Forum: Leben und Lernen
Verfällt der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?

Die fragwürdigen Deals mit Doktortiteln durch so genannte Promotionsberater brachten akademische Würden made in Germany ins Gerede. Hat die universitäre Kontrolle versagt? Verfällt dadurch gar der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?

Seite 62 von 111
flowpower22 20.02.2011, 14:43
610. ..

Zitat von elsa
Ja, nötig um in der Wissenschaft weiterarbeiten zu können. Als Wissenschaftler müssen sie promovieren, denn sonst ist es mit der Arbeit in der Wissenschaft schnell vorbei. Ein ausschliesslich praktizierender Mediziner braucht keinen Doktor, aber dieser ist oft so einfach zu erlangen, dass ihn die meisten halt nebenher machen. Ein Wissenschaftler muss einen Doktor machen - beim Arzt ist es optional. Daher ist mir schleierhaft warum Sie glauben, erstere hätten es "nötig" und letztere nicht.
Ach ja, die hatte ich ja auch vergessen (sowie alle Leutchen, die eine Hochschulkarriere anstreben). Suspekt ist auch der falsche Ausdruck. Vielleicht sollte ich sagen, dass ich genauer hinschaue.

Wenn Sie gerade an ihrer Dissertation schreiben sollten - Liebe elsa - dann wünsche ich ihnen viel Erfolg! Lassen sie sich bloß nicht von ihrgendwelchen Miesepetern den Spaß an ihrer wiss. Arbeit verleiden. Die sind ja nur neidisch!

Beitrag melden
hjm 20.02.2011, 16:31
611.

Zitat von Piri
Zitat von dort
Immerhin werden heute mit knapp 24.000 gut doppelt so viele Doktortitel verliehen wie noch vor 30 Jahren.
So so. Heute (also an dem Tag, an dem der Artikel geschrieben (oder veröffentlicht?) wurde) wurden also 24.000 Doktortitel verliefen. War wohl ein ganz schön stressiger Tag an den Universitäten. Man kann die Österreicher mal wieder um das schöne Wort "heuer" beneiden.

(Ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber könnte man dem Autor an dieser Stelle nicht genau die „Unwissenschaftlichkeit“ vorwerfen, die er den Doktoren vorwirft? Hauptsache, der Text (Zeitungsartikel/Doktorarbeit) geht raus, inhaltlich muss es ja nicht stimmig sein, und klar formuliert schon gar nicht, liest ja eh keiner so genau.)

Beitrag melden
Piri 20.02.2011, 16:45
612.

Zitat von hjm
So so. (also an dem Tag, an dem der Artikel geschrieben (oder veröffentlicht?) wurde) wurden also 24.000 Doktortitel verliefen. War wohl ein ganz schön stressiger Tag an den Universitäten. Man kann die Österreicher mal wieder um das schöne Wort "heuer" beneiden. (Ist zwar nur eine Kleinigkeit, aber könnte man dem Autor an dieser Stelle nicht genau die „Unwissenschaftlichkeit“ vorwerfen, die er den Doktoren vorwirft? Hauptsache, der Text (Zeitungsartikel/Doktorarbeit) geht raus, inhaltlich muss es ja nicht stimmig sein, und klar formuliert schon gar nicht, liest ja eh keiner so genau.)
Haben Sie die Titelzeilen gelesen? Da steht wörtlich "Jedes Jahr werden in Deutschland..."


Wiki: "Im Jahr 2005 wurden an Universitäten und gleichgestellten Hochschulen in Deutschland insgesamt 25.700 Doktorgrade verliehen."

Beitrag melden
hjm 20.02.2011, 19:09
613.

Zitat von Piri
Haben Sie die Titelzeilen gelesen? Da steht wörtlich "Jedes Jahr werden in Deutschland..."
Ja, klar. Aber warum schreibt der Autor dann im Artikel etwas „anderes“? Im übrigen widersprechen sich die Überschrift und meine etwas eigenwillige (aber streng genommen einzig mit dem Wortlauf vereinbare) Interpretation des zitierten Satzes doch gar nicht.

Ich bleibe dabei: Es sind auch solche Schludrigkeiten von Journalisten, die leider ganz normal sind, die aber durchaus zu dem von Ihnen doch auch so beklagten Niveauverlust bei allem führen, was irgendwie mit Wissenschaft zu tun hat. Ich gebe ja zu, dass der zitierte kleine Patzer nun wirklich minimal ist. Aber dass einem Autor, der sich ausgerechnet mit dem Niveauverlusst in der Wissenschaft beschäftigt, eine solche Formulierung nicht beim Durchlesen geradezu schreiend ins Auge springt, zeigt eben, wie normal es ist, dass wir sowas in unserer Sprache völlig vernachlässigen.

Ich laste das ja auch keineswegs dem Autor selbst an, dem ich in der Sache gerne zustimme. Ich stelle vielmehr fest, dass sowas nicht auffällt, und das ist das Symptom. Entweder für Verflachung, oder sogar für die gewollte Ablehnung exakter Formulierungen, die ich dem zitierten Autor natürlich nicht unterstelle. Wohl aber vielen anderen in der schreibenden und fernsehmoderierenden Zunft, die immer gerne mit dem Spruch kommen: Bitte bloß nicht wissenschaftlich werden, sonst haut das Publikum ab! Und wenn das Publikum dann auf einmal gebannt vor dem Bildschirm sitzt und zuschaut, wie über die schwäbische Eisenbahn tatsächlich detail- und sachgerecht diskutiert wird, muss man sich auch noch von denen als Nerd beleidigen lassen (so geschehen in diversen Talkshows!), wenn man wirklich wissen will, in welchem zeitlichen Abstand zwei Züge durch einen Tunnel fahren können, statt sich seine Meinung nach den Vorgaben der liebgewonnenen Partei auszurichten.

Ich schweife schon wieder ab. Aber stört es Sie nicht auch, wenn mal wieder die Ausgaben für den Straßendienst Ihrer Stadt um 10 Millionen Euro in den nächsten 10 Jahren erhöht werden sollen, und sie nicht wissen, ob damit gemeint ist, dass der entsprechende (Jahres-)Haushaltsposten in 10 Jahren um 10 Mio höher sein wird als heute, oder dass innerhalb der nächsten 10 Jahre insgesamt (oder jährlich?) 10 Mio mehr ausgegeben werden sollen als bisher vorgesehen, danach aber dann nicht mehr oder doch? Oder wenn das verfügbare Haushaltsteinkommen im Januar pro Kopf um 1,2% gestiegen ist? Oder wenn die Leistung der Windkraftanlagen in den letzten 20 Jahren um 300MW/h pro Jahr gestiegen ist? Ich versuche, meinen Schülern sowas beizubringen, damit sie sich klar ausdrücken, sehe mich aber leider einer Übermacht ausgesetzt, die dem diametral entgegenwirkt.

(Und bitte jetzt nicht an diesem einen Artikel festmachen, dem ich, wie gesagt, in der Sache zustimme. In dem fällt's halt nur besonders auf.)

Beitrag melden
Piri 20.02.2011, 20:06
614.

Zitat von hjm
Und bitte jetzt nicht an diesem einen Artikel festmachen, dem ich, wie gesagt, in der Sache zustimme. In dem fällt's halt nur besonders auf.....
Absolute Zustimmung. Ich bin im Unterricht – nicht immer im Forum, das gebe ich gern zu;-( - ein absoluter Pingel, wenn es um präzises Formulieren geht. Meistens gelingt es mir auch anhand der vielen Möglichkeiten, die meine Fächer bieten, den Herrschaften die Gründe dafür verständlich zu machen. Wenn ich sie so weit habe, dass einige von ihnen wie die Geier auf Fehler meinerseits oder in Schulbüchern lauern, macht die Sache dann sogar Spaß.

Es ist aber nicht nur der nachlässige Umgang mit der Sprache, der sich in den Medien immer öfter unangenehm bemerkbar macht. Mir fallen zunehmend Aussprachefehler und sachliche Inkorrektheiten auf. Vor ein paar Tagen kündigte ein WDR-Moderator einen Beitrag an, in dem der Name Amerigo Vespucci vorkam.
Ich traute meinen Ohren nicht: „Ameriko“ mit Betonung auf dem e.
Oder im Klassiksender: Eugen Onegin hieß da Eugen Onnegin mit Betonung auf dem O. Über „Adatschio“ und "Dschuiiiseppe Ferdi" reg ich mich schon gar nicht mehr auf.

Hinzu kommt die allgemeine Verflachung der Informationen, die mit der kompetenzorientierten Ichdenkemalweißabereigentlichnichts-Bildung einhergeht.
Früher erfuhr man z.B. im Wetterbericht immer auch etwas über die jeweilige Großwetterlage und über den Frontenverlauf. Heute ist es wichtiger, irgendeinen Schmus drum herum zu erzählen. Aber das passt. Alles, was kompliziert ist, wurde aus den Geographie-Richtlinien gestrichen. In Bio soll ich dann allerdings Achtklässler den Treibhauseffekt beurteilen lassen. Nett, dass wir mal über alles ein bisschen geplaudert haben.

Ein Verwandter, der in einem namhaften deutschen Medium zu Wort kam, ärgerte sich neulich fürchterlich über die Anweisung des verantwortlichen Redakteurs, doch bitte nicht in die Tiefe zu gehen. Das wollten die Leser nicht.

Beitrag melden
pescador 20.02.2011, 23:25
615.

Zitat von Piri
Mir fallen zunehmend Aussprachefehler und sachliche Inkorrektheiten auf. Vor ein paar Tagen kündigte ein WDR-Moderator einen Beitrag an, in dem der Name Amerigo Vespucci vorkam. Ich traute meinen Ohren nicht: „Ameriko“ mit Betonung auf dem e. Oder im Klassiksender: Eugen Onegin hieß da Eugen Onnegin mit Betonung auf dem O. Über „Adatschio“ und "Dschuiiiseppe Ferdi" reg ich mich schon gar nicht mehr auf....
Im hessischen Rundfunk sind es E"h"rfurt und A"a"lsfeld. Dabei hat so ziemlich jede Landesrundfunkanstalt eine Aussprachedatenbank. Für diese ermitteln Linguisten die richtige Aussprache vieler Namen und Fachbegriffe und dokumentieren sie (nebst Quellenangabe). Aber je überzeugter ein Sprecher von sich selbst ist, desto seltener greift er auf diesen Dienst zurück.

Dabei könnte man hier so einfach Abhilfe schaffen: Jeder Hörer, der einen Aussprachefehler dokumentieren kann, bekommt 10€ vom Sender. Und der Sender holt sich das Geld von den Sprechern zurück.

Beitrag melden
SirLurchi 21.02.2011, 06:56
616. Gleichmacherei

Zitat von sysop
Die fragwürdigen Deals mit Doktortiteln durch so genannte Promotionsberater brachten akademische Würden made in Germany ins Gerede. Hat die universitäre Kontrolle versagt? Verfällt dadurch gar der Wert akademischer Titel an deutschen Hochschulen?
Deutschlad hat doch seine besten akadem. Grade (z. B. Dipl.-Ing.) auf dem Altar der EU-Gleichmacherei geschlachtet und stattdessen den "schulischen" Grad "Master" und "Batschelör" eingeführt. - Diese Grade erlangt man nun mehr mit einem schulisch anmutenden "Studiengang" - von wissenschaftlicher Arbeit ist da nicht mehr viel zu merken.

Aber das ist nur meine bescheidene Meinung.

Beitrag melden
jinky 21.02.2011, 07:57
617.

Zitat von maxjonimus
Vielleicht sollte man Doktoranden verpflichten, mindestens 5 Jahre lang nach der Promotion an einer Hochschule zu lehren und zu forschen. Der Doktor sollte also für ernsthafte Wissenschaftler sein, nicht für eitle Karrieristen mit Pomade im Haar.
Soll heißen: jeder, der promoviert, hat einen Rechtsanspruch auf eine 5-Jahres-Stelle an seiner Hochschule?

Beitrag melden
daujoons 21.02.2011, 08:25
618. Vertrauen

Seit jetzt fast einem Jahr vergifte ich mich auf Anraten meines Arztes regelmäßig mit Chemikalien, die meinen Krebs attackieren sollen. Ich würde das niemals tun, hätte er nicht gesagt, daß er es für das Richtige hält. Was aber bringt mich dazu, ihm zu glauben, ihm mein Leben anzuvertrauen? Ist es der Umstand, daß er ausgesprochen nett ist? Das ist die Kassiererin beim EDEKA auch. Dennoch würde ich auf ihr Anraten kein Gift schlucken. Ist es dann doch der Umstand, daß er kompetent ist? Daß er etwas von seinem Fach zu verstehen scheint? Aber woher weiß ich das? Immerhin ist das meine erste Krebserkrankung und er mein erster Onkologe.
Warum also vertraue ich ihm mein Leben an?
Weil er Professor ist, weil er Dr. ist und weil ich darauf vertraue, daß er sich beide akademische Titel redlich verdient hat. Mögen auch noch so viele Menschen in diesen Tagen der Ansicht sein, ein bißchen Schummeln bei der Doktorarbeit wäre nicht weiter schlimm: Ich möchte mein Leben keinem Hochstapler anvertrauen, der sich seinen Titel erschwindelt hat.
Und meine Heimat auch nicht.

Beitrag melden
hjm 21.02.2011, 13:42
619.

Zitat von jinky
Soll heißen: jeder, der promoviert, hat einen Rechtsanspruch auf eine 5-Jahres-Stelle an seiner Hochschule?
Nein, ich glaube, es war eher gemeint, dass auch der Doktorgrad in Zukunft, so wie der Batchelor, durch eine bestimmte Menge Workload erworben werden soll. Dieser lässt sich mit einer Stoppuhr objektiv messen und ist gegen Plagiatismus immun.

Beitrag melden
Seite 62 von 111
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!