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Rechtsstreit über Professoren-Gehälter: "Das ist einfach zu wenig"
DPA

Wie viel Geld muss ein Hochschullehrer verdienen? Sind 4000 Euro zu wenig? Darüber entscheidet jetzt das Verfassungsgericht, denn ein Chemiker hat gegen die Besoldungsordnung geklagt. Im Interview erklärt der Geschäftsführer des Hochschulverbandes, wie viel Professoren wirklich bekommen.

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unglaeubig 14.02.2012, 11:03
110. Wahrscheinlich stimme ich ohnehin nur in den allgemeinen Tenor ein, aber...

Als Habilitant kann ich in das Gejammer der Professoren nur einstimmen:

Jeder meiner Ex-Promotions-Kollegen in der Wirtschaft verdient mit mindestens einem Drittel weniger Wochenarbeitszeit mehr als ich. In meiner Postdoc-Zeit in der Schweiz hatte ich ausgezahlt das Doppelte wie hier in Deutschland. Selbst als Professor würde ich in Deutschland weniger verdienen denn als Postdoc in der Schweiz, ein Schweizer Professor verdient etwa das dreifache wie sein Deutscher Kollege. Trotz dem allgemein höheren Lebenskostenniveau in der Schweiz sind die akademischen Gehälter im Gesamtgesellschaftlichen Lohnniveau höher eingestuft. In Deutschland ist das Einstiegsgehalt für Professoren so niedrig, dass man als Nicht-EU-Ausländer nicht mal als "hochqualifiziert" (mit entsprechenden Vereinfachungen für die Arbeitserlaubnis) gilt, wenn man sich auf eine solche Stelle bewirbt, unfassbar, oder? Ein Professor gilt nicht als hochqualifiziert in Deutschland!

Und, lieber Herr Titz, wenn ich ein Buch schreibe, dann mache ich dafür 2 Jahre lang Überstunden zusätzlich zu den Überstunden, die ich ohnehin schon mache. Ich muss nämlich - im Gegensatz zu vielen SPON-Redakteuren wahrscheinlich - ORDENTLICH recherchieren und kann und möchte nur fundierte Dinge publizieren. Und mit 90%iger Wahrscheinlichkeit sind die paar hundert Euro von der VG Wort dann trotzdem das einzige was dabei rumkommt, denn so fantastisch sind die Verkaufszahlen von Physik-Fachbüchern nicht. Aber hey, was gar nicht erwähnt wurde im Interview: Ich kriege sogar die Lehre noch extra bezahlt, weil ich das Glück habe, dass die nicht in meinem Arbeitsvertrag steht. Ganz toll: ~40 Euro pro Kontaktstunde. Haben sie schon mal eine Vorlesung gehalten, Herr Titz? Wieviele Stunden Vorbereitung brauchen sie pro Stunde Vorlesung? Ich für meinen Teil habe jedenfalls für meine Mathenachhilfestunden in der 10 Klasse mehr bekommen als ich nun für Lehre an der Universität bekomme, und SELBSTVERSTÄNDLICH bleiben während meiner regulären Arbeitszeit keine Freiräume für derartige Tätigkeiten, das geschieht alles in meiner "Freizeit" (und um es mal so deutlich zu sagen, bezogen auf den tatsächlichen Stundenlohn von etwa 5 Euro vor Steuern auch nahezu "freiwillig").

Es ist genau so, wie Herr Hartmer sagt: Jeder denkt, ein Professor wäre reich. Außer den Professoren.

Das derzeitige akademische Lohngefüge läuft - zumindest in den angewandten Naturwissenschaften - darauf hinaus, dass nur noch idealisten (oder, man glaubt es kaum, dumme Menschen) - freiwillig eine akademische Karriere einschlagen, während die wirklich guten Wissenschaftler in der freien Wirtschaft ein vielfaches verdienen oder das in teueren Studiengängen geförderte "Humankapital" ins Ausland tragen. Verdammt noch mal, ein RICHTIGES Urteil des Bundesverfassungsgerichts heute!

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muldvarp90 14.02.2012, 11:08
111.

Zitat von shovelbolle
Prima. Ich kann die Höhe meines Gehaltes einklagen !
An solchen Kommentaren sieht man, wie schnell doch die Fakten beiseite
geschoben werden, sobald das Wort "Professor" im Zusammenhang mit
Geld fällt.

Dass hier der Weg der Klage gegangen werden muss, liegt nun einmal
daran, dass bei Beamten das Gehalt alleine vom Arbeitgeber festge-
setzt wird und es keine starken Interessensvertretungen wie Gewerk-
schaften gibt. Ich denke, diejenigen, die sich hier so über den Klage-
weg als Anzeichen von Abgehobenheit amüsieren, würden ziemlich
lange Gesichter ziehen, wenn ihr Arbeitgeber genauso mit ihnen ver-
fahren könnte und würde.

Es ist auch wichtig, diese Diskussion um die Professorengehälter im
Zusammenhang mit ihrer Entstehung zu sehen. Die W-Besoldung ist
eingeführt worden mit dem Argument, dass die Professorengehälter
in Deutschland im internationalen Vergleich niedrig sind. Wer Exzellenz
will, braucht exzellente Leute, und dafür muss man eben auch bereit
sein, etwas mehr zu zahlen. Das ist in der freien Wirtschaft ja auch
nicht anders. Da das aber mit den beamtenrechtlichen Vorschriften
der C-Besoldung schlecht ging, wurde eben die flexible W-Besoldung
geschaffen. Diese hat sich aber dann als sehr effektive Sparmaßnahme
für viele Universitäten erwiesen, die damit ihre Lohnkosten senken
können. So kommt es eben, dass die Professorengehälter effektiv
massiv gesenkt wurden, während gleichzeitig der Eindruck weiter
verschärft wurde, damit würde einer Gruppe überbezahlter Staats-
bediensteter noch mehr Geld hinterhergeworfen.

Die Frage, ob 4000€ im Monat genug sind oder nicht, ist natürlich
berechtigt. Aber man muss das im Vergleich dazu sehen, wie andere
Beamte bezahlt werden. Wenn man z.B. als Juniorprofessor weniger
verdient als ein Berufschullehrer, dann stimmt da vielleicht etwas im
Gesamtsystem nicht.

Es ist auch nicht so, dass sich die Professoren dagegen wehren, nach
Leistung bezahlt zu werden. Die Frage ist: Wieso denn alle anderen
Beamtengruppen dann nicht auch?

Zum Abschluss noch eine Aufforderung an diejenigen, die den Klage-
weg hier als Abgehobenheit abtun. Man stelle sich ein großes Unter-
nehmen vor, welches einen guten Teil des Arbeitsmarkts in der
Branche abdeckt. Der Vorstand jammert, dass man sparen muss und
dass im Zuge dessen allen neu Eingestellten in einer Unternehmes-
sparte 10% des tariflichen Grundgehalts für mehrere Jahre gestrichen
werden. Den bereits Beschäftigten nicht, und die anderen Sparten sind
auch nicht betroffen. Deren Gehälter können aufgrund der Sparmaß-
nahmen natürlich nicht erhöht werden Gleichzeitig gönnt sich der
Vorstand aber selbst 3,5% mehr.
Nicht vorstellbar? Ja, würde wohl so nicht passieren. Im Bereich der
Wissenschaft aber schon. Wer's nicht glaubt, der suche mal einerseits
mach "besoldung kürzung bayern 2011" und andererseits nach
"diätenerhöhung bayern 2011".

In der freien Wirtschaft würde das wohl in kürzester Zeit dazu führen,
dass sich die Gewerkschaft massiv gegen solche Maßnahmen wert,
z.B. mit Streiks. Ich kann mir aber dann nicht vorstellen, dass sich
irgendwelche Professoren hinstellen und das als Abgehobenheit mit
Worten wie "Ey, ich kann meinen Arbeitgeben unter Druck setzen,
indem ich einfach nicht mehr arbeite! Prima!" belächeln.

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k@nt 14.02.2012, 11:08
112.

Zitat von Dani1987
Ich denke wenn die Damen und Herren Professoren mehr verdienen möchten, sollten Sie wie alle anderen Arbeitnehmer selbst, Ihre Nachfrage unter Beweis stellen. Viele Akademiker verdienen selbst nach Jahren keine 3000 Euro Netto, mit denen 15 % der Ärmsten unter den Armen unter den Professoren leben müssen, und von Zusatzgeldern für Vortragsreisen, etc. können die meisten auch nur träumen. Ich denke das Bundesverfassungsgericht sollte den Professoren entgegen kommen und den Beamtenstatus für dese Gruppe abschaffen, dann könnten Sie z.B. als Freiberufler Ihre Dienste, die dann ausschließlich nach Leistung entlohnt werden, anbieten.
Deutschland, das Volk der Dichter und Denker... Was wurde wohl Schiller heute verdienen? Was 'könnte' er heute wohl für die Wirtschaft leisten?

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PeterZwo 14.02.2012, 11:11
113.

Um einmal einen Vergleich zu ziehen mit einem Beispiel:

Als voller Professor an den guten staatlichen Universitäten in der Schweiz bekommt ein 40jähriger Single netto pro Monat ca 13 000 Euro.
Auch in "Orchideenfächern" wie Geschichte.
Wo werden die besten wohl hingehen?

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Spieegel 14.02.2012, 11:12
114.

Zitat von PIrot
Kompliment an der Interviewer: lange nicht mehr ein Interview gelesen, in dem so hartnäckig und ausdauernd nachgefragt wird. Best: "soll es also Extrageld fürs Altern geben?" Auch sehr gut: "Professoren haben es ziemlich gut, mit eigenem Büro, Vorzimmer und Mitarbeitern. Sie sind fast niemandem Rechenschaft schuldig und leben als kleine Könige im Hochschulbetrieb." Das trifft die Sache im Kern.
Das sehe ich genauso, selten einen so hartnäckiges Interview gelesen. Liest man andere Interviews von Spiegel (Print und Online), so hat man das Gefühl, dass bei den Fragen Grenzen auferlegt werden, wie weit der Befrager gehen darf, hartnäckig sein ist nicht erlaubt.
Sehr gutes Interview!

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Conny44 14.02.2012, 11:13
115. Falsche Schlüsse!

Zitat von haltetdendieb
Dieses Interview ist vermutlich eines der besten, welches ich auf Spiegel-Online gelesen habe. Und die ganze Zeit darüber her zu erwähnen, dass es sich um kein "niedriges" Gehalt handelt, ist ziemlich herausragend. Ein prima Interviewer, der sich nicht mit den üblichen Antwirten abspeisen lässt. Herr Dr. Prof. soll doch einfach mal in die freie Wildbahn gehen, wenn ihm sein Gehalt nicht gefällt. Es ist ein Unding, falls der BGH dem Bestreben nachgibt. Polizisten müssten dann noch viel mehr bekommen, bitte Herr Oberpolizist sofort Klage für alle Polizisten einreichen. Denn diese haben keinen der zu vielen hunderttausend Euro pro jahr dotierten Nebenjobs, die auch meistens dann noch durch Assistenten oder Studenten abgearbeitet werden. Die Maßstäbe werden reichlich versch(r)oben Herr Professor. Es ist auch sehr interessant, dass ein solches Interview teilweise als "provokant" bezeichnet wird. Was ist daran provokant, wenn man die Realität abbildet. Ja und die Abermillionen an Nebeneinkommen, ja die dürfen nicht mitzählen. Weil, die gibt es zwar regelmäßig, aber einmal sind es 100.000 mal nur 93.200 Euro im Jahr. Dann kann man die doch nicht mit in die Berechnung einziehen. Gegen W3 in ganz Deutschland und für Professoren, die ihren "Lehrauftrag" ernst nehmen. Dieses Gejammer hängt mir zum Halse raus!
Professoren, Ingenieure und Ärzte gehen einfach ins Ausland, dazu reichen schon Niederlande und Skandinavien: erheblich höhere Gehälter bessere Arbeits- und Forschungsbedingungen, von USA ganz zu schweigen.
Geht jemand auf Jahre in die Lehre, wird er schlecht als Lehrer oder Prof mit 40+ einen Industriejob mehr kriegen. Es ist also ein grundsätzliche Entscheidung in jungen Jahren. Da müssten sie ja heute bekloppt sein, nicht direkt in die Wirtschaft zu gehen. Deshalb bekommen Berufskollegs ja auch keine vernünftigen Ingenieure mehr in Elektrotechnik und Maschinenbau. Sie gehen direkt in die Wirtschaft. Die Berufskollegs bekommen schlecht vermittelbare Arbeitslose älterer Jahrgänge im Angestelltenverhältnis. Warum sie dennoch zugreifen liegt auf der Hand. Was sagen die Politiker, die diesen Mist verzapft haben: Nur die besten Hochschulabsolventen sollen unsere Kinder unterrichten. (Wir kriegen ja auch nur die" fähigsten" Menschen als Abgeordnete)

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neubremer 14.02.2012, 11:20
116.

Zitat von austromir
Das war natürlich ein geschickter Schachzug des DHV. Man nimmt den schlechtestbezahlten Professor (der in diesem Fall gar kein Professor ist sondern nur ein Juniorprofessor), ignoriert dass der Titel "Juniorprofessor" hier nur im Sinne der Karriereförderung an einen frisch Promovierten vergeben wurde, der ohne diesen Titel einfach nur ein PostDoc oder Projektmitarbeiter wäre und posaunt in die Öffentlichkeit, dass die Professoren schlecht bezahlt werden. Wie immer wenn Interessenvertretungen meinen, durch solche Tricks die eigene Sache besser vertreten zu können, wird der Schuss nach hinten losgehen. Denn im Rahmen der Besoldungsdiskussion wird nun die Frage auftauchen, warum Professoren praktisch beliebig nebenher verdienen dürfen. Zurückbleiben wird das Bild gieriger Forscher die den Hals nicht voll genug kriegen können.
Natürlich werden für Musterfälle besonders aussichtsreiche genommen. Schauen Sie sich mal den Musterfall für die Wiedereinführung der Kilometerpauschale bis 20 km an. Dieser spezielle Fall, der damals vorlag, trifft für grob geschätzt 98% der begünstigten Bevölkerung nicht zu. Dagegen ist die W1-Besoldung im Wissenschaftsbetrieb ein Massenphänomen.

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fraupaul 14.02.2012, 11:23
117.

Zitat von Frans-Daniel
Was für eine Ausgeburt an Beamtenmentalität. Wie wird hier mit dem Geld der Steuerzahler umgegangen! Fordern, fordern ohne irgendwelche Leistungen auch überhaupt bringen zu wollen. Verbeamtete Professoren sind ein Relikt aus dem finsteren Mittelalter mit.....
Ich weiß ja nicht, wann und wo Sie studiert haben, aber ich kann Ihren Eindruck aus aktueller Sicht nicht teilen (es sei denn, Sie waren sarkastisch?). Bei keinem meiner Professoren konnte ich bisher Freizeit ohne Ende erkennen. Eher das Gegenteil.
Natürlich gibt es schwarze Schafe, aber wenn man sich als Student für sein Studium interessiert, dann vermeidet man die Vorlesungen solcher Profs, wenn möglich.

Sicher wäre es wünschenswert, wenn Profs nur an ihre Forschung und Lehre denken würden. Aber wenn ich mir vorstelle, in meinem Forschungsbereich eine Professorenstelle anstreben zu wollen und dafür bereit bin, jahrelang unter unsicheren Bedingungen zu arbeiten und zu leben, dann ist es ein beruhigender Gedanke, eine gewisse Sicherheit zu haben, wenn das Ende der Leiter mal erreicht ist.
Vor allem, wenn man mal Familie haben will. Als Frau gründet man die in der Regel dann zwischen Promotion und Habilitation, also wenn noch gar nichts sicher ist. Insofern kann ich es verstehen, wenn ein Professorengehalt einen zusätzlichen (!) Anreiz darstellt und verurteile niemanden dafür.

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spiegel-hai 14.02.2012, 11:24
118.

Zitat von birka12
Es ist zum Lachen, nur in Deutschland kann man sein Gehalt beim Bundesverfassungsgericht einklagen. ...
Der springende Punkt ist Ihnen entgangen: Professoren sind Beamte, und deren Bezüge sind gesetzlich geregelt. Will man daher gegen den Willen des Gesetzgebers eine Gesetzesänderung erreichen, muß an sich an die gerichtliche Instanz halten, die dafür zuständig ist. Und das ist? Na? .... genau!

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heinrich78 14.02.2012, 11:32
119. brutto netto rechner

Zitat von Conny44
Wie Sie zu solch einer Aussage kommen würde gern einmal belegt sehen. Es ist einfach kaum zu glauben, was in diesem Forum alles behauptet wird.
bei einem brutto einkommen von 70.000 Euro bleiben ca 3100 Euro netto übrig. Einfach hier eingeben:
Brutto-Netto-Rechner: Was von Ihrem Lohn noch übrig bleibt - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft


Im Interview wird als Nettogehalt 3000 genannt. Soweit liegt er also mit seiner Behauptung nicht daneben....

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