett. Es hat allerdings den massiven Vorteil, dass es stark und sinnvoll filtert, wer Professor wird. Es werden nämlich die Leute, die sehr viel können, wahnsinnig viel arbeiten, auf ihr Fach fokussiert sind, international flexibel sind, und die so leidenschaftlich sind, dass sie gar nicht anders können, als dran zu bleiben. Das hat auch viel gutes, es begründet nämlich unter anderem den wirtschaftlichen Erfolg von Deutschland. sapere+aude
Das deckt sich leider nicht mit meinen Erfahrungen. Die wirklich leidenschaftlichen, international flexiblen und hart arbeitenden Wissenschaftler finden nämlich ohne Probleme entweder einen sehr gut dotierten Posten in der Industrie oder einen gut dotierten, sicheren und mit vernünftigem Budget versehenen Platz an einer ausländischen Universität. Realistisch gesehen bleiben meist drei Typen übrig:
1. Diejenigen, die Leere an der Hochschule als Berufung sehen
2. Diejenigen, die außerhalb der Universität nicht überlebensfähig wären
3. Diejenigen, die aus der Industrie zurück kommen um ein entspannteres Arbeitsleben zu haben.

Zur Vertragssituation. Ich kenne genügend, die derzeit noch keinen Vertrag ab dem 1. Februar haben. 2016? Nein, 2015! Und die auch in der nächsten Woche noch keinen zur Unterschrift vorgelegt bekommen.
Vielleicht dann in der Woche ab dem 26. So lässt sich doch kein Leben aufbauen.

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Msc 19.01.2015, 11:03
7.

Zitat von Newspeak
Und beinahe jede Nachfrage nach einem Postdoc wird damit beschieden, daß man sofort anfangen könne, mitzuarbeiten, wenn man sein eigenes Geld mitbringt.
Das ist aber kein rein deutsches Phänomen. Das können sie von Japan bis Kalifornien auf der ganzen Welt erleben. Ausgeschriebene PostDoc-Stellen sind rar und man kann sich dabei natürlich nicht aussuchen wo man hingeht. Namhafte Professoren sind nicht darauf angewiesen, dass sie bezahlte Stellen anbieten müssen, sondern leben von stipendienfinanzierten PostDocs.

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Motorkopf 19.01.2015, 11:04
8. So!

Nun hat wohl auch der/die letzte in diesem, unserem Staat mitbekommen, dass Firmen sowie die öffentlichen fast nur noch prekär beschäftigen!
Ein Hoch auf rot/grün!
Konnte ja vorher keiner wissen, dass die Hartz-Gesetze zu Ausbeutungen der hiesigen Menschen führt - gelle?!

Nicht nur die "ungebildeten" sind Opfer einer grassierenden Amerikanisierung - nein so ziemlich alle in unserer Bevölkerung.
Warum sollten Akademiker auch ausgenommen sein? Ich kenne eine sehr mächtige deutsche Firma, die einen Großteil ihrer Forschungs- und Entwicklungsarbeit hauptsächlich durch "Praktika`s" erledigen lässt.
Wozu sollte man Durchschnittsangestellte anwerben, wenn man es auch durch angehende "Doktoren" billiger haben kann?

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thebazile 19.01.2015, 11:11
9. Zu viel Bildung kann auch schaden

Wer Jahre oder Jahrzehnte Forschung betreibt und sich mit Promotion und Habilitation auf einem Wissenschaftsgebiet hoch qualifiziert, darf nicht mit 40 Jahren vor dem Nichts stehen. Auch wenn man nicht unbedingt Professor werden will, muss man damit von etwas leben können. Das Problem ist, dass man sich mit solch einer speziellen Ausbildung schlichtweg nirgends mehr bewerben kann. Wie es einem ergehen kann, der einen Ausweg aus seiner prekären Lage als Forscher sucht, beschreibt in amüsanter Weise der Roman „Darwins Prophezeiung“ von Manuel Biener.

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