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Quereinsteiger in Schulen: Von null auf Lehrer
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Kein Lehramtsstudium - und trotzdem im Schuldienst: Nirgendwo wechseln so viele Quereinsteiger in den Lehrerjob wie in Berlin. Beteiligte berichten von "rücksichtslosem Löcherstopfen".

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cobaea 03.01.2017, 11:36
60.

Zitat von Paddel2
Andere Länder wie die Schweiz und die skandinavischen Länder, die uns in Bildungsfragen weit voraus sind, gibt es gar kein Lehramtsstudium. Dort kann jeder Hochschulabsolvent Lehrer werden, mit dem Unterschied, dass dort auf EIGNUNG für den Beruf geachtet wird. Bei uns lebt man dagegen den Aberglauben, man könne jeden Charakter durch "pädagogische Studien" zum .....
Zumindest für die Schweiz ist diese Aussage falsch. Seit etwa zehn Jahren müssen in der Schweiz Volksschullehrer (Klasse 1 bis 9) eine Matur (Abi) vorweisen und anschliessend an einer Päd. Hochschule studieren. Kantonsschullehrer (Gymnasiallehrer) machen - wie in D - ein Uni-Fachstudium (samt begelitender oder nachzuholender Pädagogik). An Volksschulen sind solche Lehrkräfte nicht zu finden. Quereinsteiger lassen nur noch wenige Kantone zu, wobei der "Quereinstieg" sich auf die Zulassung zur PH beschränkt. Unterschied zu Deutschland: Auch wer einen Handwerksberuf erlernt (hat), kann eine "Berufsmatur" erwerben - also ein Abi, das über den Umweg einer Lehre angesteuert wird. Was die meisten Kantone aber anbieten, ist ein "Sabbatical" nach 5 bis 10 Jahren Berufstätigkeit - dabei bleibt der Job erhalten, die Lehrkräfte müssen aber das halbe Jahr etwas mit Bezug zum Job machen. Das kann z.B. für einen Werklehrer auch ein Praktikum in einer Schreinerei, für eine Englischlehrerin ein Aufenthalt in GB sein.

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triqua 03.01.2017, 11:45
61.

Zunächst einmal stehen in Berlin traditionell andere Dinge auf der Agenda ... Zum Beispiel die Drangsalierung von Ferienwohnungsinhaber oder die Geschlechtergleichstellung ... Alles andere, zum Beispiel das Bildungsniveau in der Hauptstadt spielt da nur eine sehr untergeordnete Rolle ... Das fängt mit der erschreckend hohen Zahl der Schulschwänzer an (niemanden in der Berliner Politik interessiert das wirklich - in Berlin muß man nicht wirklich zur Schule gehen) und hört mit der erschreckend hohen Zahl an Ferientage und sonstige schulfreien Tage auf Kosten der Schüler/Bildung auf! Das ist es nur konsequent, auch an den Lehrkräften zu sparen ... Klasse Berlin!

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cybion 03.01.2017, 11:46
62. Lehrer starten in der Schweiz mit 83.000 Euro Jahresgehalt

"In der Schweiz beginnen Gymnasiallehrer(innen) minimal mit einem Brutto-Jahresgehalt von gut 90.000 Franken (umgerechnet etwa 83.000 Euro) – wobei sich die Gehälter von Kanton zu Kanton teilweise beträchtlich unterscheiden. Sie erreichen nach einigen Jahren ein Niveau von 130.000 Franken und kommen gegen Ende der Laufbahn auf fast 150.000 Franken in den strukturschwächeren Kantonen und auf über 170.000 Franken in Zug oder Zürich.
Im Sekundarbereich starten die Lehrkräfte mit etwas über 80.000 Franken und können sich bis auf 140.000 Franken verbessern (in Zürich bis über 150.000 Franken). Und im Primarbereich der Grundschule liegen die Einstiegsgehälter bei 70.000 und das Endgehalt zwischen 110 und 120.000 (in Zürich bis 145.000).
Sicher kann nicht alles, was im Ausland gut funktioniert, einfach so auf andere Gesellschaften mit unterschiedlicher Kultur und Geschichte übertragen werden. Mit Blick auf die wirtschaftliche Erfolgsgeschichte der Schweiz dürfte sich aber die Entscheidung, viel Geld für Lehrkräfte auszugeben als langfristig kluge Strategie erweisen. Wer beim Gehalt für Lehrkräfte spart, geizt an der falschen Stelle. Gute Lehrkräfte kosten viel Geld. Schlechte Lehrkräfte jedoch sind teurer."

Zitat aus der "Welt" vom 25.8.15. NOCH FRAGEN?

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cobaea 03.01.2017, 11:47
63.

Zitat von almeo
Verbeamtung hat für die Schüler durchaus einige Vorteile. So dürfen Lehrkräfte anders als Piloten und Erzieherinnen nicht streiken und werden auf den Staat vereidigt, so wird verhindert, dass an staatliche Schulen seltsame Blüten wie rechtsradikale, islamisitische oder andere Hetze gelehrt wird. Gleichzeitig ist es leider immer mehr so, dass Lehrer nicht als Partner der familiären Erziehung, sondern als Gegner gesehen werden. Der Beamtenstatus schützt Lehrkräfte auch davor, von Helikoptereltern und Grund und Boden geklagt zu werden, ..
Das sind alles keine Gründe für eine Verbeamtung. In der Schweiz z.B. sind Lehrkräfte prinzipiell Angestellte - entweder des Kantons (Gymnasien) oder der Schulgemeinden. Die hier aufgezählten "seltsamen Blüten" sind schlicht dadurch ausgeschlossen - und das gilt auch für deutsche Bundesländer -, dass sich Lehrkräfte ans Schulgesetz, an Lehrpläne und natürlich an die Verfassung halten müssen. Das schliesst rechtsradikale Hetze, Islamismus etc. aus. Sollten seie sich nicht daran halten, kann man sie als Angestellte einfach entlassen.
Und da auch angestellte Lehrkräfte einen Arbeitgeber haben, der gegen juristische Auseinandersetzungen versichert ist, sind sie gegen Elternklagen gleich geschützt wie Beamte. Ansonsten gibt es Berufsrechtsschutzversicherungen - entweder direkt bezahlt oder via Berifsverband/Gewerkschaft. Weshalb Lehrkräfte nicht streiken können sollen, ist mir schleierhaft. Zumal das in den Bundesländern ja für die angestellten Lehrer nicht zutrifft - die aber wesentlich schlechter bezahlt und ab und an auch mal vor den Sommerferien entlassen und erst danach wieder angestellt werden. Gleichzeitig sind verbeamtete Lehrkräfte auch bei grösstem beruflichem Desinteresse nicht los zu kriegen.

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FrankDr 03.01.2017, 11:48
64.

Wobei ich es ja mal lustig fände, wenn ohne Verbeamtung mal so oft gestreikt wird wie bei der Bahn oder Lufthansa o.a.
Wie groß dann der Aufschrei wäre, von allen normalen Arbeitnehmern (zu denen Lehrer dann ja auch gehören), wenn sie sich pro Jahr 2 Wochen Urlaub nehmen können, weil ihre Kinder nicht betreut werden.

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abp1968 03.01.2017, 12:00
65. wozu die Aufregung

Quereinsteiger können frischen Wind in viele Jobs bringen (nicht nur bei Lehrern). In anderen Ländern ist das zum Teil auch so und von denen kann Deutschland viel lernen. Wie immer hängt es von den einzelnen Personen ab. Schlimmer als Quereinsteiger sind doch die verbeamteten und schlechte Lehrer die bequem in ihren Positionen hängen und die man nicht los wird. Dann lieber ein begeisterter und motivierter Quereinsteiger, der den Schülern etwas aus der realen Welt auf den Weg gibt, als ein sich zurücklehnender zu hoch bezahlter Beamte, der nichts anderes kennt.

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gigi76 03.01.2017, 12:01
66. gute Gründe

Ich vermute, die im Beitrag genannte Frau, möchte ein Familie gründen. Das macht sich bei einem Karrierejob in der freien Wirtschaft nicht so gut, als Lehrer schon, der Staat als Arbeitgeber ist sehr berechenbar und fair. Der Kunsthistoriker hatte sich vermutlich zuvor von einem Freelancejob zu nächsten gehangelt und ist nun froh über eine Festanstellung.
Das Quereinsteigerprogramm ist reine Hilflosigkeit und zieht leider auch wieder nur die Falschen an. Mein bester Lehrer aus der Schulzeit war beides pädagogisch und fachlich top.

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dickebank 03.01.2017, 12:06
67. dienstunfähig

Zitat von Berliner42
Erwähnen wir doch noch die Besserstellung bei Berufsunfähigkeit. Lehrer werden am häufigsten berufsunfähig und das oft schon in jungen Jahren. Den Rest des Lebens liegen sie dann dem Steuerzahler auf der Tasche, statt noch mal woanders zu arbeiten. Für Angestellte ist das weit weniger attraktiv.
Beamte können nur dienstunfähig werden. Und da geht es dem verbeamteten Lehrer mit A12 nicht anders als dem PHK in der gleichen Besoldungsgruppe. Die Gefahr Opfer physischer und psychischer gewalt zu werden, ist bei beiden gleich hoch.

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almeo 03.01.2017, 12:08
68.

Jaein, durchaus gibt es recht viele Lehrkräfte mit sog. "Burn-Out". Aber anders als sich viele das so vorstellen ist Lehrer-Sein eben nicht nur im Kreis sitzen, tanzen und klatschen und ab 13 Uhr auf den Tennisplatz. Das ist so eine Klischeevorstellung von Menschen, die glauben, nur weil sie selbst wissen dass 2+2 Vier ist und eine Mathearbeit dementsprechend einfach zu korrigieren ist, wäre der ganze Job Pille-Palle. Mein Lieblingsbeispiel ist das des MAthematikprofessors Krummheuer von der Uni Frankfurt, welches bei ihm immer an erster Stelle steht und zu meiner Studentenzeit unter den Studenten als "13 Perlen" ein geflügelter Begriff wurde.

http://www.fallarchiv.uni-kassel.de/2011/methoden/interaktionsanalyse/krummheuer/dreizehn-perlen/

Wenn man sich dieses Beispiel anschaut kann man eigentlich nicht länger behaupten, Grundschulmathematik iam Beispiel der Aufgabe 20-7=? könne jeder Schreiner unterrichten und Kabelkanäle klopfen wäre anspruchsvoller.

"Jarek möchte unter dem Erwartungsdruck, möglichst verschiedene Antworten zu nennen, die Möglichkeit zulässiger Lösungen durch additive Zerlegungen überschreiten und eine “subtraktive Zerlegung” vornehmen. Mathematisch korrekt wäre in diesem Fall 13 = 7 – (-6). Nun verwenden Kinder, bevor sie systematisch einen Begriff von negativen Zahlen entwickeln, häufiger die Zahl 0 als Ersatz dafür. "

Eigentlich sollte in Anbetracht der mangelnden Erziehung von Kindern (über die sich ja irgendwie jeder beschwert) sowieso jeder sich selbst erstmal an die eigene Nase greifen und zugeben, dass Kindererziehung als solche schon nicht leicht ist, erst recht nicht, wenn man ihnen dann auch noch fokussiert Fachinhalte beibringen will. Der Job ist einfach stressig, immerhin werden pro Minute mehr Entscheidungen durch die Lehrkraft getätigt als z.B. bei Fluglotsen. Dazu kämpft man eigentlich weitgehend alleine und arbeitet ständig "unter der Lupe". Verschusseln Sie im Betrieb mal wichtige Unterlagen, merkt das mit Glück nicht mal jemand. Brauchen Sie zur Bearbeitung länger als geplant ist auch das meistens gut vertuschbar, Urlaub zu spät eingereicht? Ach, das kann man schon noch irgendwie nachtragen! - Aber korrigieren Sie an einer Grundschule mal nicht innerhalb von zwei Tagen eine Klassenarbeit! Na, da haben Sie die aufgeregten Eltern noch Abends um 10 am Telefon!

Es gibt sicher auch diejenigen, die nach einer Verbeamtung sich sehr schnell ein halbes Jahr krank schreiben lassen wegen Burn-Out, dann eine mehrmonatige Kur machen, dann ein Sabbatjahr und dann in Mutterschutz gehen, aber meine persönliche Erfahrung ist, dass diese Lehrkräfte in der absoluten Minderheit sind. Gerade weil der Job so anspruchsvoll ist, machen ihn am Ende doch die wenigsten, um mit 50 in Frührente geschickt zu werden. Und die, die es werden sind meistens auch wirklich ausgelaugt und "fertig" von der Arbeit. Ich kenne es sogar eher umgekehrt. Oft wollen sich Lehrkräfte gar nicht richtig von "ihren" Klassen trennen, sind stolz auf "ihre" Lerngruppen und halten sogar noch lange privat Kontakt mit den Schülern, nachdem diese die Schule schon lange verlassen haben.

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gonzel 03.01.2017, 12:11
69. @dickeBank

Sie entreißen meinen Post dem Kontext. Ich wollte lediglich ausdrücken, dass eine Reflexion des KC durchaus hilfreich sein kann, für sich selbst weiter Schlüsse zu ziehen (hinsichtlich Lehrerberuf)

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