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Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?

Das Studium muss schneller werden: Die "Turbo-Uni" soll die akademische Ausbildung effizienter gestalten. Eine sinnvolle Reform? Oder verkommt die Uni zur Studentenfabrik?

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khcdm 22.10.2009, 12:38
1570. Neben der Tatsache...

Zitat von Auriana
...Wir "jungen Leute" werden von klein auf damit konfrontiert, dass der zur Verfügung stehende Arbeitsmarkt sehr begrenzt ist. Das gilt auch für Berufe die "sicher" zu sein schienen. Viele Studierende sind ....
...dass ich statt Arbeitsstelle lieber Verdienststelle sagen möchte (denn auch ein 1-EUR-Jobber oder ein Zwangsarbeiter arbeiten) scheint mir die Gefahr zu drohen, dass ihre Generation besonders für verachtenswerte Einflüsterungen sich anfällig erweist.
Was, wenn der "Archtempter" Ihnen anbietet: erschiesse mal den da drüben, und du bekommst einen "guten Arbeitsplatz"? Natürlich wird das nicht so direkt gesagt wie ich es hier tue, aber was ist dann?

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Auriana 22.10.2009, 13:19
1571.

Zitat von khcdm
...dass ich statt Arbeitsstelle lieber Verdienststelle (...) sagen möchte scheint mir die Gefahr zu drohen, dass ihre Generation besonders für verachtenswerte Einflüsterungen sich anfällig erweist. Was, wenn der "Archtempter" Ihnen anbietet: erschiesse mal den da drüben, und du bekommst einen "guten Arbeitsplatz"? Natürlich wird das nicht so direkt gesagt wie ich es hier tue, aber was ist dann?
Ich hoffe ich trete ihnen jetzt nicht zu nahe, aber da sind sicherlich große Grenzen zu setzen. Ich spreche nun für mich, aber sicherlich wird das auch die große Mehrheit meiner damaligen Kommilitonen so sehen:
Niemand von uns würde für einen Arbeitsplatz einem anderen Menschen körperlich schaden. Für die geforderte Arbeit harte Leistung zu zeigen, ist eine Sache. Aber eine unseriöse Arbeitsstelle, die auf den direkten Schaden anderer Menschen basiert, wäre für mich undenkbar.
"Ellenbogengesellschaft" bedeutet ja nicht einer Obrigkeit vollends hörig zu sein bzw. einer Autorität blind zu folgen. Da sehe ich ganz große Grenzen. In einem entsprechenden Fall, auch wenn es "versteckt" vom Arbeitnehmer ausgedrückt werden würde, würde ich mit sehr großer Sicherheit Mittel und Wege nutzen, dies zu verhindern.
Im Rahmen des Studiums, das hier ja Diskussionsgrundlage ist, wird von den Dozenten und Lehrpersonen niemand diskriminiert oder hörig gemacht. Natürlich sind damals Studienrichtlinien auferlegt worden, die neu überdacht und neu besprochen werden müssen. Aber das ist keine Indoktrination.

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khcdm 22.10.2009, 13:33
1572.

Zitat von Auriana
...bedeutet ja nicht einer Obrigkeit vollends hörig zu sein bzw. einer Autorität blind zu folgen. Da sehe ich ganz große Grenzen. In einem entsprechenden Fall, auch wenn es "versteckt" vom Arbeitnehmer ausgedrückt werden würde, würde ich mit sehr großer Sicherheit Mittel und Wege nutzen, dies zu verhindern....
Das ehrt Sie. Ich hoffe wirklich, dass alle so denken!

Übrigens wird natürlich die Arbeit nicht ausgehen, es mag sein, dass in D wegen der Sonderbedingungen nach 1945 der Umbau etwas härter spürbar ist. Und es gibt auch das europäische Ausland.

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olafl 22.10.2009, 14:32
1573. ...

Also ich bin immer wieder erstaunt, dass es trotz Studiengebühren in vielen Seminaren oder Vorlesungen schon ein Luxus ist, wenn man einen Treppenplatz bekommt und so den Prof immerhin sieht. Das ist leider nicht immer so einfach (wenn man nicht 30 Minuten vor der Vorlesung bereits im Hörsaal sitzen will). Interessanterweise ist aber Geld da um ALLE Computer der Uni mit Flachbildschirmen auszustatten. Klar, dass sind sicher verscheidene Töpfe. Aber dann ist das Geldverteilungsystem idiotisch. Wieso gehen Profs und es kommen keine neuen dazu obwohl die Studentenzahlen wachsen und trotz Studiengebühren?

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hjm 22.10.2009, 15:08
1574.

Zitat von Auriana
Wir "jungen Leute" werden von klein auf damit konfrontiert, dass der zur Verfügung stehende Arbeitsmarkt sehr begrenzt ist.
Mit anderen Worten: Man (wer eigentlich?) konfrontiert Sie mit der Tatsache, dass Ihre zukünftige Produktivität derart hoch sein wird, dass Sie sich ohne große Anstrengung ernähren, behausen, vergnügen, und wenn's denn sein muss sogar noch bilden könnten. Denn nichts anderes bedeutet "Es steht nicht genug Arbeit zur Verfügung". Verkauft wird Ihnen das aber als ein Mangel, der sich nur überwinden lässt, wenn man die wenige noch verbleibende Arbeit zum alleinigen Lebenszweck macht, die Lebenszeit außerhalb der Arbeit auf ein Minimum reduziert, und Stress zum Statussymbol erhebt.

Im Grunde ist das alles noch abstruser als die verschiedenen Lebenslügen der kommunistischen Planwirtschaft. Aber dafür sind die Methoden heute viel subtiler. Statt das Aussprechen der Wahrheit mit Gefängnis zu bestrafen, geht die Gedankenpolizei heute geschickter vor. Wer auf Widersprüche in den verordneten Argumentationweise hinweist, der wird statt dessen einfach lächerlich gemacht und nicht mehr in die nächste Talkshow eingeladen. Weil er offensichtlich weder das notwendige Vokabular beherrscht noch die grundlegenden, nicht hinterfragbaren Axiome der globalisierten Wirtschaft kennt.

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lupenrein 22.10.2009, 16:10
1575.

Man müsse sein Grundlagenwissen im Studium so vertiefen,
solide erarbeiten,
dass man später in der Praxis sich in jedes Teilgebiet seines Faches schnell einarbeiten kann, hieß es damals, vor 50 Jahren.
Auch könne man eine erweiterte Ausblildung ( Promotion) leichter bewältigen.

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lupenrein 22.10.2009, 16:51
1576.

Der 'Niedergang' in der deutschen Bildungspolitik degann nach meinem Dafürhalten mit dem Abwählen von Fäcchern im Gymnasium.
Am Beispiel meines Sohnes kann ich das aufzeigen.
Bis zum Abitur durfte er ein Fach nach dem anderen abählen:
Mathematik abgewählt
Physik abgewählt
Chemie abgewählt .....

zum Schluss blieben - als Leistungsfächer - gerade noch Deutsch und Latein. Ergebnis : sehr gut

was macht man damit ?
Natürlich Medizin

Entsprechend hart waren die ersten Semester, als noch Scheine/Physlikum in Chemie, Ohaysik, Biolgie , eben die naturwiissentschaftlichen Fächer bewältigt werden mussten, alles 'hilfswissemschaften' für die Medizin, ohne die die Mediinrdings sich noch auf dem Stand von 1800 befände.

Böse Zungen sprechen heute immer noch - politisch natürlich unkooorekt - von 'Fachidioten'.

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E.Cartman 22.10.2009, 17:44
1577. Das ist nicht repräsentativ.

Zitat von hjm
Tja, was soll man dazu sagen? Der Lateiner würde sagen: . Der Mathematiker würde einen Kurs in Spieltheorie vorschlagen.
... Wirtschaftswissenschaftler würden empfehlen, sich über Monopsonie schlau zu machen.

Aber so grässlich unsympathisch und verängstigt sind bei uns nun auch nicht alle. Schon gar nicht so, wie es der Spiegel seit diesem Sommer verbreitet.
Ich persönlich habe irgendwann einfach mal beschlossen, dass die ganze Angstmache Blödsinn ist, ganz einfach, weil ich das in meinem Bekanntenkreis so gar nicht beobachten kann. Selbst die ehemaligen Totalversager haben Arbeit, und die einzige Bekannte, die in das "jung, gut ausgebildet, chancenlos" Angstmachwerk des Spiegel passen würde, hat mir neulich vorgerechnet, wie sie mit 35 nicht mehr zu arbeiten braucht. Und mal ehrlich, wer will überhaupt um jeden Preis für so anspruchsvolle Verlierer wie die deutsche Industrie arbeiten?

Es würde vermutlich schon helfen, wenn man nicht dauernd von den 50ern als der "guten alten Zeit" reden würde, und sich auch mal über das freuen, was heute an absolutem materiellen Wohlstand und Annehmlichkeiten da ist. Wir haben doch in der Regel nach dem Studium schon sehr viel von dem gemacht, wovon unsere Eltern in dem Alter geträumt haben.

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melbo 22.10.2009, 18:32
1578.

Zitat von lupenrein
zum Schluss blieben - als Leistungsfächer - gerade noch Deutsch und Latein. Ergebnis : sehr gut
Was heisst hier "gerade noch"? Fuer die meisten Leute waere, meine ich, Latein anspruchsvoller als Mathe + Physik + Chemie zusammen.

Ausserdem: was man an der Schule lernt, ist eh minimal. Ihr Sohn hat die Scheine an der Uni doch dann anscheinend geschafft, auch ohne das bisschen Schulstoff...Ein gutes naturwissenschaftliches Grundverstaendnis hilft in der Medizin, wenn das Studium nicht ungefaehr zum Auswendiglernen eines unbekannten chinesischen Textes ausarten soll, aber dieses Grundverstaendnis kann man sich gut und gerne in den Sommerferien nach dem Abi anlesen.

Ich wuerde eher argumentieren, dass das Niveau hoeher waere, wenn Leute bloss die Faecher waehlen koennten, die sie wirklich interessieren! Meiner Erfahrung nach waren all die Kurse deutlich anspruchsvoller, die normalerweise nur Leute ausgesucht haben, die das wirklich machen wollten: z.B. Griechisch, Latein, Musik, Physik.

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hjm 22.10.2009, 19:36
1579.

Zitat von melbo
Ich wuerde eher argumentieren, dass das Niveau waere, wenn Leute bloss die Faecher waehlen koennten, die sie wirklich interessieren! Meiner Erfahrung nach waren all die Kurse deutlich anspruchsvoller, die normalerweise nur Leute ausgesucht haben, die das wirklich machen wollten: z.B. Griechisch, Latein, Musik, Physik.
Ich kann das nur bestätigen. Das Niveau des Gymnasiums war nie höher als zur Zeit der reformierten Oberstufe in den 1980ern, als sie im wesentlichen auf zwei Säulen stand: 1. grundsätzlich sind alle Fächer gleichwertig und werden als Grund- und Leistungskurse angeboten, und 2. im Rahmen gewisser Regeln, die eine insgesamt breite, aber nicht auf einen willkürlich vorgegebenen Wissenskanon eingeschränkte Allgemeinbildung garantieren, können Kurse frei gewählt werden.

Wer dieses System wegen des berüchtigten "Abwählens" bestimmter Fächer kritisiert, übersieht meist, dass diese Freiheit heute zwar weitgehend abgeschafft ist, das Niveau aber in genau diesen Fächern heute niedriger ist als es damals selbst für diejenigen war, die vom Abwählen Gebrauch gemacht haben. Mit anderen Worten, wer 1985 aus purer Faulheit Mathe "abgewählt" hat, der hat trotzdem noch mehr Mathe gelernt als jemand, der 2005 gezwungen wurde, dieses Fach bis zum bitteren Ende zu belegen und womöglich sogar noch eine Abiturprüfung darin abzulegen.

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