Forum: Leben und Lernen
Viele Abbrecher: So schaffen Mathe-Studenten das Studium
DPA

Sie sind in Unternehmen heiß begehrt, ihre Berufsaussichten sind ausgezeichnet - und trotzdem schmeißen vier von fünf Mathematik-Studenten hin. Am höchsten ist die Abbrecherquote im ersten Semester. Fünf Tipps für Studienanfänger.

Seite 29 von 29
caliper 17.01.2014, 22:23
280.

Zitat von irgendeinleser
Nun ja, höhere Mathematik ist aus sich selbst heraus sehr abstrakt -- zumal ein wesentliches Teil der Mathematik eben die Abstraktion vom Konkreten Gegenstand ist und dadurch erst viele Ergebnisse erlangt werden. Und zumindest rein ein Beispielen lernen klappt wohl schlechter als mit dem abstrakten Konzept (gab 2008 eine in Veröffentlichung in der Science) -- was natürlich nicht gegen Beispiele zusätzlich zum abstrakten Konzept sprechen muss. Mindestens für die Mehrheit der Studierenden, für die die Mathematik nicht das Hauptfach, sondern ein Hilfsmittel ist (z.B. Ingenieure), sind selbstverständlich Anwendungen zur Motivation schon wünschenswert. Realistische Beispiele aus der Anwendung sind aber meist schwierig, da diese in der Regel sehr aufwändig sind und/oder mehr (nicht-mathematisches) Fachwissen erfordern, als die Studierenden zum Zeitpunkt der Mathematikveranstaltung haben. Das kann dann zu an den Haaren herbeigezogenen Beispielen führen, oder zu solchen wo größere Anteile nur vage erklärt werden können. Beides ist für die Motivation nicht wirklich befriedigend. Für Studierenden der Mathematik selbst sind m.E. gelegentliche Anwendungen ein 'nice to have' aber meist nicht unbedingt notwendig. Auf Dauer taucht ein Mathematiker in sehr abstrakten Themen ein, oft ohne für ihn oder sie direkt erfahrbare praktische Anwendung. Insofern sind da Persönlichkeiten gefragt, die sich auch ohne praktische anwendungsorientiert Beispiele motivieren können.
Die Themen mit denen man sich befasst dürfen von mir aus sehr abstrakt sein. Wir abstrahieren doch wenn wir tiefer eintauchen wollen und wenn wir dazu Vereinfachungen vornehmen. Im Übrigen ist die Fähigkeit "Wichtiges von Unwichtigem zu trennen" die wichtigste Fähigkeit eines Ingenieurs.

Für den Ingenieur ist die Abstraktion eine alltägliche Aufgabe ohne dass man diese nennenswert hervorheben müsste.

Beim wissenschaftlich orientierten Mathematiker scheint es manchmal umgekehrt zu sein. Er möchte tiefer eintauchen, abstrahiert deswegen, aber hat keine Anwendung am Ende. Die Abstraktion und das Tun verkommt dann zum Selbstzweck und bringt weniger als die Erkenntnis was eine Oktillionstel Sekunde nach dem Urknall passiert ist.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
hjm 17.01.2014, 22:37
281.

Zitat von lindenbast
Wieso jemand, der sich für ein Studium der Mathemtik entscheidet, erst noch motiviert und von Zweifeln an der Sinnhaftigkeit dieses Faches kuriert werden muss, entzieht sich meinem Verständnis. Oder auch umgekehrt: wieso schreibt sich jemand, dem Mathematik keinen Spaß macht und der sie als sinnloses Unterfangen betrachtet, überhaupt dafür ein? Gibt doch so viele andere schöne Studiengänge und Berufe?
Die „Motivation durch sinnstiftende Kontexte“ dient weniger der Motivation durch sinnstiftende Kontexte, sondern der Anpassung der Lerninhalte an die Bedürfnisse der Kunden und der Senkung der Abbrecherquote.

Prüfungsfrage traditionell, demotivierend und ohne jeden Anwendungsbezug: Beweisen Sie, dass die Differentialgleichung genau dann lösbar ist, wenn a>1 ist.

Prüfungsfrage modern, motivierend durch sinnstiftenden Kontext: Erläutern Sie die Bedeutung des Parameters a im Sachzusammenhang der weltweiten Kartoffelproduktion.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
dr.jennings 18.01.2014, 10:11
282. Au Backe

Zitat von caliper
Beim wissenschaftlich orientierten Mathematiker scheint es manchmal umgekehrt zu sein. Er möchte tiefer eintauchen, abstrahiert deswegen, aber hat keine Anwendung am Ende. Die Abstraktion und das Tun verkommt dann zum Selbstzweck und bringt weniger als die Erkenntnis was eine Oktillionstel Sekunde nach dem Urknall passiert ist.
Das Abstrahieren ist der Zweck der Mathematik und sonst nichts. Ob es am Ende eine Anwendung gibt oder nicht, spielt erstens keine Rolle und zweitens können Sie (und ich) das auch überhaupt nicht beurteilen.

Man könnt Ihre Argumentation mal aus Perspektive des Mathematikers umdrehen: Wenn die Ingenieure (oder andere selbsternannte "Praktiker") zu blöd sind, die Abstraktionen nachzuvollziehen und hieraus praktische Anwendungen zu destillieren, dann liegt es ja wohl nicht an den Mathematikern, die Ihre Arbeitsergebnisse sauber und transparent vorlegen.

Im Übrigen wird ja in vielen Unternehmen gerade auch den Ingenieuren die eine oder andere "Praxisferne" unterstellt, und zwar vom Vertrieb. Und das dann nichts anderes, als ein Ausdruck für Ignoranz oder Inkompetenz und mangelnder Fähigkeit, die Perspektive des Anderen nachzuvollziehen.

Die gleichen Mechanismen eben, wie in Ihrem Beitrag.

Dr. Jennings

Beitrag melden Antworten / Zitieren
caliper 19.01.2014, 15:52
283.

Zitat von dr.jennings
Das Abstrahieren ist der Zweck der Mathematik und sonst nichts. Ob es am Ende eine Anwendung gibt oder nicht, spielt erstens keine Rolle und zweitens können Sie (und ich) das auch überhaupt nicht beurteilen. Man könnt Ihre Argumentation mal aus Perspektive des Mathematikers umdrehen: Wenn die Ingenieure (oder andere selbsternannte "Praktiker") zu blöd sind, die Abstraktionen nachzuvollziehen und hieraus praktische Anwendungen zu destillieren, dann liegt es ja wohl nicht an den Mathematikern, die Ihre Arbeitsergebnisse sauber und transparent vorlegen.
Das stimmt. Im Übrigen ist das die Eigenschaft eines typischen Mathematikers, die ich besonders an ihnen schätze und warum sie sich auch so gut mit Ingenieuren ergänzen.

Der Forist hat sich aber beklagt, dass es Problemstellungen gibt, die dann mit anderem Fachwissen überladen sind wo Mathematiker dann an ihre Grenzen stossen. Das ist keine Abwertung.

Und auch Ingenieure arbeiten manchmal am Kunden vorbei und lösen Probleme die der Anwender gar nicht hat oder gleich für den Papierkorb. Manchmal ist man auch einfach zu früh dran und die Erkenntnisse kann man erst Jahre später nutzen.

Zitat von dr.jennings
Im Übrigen wird ja in vielen Unternehmen gerade auch den Ingenieuren die eine oder andere "Praxisferne" unterstellt, und zwar vom Vertrieb. Und das dann nichts anderes, als ein Ausdruck für Ignoranz oder Inkompetenz und mangelnder Fähigkeit, die Perspektive des Anderen nachzuvollziehen. Die gleichen Mechanismen eben, wie in Ihrem Beitrag.
Auch das soll vorkommen. Natürlich kann ich die Perspektive eines Controllers, Vertrieblers, Mathematikers oder Studenten einnehmen.

Oder dasselbe vom denen einfordern.

Trotzdem wäre es vermessen zu glauben, allein drch diesen Perspektivwechsel wäre man in der Lage die Probleme das anderen komplett beurteilen zu können. Auch da neigen die Menschen zu Vereinfachungen.

Ein befreundeter Informatiker Kollege aus der Forschung hat es einmal so ausgedrückt. Aufgaben, von denen man wenig Ahnung hat, kommen einem immer einfach vor. Man muss schon etwas tiefer in die Materie eintauchen um beispielsweise zu verstehen warum es gar nicht so einfach ist einen perfekten, runden Fussball zu produzieren.

Erst wenn man tiefer eintaucht versteht man warum es schon schwierig genug ist so was einfaches wie einen runden Fus ist zum Beispiel einen runden Fussball zu produzieren.

Der eine oder andere könnte glauben wenn er die Topologie und Eigenschaften von Rotationskörper richtig beschreiben kann, dann wird der Rest ja wohl nicht mehr schwierig sein.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
irgendeinleser 20.01.2014, 11:00
284.

Zitat von caliper
Der Forist hat sich aber beklagt, dass es Problemstellungen gibt, die dann mit anderem Fachwissen überladen sind wo Mathematiker dann an ihre Grenzen stossen. Das ist keine Abwertung.
Da sich sich anscheinend auf meine Beitrag bezogen haben: Da muss ich Ihrer Interpretation meines Beitrags energisch widersprechen.

Ich habe mich nicht beklagt, dass die Mathematiker an ihre Grenzen stoßen. Ich habe vielmehr darauf hingewiesen, dass die *Studierenden* der *Ingenieurswissenschaften* zu dem *Zeitpunkt* an dem sie die Mathematikgrundlagen hören, in der Regel noch nicht das Fachwissen besitzen, um realistische Anwendungen des Mathematikstoffes aus ihrem Ingenieursfach nachzuvollziehen. Das ist wohl eine völlig andere Situation ....

Beitrag melden Antworten / Zitieren
caliper 22.01.2014, 12:08
285.

Zitat von irgendeinleser
Da sich sich anscheinend auf meine Beitrag bezogen haben: Da muss ich Ihrer Interpretation meines Beitrags energisch widersprechen. Ich habe mich nicht beklagt, dass die Mathematiker an ihre Grenzen stoßen. Ich habe vielmehr darauf hingewiesen, dass die *Studierenden* der *Ingenieurswissenschaften* zu dem *Zeitpunkt* an dem sie die Mathematikgrundlagen hören, in der Regel noch nicht das Fachwissen besitzen, um realistische Anwendungen des Mathematikstoffes aus ihrem Ingenieursfach nachzuvollziehen. Das ist wohl eine völlig andere Situation ....

Damit behaupten Sie, Mathematiker könnten Aufgaben auch dann lösen (nachvollziehen), wenn sie das dafür erforderliche Wissen nicht haben. Das wäre zumindest dann so wenn mangelndes Wissen keine Grenze darstellt um Aufgaben zu lösen.

Sind Sie wirklich Mathematiker? In welcher Mathematik lernt man diese Logik? Oder handelt es sich hier lediglich um ein Verständnisproblem?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
MarkMeliko 23.01.2014, 08:22
286.

Zitat von
Erstens ist Differentialrechnung keine "höhere Mathematik", das gehört noch zum Lehrstoff von Gymnasien, die von mir hier auch angesprochende Variationsrechnung würde ich mal dazu zählen.
Hey,
Also ich finde das die Differentialrechnung. schon eher in der Oberstufe als in der Unterstufe im Gymnasium gemacht wird. Also ich war nur in der Unterstufe im Gymansium und habe dann gewechselt und habe das dort nie gelernt.
Grüße

Beitrag melden Antworten / Zitieren
irgendeinleser 28.01.2014, 18:03
287.

Zitat von caliper
Damit behaupten Sie, Mathematiker könnten Aufgaben auch dann lösen (nachvollziehen), wenn sie das dafür erforderliche Wissen nicht haben. Das wäre zumindest dann so wenn mangelndes Wissen keine Grenze darstellt um Aufgaben zu lösen.
Nein, ich habe gesagt, dass ich mich darüber nicht beklagt habe, da dies nicht mein Punkt war. Sie haben mir vielmehr in einem vorhergehenden Posting eine solche Aussage untergeschoben und das wollte ich nicht so stehen lassen.

Zitat von caliper
Sind Sie wirklich Mathematiker? In welcher Mathematik lernt man diese Logik?
Am Fachbereich an dem ich Mathematik studiert habe und ebenso an dem anderen, an dem ich diese nun lehre, schließt man keinesfalls aus "keine Aussage über X" das Ergebnis "nicht X" -- anders als Sie es oben getan haben, wenn Sie schreiben was ich angeblich behauptet hätte.

Zitat von caliper
Oder handelt es sich hier lediglich um ein Verständnisproblem?
Möglich.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 29 von 29