Forum: Leben und Lernen
Wissenschaftliche Mitarbeiter: Nach zwölf Jahren kommt das Nichts
Miriam Migliazzi/ Mart Klein/ www.dainz.net/ UNI SPIEGEL

Erst Ausbeutung, dann Arbeitslosigkeit: Eric Linhart, 39, war zwölf Jahre lang befristet angestellt. Dann ging es für den Juniorprof plötzlich nicht mehr weiter. Wie Tausende ist er Opfer einer unsinnigen Politik geworden.

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ice945 18.08.2015, 13:37
100. Nein, sind wir nicht.

Zitat von sok1950
Wenn ich einen befristeten Vertrag habe nutze ich diese Zeit um einen Anschlussvertrag, möglichst unbefristet zu bekommen. Dabei ist egal, ob an der Uni oder in der freien Wirtschaft. Jeder einigermaßen intelligente Vorgesetzte weiß, dass die Besten (Intelligentesten?) bei einem befristeten Vertrag nur 2/3 der Leistung bringen, der Rest wird für die Jobsuche bzw. Anschlussvertrag verwendet. Wer einen befristeten Vertrag hat, hier 100% gibt und die Zeit nicht aktiv für die Jobsuche bzw. einen Anschlussvertrag nutzt, sorry, aber der ist selbst Schuld. Spätestens nachdem 50% des befristeten Vertrages abgelaufen sind geht man zu seinem Vorgesetzten und sagt diesem dass man etwas besseres hat und sich ab jetzt sich nur noch für diesen neuen Job vorbereitet - es sei denn, man bekommt auf der Stelle einen unbefristeten Vertrag.
Die meisten von uns wissen sehr wohl, dass Sie nie eine Professur bekommen werden. Und wir wissen auch, dass wir uns mit Mitte Dreißig neu orientieren müssen.

Wer bleibt bis es nicht mehr weiter geht hat trotz bester Voraussetzungen für eine Professur halt auch mal Pech und bekommt einfach keine oder bleibt einfach, weil er seinen Job liebt. Daran ist nichts verwerflich.

Ach ja, viele Profs würden ihre Mitarbeiter gerne sehr viel länger beschäftigen als die erlaubten 6 bzw. 12 Jahre, aber auch ihnen sind die Hände gebunden.

Aber ja, wer nach dem Doktor bleibt wählt diese Unsicherheit. Aber es ist unsere Wahl.

Ich liebe meine Arbeit; ich werde sie machen bis mich der Staat vor die Tür setzt. Und dann kommt halt was neues.

Sie können das anders sehen, das ist Ihr gutes Recht. Aber reden Sie nicht über uns, als wären wir blöd.

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demophon 18.08.2015, 13:38
101. Die Hoffnung stirbt zuletzt

Zitat von 5Minute
Man wusste vor 10 Jahren, vor 20 Jahren und vor 30 Jahren, dass man mit Politikwissenschaften nur schwer einen Blumentopf gewinnen kann.
Eigentlich weiß auch jeder Lottopieler, dass die Chance den Jackpot zu gewinnen astronomisch gering ist, trotzdem versuchen es wöchentlich Millionen von Optimisten. Die Hoffnung stirbt eben immer zuletzt.

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marcw 18.08.2015, 13:44
102.

Soll sich der Herr Juniorprof. halt eine Stelle in der freien Wirtschaft suchen. Ich dachte die Wirtschaft würde brummen und wir hätten Fachkräftemangel, da wird sich doch sicher selbst für einen Dr. rer. pol. irgendwas finden lassen. Vielleicht was mit Marketing, Medien oder Personal.

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Kieler Mathematiker 18.08.2015, 13:45
103. Tenure Track

Ich denke nicht, dass sich das angelsächsische Tenure-Track-Modell auf das deutsche Wissenschaftssystem übertragen lässt, denn dazu gibt es schlicht nicht genügend Professuren.

An britischen und amerikanischen Hochschulen werden hohe Studiengebühren fällig, die dazu genutzt werden können, sehr viel mehr Lehrpersonal als in Deutschland zu beschäftigen. Deutsche Hochschulen dagegen werden aus chronisch knappen Steuermitteln finanziert und haben nur relativ wenige Stellen zur Verfügung.

Abgesehen davon würde die Einführung des Tenure-Track-Modells zur Folge haben, dass zu einem Zeitpunkt Stellen dauerhaft besetzt werden, zu dem die wissenschaftliche Qualifikation der Bewerberinnen und Bewerber noch gar nicht eingeschätzt werden kann, nämlich mehr oder weniger unmittelbar nach der Promotion. Das kann der Qualität der deutschen Hochschulen nur schaden.

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maikalex 18.08.2015, 13:48
104. gottgegeben

Man soll nicht so tun, als wären die Zeitverträge im Wissenschaftssystem gottgegeben. Jede Universität, jedes Max-Planck-Institut, hat eine bestimmte Anzahl von Planstellen, die den einzelnen Instituten oder Lehrstühlen zugewiesen sind. Die Lehrstuhlinhaber bzw. Institutsdirektoren können diese Planstellen nach Gusto besetzen, mit 1-, 2- oder 3-jährigen Zeitverträgen oder aber auch permanent. Es hat sich nun über die Jahre eingebürgert, diese Stellen nur noch auf Zeit zu besetzen, um "die Mannschaft" jung und motiviert zu erhalten, und um unerfreuliche und rufschädigende Kündigungsverfahren zu vermeiden. Hat nun der Lehrstuhlinhaber mehr Ideen und mehr Mitarbeiter als zugewiesene Planstellen, dann benötigt er Drittmittel, von der DFG, von der Industrie, von Stiftungen etc. Diese Drittmittel werden für konkrete Projekte eingeworben und sind natürlich zeitlich befristet, entsprechend auch die mit den Projekten verbundenen Personalmittel. Also: Die Planstellen von Universitäten, Max-Planck-Instituten, Fraunhofer-Instituten oder Großforschungseinrichtungen könnten unbefristet vergeben werden (wenn der Chef denn wollte), die Drittmittelstellen können nur befristet vergeben werden ohne Aussicht auf Permanenz. D.h., Wissenschaftler sollten sich in jungen Jahren unbedingt überlegen, was sie tun und nicht der Wurst vertrauen, die ihnen vor die Nase gehalten wird.

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Kieler Mathematiker 18.08.2015, 13:48
105. Es geht um's Geld

Zitat von demophon
Warum kommt die Politik in Deutschland erst jetzt auf die Idee, das amerikanische Tenure-Track-Modell zu übernehmen? Das gibt es doch schon sehr lange und bietet den Dozenten und den Unis eine Sicherheit. Die weiterhin in Deutschland angestrebte Lösung der befristeten Verträge, wenn auch auf zwei Jahre verlängert, führt doch zu keiner Verbesserung. Die deutschen Politiker sind zu starrsinnig.
Amerikanische Unis finanzieren sich über hohe Studiengebühren. Sie haben schlicht _viel_ mehr Geld als deutsche Hochschulen und können sich Tenure-Track-Positionen deshalb leisten.

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notorischernörgler 18.08.2015, 13:51
106. Mir kommen die Tränen

Und vor allem wundere ich mich über die Naivität einiger Akademiker. Der Herr Juniorprofessor hätte gern einen unbefristeten Job auf Lebenszeit. Und danach (nicht nach der Lebenszeit, sondern dem Arbeitsleben) eine üppige Pension. Das sollte man dann aber ins Grundgesetz schreiben, exclusiv für Akademiker, natürlich. Der Restpöbel darf dann den Herrschaften erst das Studium und dann die Pension bezahlen. Wie hoch ist eigentlich so ein IQ eines zeitbeschäftigten Juniorprofessors?

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cap023 18.08.2015, 13:53
107. Abbild der Muttikratie

Die Unitäten waren zu meiner Zeit von ewiggestrigen Profs verstopft. Wir haben noch Flexibilisierung gefordert und Gastprofessoren zum Ärger der Altprofs teilweise durchgesetzt. Das betraf aber alle Bereiche. Mit Reformen hat man im Mittelbau begonnen und offene Stellen nur noch mit Frauen besetzt (jedenfalls in meinem Umfeld, als Mann war man chancenlos), mehr wurde dann nicht mehr daraus. Inzwischen ist es so, dass die Wirtschaft die Forschung dominiert, deshalb auch flächendeckend befristete Verträge. Insgesamt betrachtet ist dieser Bildungsbereich inzwischen so organisiert wie alles in diesem Land: es gibt systemrelevante Postenbesetzer und ein Heer von Arbeitssklaven. Mit Zukunft hat das nichts mehr zu tun.

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Ashurnasirapli 18.08.2015, 13:54
108. Illegale?

Zitat von Hasengetia
schließlich kommt dieses Jahr 1 Mio. Illegale. Was wir mit denen sollen? Ich weiß es nicht.
Hat jetzt nichts mit dem Thema zu tun, aber die Leute, von denen Sie mutmaßlich sprechen, stellen hier einen Asylantrag. Wird dieser bewilligt, die sie legal hier, ansonsten verlassen sie Deutschland wieder. Ich kann keine Illegalität erkennen.

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pecos 18.08.2015, 13:54
109. Ausbeutung? Ja, aber ...

Zitat von qoderrat
Diese Motivation wird an Hochschulen weidlich ausgenutzt, die Profs nutzen ihren billigen Unterbau zur persönlichen und wissenschaftlichen Profilierung.
... warum schieben Sie dies "den" Professoren zu? Das ist doch auch wieder nur so ein Feindbild. Das System ist krank, weil die Motivation und Leidenschaft der Mitarbeiter ausgebeutet wird. Und sicherlich gibt es Profs, die sowas auch ausnutzen. Aber die Mär von "den" faulen Prof zu nähren ist nicht nur falsch, sondern einem Ressentiment geschuldet, das Sie vielleicht selbst erdulden mussten. Das ist bei weitem nicht der Standard. Viele Profs stehen nämlich auf der Seite ihrer Mitarbeiter und wollen sie (gesund wissen) und halten, bloss: sie haben gar nicht die Möglichkeit, ihnen feste Stellen zu geben, weil es das Gesetz und die miese Basisfinanzierung gar nicht erlauben.

Noch ein Bonmot, den ich von einem 40-jährigen Postdoc gehört habe: "Wissenschaft hält jung. Da gilt man noch mit 40 als Nachwuchs." Achtung politisch-korrekte Mitforisten: er meinte das genauso zynisch wie ich.

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