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Schulwahl - Alles reine Elternsache?

Die Entscheidung über die Schulausbildung der Kinder nach der Grundschule ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt. Oft können Eltern frei entscheiden, ob ihre Kinder ein Gymnasium besuchen sollen - auch gegen die Empfehlung der Lehrer. Sollen Eltern künftig das alleinige Recht auf die Schulwahl für Ihre Kinder haben? Können Prüfungen dies besser entscheiden? Oder soll die jeweilige Empfehlung der Grundschule bindend sein?

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Statikus 14.12.2005, 13:49
1.

Ich denke kaum, dass eine Prüfung (deren Ausgang ja durchaus auch von der jeweiligen Tagesform abhängig sein kann) hier sinnvoll ist.
Sollte die Einschätzung der Grundschule zum Leistungsvermögen eines Schülers eindeutig sein, dann sollte diese auch bindend sein. Der Optimalfall ist dann sicherlich der, daß sich die Grundschule mit den Eltern hinsichtlich der Entscheidung, welche weiterführende Schule die richtige ist, einig ist.
Schwierig wird's da, wo es quasi auf Messers Schneide steht, für welche Schule die Empfehlung seitens der Grundschule ausgesprochen wird. Hier hielte ich eine möglichst frühzeitige Kontaktaufnahme zwischen Grundschule und Eltern für wünschenswert. Dort könnten dann das Für und Wider zwischen Lehrern und Eltern besprochen werden, bevor eine Entscheidung gefällt wird. Vielleicht sollte man in einem solchen Fall (nach einem beratenden Gespräch) dann den Eltern freistellen, die Entscheidung zu treffen.

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DJ Doena 14.12.2005, 13:58
2.

Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.

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Silvia 14.12.2005, 14:15
3.

Zitat von DJ Doena
Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
In Niedersachsen fällt die Entscheidung zum Ende des 4. Schuljahres.
Die Empfehlung sollte sich im Wesentlichen auf drei Bereiche stützen:
- Noten
- Arbeitsverhalten (Mitarbeit, Konzentrationsfähigkeit, Fleiß, Zuverlässigkeit, Sorgfalt)
- Denkvermögen (Reproduktion, Anwendung, Übertragung, Komplexität von Zusammenhängen)

Diese Dinge weiß man am Ende des 4. Schuljahres normalerweise. Die Noten allein sollten nicht ausschlaggebend sein. Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten.
Dass die Eltern entscheiden, halte ich gerade in Zweifelsfällen für richtig. Das kann man als Lehrer kaum richtig machen. Nicht alle Kinder zeigen am Ende des 4. Schuljahres eindeutige Tendenzen. Wohin sich dann ein Kind entwickelt, ist oft reine Kaffeesatzleserei und hängt von zig Dingen ab, nicht zuletzt und vor allem von der Unterstützung des Elternhauses.

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trabajador5 14.12.2005, 15:18
4.

Zitat von Silvia
Aber wenn jemand in Kunst oder Musik in der Grundschule eine 4 oder 5 hat, sollte das schwer zu denken geben. Dahinter steckt in der Regel ein Einstellungsproblem zu Inhalten, die nicht so viel Freude bereiten. .
darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche".
aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden.

was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.

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trabajador5 14.12.2005, 15:23
5.

Zitat von trabajador5
darin steckt wohl eher eine gesunde einstellung, nach dem motto "ich konzentriere mich auf das wesentliche". aber sie haben schon recht. "befehl und gehorsam" sind die deutschen kardinaltugenden. wer sie nicht hat, muss gebrochen werden. was nützen da alle mathematischen talente? hauptsache unser nachwuchs hat die richtige einstellung, oder das , was lehrer dafür halten.
in dem zusammenhang fällte mir ein beispiel ein, welches vor kurzem im fernsehen gezeigt wurde.
da gabe es einen, der mit 2 fingern schneller und fehlerfreier mit der tastatur schreiben konnte, als alle anderen mit dem an der schule verlangten 10-finger-system.

der ist dann durch die prüfung gefallen, weil er der lehrerin nicht gehorcht hat und das richtige sytem angewendet hat. das ist bezeichnend für die prioritäten des deutschen "erziehungswesens".

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Jaffolk 14.12.2005, 17:02
6.

Zunächst mal halte ich ohnehin nichts davon, dass hier schon nach dem vierten Schuljahr ein Richtungsweg für Kinder eingeschlagen wird, der sich nicht ohne Weiteres flexibel an die Entwicklung des Kindes anpassen lassen kann.
Ich kenne Beispiele aus dem Freundeskreis, wo jemand in der Grundschule eine Klasse wiederholen musste und dann das Abitur mit einem Einserschnitt bestanden hat.

Wenn es nun daran geht, wer die Entscheidung für eine Schulform - wenn sie denn getroffen werden muss - treffen soll, so gibt es hier sicherlich viele Argumente für das eine und ebenso viele für das andere.
Nun mag man auf der einen Seite sagen, dass die Lehrer das Kind mehrere Stunden am Tag im Unterricht beobachten und auch prinzipiell (jedenfalls) theoretisch die Leistungen und das Verhalten eines Kindes objektiver einschätzen können als die Eltern. Zudem sollten Lehrer ja nun auch qua Ausbildung fähig sein, Potentiale und/oder Schwächen zu erkennen und darauf basieren eine Entscheidung treffen können.
Nun sind Lehrer allerdings auch nur Menschen, die nicht perfekt sind, Fehlurteile treffen können, und - so sehr sie es auch versuchen zu vermeiden - vielleicht auch ihre Lieblingsschüler haben.

Für eine Entscheidung durch die Eltern spräche, dass diese ihr Kind nun mal einfach besser kennen und auch anhand von außerschulischen Aktivitäten einschätzen können, was ihr Kind "leisten" kann und was nicht. Letztlich liegt ja auch viel u.a. an der Unterstützung der Eltern, an der Bereitschaft, zu helfen oder Hilfe zu organisieren und generell an dem, was ein Kind im Elternhaus "mitbekommt".

Prinzipiell wäre es also vernünftig, wenn die Entscheidung von Eltern und Lehrern zusammen getroffen wird und dabei frühzeitig ein Informationsaustausch stattfindet, damit solch eine tragischerweise (weil zu früh) wesentliche Entscheidung nicht übers Knie gebrochen werden muss. Dies setzt aber voraus, dass beide Seiten nicht stur auf ihrem Standpunkt verharren und bereit sind, eine andere Meinung das Potential des Kindes betreffend zu akzeptieren. Es bleibt zu befürchten, dass solch Einsicht nicht immer da ist.

Nun habe ich bereits eingangs gesagt, dass ich die frühe Bestimmung über den Schulweg eines Kindes ohnehin nicht gutheißen kann. Zehn Jahre halte ich für zu jung, um entscheiden zu können, "was aus diesem Kind noch wird" und eben leider auch hoch ungerecht. Das dieses Problem in einem vermeintlich so sozialen Land wie Deutschland nicht ordentlich angegangen wird, erschreckt mich immer wieder.

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thingamajig 14.12.2005, 17:36
7. Ich fand es völlig normal, ...

Zitat von DJ Doena
Ich finde es erschreckend, dass die Entscheidungsfindung, für welche Schule ein Kind "geeignet" ist, bereits so früh und dann in einem extrem kurzen Zeitrum (1. Hälfte des vierten Schuljahres) gefällt wird.
... damals [Sommer '54 oder so (in Hessen)?] eine Aufnahmeprüfung für das Gymnasium machen zu müssen. [War'n Klacks!]

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Ulrich Dillis 14.12.2005, 17:48
8. Aufnahmeprüfung

Zitat von thingamajig
... damals [Sommer '54 oder so (in Hessen)?] eine Aufnahmeprüfung für das Gymnasium machen zu müssen. [War'n Klacks!]
Sonderbar, wie sich der "Fortschritt" entwickelt.
Auch bei mir war (1968) die Aufnahmeprüfung für das Gymnasium völlig normal. Sie sind das beste für das Kind und für das Gymnasium.

Auf Empfehlungen von Volksschullehrern oder gar auf Elternwünsche hat man sich mit gutem Grund lieber nicht verlassen.
Warum sind eigentlich diese Aufnahmeprüfungen weggefallen?

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trabajador5 14.12.2005, 18:53
9.

Zitat von Jaffolk
Nun habe ich bereits eingangs gesagt, dass ich die frühe Bestimmung über den Schulweg eines Kindes ohnehin nicht gutheißen kann. Zehn Jahre halte ich für zu jung, um entscheiden zu können, "was aus diesem Kind noch wird" und eben leider auch hoch ungerecht. Das dieses Problem in einem vermeintlich so sozialen Land wie Deutschland nicht ordentlich angegangen wird, erschreckt mich immer wieder.
genau so ist es. das dreigliedrige schulsystem hat sich als nicht wettbewerbsfähig erwiesen und geht verschwenderisch mit der ressource geist um. ohne dies braucht man dann auch diese unsägliche aussortierung nicht (incl. machtfülle der lehrer), welches es in der zivilisierten welt sonst nicht gibt.
wir müssen die beamten abschaffen und motivierte, aufgeschlossenen junge lehrkräfte gewinnen.
dann brauchen wir die ganztagsschule mit mehr inhalten.
beispiel (damit man sieht, wie es in etwa laufen könnte):
es gibt bestimmte pflichtfächer für alle. die in verschiedene leistungsstufen aufgeteilt werden.

1. stufe. überdurchschnittlich interesssierte/begabte
2. stufe: normal interessierte/begabte
3. stufe. kinder, die einer speziellen förderung bedürfen.

ausserdem gibt es verschiedenen fachgebiete, die eine vertiefung ermöglichen:

beispiel naturwissenschaften:
mathe, physik, biologie, chemie = pflichtfach für alle. vertiefer sind in der 1. leistungsstufe in den pflichtfächern.
ausserdem werden für vertiefer weitere fächer am nachmittag geboten. z.b. mechanik, kernphysik, verhaltensforschung, organische chemie, projekte, praktika.
beispiel musisch/künstlerische vertiefung.
musik, kunst = pflichtfächer. vertiefer bekommen ausserdem schauspielunterricht, tanzunterricht, gesangsunterricht.
beispiel sprachen.
2 fremdsprachen für alle pflicht. vertiefer bekommen die möglichkeit, weitere sprachen zu erlernen.

im sport kann man sich z.b. auch eine vertiefung vorstellen. boris becker zeigt ja, dass man auch ohne deutsch seinen weg machen kann, wenn man eine filzkugel richtig trifft.
alterstufen sind durchlässig, man kann bei entsprechender eignung/motivation auch stufen in den jeweiligen fächern überspringen.

so werden dann die kinder individuell nach ihren fähigkeiten gefördert, und ein zweiter einstein scheitert nicht am abitur bzw. gymnasium, weil er goethe anders verstanden hat als sein lehrer.

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