Forum: Leben und Lernen
Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?

Das Studium muss schneller werden: Die "Turbo-Uni" soll die akademische Ausbildung effizienter gestalten. Eine sinnvolle Reform? Oder verkommt die Uni zur Studentenfabrik?

Seite 1 von 166
DJ Doena 26.04.2008, 10:44
1.

Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?

Beitrag melden
Senfkorn 26.04.2008, 11:58
2.

Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen.
In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern.

Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen.

Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.

Beitrag melden
Kristian Viesmann 26.04.2008, 13:04
3. Alter Wein in neuen Schläuchen

Der Bologna Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun?

Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt.

Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!

Beitrag melden
ondrana 26.04.2008, 13:44
4. Studium Generale?

Zitat von Kristian Viesmann
Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen.

Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben.
An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik.

Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt!

Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten.

Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration.

Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher.
Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen.

Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum.

Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich.
Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.

Beitrag melden
Kristian Viesmann 26.04.2008, 13:47
5.

Zitat von ondrana
Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen.

Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen?

Kopfschüttelnd,
Kristian Viesmann

Beitrag melden
metbaer 26.04.2008, 14:08
6.

Ich selber habe noch das Glück den alten Magister studieren zu dürfen, aber als aktives Mitglied der Fachschaft unseres Faches bin ich relativ häufig mit den Problemen des Bachelor- Studienganges konfrontiert.

Große Probleme bereiten den Studenten dabei mehrere Dinge.

Zum einen ist da die zeitliche Auslastung, die dann am Ende des Semesters von den Klausuren, die ja in jeder Veranstaltung abgeleistet werden müssen, gipfeln. Wir hatten schon verzweifelte Studenten bei uns, die davon berichteten, dass sie 4-5 Klausuren an einem einzigen Tag ableisten müssen.
Diese extreme Auslastung nimmt natürlich Zeit für Aktivitäten neben des Studiums, z.B. eben die Arbeit in der Fachschaft. Wir mussten bisher leider feststellen, dass der 'Nachwuchs' mit dem Beginn der BA- Ordnungen massiv zurückgegangen ist.

Der zweite Punkt ist die Art und Weise, wie Studieren heute aussieht: Es werden Module vorgeschrieben, in denen bestenfalls ab und zu noch ein Seminar mit einem Thema ausgewählt werden kann, das den Studenten interessiert. Die Regel ist jedoch, dass Vorlesungen, Kurse und Übungen durch die Studienordnung vorgeschrieben werden. Diese Tatsache in Ergänzung mit dem in Punkt 1 angesprochenen Zeitproblem resultiert natürlich darin, dass viele Stundenten in ihren Modulen hängenbleiben und seltenst mal die Möglichkeit haben, über den Tellerrand hinsauszugucken und Veranstaltungen zu besuchen, die für sie persönlich von Interesse sind. Ein vielseitiges Lernen bleibt dabei verständlicherweise auf der Strecke, zudem muss leider beobachtet werden, dass die BA- Studenten zunehmend in einem eigenen Mikrokosmos eingekapselt werden, da nicht nur die Möglichkeit des 'über den Tellerand Guckens' wegfällt, sondern auch zunehmend Veranstaltungen exklusiv für BA- Studenten angeboten werden und Studenten der alten Studienordnungen (die z.T. noch gar nicht so lange an der Uni sind - der letzte Magister- Jahrgang bei uns hat im SoSe06 begonnen) ausgeschlossen werden.

In unserem Fach ist den Studenten innerhalb eines einzigen Moduls eine sog. 'Wahlveranstaltung' eingeräumt, in der sie ausnahmsweise auch keine Klausur schreiben müssen. Diese ist, wie der Name schon sagt, frei wählbar... dennoch kommen regelmäßig BA- Studenten bei uns vorbei und erkundigen sich, ob es denn wirklich richtig sei, dass sie sich ausnahmsweise mal eine Veranstaltung aussuchen dürfen, die sie persönlich interessiert. Bejaht man dies, schaut man in strahlende Gesichter und hört Antworten wie: "Toll... so hatte ich mir das Studium eigentlich vorgestellt".

Noch kurz etwas zu dem Aspekt, den man öfters hört, die neuen Ordnungen würden wenigstens etwas gegen die Langzeitstudenten unternehmen: Nun, dass ist insoweit richtig, als das viele Studenten aufgrund des enormen Drucks, gepaart mit finanziellen Sorgen (Studiengebühren, etc.)gerne dazu neigen, dass Studium doch lieber abzubrechen oder gar nicht erst anzufangen.

Beitrag melden
paliora 26.04.2008, 14:13
7.

Zitat von Kristian Viesmann
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen.
Man kann es auch umgekehrt formulieren: Der Bachelor liefert grundlegendes Wissen, mit dem der Absolvent schnell in die Berufswelt einsteigen kann.

Wer sich daneben noch eine umfangreiche Allgemeinbildung aneignen will, muss dies auf eigene Faust tun und dafür länger und mehr studieren.

Beitrag melden
Kristian Viesmann 26.04.2008, 14:18
8.

Zitat von paliora
Wer sich daneben noch eine umfangreiche Allgemeinbildung aneignen will, muss dies auf eigene Faust tun und dafür länger und mehr studieren.
Studium und umfangreiche Allgemeinbildung? Das ist nicht das Ziel eines Fach-Studiums, sondern des Studium Generale(was jede Universität anbietet. Nur werden das die BA Studenten mit ihren hohen Wochenpensum eher nicht besuchen).

Das Ziel des Fachstudiums ist es, den Akademiker wissenschaftliches Arbeiten in diesem Fach, am besten interdisziplinär zu ermöglichen. Universitäten sind keine Studentenfabrik für die Wirtschaft.

Wenn die Wirtschaft so dringend Leute braucht, soll sie mehr das duale System anbieten - das ist nämlich ein guter Weg.

Beitrag melden
paliora 26.04.2008, 14:26
9.

Zitat von Kristian Viesmann
Studium und umfangreiche Allgemeinbildung? Das ist nicht das Ziel eines Fach-Studiums, sondern des Studium Generale(was jede Universität anbietet. Nur werden das die BA Studenten mit ihren hohen Wochenpensum eher nicht besuchen).
Wer sich eine umfangreiche Allgemeinbildung über den BA hinaus verschaffen will, muss länger an der Uni bleiben. Parallel zum BA wird das kaum möglich sein.

Beitrag melden
Seite 1 von 166
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!