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Turbo-Abitur: NRW kehrt zu G9 zurück - weitgehend
DPA

Das Turbo-Abitur in Nordrhein-Westfalen wird flächendeckend abgeschafft - das Beschloss am Mittwoch der Landtag in Düsseldorf. Trotzdem werden wohl nicht alle Gymnasien zu G9 zurückkehren.

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dickebank 12.07.2018, 06:06
10. Turbo-Abi?

Das G8-Projekt ist daran gescheitert, dass es das Abitur - aka die Verweildauer in der gymnasialen Oberstufe (GOSt) - eben nicht verkürzt hat. Das NRW-Spezifikum ist doch, dass die GOSt auf drei Jahre angelegt war - mit einjähriger Einführungsphase (EF) und zweijähriger Qualifizierungsphase.

Das eine Jahr wurde in der Sekundarstufe I gestrichen und die 30 Wochenstunden dieses einen Schuljahres auf die anderen fünf Schuljahre verteilt. DA die GY nicht den Ganztag einführen wollten bzw. gegen den Elternwillen nicht umsetzen konnten ist die Gesamtpflichtstundenzahl in der Sek I an GY von 188 WS auf 164 WS abgesenkt worden. Das bedeutet ca. 33 Wochenstunden (WS) je Schuljahr bzw. an drei Tagen je Woche sieben Stunden Unterrichtsverpflichtung.
Hinzu kommt, dass Gymnasiasten durch die Verkürzung der Schulzeit von Klasse 5 bis 9 nicht mehr kompartibel zum restlichen Schulsystem gewesen sind. Die Durchlässigkeit ist somit nicht mehr gegeben gewesen, ein Wiederholen der 9. Klasse an einer anderen Schulform unmöglich. Wer am GY von Klasse 9 nach 10 versetzt worden war, war damit automatisch Oberstufenschüler und durfte an SekI-Schulen nicht aufgenommen werden.

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fuchsi 12.07.2018, 07:05
11. Rückkehr um früheren G9 ist nicht mehr möglich

Auch wenn die gymnasiale Schulzeit jetzt wieder auf neun Jahre angesetzt wird, bedeutet dies keine Rückkehr zum G9, wie wir es kannten. Die eigentliche Reform seit etwa 2004 bestand darin, anstelle von "Wissen" vor allem "Kompetenzen" zu vermitteln. Nur so sind Steigerungen der Abiturquoten möglich gewesen, weil letztere unspezifischer sind als klare Wissensinhalte, die zu definieren wären. Diese "Reform", abgesichert durch so genannte "Bildungsstandards", die bundesweit verbindlich sind, wird bleiben. G9 ist also in Wirklichkeit G8 + 1. Bildungsstandards befördern jedoch Standardbildung, normierte Anforderungen auf relativ niedrigem Niveau behindern die individuelle Entwicklung und demotivieren gerade die Leistungsfähigen. Ob sich Deutschland mit dieser Anpassung an ein neoliberales Bildungsverständnis einen guten Weg in die Zukunft sichert, steht noch dahin. Als Hochschullehrerin mit über 25jähriger Berufserfahrung bin ich nach anfänglichem Optimismus heute ernüchtert. Da ich täglich mit den Studierenden, die alle aus dem System kommen, zu tun habe, sehe ich die problematische Entwicklung hinsichtlich allgemeiner Kenntnisse wie Schreibfähigkeit usw. Ein Jahr mehr oder weniger ist nicht relevant, das ist eine Scheindebatte, die den Siegeszug neoliberaler Pädagogik und Didaktik verdeckt, über den man sich eigentlich aufregen sollte. Viele Eltern merken gar nicht, was hier tatsächlich passiert ist im Bildungsbereich.

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maphry 12.07.2018, 07:11
12. Es ist kompliziert...

Es ist kompliziert vorauszusagen, was Schüler heute genau lernen sollen damit sie damit etwas anfangen können in der Berufswelt des 21. Jahrhunderts. Reine Wissensvermittlung kann es nur zu einem geringen Teil sein, denn es ist zwar wichtig, dass eine Grundlage im Allgemeinwissen besteht (es geht ja auch um Persönlichkeitsentwicklung), dies jedoch durch Totprüfen in die Schüler einzuhämmern ist bei der Wandlung des Arbeitsmarktes den wir gerade beobachten kaum mehr zu rechtfertigen. Es wird Kreativität, geistige Flexibilität und Methoden- und Problemlösekompetenz sein, die vielen der zukünftigen Abiturienten ihre Jobs erhalten wird. Welches Schulsystem das verbringen mag ist heute kaum zu sagen, da wird wohl jedes Bundesland gleich schlecht derzeit vorbereitet sein.

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liberalerfr 12.07.2018, 07:25
13. Kosten des G8 sollten Eltern tragen

Dass nun ein Großteil der Bundesländer aus dem ehemals fast einheitlichen G8 ausschwängt ist, kompletter Schwachsinn. Das hilft weder den Schülern und ist auch noch deutlich teurer. Die Eltern, die das durchdrückt haben, sollten auch dafür zahlen.

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storchentante 12.07.2018, 07:27
14. unsere Kinder

müssen doch sowieso alle bis 70 und darüber arbeiten. Ich gönne ihnen gerne 1 Jahr länger Zeit um sich zu entfalten und entwickeln zu dürfen. Neben der Schule muss auch noch Zeit für Hobbies und eigene Interessen bleiben. Wenn der Schulweg schon 1 -1 1/2 Stunden dauert, bleibt bei Nachmittagsunterricht nicht mehr viel Zeit fürs Leben übrig.

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fatherted98 12.07.2018, 07:39
15. schon seltsam...

...die Bildungsreformen der letzten 50 Jahre...ich erinnere mich noch an die Mengenlehre....Rechtschreibreform....dann G8/9.....Abschaffung der Hauptschulen...oder überhaupt der Schulformen zur Gesamtschule.....alles Flops....die wirklich wichtigen Reformen werden nicht angegangen. Angstfrei lernen in einem angenehmen Umfeld ohne Mobbing in kleinen Klassen mit hohem Vermittlungsniveau der Lehrerschaft (dazu braucht es übrigens keine Computer oder Smart-Phones)....davon sind wir nach wie vor meilenweit entfernt. Was da für Potenzial verloren geht jedes Jahr....man sollte nicht darüber nachdenken.

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touri 12.07.2018, 07:43
16.

Also ich hatte in Bayern noch ganz normal das G9. Was ich sagen kann, hätte man konsequent den Lehrplan entmüllt und z.B. alles rausgeworfen, was doppelt und dreifach über die Jahre unterrichtet wird, dann hätte man vermutlich ein Jahr einsparen können, ohne auch nur eine Unterrichtsstunde im Jahr draufzusatteln.

Was ich jedoch von Eltern gehört habe hat mich leider darin bestätigt, dass die Umsetzung ziemlicher Mist war. Zu meiner Schulzeit hatte ich an ein bis max. 2 Tagen die Woche Nachmittagsunterricht und das war meistens Sport oder ein Wahlfach. Ansonsten konnte man um 13 Uhr gehn und mit den Kumpels was unternehmen, Schwimmbad, Radtour, Eisessen, Bolzplatz, etc. Beim G8 ist praktisch jeder Tag mit Nachmittagsunterricht oder Betreuung verbunden.

Das hätte mich als Schüler früher schon ziemlich genervt weil deutlich weniger Freizeit. Wenn man dann auch noch etwas im Verein machen will (oder die Eltern das unbedingt wollen), dann gibt es Wochentage wo man praktisch nur unterwegs ist (habe da ein Beispiel in der Verwandtschaft). Sorry aber solche Tage hat man im späteren Berufsleben noch mehr als genug, das braucht man als Kind nicht auch schon unbedingt.

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egoneiermann 12.07.2018, 08:08
17.

Die CDU sollte aber auch zugeben, dass es ein Fehler war, denn die war es die G8 in NRW (übereilt) eingeführt hat. Und die FDP war ja auch immer ein großer Verfechter für den schnellen Weg ins Berufsleben.

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topas 12.07.2018, 09:28
18. Nebeneffekt

Ein kleiner Nebeneffekt dürfte sein, dass die Unis/Hochschulen etwas entlastet werden. Wenn man zurück schaut, wie panisch es war, als von G9 auf G8 geschwenkt wurde (zwei Abi-Jahrgänge auf einmal) - AFAIR wurden sogar große Zelte als Hörsaal-Ersatz aufgebaut, um die Massen unterzubringen. Wenn es jetzt ad hoc ein Kalenderjahr ohne Abiturienten gibt dürften ja entweder Abiturienten aus anderen Bundesländern kommen, oder die Situation an den Hochschulen sich etwas entspannen (und die Chance auf Regelstudienzeit kommen).

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grotefend 12.07.2018, 09:30
19. Lehrermangel

Zitat von Phil2302
Bin mal gespannt was die Politiker sich ausgedacht, wie der Lehrermangel, der jetzt schon herrscht, in ein paar Jahren abgefangen werden soll, wenn plötzlich ein Jahrgang mehr zu unterrichten ist. Man darf gespannt sein, aktuell scheint noch keine Idee dazu zu existieren. Es grüßt, ein Mangelfachlehrer.
Am Gymnasium gibt es im Gegensatz zur Grundschule aktuell einen Überschuss an Lehrern. In manchen Fächern dürfte es also zu keinem Engpass kommen. In einem Mangelfach, da haben Sie recht, dürfte es dann eng werden. Aber die Kultusministerien stellen ja nicht vorausschauen ein, sondern lediglich nach dem Bedarf im kommenden Schuljahr. Es werden heute qualifizierte Kollegen abgelehnt, die in ein paar Jahren händeringend gebraucht werden.

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