Forum: Leben und Lernen
Sitzenbleiben abschaffen?

Die Ehrenrunde in der Schule ist pädogisch umstritten und kostet viel Geld.Manche Kultusminister wollen sie deswegen abschaffen. Was halten Sie von diesen Plänen?

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Taner 06.05.2008, 18:44
10. Gegen die kaputte Sicht der Dinge...

Wir leben in einer Zivilisation, die den Bezug zu Zeit als Qualität verloren hat.
Ein Schuljahr, das wiederholt wird, ist häufig - so versuche ich es den Eltern meiner Nachhilfeschüler immer wieder klarzumachen - ein für die psycho-emotionale Entwicklung ihres Kindes/Jugendlichen wichtiges Jahr, unabhängig vom Schulstoff. Wenn die "Schande" des Sitzenbleibens richtig umgedeutet wird als Gewinn von Zeit, als Moratorium, um z.B. in bestimmten charakterlichen Aspekten nachzureifen, so ist das goldrichtig und ein sinnvoll verbrachtes Jahr.

P.S.: Die materialistisch verkrüppelte Weltanschauung, das wiederholte Jahr koste Geld, verdient keine Antwort.

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gauting 06.05.2008, 18:50
11.

Ich blieb in den Achtziger Jahren in der 11. Klasse sitzen - damals waren es noch 13 Jahre bis zum Abitur.
Ohne diese Chance, nach verpatzen Noten, falschem Lehransatz, und Disziplinlosigkeit, hätte ich das Abitur nicht geschafft.
Das Sitzenbleiben gab mir die einmalige Chance, mich auf meine Lebensziele zu besinnen, mich zusammenzureissen, und das Abitur zu machen (dann doch mit recht gutem Notendurchschnitt). Das zusätzliche Jahr hat mir dagegen überhaupt keinen Nachteil im Studium oder in der Jobsuche gebracht.

Ich studierte danach zunächst in Berlin, bekam Stipendien, wurde an international hochrangige Eliteunis in der Schweiz und den USA geholt, arbeite jetzt als Forschungsprofessor in den USA und bin im Vorstand einer grossen Internationalen Wissenschaftsvereinigung, international in meinem Fachgebiet gut bekannt und in der Presse und als Gastredner vertreten. Ich kenne andere Kollegen in der Forschung, denen es ähnlich ergangen ist.

Ich wäre ohne Sitzenbleiben, ohne diese einmalige Chance, aufzuholen, meine Lebensziele zu definieren und mich zu besinnen, niemals in der Spitzenforschung gelandet.
Diese Chance abzuschaffen vergeudet Talente. Schüler sind in der Regel nicht deshalb schlecht in der Schule weil sie dümmer oder fauler sind als andere - in der Pupertät oder im Sozialen Umfeld pielen andere Faktoren eine Rolle und folglich würden Talente vergeudet, wenn die "Ehrenrunde" und damit die CHance der Konsolidierung abgeschafft würde. So ein Schuss in den Ofen würde Deutschland als Wissenschaftsstandort für ausgewanderte Talente nicht gerade in Hinblick auf eine mögliche Rückkehr attraktiv machen.

(anonym)

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waldjunge 06.05.2008, 18:58
12. norwegen

also ich bin zur zeit als comenius assistent an einer norwegischen schule (nähe trondheim) und dort gibt es kein sitzenbleiben. die probleme, die daraus resultieren können, machen der schule allerdings zu schaffen.
so zeigt sich besonders bei schülern, die keinen besonders guten abschluss nach der 10. klasse anstreben, eine erschreckende motivations- und disziplinlosigkeit nach dem motto "mir ist ja eh ein platz an der weiterführenden schule sicher", was hier in der gegend tatsächlich der fall ist.
also wenn das sitzenbleiben in deutschland abgeschafft wird (im grunde genommen bin ich ein befürworter!), dann sollten wirklich genügend konzepte und ressourcen (zusätzliche lehrstellen) vorhanden sein, um die schwachen schüler zu unterstützen.

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Friedrich Hattendorf 06.05.2008, 19:14
13. im hochgelobten finnischen Schulsystem

Zitat von
Im hochgelobten finnischen Schulsystem (mehr...) erst recht nicht.
Welche Klassenstärken gibt es dort?

Bei uns werden 33 pubertierende 14-jährige, denen altersgemäß alles andere als Lernen wichtig ist, in einen Raum gesperrt.
Und dann wird mit "Förder"maßnahmen - die in erster Linie davon abhängen, welche Lehrerstunden gerade frei sind - halbherzig herumrepariert.
In diesen Alter sind gerade in Finnland die Klassengrößen recht gering, bei älteren Schülern steigen sie wieder.
Da dies aber mehr Geld kostet, wird es von deutschen Bildungspolitikern gern verschwiegen.
(Nach dem Motto: die Richtlinien der Bildungspolitik bestimmt der Finanz-Staatssekretär).

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mimi 06.05.2008, 19:28
14. unterschreib

Zitat von gauting
Ich blieb in den Achtziger Jahren in der 11. Klasse sitzen - damals waren es noch 13 Jahre bis zum Abitur. Ohne diese Chance, nach verpatzen Noten, falschem Lehransatz, und Disziplinlosigkeit, hätte ich das Abitur nicht geschafft. Das Sitzenbleiben gab mir die einmalige Chance, mich auf meine Lebensziele zu besinnen, mich zusammenzureissen, und das Abitur zu machen (dann doch mit recht gutem Notendurchschnitt). Das zusätzliche Jahr hat mir dagegen überhaupt keinen Nachteil im Studium oder in der Jobsuche gebracht. Ich studierte danach zunächst in Berlin, bekam Stipendien, wurde an international hochrangige Eliteunis in der Schweiz und den USA geholt, arbeite jetzt als Forschungsprofessor in den USA und bin im Vorstand einer grossen Internationalen Wissenschaftsvereinigung, international in meinem Fachgebiet gut bekannt und in der Presse und als Gastredner vertreten. Ich kenne andere Kollegen in der Forschung, denen es ähnlich ergangen ist. Ich wäre ohne Sitzenbleiben, ohne diese einmalige Chance, aufzuholen, meine Lebensziele zu definieren und mich zu besinnen, niemals in der Spitzenforschung gelandet. Diese Chance abzuschaffen vergeudet Talente. Schüler sind in der Regel nicht deshalb schlecht in der Schule weil sie dümmer oder fauler sind als andere - in der Pupertät oder im Sozialen Umfeld pielen andere Faktoren eine Rolle und folglich würden Talente vergeudet, wenn die "Ehrenrunde" und damit die CHance der Konsolidierung abgeschafft würde. So ein Schuss in den Ofen würde Deutschland als Wissenschaftsstandort für ausgewanderte Talente nicht gerade in Hinblick auf eine mögliche Rückkehr attraktiv machen. (anonym)

ich hätte meinen abischnitt von 1,5 auch nie ohne dieses jahr des nachdenkens geschafft...wahrschienlich nicht mal das bai schlechthin...und so schlimm ist es doch nicht... ich denke mal es gäbe wichtigeres und nchdenkenswerteres als das
lg mimi

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DoktorMS 06.05.2008, 19:53
15. Was ist die Alternative zum Sitzenbleiben?

Doch nur das Durchschleifen der schlechten Schüler bis ... - bis wohin eigentlich? Spätestens beim Abitur müssen die Leistungen stimmen, sonst wird man nicht zugelassen. Bis dahin haben die schlechten Schüler so viel Wissen versäumt, dass das nachträgliche Aufarbeiten der Wissenslücken nicht zu schaffen ist. Oder soll auch das Abitur angepasst werden? Und später dann das Studium? Dann haben wir wahnsinnig hohe Akademikerquoten ohne jeden Wert.

Schlechte Schüler müssen als letzte Konsequenz sitzenbleiben. Um ihnen noch eine reale Chance zu geben, Versäumtes nachzuholen. Außerdem müssen die anderen Schüler davor geschützt werden, durch völlig überforderte Schüler in ihrem Wissensdrang gehindert zu werden.

Wenn natürlich die Alternative zum Sitzenbleiben kleinere Klassen wären (um die 25 Schüler oder sogar weniger), d.h. wenn das irgendwie eingesparte Geld wirklich sinnvoll verwendet werden würde, dann wäre ich auch für die Abschaffung der Ehrenrunden.

Wer glaubt denn noch ernsthaft daran, dass den Politikern die Bildung wirklich wichtig ist? Wenn es denn so wäre, wo bleiben die Gelder für die Bildung?

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ph1201 07.05.2008, 02:13
16. Auch das noch ...

So sieht Ohnmacht also aus...

Erst die Schlechtschreib-Reform - ein Armutszeugnis, man "vereinfache" die Regeln um den Notenschnitt wieder zu heben.

Und nun DAS ... auf die nächsten Generationen von Abiturienten darf man dann gespannt sein - an geringere Schulabschlüsse gar nicht erst zu denken!

Herzlichen Glückwunsch.

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Rainer Helmbrecht 07.05.2008, 06:34
17.

Zitat von DoktorMS
Doch nur das Durchschleifen der schlechten Schüler bis ... - bis wohin eigentlich?…....
Ich sehe das Problem nicht erst beim Sitzenbleiben, sondern schon viel früher. Durchschleifen und den Standard absenken ist ebenfalls keine Lösung.

Würden die Lehrer den Nachhilfeunterricht für ihre Schüler/Klasse kostenlos bis zum gewünschten Ergebnis leisten müssen, dann gäbe es kein Sitzenbleiben und auch kein Durchschleifen. Es kann doch nicht angehen, dass Schüler vor sich hin verblöden und alle schauen ein Jahr zu um dann zu sagen, das machen wir nächstes Jahr wieder.

Wenn es wirklich unmöglich sein sollte, den Mindeststandard zu erfüllen, dann müssen Lehrer für ihre Arbeitsbedingungen kämpfen, das machen Lokführer auch;o). Klassenstärke, Lehrmittel usw. das sind doch messbare Größen. In wie weit man da auch die Eltern einbindet, die bei offensichtlichem Versagen, z.B. in jüngeren Klassen helfen, von mir aus durch Reinigungsarbeiten, das würde sich bestimmt einspielen, wenn es so üblich wäre;o).

MfG. Rainer

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geolina 07.05.2008, 06:56
18.

Zitat von Rainer Helmbrecht
1. Würden die Lehrer den Nachhilfeunterricht für ihre Schüler/Klasse kostenlos bis zum gewünschten Ergebnis leisten müssen, dann gäbe es kein Sitzenbleiben und auch kein Durchschleifen. 2. Wenn es wirklich unmöglich sein sollte, den Mindeststandard zu erfüllen, dann müssen Lehrer für ihre Arbeitsbedingungen....
zu 1. ich persönlich habe 160 schüler - nachhilfe in form von zusätzlichem (unbezahltem, da im budget nicht mehr drin) förderunterricht bekommt schon eine gruppe, da dies mehr lehrer bei uns so machen, scheint die gruppe der lehrer mal wieder in vorauseilendem gehorsam ja schon zu versuchen lieb und brav zu sein =). jeden schüler/ jede klasse, der/ die nachhilfe bräuchte, z.b. auch aus dem grund, weil er/ einige auf der für ihn falschen schule ist/ sind (an dem grund kann ich auch mit viel nachhilfe nichts ändern) persönlich zusäztlich und umsonst zu unterrichten ist nicht drin - lieber bekommt dann eben jeder seine 3. das volk würde jubeln: keine sitzenbleiber mehr - geolina ist die beste.

zu 2. kämpfen - her mit den windmühlen.

zu 3. das problem der sitzenbleiber ist kein dreckiges klassenzimmer - und mir ist auch noch keine öffentliche schule bekannt, die sich prinzipiell keine reinigungskräfte mehr leisten kann.

schön idee eltern einbinden - aber schon in der grundschule ist das an verantwortlicher position schwer. an einer schule einer freundin von mir hat man das mit einer 2. grundschulklasse probiert (problemschule), die kinder hatten nach 10 min den unterricht in der hand. doch nicht so einfach sich mal vor eine klasse zu stellen. deshalb bleibt es eben oft beim kuchenverkauf oder einzelnachhilfe.

mit freundlichen grüßen

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chirin 07.05.2008, 07:24
19. Sitzenbleiben abschaffen?

Zitat von Rainer Helmbrecht
Ich sehe das Problem nicht erst beim Sitzenbleiben, sondern schon viel früher. Durchschleifen und den Standard absenken ist ebenfalls keine Lösung. Würden die Lehrer den Nachhilfeunterricht für ihre Schüler/Klasse kostenlos bis zum gewünschten Ergebnis leisten müssen, dann gäbe es kein Sitzenbleiben und auch kein Durchschleifen. Es kann doch nicht angehen,....
Antwort:
Sie bringen es auf den Punkt, wobei ich außer den Lehrern auch die Politik mehr einbinden würde. wir müssen nach Jahrzehnten des Verluderns lassens unserer Kinder mal wieder diesen einen Sinn (außer Fernsehen und PC) geben.Freude am und auf das Leben. Als ich zur Schule ging, gab es dort die unterschiedlichen Angebote, die man als Schüler wahrzunehmen hatte. Entweder intensiv Musik oder Tanz,Fotografieren, Sport, Theater etc. und die Lehrer entschieden, für welche Feizeitart ein Kind besonders begabt bzw. Freude dran hatte.
Selbst Nachhilfeunterricht für schwächere Schüler wurde von Schülern kostenlos gegeben der "gute" Schüler verbesserte sich nochmals und der schlechtere Schüler auch. Wo ist das Problem? Selbst die Pubertät übersteht so ein Kind gut. Ach, ich vergaß, diesen Unterricht gab es von 1948 bis 1955 im Ostteil Berlins. Es gab keine wie hier seit 30 Jahren,in dem man sich an den schlechtesten orientiert. Die Ansprüche der Lehrer an die Schüler war hoch und die Schüler waren tatsächlich voll Respekt und auch mit Freude bei der Sache.
Wir waren auch immer beschäftigt und Schulessen gab es auch noch.Was unsere Lehrer damals geleistet haben, Hut ab!

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