Forum: Leben und Lernen
Studie über You-Tube-Lernen: Nichts verstanden, zurückspulen, noch mal schauen
Thomas Trutschel/ Photothek/ Getty Images

Fast jeder zweite Schüler nutzt YouTube-Videos gezielt zum Lernen. Das zeigt eine neue Studie. Gleichzeitig wünschen sich viele Befragte einen kritischen Umgang mit der Videoplattform im Unterricht.

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T. Wittlinger 05.06.2019, 08:10
30. Gelehrt ist nicht gleich gelernt!

Ich hoffe ja, dass die Autorin, wie auch die Kommentatoren die "Studie" gelesen haben. Sie bildet, wie bei solchen "Bildungsstudien" leider üblich, auf kleiner n-Basis nur eine Korrelation ab - hier alleine zum Medienverhalten ab.
Wer hieraus, wie die Autorin und viele andere Berichtenden bereits eine Erfolgsstory suggerieren, befindet sich in einer der unendlichen Truthahn-Illusionen, der humanistischen Bildung, mit einem stochastischen Signifikanz-Niveau das gegen Null strebt!
Die Sportschau-Quoten sagen doch sicherlich nichts darüber aus, wie gut in Deutschland Fußball gespielt wird und Geige spielen lernt man ebenfalls doch nicht allein durch Konzertbesuche - oder doch?
Wenn das "YouTube Lernen" der Generation Z, wirklich eine Erfolgsgeschichte wäre, dann sähen die Standartverteilungen(!) der Schulergebnisse doch sicherlich anders aus, als z.B. die aktuellen aus NRW vgl.:
https://www.standardsicherung.schulministerium.nrw.de/cms/upload/abitur-gost/berichte/Zentralabitur-Gymnasiale-Oberstufe-2018.pdf
Wer vertiefend, wissenschaftlich fundiert(!) mehr zum Thema: „Mythen der Digitalisierung mit Blick auf Studium und Lernen“ erfahren möchte, sollte sich die Publikation und die Videovorträge von Prof. J. Loviscach (einem wirklichen Video-Didaktiker und Praktiker) ansehen - und zwar nicht in der Jauchegrube YouTube, sondern auf seiner Homepage...;-)
https://j3l7h.de/publications.html

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rainer-rau 05.06.2019, 08:38
31. Für und Wider

Klar ist es praktisch, sich schnell über irgendetwas zu informieren. Meiner Meinung nach fehlt oft das Merken über einen längeren Zeitraum, da man ja wieder nachschauen kann. Grund- und Allgemeinwissen leiden stark, Oberflächlichkeit wird gefördert.

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Gaztelupe 05.06.2019, 09:35
32. Information ist keine Bildung

An digitalen Medien zeigt sich sehr anschaulich der Unterschied zwischen Qualität und Quantität. Letztere steht digital in einem Umfang wie nie zuvor zur Verfügung. Um sich Sachverhalte zu merken, Zusammenhänge zu verstehen und entsprechende Transfers in der Birne zu vollziehen, ist freilich Qualität gefragt. Hier bekommt der Glanz der digitalen Welt ein paar unansehnliche Kratzer, denn wie ein (gelungenes) Lehrbuch funktioniert das Internet nicht.

Google nützt dem Ungebildeten nichts, demjenigen, der nicht zu fragen gelernt hat, noch weniger. Wer nicht gelernt hat zu lernen, wird am Bildschirm ebenso versagen wie auf dem Papier, was an den Millennials jeden Tag aufs Neue zu beobachten ist: Total digital aufgewachsen, aber an einfachsten Recherchen im Netz wird gescheitert; die Generation vor ihnen kann das besser.

Ohne großes Erstaunen sind die Forschungsergebnisse in diesem Bereich zur Kenntnis zu nehmen: Studenten, die Vorlesungen auf dem Laptop mitschreiben, memorieren die Inhalte erheblich schlechter als die, die auf dem Papier notieren. Mit Maus und Trackpad, so der deutliche Eindruck, lässt sich die Welt nicht begreifen.

Was soll YouTube daran ändern? In Zeiten des analogen Fernsehens ist niemand auf die blauäugige Idee gekommen, die Glotze könne aus doofen Kindern schlaue machen, nur weil die Technik so große Fortschritte machte; was sie auch damals schon tat.

Natürlich lohnt es sich, hier und da etwas zu differenzieren. Der öde Geschichtsunterricht nach dem Schulbuch war gewiss nicht anschaulicher als eine gut gemachte Doku, die jemand online gestellt hat. Ohnehin kann Bewegtbild helfen, gewisse Vorgänge im mathematisch-naturwissenschaftlichen Bereich interessanter zu machen. Die Vermittlung von Kompetenz als wesentlicher Bestandteil von Bildung bedarf jedoch des Vermittlers und vor allem der Eigenleistung des Lernenden, und die kann kein Online-Portal ersetzen.

Digital heißt eben nicht besser, sondern einfach nur digital.

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thseeling 05.06.2019, 09:42
33. youtube hat alles

Ich schaue z.B. Videos bei YT, wenn ich nach Informationen suche, wie ein bestimmtes Handymodell repariert werden kann. Bei jedem Modell ist die Demontage anders, und wenn man die Kniffe sieht, ist das Risiko geringer, dass 'was kaputt geht.
Auf diese Weise kann man für kleines Geld ein neues Display montieren und hat nicht das ganze Handy als Elektroschrott.
Die meisten Displays bekommt man für 20-50€ als fertig montiertes Ersatzteil mit Rahmen.

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TS_Alien 05.06.2019, 10:16
34.

Eine gute Anleitung in Textform, eventuell mit Bildern, ersetzt die meisten "Lern"videos. "Lern"videos sind dennoch beliebt, weil es bei vielen Nutzern am Textverständnis mangelt. Und weil man sich vorgaukeln kann, etwas für die Schule oder Uni zu machen, nur weil man sich ein Video anschaut.

Ich kenne Videos zu Sortierverfahren, da wird nur die Methode vorgestellt. Dabei bleibt das Verständnis für die Sortierverfahren, für ihre Stärken und Schwächen, für ihre Laufzeiten, ... auf der Strecke. Oftmals sind die Beispiele (also die zu sortierenden Zahlen) so gewählt, dass irgendein Spezialfall durchgeführt wird. Erwähnt wird das nicht. Wenn man das Sortierverfahren nicht kennt, entsteht so ein weiterer falscher Eindruck.

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Karla Winterstein 05.06.2019, 14:15
35. Die Videos sind nur ein Teil beim lernen

Zitat von TS_Alien
Eine gute Anleitung in Textform, eventuell mit Bildern, ersetzt die meisten "Lern"videos. "Lern"videos sind dennoch beliebt, weil es bei vielen Nutzern am Textverständnis mangelt. Und weil man sich vorgaukeln kann, etwas für die Schule oder Uni zu machen, nur weil man sich ein Video anschaut.
Sich Videos anzuschauen bringt faktisch nichts, und zwar unabhängig vom Thema, ausser man will aus irgend einem Grunde nur einen äusserst oberflächlichen Überblick über ein Thema haben.

Bei YouTube gibt es oft noch weitere Probleme:

1. Die Schulungsvideos sind nur ein Teaser für Bezahlkurse. Dann kann man davon ausgehen, dass sie nicht allzu viel Nutzen haben.

2. Zu gehaltenen Kursen von MOOCs oder Hochschulen werden anschliessend die Videos auf dem YouTube-Channel zur Verfügung gestellt, während das oft umfangreiche Begleitmaterial nicht frei verfügbar ist. In solch einem Fall muss man sich entsprechende E-Literatur und echte Bücher zum Thema selber suchen.

Wie gesagt, es kommt dabei nicht auf das Thema an, wie sich herausgestellt hat (von Kunst, über Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Geschichte, Mathematik und Statistik, bis hin zu maschinellem Lernen).

Ohne zusätzliches Lesen und Schreiben lernt man höchstens sehr wenig.

Wer sich mal auf einer der etablierten MOOC-Plattformen, von denen es auch einige in Deutschland gibt, Kurse näher ansieht,der wird feststellen, dass die Videos nur einen kleinen Teil des Arbeitsaufwandes bedeuten.

Der hier schon gemachte Vergleich mit den früheren Telekursen ist nicht einmal so schlecht, weil dazu jeweils auch ein Begleitbuch und manchmal auch ein Übungsbuch gehörte.

Wer sich nur die Videos ansieht, der kann das quasi unter dem Begriff "Unterhaltung" verbuchen.

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Karla Winterstein 05.06.2019, 14:31
36. Das sind Anleitungen, keine Schulungsvideos

Zitat von thseeling
Ich schaue z.B. Videos bei YT, wenn ich nach Informationen suche, wie ein bestimmtes Handymodell repariert werden kann. Bei jedem Modell ist die Demontage anders, und wenn man die Kniffe sieht, ist das Risiko geringer, dass 'was kaputt geht. Auf diese Weise kann man für kleines Geld ein neues Display montieren und hat nicht das ganze Handy als Elektroschrott. Die meisten Displays bekommt man für 20-50€ als fertig montiertes Ersatzteil mit Rahmen.
So etwas ist schon seit langer Zeit üblich, nicht nur auf YouTube und für Reparaturanleitungen fast aller Art.

Videos sind für derartige Zwecke ja ideal geeignet, weil Anordnungen und Reihenfolgen bei der Bearbeitung direkt darstellen können.

Hier geht es ja, anders als bei Schulungsvideos, nur um genau eine spezifische Sache. Schulungsvideos hingegen sollen ja die allgemeine Lösungsfähigkeit des Lernenden verbessern und dabei auch den ganzen Kontext bieten.

Videos der von Ihnen genannten Art habe ich auch bei mir lokal bei den Unterlagen zu Geräten gespeichert. Wenn ich beispielsweise einen alten Acer-Rechner reparieren oder verändern will, dann hole ich mir das entsprechende Video und sehe es an. Hinterher vergesse ich den Inhalt wieder, weil ich ihn normalerweise nicht benötige.

Wenn ich hingegen, das Beispiel wurde ja gerade genannt, so viel wie möglich über Sortieralgorithmen lernen will, dann helfen mir Videos, die genaue ein Verfahren beschreiben und in (beispielsweise) Python realisieren, höchstens als ergänzende Beispiele.

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ManRai 05.06.2019, 14:57
37. Mir konnte niemand Quadrupol Massenspektrometrie erklären

bin selbst sehr langjähriger Massenspektrometriker (sei 1990) und habe - ganz ehrlich - die Quadrupol Funktion nie ganz verstanden - bis YouTube Videos (2) das Ganze toll und richtig erklärt hatten, besser als jedes Fachbuch. Schaue mir gerne MaiLab an und kringele mich kaputt über Flacherde, Hohlerde usw. YouTube ist ein Medium geworden, das Wissen zu verbreiten hilft, allerdings sollten manche Sachen hochkant rausfliegen - Anti-Impfsch... z.B.

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Karla Winterstein 05.06.2019, 17:29
38. Bekanntes ergänzen versus Neues oder komplett Unverstandenes lernen

Das Thema war Ihnen wahrlich nicht fremd, sondern Sie suchten und fanden eine Ihr Wissen ergänzende Information. Dafür reichen gute Videos selbstverständlich aus.

Wenn man aber eine bis dato unbekannte oder völlig unverstandene Sache so erlernen will, dass man sie anschliessend auch anwenden kann, und sei es auch nur sie in Prüfungen nutzen zu können, dann reichen Videos nicht aus.

Gut gemachte Videos haben meist noch ein Problem, welches auch andere Lernmaterialien besitzen können: Sie legen alles so eingängig dar, dass man glaubt, es völlig verstanden zuhaben. Wenn man das vermeintlich vorhandene Wissen dann aber anwenden will, tut sich eine gähnende Leere auf.

Wenn keine expliziten Übungen (mit zugehörigen Lösungsmöglichkeiten zur Selbstkontrolle) angegeben sind, bringen Informationen, die nicht völlig eingängig sind, oft mehr. In solch einem Fall muss man sich mit den ganzen Details intensiver auseinandersetzen und auch Zettel, Bleistift und Radiergummi (oder ein elektronisches Äquivalent) nutzen, um sich das Material zuzuführen.

Ich habe mit schriftlichen Materialien schon zwei Mal solche Situationen mitbekommen.

Der erste Fall war eine Einführung in den Ediere Pattern-Matching-Editor für damalige Benutzer der Telefunken TR440 Rechners. Die war sehr gut zu lesen und zu verstehen, alle Beispiele waren gut erklärt, aber der Kollege, der das Papier verfasst hat, war ob der Wirkung unzufrieden. Der Grund dafür war, dass die grosse Mehrzahl der Leser, die diesen Editor ja auch benutzen mussten, trotzdem ohne Rückfrage kaum oder nicht in Lage waren, über die Grundelemente hinausgehende Dinge zu benutzen. Das lag offensichtlich daran, dass man das Papier fast wie einen Roman lesen konnte - es war nicht fordernd genug.

Mir ist ähnliches Jahre später passiert. Zwischen 2006 und 2009 verfasste ich einem zum damaligen Ruby-Forum gehörenden Blog eine Serie von Artikeln zu Regulären Ausdrücken in Ruby (archiviert noch vorhanden - Inhaltsverzeichnis von unten nach oben lesen: https://web.archive.org/web/20130328050332/http://www.ruby-mine.de/regexp). Ich war sehr erstaunt, dass diese Beiträge auch weit über das eigentliche Forum hinaus bekannt wurden und auch in Firmen für Schulungszwecke benutzt wurden (das sagten mir Personen aus meinem Bekanntenkreis). Es gab aber auch hier das Phänomen der Nachfrage diverser Leser, die ob der teils blumig beschriebenen Beispiele die Details überlesen haben, weil man die eben nicht einfach flüssig lesen konnte.

Es ist grundsätzlich nichts gegen Videos oder Dokumente zu sagen, bei denen der Konsument Spass am lesen oder sehen hat, nur reichen die eben nicht aus. Um hinterher alles anwenden zu können, gehören viele von Konsumenten zu lösende Beispiele und auch oft etwas trockenere Zusatzinformationen dazu.

Wenn man also YouTube zum intensiveren Lernen nutzen will, dann muss man sich diese Sachen zusätzlich suchen (manchmal gibt es ja auch direkt Hinweise auf Begleitmaterial).

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Newspeak 05.06.2019, 19:31
39. ....

Videos können inspirierend sein, aber etwas wirklich zu lernen erfordert eigenes Tun. Das wird, denke ich, unterschätzt. Man kann passiv so viele Videos zu Mathematik schauen, wie man will, auch die besten, die es gibt, und wird doch kein Mathematiker.

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