Forum: Leben und Lernen
Vorlesetag: Es hat keinen Zweck
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Der Vorlesetag in Deutschland ist eine großartige Idee, nur die Debatte drumherum nervt. Warum wir aufhören müssen, "Vorlesen" und "gute Noten" in einem Satz zu nennen.

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aggro_aggro 16.11.2019, 21:35
1. Lust am Lesen

Ich denke es wird unterschätzt wie viel Einfluss die Veranlagung auf die Lesehäufigkeit hat. Nicht nur Legasthenie, auch leichte Sehfehler, ein großer Bewegungsdrang, hohe "awareness" (leicht abzulenken) können Kindern das Schmökern weniger attraktiv machen.
Ich habe schon in meiner Grundschulzeit Hunderte Bücher gelesen - auch nicht immer gut, da ging schonmal viel Schlafenszeit verloren. Da kann man als Eltern auch nicht einfach das WLAN ausschalten.

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bandelier 16.11.2019, 21:49
2. Vorlesen ist zweckfrei

Es ist einfach nur die Einheit zwischen Eltern und Baby, später zwischen Eltern und Kleinkind mit Kuscheln und Körpernähe. Und auch zwischen Grosseltern und Enkeln. Es war für mich eine der wunderbaren Erfahrungen, den enkeln vorzulesen, die ganz eng angekuschelt mit offenem Mund und Riesenaugen lauschten. Schon lange lesen sie selbst, doch wenn ich zu Besuch bin, gibt es immer noch das alte Leseritual, das beiden Seiten guttut. Und ja, das Vorlesen ist extrem wichtig, weil es vorbereitet auf das Selbstlesen, auf das Kopfkino, was wiederum die Neugier am Lernen fördert. Und ich behaupte einfach mal, dass die besonders guten und ohne Anstrengungen erreichten Erfolge meiner Kinder und nun auch Enkelkinder Ergebnisse des Vorlesens sind, abgesehen von dem Wohlgefühl, das ich als Mutter hatte und nun als Oma immer noch geniesse.

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parantantam 17.11.2019, 03:49
3. luxusproblem

Dass Vorlesen ein Zweck für sich sein sollte, ist sicher ein edler Gedanke. Aber für die Kinder, bei denen der angebracht wäre, haben den Vorlesetag wohl kaum nötig. Die mangelnde Lesekompetenz ist eine der großen Stahlkugeln, mit denen an den Beinen die Kinder aus Familien von weniger kulturellem Kapital in den Schulen zum ungleichen Wettlauf antreten. Wer als Kind zuhause mit Schrift in Berührung kommt, hat es später einfacher - je mehr desto mehr. Den Zweck des frühen Übens so leichtfertig abzutun, klingt zwar auf eine Art philanthropisch, ignoriert aber das Recht aller Kinder auf eine Chance für gute Bildung.

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herjemine 17.11.2019, 04:34
4. Lesen und vorlesen

Zu Kommentar 2: bei uns fand das Vorlesen immer am Küchentisch statt. Da wurde nicht gekuschelt sondern wir Kinder tranken unseren Kakao und ich zeichnete meist dabei die wichtigsten Stellen des Kapitels.
Zu Kommentar 1: Ja, ls Kind habe ich auch hunderte Bücher gelesen, allein über 50 Bücher von Karl May aber auch schon mit neun Jahren die Dokumentarbücher zum Holocaust mit all ihren Tabellen und Fotos nicht nur der Gaskammern sondern eben auch der Leichenberge, Architekturwälzer zur Stadtentwicklung, jeden Morgen der Kampf um die Tageszeitung, etc.
In der Oberstufe hörte ich aber auf zu lesen. Grund war dieses zermürbende Texte in Bruchstücke zerlegen im Deutschunterricht. Ich brauchte 20 Jahre um mich einigermassen wieder davon zu erholen, aber so ein Bücherwurm wie in den ersten 12 Jahren bin ich nicht mehr geworden...

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spon-facebook-10000202957 17.11.2019, 04:37
5. Der Trick beim Vorlesen

und zum selber Lesen zu animieren, ist der, dass es bei und so funktionierte: es wurde an einer massiv spannenden Stelle abgebrochen. Und wenn eine Geschichte unendlich spannend ist und man halbwegs lesen kann, will man wissen, wie es weiter geht. Das wurde so in der Grundschule im Kunstunterricht und daheim gemacht. Kunst am Freitag und wer will schon eine Woche warten? Ist dann das Buch in der Schulbücherei vorhanden oder liegt auf dem Nachtisch, ist die Sache klar, man beißt sich durch. Ist das Buch dort nicht vorhanden, dann liegt man den Eltern in den Ohren. Vorgelesen und noch ein neues Buch begonnen, wurde oft auch vor den großen Ferien ... ich möchte durchaus behaupten, dass 90% aller Mitschüler die Bücher alleine gelesen haben, denn die Dinger waren ständig bei einem Großteil in den Schultaschen und wurden untereinander verliehen. und wenn es im Unterricht weiter gelesen wurde, spielten alle das Spiel-kennen wir nicht-mit, und die Lehrer wussten natürlich Bescheid. Das erste Buch, mit dem so verfahren wurde, in der 5.Schulklasse, war damals Krabat ...
Und unsere Eltern machten das auch so. Da lag das Buch dann auf dem Nachtisch. Mensch, war man manchmal morgens müde ...

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spon-facebook-10000151392 17.11.2019, 11:17
6. auch in meiner Kindheit (40iger und 50iger Jahre)

gab es schon eine staatliche Leihbuecherei ... auch gab es Buecher zum Geburtstag und Weihnachten. Habe heute noch mein "Heidibuch". Habe "Struwwelpeter" meinen englischen Enkeln in Deutsch vorgelesen! sie waren auch schon als Babys hier in der Leihbuecherei angemeldet.... Kein Problem, auch wenn man kein Geld hat, und das hatten wir nie...
.

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hansdampfabcdefgh 17.11.2019, 11:35
7. Leistungsgesellschaft

Frau Fokken scheint entweder nicht bewusst zu sein, dass wir in einer Leistungsgesellschaft leben oder sie blendet es absichtlich aus und lebt in ihrer Utopie:
"Wenn die Vorzüge des Vorlesens vorrangig mit Leistungssteigerung verknüpft werden, vergessen Menschen das Wichtigste: Lesen ist ein subversiver Akt. "

Und? Wenn mein Kind durch Vorlesen besser im Leben und damit auch besser in der Schule wird, ist es doch nur gut. Ich muss als Elternteil dem Kind ja nicht sagen, dass ich dadurch nur mögliche Chancen auf seinem weiteren Lebensweg verbessern möchte, sondern lese einfach vor. Wo ist das Problem?

IHR ERNST???

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Little Nemo 17.11.2019, 12:35
8. Bitte ins Plusquamperfekt setzen

Der nette, aber weltfremde Artikel geht an der Wirklichkeit vorbei. Freiwilliges Lesen von Qualitätsliteratur mit anschließender Reflexion (mehr als das Nachbeten von grenzdebilen Rezensionen der einschlägigen ehemaligen Intelligenzblätter) kommt in den Alterskohorten unter derzeit 40-45 Jahren nicht mehr vor. Die Kulturtechnik des qualitativen Lesens (nicht nur Entzifferns) wird mit den jetzt Fünfzigjährigen aussterben, mit ihnen anspruchsvolle Verlage, Buchhandlungen, Zeitungen und Zeitschriften. Danach kommt nur noch Instagram und Dschungelcamp.

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Stäffelesrutscher 17.11.2019, 13:34
9.

»In der "Geschichte des Lebens" beschreibt Alberto Manguel, wie Arbeitern in Zigarrenfabriken auf Kuba in der Mitte des 19. Jahrhunderts vorgelesen wurde. Dafür bezahlten sie demnach einen Kollegen: "Das Zuhören machte den Arbeitern, wie sie herausfanden, die mechanische, stumpfsinnige Arbeit des Wickelns der dunklen, duftenden Tabakblätter erträglicher, es ließ sie teilhaben an den Abenteuern der Romanhelden, schenkte ihnen Ideen, die sie im Kopf wälzen und sich zu eigen machen konnten."

Die Vorlesungen seien so erfolgreich gewesen, dass sie sich schnell den Ruf erwarben, "subversiv" zu sein. Kein Wunder, dass Kubas Gouverneur das Vorlesen im Jahr 1866 wieder untersagte. Heimlich soll es trotzdem noch eine Weile fortgesetzt worden sein.«

Auf diese Weise ist übrigens die Gewerkschaft Nahrung - Genuss - Gaststätten entstanden.
https://www.ngg.net/unsere-ngg/geschichte-und-motive/

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