Forum: Leben und Lernen
Selbstzweifel im Studium: Ich bin doch nur ein Hochstapler
Corbis

Eine 1,0 in Mathe? Glück gehabt! Jahrgangsbester in Germanistik? Zufall! Gerade Leistungsstarke mit wenig Selbstvertrauen zweifeln oft an sich. Wenn das krankhafte Züge annimmt, sprechen Psychologen vom Hochstapler-Syndrom. Was hilft?

Seite 3 von 4
Whitejack 14.07.2014, 22:24
20.

Zitat von albert schulz
Ich saß mal mit ein paar dieser Hochleistungsdepressiven in der Mensa, einer hatte nur eine zwei anstatt einer eins bekommen. Daraufhin wollte ich ihn aufmuntern, und habe ihm erklärt, daß die vier das Optimum überhaupt darstellt. Man müßte die blöde Prüfung (einschl. der wochenlangen Büffelei) nicht wiederholen und hätte es geschafft, ohne sich übernommen zu haben, hätte also exakt den Aufwand getrieben, der für das Ergebnis gereicht hat. Die Jungs an dem Tisch waren absolut fassungslos, vollkommen irritiert, ihrem gesamten Wertekanon drohte die Vernichtung.
Ich denke, die Fassungslosigkeit dürfte eher von der vollkommenen Sinnlosigkeit dieser Aussage herrühren.

Ich weiß ja nicht, was Sie studiert haben, aber falls Sie es getan haben, um damit einen Job zu bekommen (und nicht schon durch Papis Kontakte einen solchen in der Tasche haben), dann ist es ziemlich wertlos, wenn am Ende lauter Vieren auf dem Abschlusszeugnis stehen. Dann hätte man sich das Studium nämlich lieber direkt gespart - das wäre mit Abstand die zeiteffizienteste Lösung gewesen und wäre exakt der Aufwand gewesen, den man für das Ergebnis (nutzloser, da miserabler Abschluss) hätte treiben müssen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
akademischer_hochstapler 15.07.2014, 00:03
21. Hochstapelei? Ein Fallbeispiel

Ich hatte das Glück, das Studium mit ein bis zwei Jahren Vorsprung auf meine Kommilitonen beginnen zu können (MINT-Fach). Denn ich hatte aus Interesse fürs Fach bereits in der Schulzeit mit dem präzisen photographischen Gedächtnis der Heranwachsenden jene dicken Bücher abgearbeitet, die die anderen erst im Studium zu Gesicht bekamen. Für mich ein Kinderspiel.

Daher wußte ich immer mehr als die anderen, und konnte durch Vorziehen von Vorlesungen diesen Zustand langfristig aufrecht erhalten. Meine Praktikumsprotokolle nutzten oft Auswertemethoden und theoretische Ansätze, von denen meine Kommilitonen garantiert und die betreuenden Assistenten wahrscheinlich noch nie gehört hatten. Das setzte ich wohldurchdacht ein, um meinen Ruf als Überflieger systematisch aufzubauen.

Manchmal mußte ich dazu auch etwas bluffen. Das war mir nicht Recht, denn ich wollte ehrlich sein und hatte panische Angst vor dem Erwischtwerden. Aber es war ja nur eine Sünde auf Zeit. Außerdem fiel nie irgendjemandem etwas auf.

Das lag auch daran, daß das akademische Personal der Uni von gemischter Qualität war; manche, die nach zehn Jahren immer noch nicht habilitiert waren und dann aus "sozialen Gründen" weiterbeschäftigt wurden, wären von jedem aufgeweckten Studenten in die Tasche gesteckt worden. Andere waren gut, aber hatten sich an geringe Standards im Umgang mit anderen gewöhnt. Bis zum Diplom hatte ich nur viermal auf eine Prüfung oder ein Praktikum eine 2 bekommen.

Obwohl ich unzählige Freifächer (auch aus anderen Studienfächern) besuchte, begann ich mich unrund fühlen. Ich reproduzierte alles, was man mir vorsetzte, und verstand es besser als die meisten anderen. Aber kreativ war ich nicht. Meine Motivation, Aufgaben über alle Erwartungen zu lösen, war nur, daß ich andere beeindrucken wollte. Die Aufgabe selbst war mir egal.

In Praktika funktioniert das prächtig. Ich erkannte die Leere hinter meinem Tun, und hatte bereits bei der Diplomarbeit ein mulmiges Gefühl. Aber alles ging glatt. Niemandem fiel auf, daß ich die Arbeit mechanisch durchgezogen hatte, abgesehen von ein paar spielerischen Schnörkeln, die ich eingebaut hatte, um mehr Bewunderung zu ernten.

Und die Dissertation? Jemand bot mir ein auf mich zugeschnittenes Thema an, das mich wirklich interessierte. Ich lieferte zum ersten und letzten Mal richtig gute Arbeit. Mit meinen Referenzen war eine Postdoc-Stelle relativ leicht zu bekommen, auch in Krisenzeiten. Nur daß mich das Thema eben nicht mehr interessierte.

Und so versuchte ich es automatisch und unbewußt mit der Praktikums- und Diplomarbeitsmethode: Bluffen und einfach das Tun der anderen nachahmen. Ich bin ja intelligent genug, daß das niemandem auffallen wird. Aber es fiel auf. Drastisch. Das Projekt endete in einem Desaster.

Und deshalb bin ich jetzt knapp 50, habe nie Sex gehabt (in der Studentenzeit hatte ich lieber gelernt als Party gefeiert, später hatte sich mein Image und auch Selbstverständnis als freundlicher Sonderling so weit verfestigt, daß ich nicht mehr ausbrechen konnte), habe keinen Job und schlage mich trotz Notenschnitt 1,0 von Abi bis Dissertation irgendwie durchs Leben.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
vultorianus 15.07.2014, 00:38
22. @Newspeak

Ja, ganz genau so.
Ich habe mich selbst ein wenig in dem Artikel und in Ihrem Kommentar wiedererkannt. Besonders das Gefühl , das man empfindet, wenn man denkt man müsste doch eigentlich alles beherrschen können, worüber man eine Klausur geschrieben (und bestanden) hat, kann einen etwas runterziehen. Obwohl ich diese Einstellung wohl nie ganz loswerden kann, hat mir eine Situation im Studium ganz entscheidend geholfen: Bei einer mündlichen Prüfung zum Thema polymere Werkstoffe war ich eigentlich ob des großen Themenumfangs nach meiner Auffassung schlecht vorbereitet und dachte bereits, zum vereinbarten Prüfungstermin nicht zu erscheinen, und dabei nicht krank zu feiern (das ist nicht meine Art), sondern einen Fehlversuch hin zu nehmen. Letztlich erschien es mir allerdings als unangebracht nicht zu erscheinen, da sich der Professor extra einen Termin für mich eingerichtet hatte.
Am Prüfungsort angekommen, wurde ich von einer netten Mitarbeiterin älteren Semesters begrüßt und offenbar hat sie ihre Lebenserfahrung meine Situation erkennen lassen, da sie mich direkt auf meine Nervosität ansprach. Ich erläuterte ihr meine Position und erzählte ihr, dass ich eigentlich nur zum Professor wollte, um mir die Fragen anzuhören (um für den nächsten Versuch besser vorbereitet zu sein) und um mich persönlich zu entschuldigen, da ich eigentlich keine Chance sah die Prüfung (mit einer ordentlichen Note) zu bestehen.
Daraufhin gelang es ihr, gut auf mich einzureden. Sie sprach auch mit dem Professor und legte sogar ein gutes Wort für mich ein, so dass mir in dem Moment nichts weiter übrig blieb, als die Prüfung anzugehen. Das Resultat war, dass mein Wissen, das ich eigentlich nur für Halbwissen gehalten habe, durchaus auf einer fundierten Basis gefußt hatte, so dass es mir ohne Probleme gelang die Fragen meines Prüfer nicht nur zu beantworten, sondern auch mit zusätzlichem Fachwissen meine Antworten abzurunden und somit mir eine gute Note zu sichern. Sicherlich konnte ich nicht jede Frage beantworten, manche Themen waren dann doch zu speziell, aber im Großen und Ganzen konnte ich meinen Professor überzeugen, und was fast schon wichtiger war an dem Tag, ich konnte auch mich überzeugen etwas mehr Vertrauen in mein eigenes Wissen zu setzen.
Neulich war ich dann auch zu einem Bewerbungsgespräch um eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingeladen. Das Gespräch ähnelte in gewissen Teilen meiner eingangs dargestellten Prüfungssituation: Ich sollte in einem freien Vortrag verschiedene Aspekte hinsichtlich Produktions- und Kontrollverfahren bei der Herstellung einen Kunststoffbauteils darstellen. Doch diesmal keine Panik, keine Angst, stattdessen wusste ich mittlerweile, dass ich tatsächlich einen ausreichenden Wissensschatz mein Eigen nennen darf um dieser Aufgabe entgegenzutreten und meine Gegenüber zu überzeugen. Resultat: Einstellung erfolgreich.
Dennoch sind Selbstzweifel für Menschen wie mich stets ein Thema und es tut eigentlich immer gut, sich bewusst zu machen, dass dies vielen anderen zumindest ähnlich geht, da nur dadurch eine Abwärtsspirale gestoppt werden kann, die zu einer fehlerhaften Selbstbewertung führt.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Barath 15.07.2014, 05:34
23. ...

Zitat von M von B
... Vor allem im Berufsleben erlebt man einen Horror Tripp wenn man auf solche Leute stößt.
Meiner Erfahrung nach ist es genau umgekehrt: Die Menschen, die nie an sich selbst zweifeln, sind HOCHGEFÄHRLICH.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
a-mole 15.07.2014, 09:46
24.

seid ich im arbeitleben stehe fühl ich mich eh als hochstapler.. ü30 und alle um mich herum sind erwachden. Ich bin innerlich (vom selbstgefühl) irgendwie auf 20 hängen geblieben... hoffentlich merkt es keiner!

Ansosnten gilt: fake it until you make it

Beitrag melden Antworten / Zitieren
powpow 15.07.2014, 11:30
25. ...

Ich kann das nachvollziehen. Vor zwei Jahren habe ich mein Bachelor als Jahrgangsbester abgeschlossen. Noch heute suche ich nach den Faktoren, die mir dieses Ergebnis beschert haben. Saufen, Ficken und Fußball waren mir im Studium immer wichtig, das habe ich sehr konsequent betrieben. Mittlerweile bin ich mittelschwerer Alkoholiker und ich studiere wieder. Sogar an einer Elitehochschule. Meine Ergebnisse kann ich nicht mehr einschätzen. Ich interessiere mich mittlerweile auch nicht mehr dafür. Eine viel größere Rolle spielen für mich Preise und Auszeichnungen aus dem Kunst- und Kulturbereich. Da habe ich wenigstens das Gefühl mich etwas um die Gesellschaft und die Welt verdient machen zu können. Das ist am Ende aber nur eine Verlagerung des Problems.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ABauersp0n 15.07.2014, 13:30
26.

Ok, vielleicht gibt es ein paar Leute, die hier wirklich ein Problem mit ihrem Selbstbewusstsein haben. Natürlich hat jemand, der die ganze Zeit Einsen schreibt, mehr getan als die anderen. Allerdings ist es auch so, dass gute Noten allein kein Zeichen höherer Intelligenz oder Kompetenz sind. Es ist nur ein Zeichen, dass diese Person in der Lage ist, sich eine Menge Dinge kurz vor einer Prüfung ins Gedächtnis zu laden. Ich kenne beide Arten von Menschen mit guten Noten: Diejenigen, die offensichtlich am Fach interessiert waren und auch intelligente Beiträge während der Seminare machten, und die, die sich vor der Prüfung nie zu Wort meldeten und nicht mehr wussten als andere. Erst wenn es in der Prüfung darauf ankam. Vielleicht ist es nur realistisch, wenn diese Menschen sich ein bisschen wie Hochstapler fühlen. Denn nur ein gutes Kurzzeitgedächtnis qualifiziert nicht unbedingt für irgendetwas. Außerdem kann ich mir vorstellen, dass es im Studium sogar hilft, wenn man sich man sich als schlechter wahrnimmt als man eigentlich ist. Vielleicht strengt man sich dann vor den Prüfungen mehr an, als wenn man sich zu sicher fühlt und keine Angst vor dem Versagen hat.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
ABauersp0n 15.07.2014, 13:59
27.

Übrigens, es gibt auch das Gegenteil zu diesem Syndrom: Menschen, die sich immer selbst für die Größten halten, aber in den Prüfungen nie über dem Durchschnitt liegen. Und wenn sie durchfallen, war es natürlich nie ihre Schuld, sondern immer war der Test so schwer und unfair. Hat das auch einen Namen?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
albert schulz 15.07.2014, 14:26
28. Psychologie ist reine Hochstapelei

Zitat von sysop
Gerade Leistungsstarke mit wenig Selbstvertrauen zweifeln oft an sich.
Menschen ohne Selbstvertrauen zweifeln immer an sich, sie sind nämlich genau so definiert. Das hat mit Leistungsstärke nichts zu tun, mit der hier ganz offensichtlich Noten gemeint sind. Die einseitige Fokussierung des Leistungsbegriffs auf Noten ist recht abwegig, weil im Beruf eine ganze Reihe von Qualitäten gefragt ist. Ein berühmtes Beispiel ist die Umsetzung des grandiosen theoretischen Wissens in die Praxis. Ich kann mich an einen Referendar erinnern, voller Einser und hochgelobt wegen seines Wissens und Scharfsinns, der an der Schule sofort demoliert wurde, und zwar kräftig. Er war ein schlanker Pykniker mit einem Stimmchen, der zu allem Überfluß Themen vortrug, die keinen Schüler auch nur ansatzweise interessiert haben, wobei die Art des Vortrages eine wichtige Rolle spielte. Wehren konnte er sich auch nicht, und so zog die gesamte Schülerschaft (mit wenigen Ausnahmen) während der Pause hinter ihm her und johlte. Es war ein wenig widerlich, eine Hinrichtung ersten Grades, der Mann mußte sofort die Schule wechseln und wurde nur noch an der Oberstufe eingesetzt. Die Kollegen waren entsetzt, nicht wegen der Hexenjagd, sondern weil dieser glänzend benotete Mann von nichts keine Ahnung hatte. Das war extrem peinlich für die Götzendiener der Noten.

Zitat von sysop
Ihren Erfolg schieben sie externen Faktoren zu - zum Beispiel dem Zufall oder eben dem Glück.
Einen solchen Blödsinn erklären können wohl nur Psychologen. Wenn jemand immer gut in Mathe war und sich dafür interessiert hat, wird er ganz sicher nicht von Glück oder Zufall sprechen. Oder von göttlicher Gnade, falls er gläubig sein sollte. Vielleicht bedauert er seine Fünfer in Sprachen oder die Strukturlosigkeit von Biologie oder Chemie, die Auswendiglernen zu Bedingung guter Noten macht. Daran kann er nur methodisch was ändern oder mit Finten. Ich hatte beispielsweise bei Vokabelarbeiten immer das Lexikon auf dem Schoß, und war durchaus hochzufrieden, wenn ich in Latein mal eine vier bekam.

Zitat von sysop
Vielmehr glaubten viele, dass sie Hochstaplerinnen sind und Ent-scheider ihre Fähigkeiten überschätzen. Die Folge: Die von dem Phänomen Betroffenen standen immens unter Druck. Sie lebten ständig in der Angst aufzufliegen. Als Folge bemü-hen sich viele, noch bessere Leistungen zu erbringen.
Hierbei handelt es sich ausschließlich um fehlendes Selbstvertrauen, und das ist absolut unabhängig von guten oder schlechten Noten, ganz im Gegenteil, weil die guten Noten bestätigen, daß man zumindest ansatzweise etwas verstanden hat, was bei reinen Lernfächern natürlich fragwürdig ist. Das hat aber mit der Umsetzung und Anwendung von Wissen zu tun.

Der Begriff Hochstapelei ist in diesem Zusammenhang so absurd wie die Psychologie selbst. Das Opfer unterliegt einem krankhaften Leistungswahn, aber ganz sicher nicht der Befürchtung, falsch eingeschätzt zu werden. Es hat bestenfalls Versagensängste, ein bekanntes Phänomen bei Musikern und Schauspielern. Der Hochstapler tut übrigens alles, um falsch eingeschätzt zu werden, und zwar erfolgreich.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
lachina 15.07.2014, 18:11
29. Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein....

... würde mich interessieren, ob Menschen mit Impostor- Syndrom überhaupt Selbstbewußtsein haben? Vermutlich sind sie es so gewohnt, gemobbt ( als Streber) oder runtergemacht oder nie anerkannt zu werden (Eltern!), dass sie sich auch bei guten Leistungen sch.... fühlen und denken, sie sind im falschen Film. "Hochstapelei" bedeutet in diesem Sinn nicht: "Ich mach den anderen was vor!", sondern: "Eigentlich gehöre ich nicht hierher." Ich denke, alles was das Selbstbewußtsein hebt, ist nützlich - nicht nur die Anerkennung guter Noten, sondern besonders die Anerkennung als Mensch, der in Ordnung ist, so wie er nunmal drauf ist.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 3 von 4