Forum: Leben und Lernen
Wie halten Sie's mit der Zeit?

Die Zeit kann vieles, doch der Umgang mit ihr ist schwierig. Was ist Zeit für Sie? Wo bleibt sie? Rund um die Zeit: Müßige Überlegungen oder essentielle Fragen?

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fritze meier 21.10.2007, 16:56
120. abo gekündigt...

...und trotzdem lese ich immer noch dieses wunderbare blättchen. am liebsten den wissenteil und das feuilleton, das dossier geht auch manchmal (vor dem schlafengahen). glücklicherweise gibt es ja nun wieder das magazin, das "die zeit" wieder deutlich attraktiver gemacht hat. vielleicht doch wieder abonnieren...???

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Hardegg 23.10.2007, 20:04
121. Zeitökologie!

In der DIE ZEIT über Zeit gelesen:

http://www.zeit.de/2007/43/Lebensformen?page=all

Der kreative Sprung zum Hamburger Wochenmagazin war längst überfällig. Eine der Antworten, bei denen man sich fragt, warum sie nicht schon viel eher gegeben wurde.

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holzfäller 26.10.2007, 15:50
122.

Zitat von Montanabear
In meiner Familie weiss ich von drei Generationen von Frauen, die immer zu spät fertig waren. Und wenn ich einlade ud jemand kommt eine halbe Stunde vor der Zeit "um zu helfen" muss ich mich sehr beherrschen. Sowas tun übrigens nur Deutsche. Immer noch ein Volk von Soldaten ? "Fünf Minuten vor der Zeit sind des Soldaten Höflichkeit ?" Eine halbe Stunde soll ja vielleicht noch besser sein. Gelobt seien die, die die Blumen ein paar Stunden im voraus schicken und die zehn Minuten zu spät kommen.
Die Aussage "Unsinn schreiben tut man nur in Montana" ist ähnlich intelligent.

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Schwinghammer 29.10.2007, 19:48
123. Sich Zeit nehmen - nachzudenken!

Was sagt unser Dichter Fr. Rückert:
Nie stille steht die Zeit, der Augenblick entschwebt, und den du nicht benutzt, den hast du nicht gelebt. Und auch du stehst nicht still, der Gleiche bist du nimmer, und wer nicht besser wird, ist geworden schlimmer. Wer einen Tag der Welt nicht nutzt, hat ihr geschadet, weil er versäumt wozu ihn Gott mit Kraft begnadet.

Und was meint Fr. Schiller in seinem Gedicht "Resignation"?
--- "Genieße, wer nicht glauben kann. Die Lehre ist ewig wie die Welt. Wer glauben kann, entbehre! Die Weltgeschichtet ist das Weltgericht. Du hast gehnofft, dein Lohn ist abgetragen. Dein Glaube war dein zugewogenes Glück. Du konntest deine Weisen fragen. Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück."

Abschließend: ich nehme es Ernst mit der Zeit:
G. Flaubert griff die Zeit so ab:
"Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
pfeilschnell ist das Jetzt entflogen.
Ewig still steht die Vergangenheit."

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Schwinghammer 29.10.2007, 23:35
124. Man sollte sich grundsätzlich für jedes Werk Zeit nehmen.

Sorry, mein Beitrag # 124 ist fehlerhaft:
Ich habe den Autor verwechselt. Nicht von Flaubert stammen
die Zeilen: Dreifach ist der Schritt der Zeit: Zögernd kommt die Zukunft hergezogen ... Diese Gedanken hat vielmehr Fr. Schiller verfasst.
G. Flaubert stellte fest:
Die Zukunft beunruhigt uns und die Vergangenheit hält uns fest. Deshalb entgeht uns die Gegenwart.

Ich bitte um Nachsicht.

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Ludibunda 30.10.2007, 16:28
125.

Zitat von Hardegg
So ähnlich geht's mir mit der Unpünktlichkeit anderer. Länger als eine halbe Stunde wird nicht gewartet. Diese 30 Minuten ohne Frust zu überbrücken, fällt in 90 Prozent aller Fälle nicht schwer.
Das sehe ich anders...
Unpünktlichkeit ist Missachtung der Zeit anderer ...
eine Einstellung, die besagt, "mein Tun ist derzeit wichtiger, als das, was du versäumst, während du wartest.."
Egoismus halt...

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Hardegg 30.10.2007, 21:10
126. "Egoismus halt..."

Zitat von Ludibunda
Unpünktlichkeit ist Missachtung der Zeit anderer ... eine Einstellung, die besagt, "mein Tun ist derzeit wichtiger, als das, was du versäumst, während du wartest"
Wenn ich eine Verabredung zu einem wichtigen Gespräch habe, werde ich mich nicht wegen einer improvisierten Skatrunde verspäten.

Wenn ich zu einer Skatrunde verabredet bin, und ein wichtiger Zwischenfall kommt dazwischen, werde ich die Skatbrüder versetzen, falls ich sie nicht erreichen kann.

Zeit ist nur ein Gerüst, indem sich das Leben abspielt. Letzteres achte ich, ganz egoistisch. Zeit ist mir stets ein zu Relativierendes.

Gegen das täglich millionenfach gesprochene oder gedachte "Ich hab' keine Zeit" kann ein In-Frage-Stellen des Diktats der Pünktlichkeit durchaus heilsam wirken.

Zeit hat jeder! Dies zu verleugnen, hilft die vermeintliche Ohnmacht vor der Pünktlichkeit.

Falls Sie jemals auf meine Hilfe angewiesen sein sollten, möchte ich Ihr Gesicht sehen, wenn ich diese unter Hinweis auf einen Termin zum Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel ablehnte.

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hjm 30.10.2007, 23:25
127. Priorität contra Flexibilität

Zitat von Hardegg
Wenn ich eine Verabredung zu einem wichtigen Gespräch habe, werde ich mich nicht wegen einer improvisierten Skatrunde verspäten. Wenn ich zu einer Skatrunde verabredet bin, und ein wichtiger Zwischenfall kommt dazwischen, werde ich die Skatbrüder versetzen, falls ich sie nicht erreichen kann.
Eine meiner sehr frühen Lebenserfahrungen, die sich immer wieder bestätigt, ist, dass es zwei Typen von Menschen gibt, was das Verhalten bei "kollidierenden Terminen" betrifft:

Typ 1 setzt grundsätzlich auf Prioriät. Es wird immer der Termin wahrgenommen, der wichtiger ist, der unwichtige wird abgesagt.

Typ 2 setzt grundsätzlich auf Flexibilität. Es wird immer der Termin abgesagt, der sich leichter verschieben lässt, das heißt er wird nach Möglichkeit eben doch nicht abgesagt.

Ich bin eindeutig der Typ 2, was den Vorteil hat, dass ich in den allermeisten Fällen beide Termine problemlos wahrnehmen kann. Menschen vom Typ 1 kamen mir schon immer irgendwie suspekt vor. Es sind meistens die, die sich auch selbst für wichtig halten und das dadurch verdeutlichen wollen, dass sie ständig wichtiges zu tun haben. Als Typ 2 dagegen leidet man oft unter dem Problem, ständig Zeit zu haben, und man handelt sich das Vorurteil ein, unwichtig zu sein.

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habacht 31.10.2007, 11:40
128. Platzmangel

Ich benötige den größten Platz,
sagte die Vergangenheit,
denn was ihr seid, habt ihr in mir gelernt;
was ihr wisst, was ihr denkt, was ihr fühlt
ist die Reflexion eurer Erlebnisse und Erfahrungen.
Zum Besten in eurem Leben zählen die Erinnerungen:
an die Stunden zärtlicher Fürsorge von Vater und Mutter,
an die Ängste und Hoffnungen in eurer Schulzeit,
an die Anstrengungen und die Schaffensfreude
in Ausbildung und Beruf,
An die Stunden der ersten Liebe voller Glück und Seligkeit,
an die Stunden der Not voller Gram und Verzweiflung.
Wissen, Fantasien, Träume -
sie alle sind in mir aufgebaut.
Macht Platz für mich!

Nein, mir gebührt der größte Platz,
sagte die Zukunft.
Ihr habt für mich Sprechen gelernt,
ihr habt für mich Lesen, Schreiben und Rechnen gelernt,
ihr habt für mich einen Beruf ergriffen,
ihr nehmt Entbehrungen auf euch,
damit ihr das Morgen, das Übermorgen,
das nächste Jahr unbeschadet übersteht;
ihr macht Überstunden,
ihr spart,
Versicherungen aller Art schließt ihr für mich ab.
Angesichtes des irdischen Elends setzt ihr Träume
und Hoffnungen in mich.
Ihr lebt stets für mich;
so wird das einmal Erreichte für euch nicht zum Ziel,
sondern zum Ausgangspunkt neuer Pläne.
Darum steht mir der größte Platz zu.
Macht Platz!

Ich brauche euch beide,
aber wo bleibt euer Sinn ohne mich? -
fragte das Hier und Jetzt.
Ihr aber lasst mir keinen Platz -
ihr tötet mich!

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Hardegg 03.11.2007, 17:43
129. Zeitfehler

Gründe, Zeit ernst zu nehmen, gibt es genug. Die Liste der Warnungen - nur aus den letzten posts - ist beängstigend:

„Augenblick… nicht benutzt, den hast du nicht gelebt.“

„Wer einen Tag der Welt nicht nutzt, hat ihr geschadet.“

“Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück."

„Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen.“

„Uns entgeht die Gegenwart.“

Wie lassen sich Zeitfehler vermeiden? Man muss der scheinbaren Gleichberechtigung von Zukunft, Vergangenheit und Jetzt entsagen. „Dreifach ist der Schritt der Zeit" heißt es oben und „Die Zukunft beunruhigt uns und die Vergangenheit hält uns fest. Deshalb entgeht uns die Gegenwart.“ Fast immer wird dieses Trio in einem Atemzug genannt und damit als selbstähnlich abgebucht.

Zeit ist zuallerst in An- und Abwesenheit von sich selbst gespalten. Das Jetzt ist ein k om p l e t t anderes Ding als die beiden Abwesenheitsfaktoren Zukunft und Vergangenheit. Leben, handeln, atmen etc. sind an den Augenblick gekettet. Morgen können wir nicht küssen – nur küssen werden.

Präzise gesehen produzieren unsere Gehirne ein „Jetzt im Jetzt“ und ein „Jetzt von Vergangenheit“/„Jetzt von Zukunft“. Ich kann mir aufschreiben, was ich gestern dachte, und mir vornehmen, was morgen zu tun sein wird. Der zentrale Mechanismus im harmonischen Dreieck von Z,V und J ist der stets fließende oder springende „Zeitpfeil“ im Jetzt („Der Gleiche bist du nimmer“).

Zeit ist, wie alles, gespalten. Sogar doppelt: 4d

Lebenszeit ist ein hinreichender Grund, weswegen man darauf achten sollte, welch Stellenwert man dem VOR und HINTER uns einräumt. “Ich brauche euch beide. Ihr aber lasst mir keinen Platz - ihr tötet mich“, klagt das Hier und Jetzt die beiden Nicht-Jetzt-Zeiten an.

Zukunft im Jetzt zu Vergangenheit verarbeiten. So könnte man das Leben knapp als Jobbeschreibung definieren. Wer sich da in Irrealem verirrt, dem geht bald die Basis verloren.

Schaut man sich das millionenfache Ich-hab-keine-Zeit an, und stellt man sich mit Michael Ende die Fragen „Wer hat sie gestohlen – wo ist sie geblieben? – dann kann als Antwort ein soziologisch-faustischer Pakt herhalten („Seele gegen Glück“, „Schatten gegen Reichtum“ …). Das moderne Angebot lautet wohl: Gib uns dein Jetzt und wir garantieren dir Zukunft und Vergangenheit.

Das hinter dem Leben EIN Gott, EIN Naturgesetz oder EIN Trick/Kniff oder EINE Zeit steckt, bleibt offensichtlich eine so tröstliche Annahme, dass die Mehrheit die offensichtliche Unmöglichkeit eines EINSseins betrübt übersieht.

Zeit ist am allerwenigstens EINS – wer sie anzuhalten vermag möge sich melden.

Und, gerade mal in Fahrt formuliert, noch einen zum Abschluss. Die ganze Logik beruht auf der Annahme festgehaltener Zeit. A kann nur gleich A sein, wenn man sich die BEIDEN A’s zeitlos vorstellt. Unser Reden vom SEIN und unser Glaube an EINS sind so notwendige wie unmögliche Versuche, im Strom der Zeit Halt zu finden.

Wer keine Zeit hat, wird geströmt, wer hat, der schwimmt – mit oder dagegen.

Zeitfehler sind demnach Verstöße gegen die Erfordernisse der Strömungstechnik.

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