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Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?

Das Studium muss schneller werden: Die "Turbo-Uni" soll die akademische Ausbildung effizienter gestalten. Eine sinnvolle Reform? Oder verkommt die Uni zur Studentenfabrik?

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Auriana 20.10.2009, 14:33
1550.

Ich habe kürzlich meinen Masterabschluss erreicht und bin daher Tel einer der ersten Jahrgänge, die zu den "Versuchskaninchen" des deutschen BA-MA-Systems zählen. Ich möchte Ihnen meine persönlichen Erfahrungen gerne beschreiben.

Mein Studium erfolgte im Rahmen der Lehrerausbildung.
Rückblickend, ist diese Form des Studiums sicherlich nicht schlecht. Allerdings auch definitiv so noch nicht ausgereift.
Die Punkte, die mich zu Beginn des Studiums vom Zwei-Fach-Bachelor und dem Master überzeugten, wurden in allen Punkten während des Studiums widerlegt.
"Geködert" wurden wir mit der Aussage, dass Auslandsaufenthalte, Universitätswechsel und Fächerwechsel deutlich erleichtert werden würden.
Nachdem ich also meinen Bachelor abgeschlossen hatte, wollte ich einen Wechsel der Universität durchführen. Dabei stellte sich jedoch heraus, dass der Bachelorabschluss meiner Universität nicht an anderen Universitäten ohne weiteres anerkannt werden konnte. Um diese Anerkennung zu erreichen hätte ich noch einige Semester "nachholen" müssen.
Soviel zu den damaligen "Vorteilen".

Ein weiteres Problem des Bachelor-Master-Systems ist eine hohe Arbeitsbelastung, mit großem Prüfungsdruck.

Zurückgezählt habe ich im BA-Studium (6 Semester): 37 Klausuren, 10 Hausarbeiten, 7 Referate und 2 mündliche Prüfungen, sowie eine BA-Arbeit verfasst.
Das wären ca. 9 Prüfungen pro Semester, die alle in die Endnote einbezogen wurden. Diese 9 Prüfungen wurden an meiner Uni i.d.R. in den letzten 2 wochen vor den Semesterferien durchgeführt.

Im Masterstudium waren es in den 2 Semestern (Realschullehramt hat nur 2 Semester): 4 Klausuren, 8 Hausarbeiten, 4 Referate, 1 Masterarbeit und eine mündliche Abschlussprüfung.

Der Druck der während dieser Zeit auf mir lastete, war enorm. Besonders unter der Berücksichtigung, dass im Bachelor eine Mindestnote von 2,5 erreicht werden musste um zum Master zugelassen zu werden. Sowie ein interner Leistungsdruck an der Uni selber herrschte, bei der eine Note unter 1,7 als "mieserabel" galt.

Neben diesen Prüfungen hatte unsere Uni vorgeschriebene Blöcke, die in einem bestimmten Semester studiert werden mussten. Innerhalb dieser Blöcke konnte gelegentlich zwischen 2 thematisch variierenden Veranstaltungen gewählt werden. Das war jedoch eher selten.
Genaugenommen handelte es sich also um einen festen "Stundenplan" von dem kaum abgewichen werden konnte.

Während dieser ganzen Zeit habe ich zusätzlich als Studentische Hilfskraft gearbeitet. Viele von meinen Kommilitonen hätten ebenfalls gerne eine ähnliche Aufgabe übernommen, hatten aber Angst ihr Pensum nicht mehr zu schaffen.
Die Individualität der Studierenden sich innerhalb ihres Faches vertiefend mit Themen auseinander setzen zu können geht in dem bisherigen BA-MA-System verloren. Wirkliches Interesse für fachliche Besonderheiten aufzubauen, ist nahezu unmöglich. Es sei denn, man investiert neben der sowieso begrenzten Zeit noch zusätzlich Zeit, die dann aber dem Lernen, Schlafen, Essen etc. fehlt.

Aus meiner Erfahrung heraus, verschleißen im Moment die Unis wirklich gute Studenten durch eine "Hetz-Politik" und fördern damit die eh schon starke "Ellenbogen-Gesellschaft".

Prinzipiell ist das BA-System nicht verkehrt. Leistungsbereitschaft sollte im Studium durchaus gefordert werden. Aber die individuelle Entscheidungsmöglichkeit muss dabei beibehalten werden. Sonst bleibt die "Prüfung-abgehakt, Stoff-vergessen, Neue-Prüfung- Mentalität" so erhalten.

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hjm 20.10.2009, 14:43
1551.

Zitat von jinky
Ein Examen ist ein Schrieb, der bescheinigt, dass man dies und dies kann und weiß - wieviele Stunden man am Schreibtisch oder sonstwo dafür brüten musste, ist ganz egal.
Ich fürchte, genau das sehen die Erneuerer anders. Jedenfalls kam das in manchen Beiträgen hier so heraus.

Der Studienabschluss im Verständnis einer modernen, an den Erfordernissen der globalisierten Gesellschaft orientierten Sichtweise, soll arbeitsmarktrelevante Kompetenzen nachweisen. Eine der wichtigsten dieser Kompetenzen ist, sich zeitnah, insbesondere unter Stress, in ein Gebiet einzuarbeiten und ein präsentationsreifes Expose mit den fachüblichen Schlagwörtern zu produzieren. Entsprechend sind die Studiengänge auszurichten, um genau diese Kompetenzen zu entwickeln und zu evaluieren.

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florian10 20.10.2009, 14:57
1552.

[QUOTE=DoktorMS;4448425]Ich halte das für ein Gerücht, dass beim Bachelor mehr Stoff in kürzerer Zeit vermittelt wird.
Wir echten Diplomer haben ja auch nicht gebummelt im Studium. Und mit 30 SWS plus Vor- und Nachbereitung sicherlich in Vollzeit studiert. Natürlich konnte man auch einmal ein oder zwei Semester kürzer treten, wenn man anderes zu tun hatte.
Hier muss man eindeutig ins Detail gehen: Die Lehrpläne der Bacherlor-Studiengänge sehen vielleicht so aus, dass da mehr vermittelt wird als früher. Aber geht es auch so ins Detail wie früher?

Vermutlich nicht.<<<

Bevors sie jetzt mal vermuten sollten sie vielleicht sich informieren. Ich studiere Maschinenbau im 5.Semester und wir haben bei den Profs nachgefragt...der Studieninhalt ist der gleiche bei den Prüfungen die zusammengelegt wurden. Und ja, dass der Bachelor mehr Arbeit bei weniger Zeit beinhaltet wurde uns auch von den Profs bestätigt.

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jinky 20.10.2009, 17:14
1553.

Zitat von hjm
Ich fürchte, genau das sehen die anders. Jedenfalls kam das in manchen Beiträgen hier so heraus.
Ich weiß, ich weiß. Aber bei mir gehört "ewiggestrig" geradezu zur Jobbeschreibung, insofern lebe ich, Ruf ruiniert, ganz ungeniert.

Zitat von hjm
Der Studienabschluss im Verständnis einer modernen, an den Erfordernissen der globalisierten Gesellschaft orientierten Sichtweise, soll arbeitsmarktrelevante nachweisen. Eine der wichtigsten dieser ist, sich , insbesondere unter Stress, in ein Gebiet einzuarbeiten und ein präsentationsreifes Expose mit den fachüblichen Schlagwörtern zu produzieren. Entsprechend sind die Studiengänge auszurichten, um genau diese Kompetenzen zu entwickeln und zu evaluieren.
Ich verstehe Sie wirklich nicht - wieso sich mit einer schäbigen Lehrerbesoldung begnügen, wenn Ihre Fähigkeit, gekonnt und syntaktisch virtuos die angesagten Plastikwörter zu rekombinieren, Ihnen sicher einen wohldotierten Posten bei den Bertelsmännern verschaffen könnte? (Nur das "Schlagwort" verrät Sie. Kinkerlitzchen, das gewöhnen Sie sich schnell ab.)

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E.Cartman 20.10.2009, 19:20
1554. Muss so nicht sein.

Zitat von hjm
Um das hier nochmal auf den Punkt zu bringen, denn genau das ist der Punkt: Die Firma muss offenbar schon vorher ganz genau wissen, Kompetenzen sie braucht, um sich diese dann auf dem Markt zum günstigesten Preis zu kaufen. Und am günstigsten bekommt man sie, wenn man sie möglichst nicht im Paket mit anderen, überflüssigen Kompetenzen kauft. Also jemanden anheuern, der möglichst genau das und sonst nichts kann. Mit anderen Worten, die Firma schließt von vornherein aus, etwas zu erfinden. Denn wenn das einträte, dann Sie vorher gar nicht wissen, welche Kompetenzen sie genau brauchen wird.
Ich muss sagen, ich bin selbst in so einem interdisziplinären Bachelor, wenn auch in keinem naturwissenschaftlichen, und kann das nicht bestätigen. Zunächst ist es bei uns eigentlich selbstverständlich, dass man an den Bachelor einen spezialisierteren Master anschließt. Eventuell nachdem man dazwischen schonmal ein Jahr ein bisschen in die Arbeitswelt geschnuppert hat. Der ist dann quasi die "Fortbildung" von der Sie weiter oben schreiben. Dazu kommt, dass nach Ihrer Darstellung das interdisziplinäre eher zu einer Überspezialisierung führt. Das kann ich so nicht bestätigen. Die bisherige Arbeitserfahrung ging eher in die Richtung, dass erwartet wurde, ich wäre in allen Bereichen gut, und könnte zur Not auch gegen meinen eigene "Uni-Linie" argumentieren. Da war es dann schon hilfreich, sich schnell in alles einarbeiten zu können, und ordentliche Ergebnisse zu produzieren.

Wenn es ordentlich gemacht wird, hilft dieses interdisziplinäre Bachelor System mit einem spezialisierten Master auch, das "warum" der eigenen Arbeit zu kennen, was eigentlich eher innovationsförderlich sein sollte.

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DoktorMS 20.10.2009, 19:23
1555.

Zitat von Auriana
Ich habe kürzlich meinen Masterabschluss erreicht und bin daher Tel einer der ersten Jahrgänge, die zu den "Versuchskaninchen" des deutschen BA-MA-Systems zählen. Ich möchte Ihnen meine persönlichen Erfahrungen gerne beschreiben. ...
Danke für Ihren Beitrag. Auch wenn meien Beiträge oftmals das Gefühl erwecken, ich würde den heutigen Studenten ihre Intelligenz absprechen, meine ich doch etwas ganz anderes: das neue System zwingt zum bekannten "Fire and Forget"-Prinzip. Für die anstehende Prüfung wird die "Waffe" geladen, in der Prüfung "abgefeuert" und nach der Prüfung wird die nächste "Waffe" aus dem Schrank geholt, ein wenig gereinigt, geölt, geladen und ... .

Und nach 6, 8 oder 10 Semestern soll man wirklich etwas verstanden haben?

Früher hat man im Vordiplom Prüfungen über den Stoff von jeweils 2-3 Semestern abgelegt. Natürlich konnte man da den Mut zur Lücke haben, aber insgesamt hat man sich doch wesentlich intensiver mit dem Stoff auseinandergesetzt. Auch auf einer anderen Ebene. Eben mehr allgemein als speziell, eben mehr fundamental als oberflächlich.

Und gegen eine ordentliche Diplomarbeit, die auch einmal 1,5 Jahre dauern darf, dafür aber mit mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen endet, kommt eine normale Masterarbeit einfach nicht an. Was man allein in dieser Phase als Diplomand gelernt hat, das kann kein Master-Studium vermitteln.

Wir sehen es doch im Ausland. Da absolvieren Doktoranden noch ein Doktorandenstudium, während die deutschen Doktoranden sofort mit dem Forschen weitermachen oder problemlos beginnen können. Selbst Diplomanden sind mit der aktuellen Forschung in Kontakt gekommen und haben Beiträge zur Lösung von Problemen liefern können.

Mir ist immer noch nicht ersichtlich, warum Studenten nicht gegen diesen Irrsinn vorgehen. Gegen 500 Euro Studiengebühren wird gestreikt, aber gegen die Abschaffung eines weltweit einmaligen Studiensystems mit hohem Niveau muckt so gut wie keiner auf.

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hjm 20.10.2009, 22:01
1556.

Zitat von E.Cartman
Die bisherige Arbeitserfahrung ging eher in die Richtung, dass erwartet wurde, ich wäre in allen Bereichen gut, ...
Sehen Sie, genau das ist doch das Problem. "Er wird erwartet". Soso. Nun ist die Wissenschaft aber schon seit fast 200 Jahren so weit fortgeschritten, dass es den Universalgelehrten nunmal nicht mehr geben kann. Der Pharmakonzern, der jemanden für die Entwicklungsabteilung sucht, kann gerne "erwarten", dass sich der Bewerber in Chemie, Medizin und Maschinenbau gleichermaßen auskennt. Aber er wird allerhöchstens einen Bewerber bekommen, der mit chemischen, medizinischen und technischen Begriffen um sich werfen kann und ein bestimmtes Spezialgebiet beherrscht.

Das ist kein Werturteil über den Bewerber, der in diesem Spezialgebiet wirklich spitze sein kann. Also nicht persönlich nehmen. Aber es gibt definitiv niemanden, der sich nach 5 Jahren Studium in allen drei Fächer auskennt. Das übersteigt die Fähigkeiten eines menschlichen Gehirns. Jedenfalls eines normalen. Die Aussage "es wird erwartet" besagt nichts anderes, als dass sich da jemand in die eigene Tasche lügen will. Der Bewerber, der einen Job haben will, muss das Spiel mitspielen. Das klappt kurzfristig ganz prima und alle sind glücklich. Erstmal.

Das böse Erwachen (ich wünsche Ihnen das nicht, aber ich zum Beispiel würde mich heute in genau einer solchen üblichen Situation befinden, wenn ich solch ein "Spezialfach" studiert hätte) kommt dann 20 Jahre später, wenn der Arbeitnehmer feststellt, dass sein Spezialwissen nicht mehr gefragt ist, und der Pharmakonzern feststellt, dass er ihn deshalb nicht mehr braucht und durch einen anderen ersetzen muss, der erstmal wieder angelernt und eingearbeitet werden muss und keinerlei Erfahrung oder Überblick mitbringt.

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Rena 21.10.2009, 09:19
1557.

Zitat von hjm
Das böse Erwachen [...] kommt dann 20 Jahre später, wenn der Arbeitnehmer feststellt, dass sein Spezialwissen nicht mehr gefragt ist, und der Pharmakonzern feststellt, dass er ihn deshalb nicht mehr braucht und durch einen anderen ersetzen muss, der erstmal wieder angelernt und eingearbeitet werden muss und keinerlei Erfahrung oder Überblick mitbringt.
Hier sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Das humane Kapital ist eben aufgebraucht. Diese Prozesse sind allerdings in einigen Branchen schon seit einigen Jahren zu beobachten.
Die derzeitige Ökonomisierung von Bildung und damit einhergehend die Reduzierung auf das nötiges Wissen, sprich auf Notwendgkeiten des heutigen (!!!) Berufslebens bezweckt das von Ihnen Dargestellte. Bildung wird heute verkauft wie Sommer- und Wintermode, und nächste Saison kommt etwas Neues. Überspitzt könnte man auch sagen dass ein Grundrecht verletzt wird, nämlich das der freien Bildung, die sich erstmal nicht auf Zweck ausgerichtet versteht. Universitäre Bildung ist von ihrem Grundverständnis nicht monetär messbar. Man verkauft eine Art Leistung (ich weigere mich jetzt hier das Wort bildung zu verwenden)an die Konsumenten (Studierende) denen dann vorgegaukelt wird sie seien "marketable". Versehen mit einem imaginären Verfallsdatum, das sicher vor dem Renten- oder Pensionsalter liegt.

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lupenrein 21.10.2009, 11:44
1558.

Zitat von sysop
Das Studium muss schneller werden: Die "Turbo-Uni" soll die akademische Ausbildung effizienter gestalten. Eine sinnvolle Reform? Oder verkommt die Uni zur Studentenfabrik?
Die Zeiten des 'stzdium generale' sind endgültig vorbei und vieleicht noch einigen Wenigen vorbehalten, die finanziell wirklich autark undd unabhänig sind...
Die Verschulung hat schon lange Einzug in die Unis gehalten.

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Piri 21.10.2009, 12:05
1559.

Zitat von lupenrein
Die Zeiten des 'stzdium generale' sind endgültig vorbei und vieleicht noch einigen Wenigen vorbehalten, die finanziell wirklich autark undd unabhänig sind... Die Verschulung hat schon lange Einzug in die Unis gehalten.
Heute in der FAZ:

http://www.faz.net/s/RubC3FFBF288EDC...~Scontent.html

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