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Sieben falsche Gründe für den Doktor: Bitte, lassen Sie es bleiben

Es gibt 1000 gute Gründe für*eine Promotion - und sieben klare Warnsignale, die gegen einen Doktor sprechen. Der Kasseler Forschungsreferent Wolfgang Adamczak*mahnt, nicht aus Langeweile, Feigheit oder weil Papa einen Dr. hat, zu promovieren. Profs fehle leider*oft der Mut zum Neinsagen.

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spiegel-hai 08.04.2011, 12:15
50. .

Zitat von mundi
Warum Physik eine Wissenschaft ist? Nun die Erklärung ist einfach. Physik befasst sich mit Naturgesetzen. Der Physiker forscht und sucht nach Modellen, die die Phänomene in der Natur abbilden. Das Modell wird durch mathematische Formeln abgebildet. Diese Formeln erlauben den Menschen, über Anfangswerte oder Randbedingungen die exakte Voraussage der Naturereignisse zu bestimmen. Manchmal lassen sich über solche Formeln Ereignisse voraussagen, die bisher noch gar nicht erfasst wurden. ... Man kann erkennen, dass eine Dissertation im Fach Physik durchaus die Fachwelt um neue Erkenntnisse bereichern kann und in der Regel es auch tut. Besonders, wenn experimentell darin auch Neuland erschlossen wird.
hinsichtlich des "kann" ist das fraglos richtig. Ob es das auch tut, und das Neuland auch ohne Elektronenmikroskop als Neuland zu erkennen ist, ist eine ganz andere Frage.

"Modelle" für historische resp. gesellschaftliche Entwicklungen gab und gibt es übrigens auch, das ist kein Privileg der Naturwissenschaften. Das gleiche gilt für "Vorhersagen" bisher "unerfaßter Ereignisse". Und sowohl Physiker als auch Gesellschaftswissenschaftler (oder Historiker) verlieren gelegentlich aus dem Blick, daß "Modelle" vorläufige Erklärungsversuche für physikalische oder auch historische Wirkmechanismen darstellen und nicht die Wirklichkeit ersetzen. Eine äußert spannende Frage (auch für Historiker) wäre der Streit um die Zuverlässigkeit und vor allem Nachweisbarkeit angeblich eingetretener physikalischer Vorhersagen, etwa am Beispiel der Klimaveränderungen...
Zitat von
Dagegen ist die Ansammlung bekannter Tatsachen nach einem roten Faden, wie zum Beispiel: "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" (Dissertationsthema von Helmut Kohl), nur dann von Interesse, wenn der Autor vergessen hätte, eine dieser Tatsachen mit einem Quellennachweis zu verzieren.
Ohne diese Dis gelesen zu haben oder Historiker zu sein behaupte ich trotzdem: das ist falsch. Was "bekannte Tatsachen" sind, ist genau so relativ wie in der Physik oder sonst einer Naturwissenschaft, in der oft erst der spezielle Ansatz aus einem Alltagsphänomen eine wissenschaftliche Fragestellung macht oder gar Erkenntnis schafft. Obwohl Sie sich einbilden, aus dem Verfolgen der Tagespresse zu "wissen", was derzeit etwa bundespolitsch geschieht, wissen Sie normalerweise weder, ob stimmt, was die Presse mitteilt, oder Ihre Informationen vollständig genug sind, um sich ein zutreffendes Bild von den Ereignisse zu machen, von Fragen der Motivation der Protagonisten ganz zu schweigen - wäre Zeitgeschichte so eindeutig und übersichtlich, wie Sie anscheinend annehmen, hätte das SPON-Forum nur den Bruchteil seines Umfangs und seiner Meinungsvielfalt.

Auch folgt mit Sicherheit die Disseration von Kohl keinem "roten Faden" im Sinne ausschließlichen Ergebnisses reinen Jagen und Sammelns, obwohl sie sich anzunehmenderweise an Zeitabläufen orientiert, resp. mit diesen befaßt, was Sie vermutlich meinen. Trotzdem könnnen (und waren vermutlich) für seine Fragestellung die daraus gewonnen Erkenntnisse "neu" gewesen sein. Auch wenn das für Sie uninteressant ist und Sie nicht sehen, was das für Ihre Tätigkeit als Physiker bedeutet.
Von Doktoranten der Physik erwartet, nebenbei bemerkt, auch keiner, daß sie sämtliche wissenschaftlichen Voraussetzungen, auf denen ihre Arbeit aufsetzt, neu entdecken.

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mundi 08.04.2011, 16:38
51. eine Frage bleibt

Zitat von spiegel-hai
..... Von Doktoranten der Physik erwartet, nebenbei bemerkt, auch keiner, daß sie sämtliche wissenschaftlichen Voraussetzungen, auf denen ihre Arbeit aufsetzt, neu entdecken.
Natürlich stützen sich auch Physiker in ihrer Dissertation auf bereits entdeckte Naturgesetze.
In der Regel liefert er aber neue Zusammenhänge oder Erkenntnisse aus seiner (meistens) experimenteller Arbeit.
Die Voraussetzung dafür ist ein abgeschlossenes Studium mit sehr guten Kenntnissen der Mathematik.

Nebenbei bemerkt, ist Ihr Beitrag sonst durchaus plausibel, obwohl ich auch hier eine offene Frage hätte:
Warum gibt es Fälle, wo Menschen auf geisteswissenschaftlichen Arbeitsplätzen, sogar in Medizin, sehr oft zu hohen Würden und Ansehen gelangen, obwohl sie schlicht Schwindler sind und keine adäquate Ausbildung oder Rang haben?

Ein Ingenieur oder Physiker würde nach dem 1. Tag oder nach der ersten Aufgabe sofort auffliegen.

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spiegel-hai 08.04.2011, 18:35
52. .

Zitat von mundi
Natürlich stützen sich auch Physiker in ihrer Dissertation auf bereits entdeckte Naturgesetze. In der Regel liefert er aber neue Zusammenhänge oder Erkenntnisse aus seiner (meistens) experimenteller Arbeit. Die Voraussetzung dafür ist ein abgeschlossenes Studium mit sehr guten Kenntnissen der Mathematik.
ich glaube nicht, daß man auch nur die ersten Semester ohne adäquate Mathekenntnisse durchsteht. Ich setze das so als gegeben voraus wie beispielsweise Altgriechisch und Latein für das Geschichtsstudium. Also nicht gesondert erwähnenswert.
Zitat von
Nebenbei bemerkt, ist Ihr Beitrag sonst durchaus plausibel, obwohl ich auch hier eine offene Frage hätte: Warum gibt es Fälle, wo Menschen auf geisteswissenschaftlichen Arbeitsplätzen, sogar in Medizin, sehr oft zu hohen Würden und Ansehen gelangen, obwohl sie schlicht Schwindler sind und keine adäquate Ausbildung oder Rang haben?
Meinen Sie Hochstapler? Auf geisteswissenschaftlichen Arbeitsplätzen, was auch immer Sie damit genau meinen, kommt das mW nicht oft vor, denn das ist normalerweise nicht prestigeträchtig genug, um entsprechende Figuren anzulocken, im Unterschied zum Mediziner und dessen Nimbus. Wenn sich jemand irgendwo als zB Historiker oder Germanist vorstellt, ruft das selten Begeisterungsstürme hervor.

Warum sie lange nicht auffliegen, ist eine andere Sache - so richtig verstehe ich das auch nicht. Der Aufwand des Nachweises des "Schwindels" ist sicher Grund. Daneben gibt es auch in den Naturwissenschaften Fakes, die mitunter auch erst Jahre später herauskommen. Wie oft das vorkommt, weiß ich nicht, aber ab und zu gelangt es ehen in die Presse.
Die meisten erfundenen Doktortitel gibt es mW in der Medizin, aber in diesen Fällen gab es ja keine Promotion. Andererseits dürfte es, jedenfalls in D, in keinem Fach so einfach sein, eine Promotion auf regulärem zu erlangen wie gerade in der Medizin, vorausgesetzt, man hat das studiert.

Und wie heutzutage jemand, dem die "adäquate Ausbildung" fehlt, promovieren soll, weiß ich nicht, früher endeten gewisse geisteswissenschaftliche Studiengäge regulär mit dem "Dr." und nicht mit Magister, aber das ist seit Jahrzehnten passe. Und außer bei den Medizinern ist ein abgeschlossenes Studium mit einem gewissen Notendurchschnitt Zugangsvoraussetzung zur Promotion.

Die meisten Geisteswissenschaftler, oder jedenfalls die "guten" haben übrigens eine große fachliche Bandbreite, das bringt das Studium mit sich, die brauchen sich in dieser Hinsicht hinter Physikern nicht zu verstecken.

Falls Sie auf "Gutti" anspielen: das Jurastudium endet nach dem 1. Staatsexamen, danach kann man promovieren, das ist vollkommen normal. Das 2. ist die Zugangsvoraussetzung für den Staatsdienst resp. die Anwaltschaft. Richtiger "Jurist" ist man aber auch ohne.
Was Sie mit "Rang" meinen, müßten Sie bitte noch erklären.
Zitat von
Ein Ingenieur oder Physiker würde nach dem 1. Tag oder nach der ersten Aufgabe sofort auffliegen.
Glauben Sie... aber "übersehene" Quellenangaben in der Dis gibt es in allen Fraktionen, und daß ein Physiker wegen des experimentellen Charakters seiner Arbeit darauf verzichten kann, kann nicht glauben.

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mundi 08.04.2011, 19:41
53. Falsche Chefärzte gab es, falsche Chefingenieure aber nie!

Zitat von spiegel-hai
... Meinen Sie Hochstapler? Auf geisteswissenschaftlichen Arbeitsplätzen, was auch immer Sie damit genau meinen, kommt das mW nicht oft vor, denn das ist normalerweise nicht prestigeträchtig genug, um entsprechende Figuren anzulocken, im Unterschied zum Mediziner und dessen Nimbus. Wenn sich jemand irgendwo als zB Historiker oder Germanist vorstellt, ruft das selten Begeisterungsstürme hervor. Warum sie lange nicht auffliegen, ist eine andere Sache - so richtig verstehe ich das auch nicht. Der Aufwand des Nachweises des "Schwindels" ist sicher Grund. Daneben gibt es auch in den Naturwissenschaften Fakes, die mitunter auch erst Jahre später herauskommen. .... ... aber "übersehene" Quellenangaben in der Dis gibt es in allen Fraktionen, und daß ein Physiker wegen des experimentellen Charakters seiner Arbeit darauf verzichten kann, kann nicht glauben.
Ich meinte in der Tat die bekannten Fälle in der Medizin. Manipulierte Dissertationen richten kaum Schaden an.

Bei den Ingenieuren und Physikern mit oder ohne Doktortitel gibt es im Beruf aus dem von mir genannten Gründen keine Hochstapler. Falsche Chefärzte gab es, falsche Chefingenieure aber nie!

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pixelbrei2010 09.04.2011, 00:31
54. weniger Doktoranden - weniger gute Lehre

Neben den vielen Aspekten gegen eine Promotion, sollte man den wissenschaftlichen Betrieb nicht ausser Acht lassen. Irgendwer muss nunmal Seminare, Übungen, Laborversuche etc. für die Studierenden anbieten. Ohne Doktoranden wäre ein guter wissenschaftlicher Betrieb (Publikationen, Patente, Industrieprojekte) neben der Lehre nicht möglich. Mit dreistelligen Studierendenzahlen reichen dafür nunmal auch nicht nur die allerklügsten Köpfe der Absolventen aus.

Es soll auch Doktoranden geben die ihr Promotionsstudium genau als solches sehen, nämlich als Studium bzw. besondere fachliche Vertiefung. Auch soll es Absolventen geben die von den Anforderungen der Industrie an Berufsanfänger schlicht überfordert bzw. abgeschreckt sind und sich so eine besondere Qualifizierung erarbeiten wollen.

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