Forum: Leben und Lernen
Studium in Deutschland - eher elitär?

Italiens Studenten sind Muttersöhnchen, Portugiesen parlieren fließend mehrsprachig - und Deutschland schreckt Auf- und Quereinsteiger ab. Ein neuer Uni-Atlas vermisst den Campus Europa. Studieren in Deutschland - immer noch hauptsächlich für Eliten?

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Klo 25.09.2008, 16:05
1.

Zitat von sysop
Italiens Studenten sind Muttersöhnchen, Portugiesen parlieren fließend mehrsprachig - und Deutschland schreckt Auf- und Quereinsteiger ab. Ein neuer Uni-Atlas vermisst den Campus Europa. Studieren in Deutschland - immer noch hauptsächlich für Eliten?
Wieso immer noch? Immer mehr. Es war auch schon mal anders.

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random42 25.09.2008, 16:30
2. hmm

Hallo,

Könnte es nicht sein, dass es nicht unbedingt am deutschen Staat bzw. am Bildungssystem liegt, dass in Deutschland weniger "Arbeiterkinder" studieren? In Deutschland gibt es so viele Möglichkeiten auf 2. Bildungswege zum Abitur oder zur Fachhochschulreife zu kommen (z.B. in BaWü: Berufliche Gymnasien, Berufskollege,etc...). Jeder der halbwegs etwas kann und die Hochschulreife will, wird sie bekommen und kann also auch studieren.

Nur wollen viele Kinder, die aus der "Arbeiterschicht" kommen gar nicht studieren, dies ist meine persönliche Erfahrung. Warum, weiss ich auch nicht, evtl. aufgrund der Beeinflussung ihrer Eltern ("lern lieber was gescheites, einen Beruf..")

Des Weiteren wird hier von einer falschen Grundannahme ausgegangen: Egal aus welcher Schicht man kommt, die Begabung/Intelligenz ist gleich verteilt auf alle Schichten.

Auch interessant ist es, was in manchen Ländern noch als Studium durchgeht ;-). Wenn zb jede Krankenschwester bei uns ebenfalls ihr Diplom an einer "Hochschule" machen würde, hätten wir auch einen höheren Studentenanteil.
So manche Berufsausbildung in Deutschland ist anderswo ein volles Studium.

mfg

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Quintus 25.09.2008, 16:52
3.

Die Sache ist doch ganz einfach:

Unter dem Strich lohnt sich ein Hochschulstudium in Deutschland kaum.

Mit einer guten Ausbildung macht man in vielen Faellen den besseren Schnitt. Ein Studium ist anstrengend, teuer und am Ende verdient man kaum mehr.
Junge Akademiker werden in vielen Bereichen schlicht ausgebeutet, sei es als Arzt, Jurist oder Informatiker.
Erwartet werden Wochenarbeitszeiten von 50+, Flexiblitaet (wer braucht schon ein festes Umfeld, Freunde und am Ende noch eine Familie) und vieles mehr wird verlangt; Und das fuer 2000 netto - Schwarzarbeit ist fuer die meisten Akademiker schwierig und ein ueber Jahrzehnte gewachsenes festes Umfeld, dass einem in der Not zur Seite steht, bzw. in vielen Alltagsdingen (vom Umzug bis zum Hausbau) wertvolles Geld spart, traemt der Akademiker meistens nur.

Wer kein Workaholic ist, nicht permanent im Hotel beim Kunden schlafen will, mit dem stimmt schon irgendwas nicht.

So ist ein Studium eher Luxus fuer Menschen, die es sich eben leisten koennen zu studieren.

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Joerg Brauer 25.09.2008, 17:00
4.

Interessant fand ich die These, dass viele Kinder aus sozial schwaecheren Familien aus finanziellen Gruenden keine Semester oder Praktika im Ausland absolvieren. Ich habe selbst mehrere Jahre im Ausland arbeiten und studieren duerfen und auch in der Ferne meine Diplomarbeit geschrieben, nach meiner Rueckkehr habe ich etliche meiner Kommilitonen dafuer zu begeistern versucht, weil die Jahre im Ausland aus meiner Sicht eine unglaublich wertvolle Erfahrung waren. Zum einen auf persoenlicher Ebene, zum anderen haben sie mich aber auch beruflich durch das aufgebaute Kontaktnetzwerk sehr viel weiter gebracht, von der fachlichen Entwicklung ganz zu schweigen

Der Clou daran: Eine Praktikantenverguetung weit jenseits der 1000-EUR-Marke netto monatlich und Reisekosten werden uebernommen. Dennoch hatte niemand Interesse. Nur mit den finanziellen Gegenbenheiten kann es also wenig zu tun haben. Viel mehr schreckten viele davor zurueck, ganz allein in einem fernen Land zu landen und ihr Leben dort neu organisieren zu muessen, gleichzeitig war die Aufgabe der Wohnung hierzulande ein grosses Hindernis.

Interessant waere fuer mich also eine Untersuchung, inwiefern Mobilitaet und eine gewisse Risikofreude mit dem sozialen Status korrelieren. Ich habe da aus meinen eigenen Erfahrungen ein paar Theorien, aber es waere mal interessant zu sehen, wie sich das ueber die gesamte Gesellschaft verteilt verhaelt. Grundsaetzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele Nachkoemmlinge aus der Oberschicht grundsaetzlich risikofreudiger und offener fuer Neues eingestellt sind, was ihnen natuerlich gerade heutzutage einen gewissen Vorteil verschafft.

Fakt ist, dass der soziale Aufstieg ohne die Bereitschaft kalkulierbare Risiken einzugehen nur schwer gelingen kann, wer immer auf der absolut sicheren Seite bleibt verpasst viele Chancen. Das faengt bei der Entscheidung zwischen Studium und Ausbildung an und endet spaeter bei der Frage nach der Wahl von Wohnort und Arbeitsplatz.

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EvilMoe 25.09.2008, 17:00
5.

Ich sehe das ebenfalls so, dass viele Leute nicht studieren wollen. Wer wirklich studieren will, kann zumindest seine FH Reife auf "humanem" Weg nachholen.

Nur ist die Frage ob sich das überhaupt lohnt. Ich bin selbst Abiturient und kann den Gedanken des "Nicht-studieren" nachvollziehen. In der Regel ist man als Student mit 26/28 Jahren fertig, ab diesem Zeitpunkt fängt man an Geld zu verdienen. Der Realschüler, der mit 16 Jahren in die Lehre gegangen und nun fest angestellt ist, hat in dieser Zeitdifferenz von +-10 Jahren wesentlich mehr Geld verdient als ein Student. Wenn man sich mit einem bestimmten Lebensstandard zufrieden gibt, reicht einem das bis dahin erwirtschaftete Gehalt vollkommen aus.
Auch ein Studium ist heutzutage keine Jobgarantie mehr und es ist utopisch zu denken, dass jeder Student gleich Managergehälter bekommt, die Möglichkeit besteht, aber sie ist nun mal gering. Man studiert hingegen eher, weil man auch im späteren Leben geistig gefördert werden möchte, nicht mehr und nicht weniger.

Ich denke nicht, dass das Studieren heute noch was mit dem sozialen Standpunkt zu tun hat. Es gibt mittlerweile div. Möglichkeiten ein Studium zu finanzieren. Sei es über Stipendien oder anderen Sachen.

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Taubenus 25.09.2008, 17:09
6.

Zitat von random42
Könnte es nicht sein, dass es nicht unbedingt am deutschen Staat bzw. am Bildungssystem liegt, dass in Deutschland weniger "Arbeiterkinder" studieren? ... Nur wollen viele Kinder, die aus der "Arbeiterschicht" kommen gar nicht studieren, dies ist meine persönliche Erfahrung. Warum, weiss ich auch nicht, evtl. aufgrund der Beeinflussung ihrer Eltern ("lern lieber was gescheites, einen Beruf..")
Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich glaube, wir haben das Klassendenken tief verinnerlicht. ("Die da oben", "Wir da unten"). Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Leute (auch gute Abiturienten) einfach nicht studieren wollen. Meistens waren die Begründungen: "Das bringt doch nichts". "Ich will was praktisches machen". "Damit kann man doch nichts anfangen". "Das ist verschwendete Zeit"...
Vielleicht wird aber dieses Schichten-Denken auch sehr stark von den (Ober-)Lehrern unterstützt. So elitär-intellektuell wie sich manche meiner Lehrer gegeben haben waren die wenigsten meiner Professoren...

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Senfkorn 25.09.2008, 17:58
7.

Zitat von Taubenus
Ich bin ganz Ihrer Meinung. Ich glaube, wir haben das Klassendenken tief verinnerlicht. ("Die da oben", "Wir da unten"). Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Leute (auch gute Abiturienten) einfach nicht studieren wollen. Meistens waren die Begründungen: "Das bringt doch nichts". "Ich will was praktisches machen". "Damit kann man doch nichts anfangen". "Das ist verschwendete Zeit"...
Kenn ich genauso. Zu meiner Zeit wollten die Eltern uns Geschwister nicht mal eine höhere Schule besuchen lassen und viel geändert hat sich da nicht. Zumal man mit einer Ausbildung auch ganz gut lebt.
Studium zu organisieren ist in Deutschland auch stressig, man steht manchmal wie ein Depp davor, jede Uni will etwas anderes, dazu kommt die Wohnungssuche, Praktika usw.. Bezahlt werden will das auch alles, nicht jeder hat Lust mit Schulden ins Berufsleben einzusteigen.
Und, last but not least, nicht jeder will vom Heimatort wegziehen, was man für ein Studium aber oft muss.

Meiner Meinung nach lohnt es sich trotzdem, allein schon einfach mal über den Tellerrand zu schauen, daher hab ich meine Kinder, zum Schrecken der Grosseltern ;-), immer ermutigt.

MfG Senfkorn

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shaim74 25.09.2008, 18:17
8.

zum thema -bildung in deutschland- und das -deutsche bildungssystem-. ich denke dass man in deutschland unheimlich viele möglichkeiten hat um aus seinem leben was zu machen, was die bildung angeht. man kann auch in amerika , auch als arbeiterkind viel erreichen, aber: dazu muß man eine wirkliche "leuchte" sein um entsprechend gefördert zu werden. deutschland hat, wie ich finde ein erstklassiges bildungssystem, insbesondere die möglichkeit auf dem 2.ten bildungsweg alles zu erreichen gibt es meiner meinung nach nirgends auf der welt. der einzige nachteil ist, dass z.b. ausländer-und arbeiterkinder nicht gut genug gefördert werden, also ich möchte fast behaupten, dass man in deutschland, wenn man denn diesen kindern angehört mit gleichen leistungen eher benachteiligt wird. bei mir war es so: wers nicht glaubt kann mit mir ne wette abschliessen, also... ich bin ein kind der ersten gastarbeitergeneration...mir wurde ständig gesagt, dass ich nix kann, eh nix schaffen werde und es schwierig für mich sein wird...bla bla... die laier höre ich mein ganzes leben, aber: ich bin kein überflieger, kein ehrgeiziger knochen und kann gerne mal alle fünfe gerade sein lassen...ich habe - oder mußte die hauptschule mit 15 nach der 8.ten klasse verlassen (ohne nix!)...nachdem ich dann mit lauter verrückten meinen hauptschulabschluß nach der 9. nachgeholt habe muß mir ein licht aufgegangen sein...ok! habe dann ne ausbildung auf dem bau gemacht( nebenher den abschluß nach 10. das geht mit einem bestimmten notendurchschnitt) ,dann gearbeitet, dann die technikerschule besucht (dort mein fachabi nachgeholt und den techniker), dann ein ingenieurstudium hingelegt mit 1,6er diplom und heute arbeite ich in einem der besten architekturbüros deutschlands...und irgendwie wird mir heute noch diese ausländerlaier vorgehalten...bla bla bla... aber ohne das deutsche bildungssystem wäre das nicht möglich gewesen...was ich sagen will ist, dass man sich als arbeiterkind nochmehr anstrengen muß, und als ausländer kind nochvielmehr...! das ist leider so. ich kann nur sagen: ist zwar n abgedroschener spruch aber...wer will kann auch in deutschland aus seinem leben was machen, dazu muß man kein überflieger sein, nur etwas selbsdisziplin und man sollte nur nicht so viel auf andere leute hören...
(die geschichte ist so, auch wenn sie vorbehalte haben)

isch liebe deuschlande!

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Joerg Brauer 25.09.2008, 18:27
9.

Zitat von Senfkorn
Kenn ich genauso. Zu meiner Zeit wollten die Eltern uns Geschwister nicht mal eine höhere Schule besuchen lassen und viel geändert hat sich da nicht.
Mit genau diesem Phaenomen sind meine Eltern gross geworden. Da stand es nicht zur Debatte, ob man Abitur macht, auch wenn die Noten gestimmt haben. Vater war Handwerker, also macht der Sohn genau das gleiche, auch wenn meine Eltern beide beruflich eine ganz andere Richtung eingeschlagen haetten. Gluecklicherweise haben meine Eltern sich bei der Erziehung ihrer eigenen Kinder daran erinnert, dass diese Situation fuer sie nicht gerade das Gelbe vom Ei war und uns vollkommen freie Hand gelassen, jedoch mit einer Einschraenkung: Was man macht, soll man auch richtig machen, keine halben Sachen.

Das Resultat ist, dass sowohl meine Geschwister als auch meine Cousins allesamt studieren bzw. studiert haben (erstaunlicherweise nur technische Studiengaenge, selbst die Frauen), obwohl es in der Familie vor unserer Generation nicht einen einzigen Studenten gab.

Einige Bekannte, die sich auf Druck ihrer Eltern gegen ein Studium und fuer die Vernunftloesung Ausbildung entschieden haben, sind heute uebrigens sehr ungluecklich, weil sie an sich permanent unterfordert sind und der Beruf ihnen keine Perspektive bietet, dass sie in den naechsten 30 Jahren noch mal etwas anderes machen koennen. Haeufig gesehen bei Leuten, die irgendwo im oeffentlichen Dienst in der Verwaltung sitzen. Viele wuerden gerne noch studieren, aber da gibt es dann wieder die Aengste ein sicheres Leben aufzugeben und sich ins Ungewisse zu stuerzen.

Zitat von
Zumal man mit einer Ausbildung auch ganz gut lebt.
Ja, kann man durchaus. Wenn es mir ums Geld gegangen waere, dann haette ich eine Ausbildung zum Handwerker gemacht und mich spaeter selbstaendig gemacht.

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