Forum: Leben und Lernen
Stipendien-Debatte: "Klischee von der abgeschotteten Elite"

Fördern Stiftungen nur Schnösel aus gutem Hause, die das Geld gar nicht nötig hätten? Von wegen, sagt Ex-Stipendiat Christian Fuchs. Er sieht Stipendien auch als sozialen Kitt für die Gesellschaft - und widerspricht*im UniSPIEGEL energisch der These von der "Inzucht der Eliten".

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J_Curious 06.07.2010, 13:14
1. So ist es

vielen Dank, auch wenn es "nur" eine subjektive Wahrnehmung ist. Ich kann dies aus vielen Gesprächen bestätigen. Tatsächlich gibt es sehr oft eine "mit Stipendien habe ich nichts am Hut" Mentalität. Und tatsächlich weiß so gut wie niemand, dass die Förderwerke nur den BAFöG Satz bezahlen - für die so oft zitierten Arztkinder also genau null Euro (plus Büchergeld).
Fakt ist allerdingsauch, dass man schon ein gewisses Rüstzeug mitbringen muss - und das bekommt man in bildungsfernen Elternhäusern naturgemäß nur schlecht. Wer diese Bildungsungerechtigkeit abstellen will, muss also viel früher ansetzen, z.B. durch einen verpflichtenden Kindergartenbesuch ab dem 3. Lebenjahr (Stichwort: Sprachkompetenz).

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HALHAL 06.07.2010, 13:49
2. Studentenjob?

Von einer Nacht am Fließband und dem frustrierenden Versuch, im Pausenraum ein Lehrbuchkapitel wenigstens noch einmal zu überfliegen, um am nächsten Tag in der Vorlesung einzuschlafen; von der immer wieder enttäuschten Hoffnung , daß ein Mindestlohn eingeführt würde (Die Tatsache, daß die SPD seit der verlorenen Bundestagswahl das Thema nicht mehr erwähnt, sei ein Hinweis darauf, wie ernst es ihr damit war!), damit man im Studentenjob ein Drittel mehr verdient; von Semestern, die man nur zum Broterwerb mit (notorisch schlecht) bezahlter Arbeit verbringt, um sich im Semester drauf endlich mal auf fünf Leistungsscheine konzentrieren zu können; von den Sorgen um den Krankenkassenbeitrag, der am Monatsdritten abgebucht wird; von dem Winter, den man zu Fuß verbringt, weil die € 68,- fürs Semesterticket drei Wochen Essen finanzieren; davon, sich das Mensa-Essen nicht leisten zu können, weil € 2,- für eine Mahlzeit an anderer Stelle fehlen würden; von der Erniedrigung, dem Dozenten zu sagen, daß einem die € 5,- Kopiergeld für die Seminarteilnahme erst im nächsten Monat zur Verfügung stehen, schreibt Herr Fuchs nicht. Das ist Realität für bestimmt ein Drittel der Studenten, die ich kenne. Und das ganze spielt sich ja schon innerhalb des eingeschränkten Kreises derer ab, die es durch das mit einer global unvergleichlichen Stallgeruchsensorik ausgestattete deutsche Schulsystem bis zum Abitur gebracht haben. Und Herr Fuchs (dessen Eltern ja anscheinend auch bei drei Kindern genug Einkommen haben, um sich nicht für Bafög-Empfang zu qualifizieren - was aber nichts heißen muß, ich habe viele Studenten kennengelernt, bei denen mir völlig schleierhaft war, warum ihnen angesichts der finanziellen Lage des Elternhauses keins zustand) sieht nicht, wie priviligiert er ist mit einem Studium, dessen Sorgen nur sich nur um die Teilnahme an Stiftungsseminaren und das Absolvieren von Praktika drehen?

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smartinus 06.07.2010, 14:45
3. Mindestlohn und SPD

Zitat von HALHAL
von der immer wieder enttäuschten Hoffnung , daß ein Mindestlohn eingeführt würde (Die Tatsache, daß die SPD seit der verlorenen Bundestagswahl das Thema nicht mehr erwähnt, sei ein Hinweis darauf, wie ernst es ihr damit war!),
Entschuldigen Sie, das ist doch einfach nicht wahr. Die SPD setzt sich weiterhin für Mindestlöhne ein und erwähnt das auch andauernd. Rufen Sie doch mal aktuell die Seite www.spd.de und schauen Sie auf das Bild in der Mitte. Offenbar beschäftigen Sie sich nicht mit Politik, sonst würden Sie das mitbekommen. Sie können unter www.bundestag.de auch entsprechende Reden zu dem Thema anhören sowie die Anträge der SPD-Bundestagsfraktion lesen.

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NormaJean 06.07.2010, 16:22
4. Privilegien

Zitat von HALHAL
sieht nicht, wie priviligiert er ist mit einem Studium, dessen Sorgen nur sich nur um die Teilnahme an Stiftungsseminaren und das Absolvieren von Praktika drehen?
Ich habe nicht den Eindruck, dass er das Stipendium nicht als Privileg empfindet bzw. empfunden hat - er erklärt lediglich endlich, dass es ein Privileg ist, für das man anderes und mehr tun muss als von Geburt an Teil einer inzestuösen Elite zu sein.
Danke für den Artikel & Zustimmung!

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HALHAL 06.07.2010, 19:03
5. Off, dann on, dann wieder off topic

Zitat von smartinus
Entschuldigen Sie, das ist doch einfach nicht wahr. Die SPD setzt sich weiterhin für Mindestlöhne ein und erwähnt das auch andauernd. Rufen Sie doch mal aktuell die Seite und schauen Sie auf das Bild in der Mitte. Offenbar beschäftigen Sie sich nicht mit Politik, sonst würden Sie das mitbekommen.
Sowas von OT (ich hoffe, der Sysop läßt das durchgehen), aber: Ich schaue kein Fernsehen, insofern kannte ich das Bild tatsächlich nicht - OK, "nichts" stimmt vielleicht nicht. Ich beschäftige mich allerdings genug mit Politik, um die billige Taktik, die dahintersteckt, wenn man einen Antrag für einen Mindestlohn erst dann stellt, wenn die Mehrheitsverhältnisse im Parlament sichererstellen, daß er ohne Konsequenzen bleibt, aber bei drei Regierungsbeteiligungen nichts dergleichen tut, zu erkennen. (Daß die branchenbezogenen Mindestlöhne im Entsendegesetz zum Unterlaufen einladendes Blendwerk ist, wissen Sie ja - dann gibt es, wie im Reichstag, eben Abrechnung nach geschafften Zimmern und nicht nach Stunden, unbezahlte Überstunden, oder die Aushilfskräfte im Supermarkt müssen auch an ihrem freien Tag reinkommen - kennt man ja. Das betrifft studentische Kräfte übrigens in besonderem Maße, da sie i. d. R. durch Verträge mit flexibler Stundenzahl dauernd auf das Wohlwollen des Arbeitgebers angewiesen sind - es entscheidet sich von einem Schichtplan zum nächsten, wieviel Geld aufs Konto kommt. In diesem Zusammenhang: Auch bei Hiwi-Jobs gibt es ja bekanntlich wenig Geld für in der Regel deutlich mehr Stunden als im Vertrag. - Ich war bei meinem Hiwi-Vertrag der einzige, der nicht mit dem an deutschen Universitäten erwartenen Lakaiengestus harmlos lächelnd abwinkte, als ich gefragt wurde, ob die Stundenzahl ausreichend wäre und freute mich für ein Semester, zu hören, daß die meiner Nachfolgerin zugewiesene Stundenzahl tatsächlich verdoppelt worden war, ärgerte mich höchstens, nicht vorher etwas gesagt zu haben... bis ich im Gespräch dann erfuhr, daß die zu erledigende Arbeit ebenso stark angestiegen war, so daß die Kommilitonin zwar mehr Geld, aber noch weniger Zeit für das eigentliche Studium hatte.)

Daß die SPD-Abgeordneten gegen entsprechende Anträge der Fraktion "Die Linke" in der letzten Wahlperiode gestimmt haben, habe ich auch durchaus mitbekommen. Da ich den Mindestlohn im übrigen für das drängendste politische Thema in Deutschland halte, traue ich mir schon ein Urteil über die Haltung der SPD in dieser Frage zu. Der Souverän scheint bei der letzten Wahl ein ähnliches Urteil gefällt zu haben. (Er hat nämlich nicht, wie - auch von konservativer Seite in Selbsttäuschung - oft behauptet, CDU und FDP gewählt, sondern vor allem die SPD nicht gewählt.)

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Newspeak 06.07.2010, 21:09
6. ...

"Das sind Studienstipendien nämlich auch: sozialer Kitt für die Gesellschaft."

Das ist doch lächerlich. Wie hoch ist der Anteil geförderter Studenten denn? Wie viele potentielle Studenten aus niedrigem sozialen Umfeld werden dagegen vorher schon durch das Schulsystem selektiert? Der soziale Kitt wäre ganz woanders zu verorten...ein allgemeiner Mindestlohn z.B., Gebührenfreiheit für das Erststudium z.B., aber keine Stipendien, die grundsätzlich auch ideologisch motiviert sind, weil sie nur den "besseren" Menschen fördern, der sich aktionistisch sozial bzw. gesellschaftlich "engagiert", ganz egal, was sich wirklich dahinter verbirgt und wie nützlich das Engagement wirklich für die Gesellschaft ist. Ein Stipendium sollte meiner Meinung nach jedem voraussetzungsfrei gezahlt werden, der es von der finanziellen Seite her nötig und die allgemeine Befähigung zum Studium nachgewiesen hat (durch das Abitur). Alles andere ist ideologisch unterfütterte "Eliten"auswahl. Die paar Stipendiaten, die dann wirklich aus einem Arbeitermillieu stammen, lassen sich dann super zur Propaganda benutzen, wie toll doch diese Gesellschaft mit den Schwachen umgeht, und merken es selber noch nicht mal, wie sie dafür ausgenutzt werden.

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atlwm 06.07.2010, 21:13
7. Stipendien sind immer Auslese

Zitat von sysop
Fördern Stiftungen nur Schnösel aus gutem Hause, die das Geld gar nicht nötig hätten? Von wegen, sagt Ex-Stipendiat Christian Fuchs. Er sieht Stipendien auch als sozialen Kitt für die Gesellschaft - und widerspricht*im UniSPIEGEL energisch der These von der "Inzucht der Eliten".
Stipendien sind immer Auslese und Auslese kann immer gesinnungsmäßig oder beherrschend angewendet werden.

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Schnurz321 06.07.2010, 21:43
8. Abschreckende Anforderungen ... ?

Es mag auch ein wenig abschreckend wirken, wenn dort 20 Felder auszufüllen sind, in denen das bisherige gesellschaftspolitische Engagment aufzuführen ist, ebenso wie weitere 10 Felder für bisherige Praktika, Auslandsaufenthalte etc.. Und am besten noch ein ein- bis zweiseitiger Lebenslauf.

Zumindest auf mich wirkt das abschreckend.

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Weltenbummler 06.07.2010, 23:25
9.

Also ich habe in meiner Studentenzeit nur Stipendiaten kennengelernt, die es eigentlich nicht wirklich nötig hatten.
Ich musste mein ganzes Studium über arbeiten gehen um mich selbst zu finanzieren und auch die meinsten meiner Mitstudenten.
Es gab einige, die sich für ein Stipendium beworben hatten, aber leider kann man eben, wenn man aus einer "Durchschnittsfamilie" kommt nicht 5 Auslandsaufentalte und anderes vorweisen.
Viele Stifftungen stehen bestimmten Parteien oder Organisationen nahe und es ist einfach so, dass es schon sehr hilft, wenn Papa oder Mama in einer davon einen hohen Posten haben oder zumindest jemanden kennen der so einen Posten besetzt. Das deutsche Stipendiensystem ist völlig falsch aufgestellt, gerade in Zeiten von Studiengebühren werden dadurch nur nochmehr die Leute begünstigt, die sich ein Studium auch so leisten könnten.
In anderen Ländern gibt es gezielt eine Menge Stipendien für sozial schwache Gruppen. Natürlich muss für ein Stipendium immer eine bestimmte Leistung vorgewiesen werden, aber es wird nicht so offensichtlich nach der Höhe des gesellschaftlichen Status geschaut sondern viel mehr nach der wirklichen Bedürftigkeit.
Aber was will man schon von einem System verlangen, in dem allesn darauf ausgerichtet ist, das sich die Elite in ihrem Paradies einrichtet, während die Masse der Bevölkerung vor dem Tor verfriert.

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