Forum: Leben und Lernen
Streit um Zensuren: Hessen weicht Notenzwang auf
DPA

Viele Lehrer hadern damit, Noten zwischen Eins und Sechs geben zu müssen. In Hessen dürfen die Schüler nun auch schriftlich bewertet werden - zumindest an einigen Schulen.

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Fruusch 31.01.2019, 21:55
70. warum streitet man überhaupt darüber?

Ob ich als Lehrer jetzt einem Schüler drei rote Herzchen auf die Arbeit klebe, einen Smiley mit Krönchen aufstempele, eine "1" darauf schreibe oder als Text "Fritzchen, das hast du sehr gut gemacht!" darauf schreibe, ist dem Schüler doch völlig egal. Ebenso wird er sich genau so wenig über ein Heul-Frust-Emoji, einen aufgestempelten Daumen nach unten oder den Text "Fritzchen, da musst du noch sehr viel üben!" freuen wie über die "5". Ganz egal, wie ich meine Beurteilung zum Ausdruck bringe, die Schüler rechnen sie sowieso in Noten um.
Schriftlich detailliert ausformulierte Bewertungen haben den Vorteil, dass ich die Leistung des Schülers in Teilleistungen aufteilen kann und ihm jeweils individuell Rückmeldung geben kann. Da meine Bewertung aber immer transparent sein muss, bin ich auch bei der klassischen Notengebung dazu gezwungen, eine Vielzahl von Noten für vielfältige Leistungen zu vergeben, um genau diese individuelle Rückmeldung zu ermöglichen.
Das Problem bei verschriftlichten Bewertung kann nur sein, dass es dazu führt, anstelle einer klaren Bewertung verschwurbelte Worthülsen zu produzieren, die zwar (ähnlich wie bei Arbeitszeugnissen) toll klingen, aber dann bei genauerem Hinsehen erst erkennen lassen, was sie eigentlich bedeuten. Im Abiturzeugnis will schließlich keiner stehen haben "Fritzchen rechnet sicher mit den Grundrechenarten im Zahlenraum bis 10." oder "Fritzchen findet sich im deutschen Alphabet gut zurecht und verwechselt nur noch selten d und b."

Insofern: Alle mal bisschen durchatmen, ob es klassische Noten gibt oder nicht, ist völlig egal - Bewertung bleibt Bewertung. Und wenn ein Schulübertritt oder Bundeslandwechsel geplant ist kann man ja auf Wunsch ein Notenzeugnis drucken lassen, damit diese tolle "Vergleichbarkeit" (wie auch immer die zustande kommen soll oder was auch immer sie bedeuten soll) gegeben ist.
Ich selber würde stets gegen schriftliche Bewertungen stimmen. Das aber aus reinem Egoismus - sie kosten einfach zigmal mehr Zeit bei der Zeugniserstellung, Zeit, die ich lieber in guten Unterricht investieren will.

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grotefend 31.01.2019, 21:59
71. Oh Mann...

Zitat von mas81
eigentlich sollten die schüler auch die lehrer bewerten, wie auch immer... keine eier in der hose, worstcase für die lehrer...
Lehrer werden in vielen Bundesländern in regelmäßigen Abständen bewertet - halt nicht von den Schülern. Warum auch!?

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hzj 31.01.2019, 22:01
72. Noch mehr Textbausteine,

die Fachlehrer und Klassenlehrer erst mal erfinden müssen um das Lern- und Sozialverhalten und auch die Leitung der Schüler zu umschreiben. Jede Formulierung wird natürlich im Detail erst vom Bildungsministerium überprüft und genehmigt und am Ende ziehen enttäuschte Eltern dann doch vor die Gerichte. Im Grunde sind alle diese Formulierungen aber doch nur eine Beurteilung, die sich viel leichter und mit erheblich weniger Zeitaufwand in Form von Noten zwischen 1 und 6 oder 1 und 8 (wie es früher an Gesamtschulen mal war) erledigen ließe. Ein Fachlehrer einer weiterführenden Schule, der in 12 verschiedenen Klassen von je 30 Schülern jeweils ein Fach mit 2 Stunden unterrichtet, müsste mindestens 2 mal im Jahr 360 gerichtsfeste, individuelle Formulierungen finden. Gesamtschulen in NRW geben vierteljährlich Noten, das würde 1440 individuelle Formulierungen in Jahr erfordern, bei 200 Schultagen im Jahr müsste dieser Lehrer also pro Schultag rund 7 schriftliche Formulierungen schaffen, die dem Lern- und Sozialverhalten und dem Leistungsbild der betroffenen Schüler gerecht werden. Das geht nur über digitale Notizen in einem digitalen Notenmanagementsystem, das dann die Textbausteine passend zusammenstellt. Völliger Irrsinn, aber was solls, die Politiker wollen immer nur das Beste!

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hansa_vor 31.01.2019, 22:01
73.

Zitat von Frietjoff
Wie kommt es nur, dass Deutschlands Grundschulen, an denen Wortzeugnisse ohne Zensuren seit Jahren Alltag sind, noch nicht unter dem zusätzlichen Arbeitspensum und den Klagewellen zusammengebrochen sind?
Weil da nur 3 oder 4 Fächer unterrichtet werden?

Es keine Kopfnoten mehr gibt?

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grotefend 31.01.2019, 22:05
74. Da muss man differenzieren

Zitat von Frietjoff
Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder? Ein differenzierte und differenzierende, ausführliche Beschreibung von Stärken und Schwächen, Entwicklungen, besonderen Problemen und und und soll PER SE keinen Mehrwert gegenüber einer diskreten 6-Schritte-Skala bieten können? Dass du dich bei deiner Schüler- und Stundenzahl nicht in der Lage siehst, Schüler so zu bewerten, ist gut möglich, aber eine ganz andere Geschichte.
Nein es bringt eben keinen Mehrwert. Denn die schriftliche Beurteilung findet schon statt. Leistungsnachweise müssen - zumindest in meinem Bundesland - positiv korrigiert werden. D.h. der Schüler bekommt ein ausführliches schriftliches Feedback UND eine Ziffernote. Eine sprachliche Beurteilung hat somit in der Tat keinen Mehrwert. Da muss ich dem Kollegen uneingeschränkt zustimmen.

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hansa_vor 31.01.2019, 22:05
75.

Zitat von TS_Alien
Viele Firmen veranstalten groteske bis absurde Verfahren, um Bewerber zu bewerten. Mir sind Firmen suspekt, in denen ich es mit der Personalabteilung und ihren kruden Methoden zu tun habe, bevor ich jemanden aus der Fachabteilung überhaupt zu Gesicht bekomme. Als ob die Mitarbeiter der Personalabteilung einschätzen können, ob jemand für die Firma ein Gewinn ist.
Selbstverständlich kann man Bewerber an Anforderungsprofilen messen und sehr gut vergleichen.

Mir sind auch viele Dinge suspekt, da ich von diesen aber kaum/keine Ahnung habe mache ich lieber den "Nuhr" und stelle mich nicht öffentlich bloß.

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gonzel 31.01.2019, 22:08
76. Noten sind fragwürdig

Schön zu lesen, wie sich die ganzen Hobbypädagog*innen hier im Forum ergeifern. Von Methodik und Didaktik genauso wenig Ahnung wie von Entwicklungs- und Lernpsychologie, aber es wird gewutbürgert was das Zeug hält. Empfehlung: Sprechen Sie mal mit Pädagogen über Leistungsbewertung und Heterogenität von Klassen. Lassen Sie sich mal erläutern, nach welchen Kriterien Unterricht geplant und durchgeführt wird. Hospitieren Sie in verschiedenen Fächern und beobachten Sie, wie unterschiedlich Kinder lernen und wie vielschichtig ihre Bedürfnisse sind, um Leistung überhaupt abrufen zu können. Kein Bewertungssystem kann diese Heterogenität objektiv und angemessen würdigen! Aber es setzt die Kinder völlig unnötig unter Druck - unter psychischen und sozialen Druck. Und falls Ihnen das zu aufwändig ist, lesen Sie wenigstens Fachliteratur. Nehmen Sie einfach die Basisliteratur Bildungswissenschaften eines Lehramtsstudiums, sehr interessant! Und am die Fraktion der Ewiggestrigen: Gestern ist vorbei, willkommen im Heute. Die Zeiten, da Lernen als Anhäufung von totem Wissen verstanden würde, sind zum Glück vorbei. Ach so: der Anti-Singen-Tanzen-Klatschen-Fraktion empfehle ich, sich mal mit sinnlich-ästhetischer Wahrnehmung zu befassen. Lebenslanges Lernen. Viele Grüße ;)

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grotefend 31.01.2019, 22:13
77. Ganz einfach

Zitat von Frietjoff
Wie kommt es nur, dass Deutschlands Grundschulen, an denen Wortzeugnisse ohne Zensuren seit Jahren Alltag sind, noch nicht unter dem zusätzlichen Arbeitspensum und den Klagewellen zusammengebrochen sind?
Weil in diesen Ländern jeder aufs Gymnasium kann, der gerade so seinen Namen schreiben kann - wenn überhaupt. Warum sollte da jemand klagen? In Bayern kommt es beim Übertritt häufiger zu Klagen, wenn sich der Grundschullehrer erdreistet, dem "hochbegabten" Sohn bzw. Tochter nicht die passenden Noten für den Übertritt ans Gymnasium zu geben. Erfolgreich sind solche Klagen in der Regel nie - komisch oder!?

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MisterD 31.01.2019, 22:14
78. Die Schule gehört grundlegend reformiert...

Noten sind dabei bestenfalls ein Symptom, die Ursachen liegen ganz woanders. Wir erziehen immer noch preußische Untertanen im Frontalunterricht, während wir eigentlich Freigeister bräuchten, die ganzheitlch denken... klar Allgmeinbildung muss sein, aber man kann 2018 nicht mehr mit Stoff unterrichten, der zum Großteil noch in den 70ern festgelegt wurde... die Schule muss projektbezogener arbeiten, Privatschuleb machen das längst... naja...

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Fruusch 31.01.2019, 22:14
79. Noten können nur subjektiv sein

Zitat von solitaryway
Noten waren meines Erachtens schon damals vor gut 2 Jahrzehnten nicht wirklich objektiv, noch taugten sie für ein differenziertes Feedback. Rein nach meinen Noten wäre ich angeblich ein leistungsstarker Schüler gewesen. Jedoch konnte ich lediglich nur gut Bulimie-Lernen betreiben. (Diese Fähigkeit verhalf mir sogar noch bei meiner Ausbildung zu einem vermeintlich sehr gutem Abschluss). Wirklich schlüssiges Feedback war für mich jedoch nie so recht zu entnehmen. Außerdem waren die Noten oftmals davon vom Grad der Sympathie zwischen Lehrer und Schüler verzerrt. Die mündliche Note ist erst recht nicht objektiv. Da wurde man auch schon mal abgewertet, wenn man vom Naturell her eher eine stille Seele war.
Noten waren schon immer subjektiv und werden es immer sein. Ich bin als Lehrer ein Mensch, und kann daher gar nicht objektiv beurteilen. Das einzige, auf das ich daher achten muss, ist dass ich fair und transparent bewerte.

Fair heißt: Gleiche Leistungen müssen gleich bewertet werden. Kein Schüler sollte mir mit Recht sagen können, dass ich ihn schlechter bewertet habe, obwohl er genau das gleiche gesagt oder geschrieben hat wie jemand anders, der die selbe Aufgabe lösen musste. Es heißt auch, dass ich meine Aufgaben so stelle, dass jeder Schüler, der im Unterricht aufgepasst und etwas für die Arbeit gelernt hat, mindestens eine 4 erreichen kann.

Transparent heißt: Die Note muss für die Schüler nachvollziehbar sein. Ich muss genau meine Kriterien offen legen, nach denen ich eine Note vergebe. Ich muss auch alle Noten, die ich vergebe, meinen Schülern mitteilen, und ich muss ihnen sagen, wie stark gewichtet sie in die Gesamtwertung eingehen. Ich muss ihnen alle Prinzipien offen legen, nach denen ich Zeugnisnoten festlege. "Geheimnoten" oder "Sympathiefaktoren" darf es nicht geben.

All das steht in jeder Schulordnung drin. Und immer, wenn es irgendwo Rechtsstreitigkeiten gibt, dann nur, wenn Verstöße dagegen oder andere Formfehler vorliegen, ansonsten kommt da niemand weit damit.

Meine Schüler haben auch jederzeit das Recht, begründet Stellung zu meinen Noten zu nehmen und auch eine Verbesserung ihrer Note zu verlangen, wenn sie Gründe dafür sehen. Ich sage ihnen auch stets, dass ich selbst auch bei der Korrektur Fehler machen kann und fordere sie sogar auf, meine Korrekturen kritisch zu hinterfragen. Nur Gebettel um Punkte kann ich nicht leiden, aber das wissen sie auch. Noten sind halt subjektiv, aber wenn man menschlich miteinander umgeht, wird das vollkommen unwichtig. Mich grüßen jedenfalls auch Schüler freundlich, denen ich am Vortag eine 5 gegeben habe.

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