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Zensus-Helfer wider Willen: Tagelang Leute löchern für zwei Leistungspunkte

Wer für die Volkszählung Mitbürger befragt, wird bezahlt - normalerweise. Einige Studenten in Dresden aber wurden von ihrem Soziologie-Lehrstuhl dazu verdonnert, mit Stift und Papier durchs sächsische Freital zu ziehen. Sie fühlen sich zwangsverpflichtet, das Statistikamt lobt das "Ereignis Zensus".

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Arion's Voice 14.06.2011, 09:58
1. Titanic

Zitat von sysop
Wer für die Volkszählung Mitbürger befragt, wird bezahlt - normalerweise. Einige Studenten in Dresden aber wurden von ihrem Soziologie-Lehrstuhl dazu verdonnert, mit Stift und Papier durchs sächsische Freital zu ziehen. Sie fühlen sich zwangsverpflichtet, das Statistikamt lobt das "Ereignis Zensus".
Das Ergebnis kann man erst dann loben, wenn sich daraus ein konkreter Nutzen für die Bevölkerung ergibt.
Gibt es eine Übersicht darüber, welche Vorzüge uns die letzten Volkszählungen gebracht haben?
Ansonsten gilt der "Brief an die Leser" an Roderich Egeler auf der Titanic-Seite.
Die Gängelung der Studenten erinnert mich an die Gängelung von HartzIV-Beziehern. Man wertet beide Gruppen ab und demütigt sie.

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weltbürger01 14.06.2011, 10:16
2. Aus allen Wolken...

..werden demnächst alle freiwilligen und bezahlten "Volksbefrager" fallen wenn sie erfahren was wirklich mit den gesammelten Zensus-Daten geschehen wird. Wie lange noch sind die deutschen Mitbürger eigentlich so naiv und gutgläubig, bis sie verstehen werden das der Zensus nur eine moderne staatlich organisierte Form der Erfassung intimster persönlicher Daten ist. Ja, das Volk wird nebenbei auch gezählt. Für was wurden eigentlich in den letzten Jahren die Mitarbeiter in Meldeämtern und öffentlichen Behörden bezahlt wenn man diese Statistiken ersteinmal als nicht repräsentativ, also unkorrekt darstellt? Bei unserer Bürokratie und der deutschen Gründlichkeit wird man sehr schnell feststellen, dass das bisher erfasste und gezählte Volk nicht wesentlich von den ermittelten Daten des Zensus abweichen wird. Aber was ist mit all den anderen Daten? Und genau das ist das gewollte Ziel des Zensus. Man kann es auch in nur einem Wort zusammen fassen:"Ausspionieren" Für so etwas gab es in der früheren DDR auch schon einmal einen gewaltigen Apparat. Mir ist leider der Name entfallen.
Hier noch ein Vorschlag für das Unwort des Jahres 2011: "Datenschutz"
In diesem Sinne: Deutschland einig Zensus-Land.

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bolonch 14.06.2011, 11:21
3. 1987

war ich als Abiturient Volkszaehler. Das war ein Super-Extra-Taschengeld: So ca. 650 Mark fuer ca. 35 Stunden Arbeit.
Ich kann dazu nur sagen: Die Zaehlung vor Ort war durchaus sinnvoll: Ich habe in einer Gegend mit vielen aelteren Leuten gezaehlt. Mindestens 15% der Daten vom Einwohnermeldeamt war falsch. Viele Menschen waren verstorben, andere weggezogen, dafuer wohnten dort jetzt die Kinder oder Nichten und Neffen.
Laut Meldedaten lebte in der Gegend also eine Bevoelkerung mit einem Altersschnitt von 70+. In Wirklichkeit war aber durchaus Bedarf fuer Kindergaerten da.

Volkszaehlungen sind verdammt sinnvoll fuer staatliche Planung.
Ich habe auch spaeter in der Tarifkalkulation einer Versicherung gearbeitet. Dort hat man mit zittrigen Haenden auf endlich aktuelle Zahlen gewartet.

Problematisch finde ich dumm gestellte Fragen und dass grundsaetzlich der Grossteil der Daten, die von statistischen Bundes- und Landesaemtern mit Steuergeldern erfasst werden nicht dem Buerger online und kostenfrei zur Verfuegung steht.

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WernerS 14.06.2011, 11:47
4. sehr lehrreich

Warum sollte ein Praktikum bezahlt werden?
Und was erwarten die Damen und Herren Soziologen was sie später an ihrem Arbeitsplatz zu tun haben?
Schnüffeln natürlich und mit den zurechtgebogenen Ergebnissen werden dann Entscheidungen nachträglich unterfüttert.

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christiane006 14.06.2011, 11:52
5. Nachtigall, ich hör dir trapsen.

Zitat von bolonch
war ich als Abiturient Volkszaehler. Das war ein Super-Extra-Taschengeld: So ca. 650 Mark fuer ca. 35 Stunden Arbeit. Ich kann dazu nur sagen: Die Zaehlung vor Ort war durchaus sinnvoll: Ich habe in einer Gegend mit vielen aelteren Leuten .....
dann sollen sie den Studis die 7,50€ pro Nase auszahlen, dass ist bei 50 Befragungen auch nicht gerade ein Vermögen, aber das Gefühl der Zwangsverpflichtung und des ausgenutzt werdens, wäre nicht so gravierend. In einem freien Land, sollten die Bürger frei bleiben und um dies zu dokumentieren, muss es für die Erhaltung eines Scheins, Wahlfreiheit geben, nach dem Motto, entweder Zensus oder Telefonbefragung, alles andere ist einer universitären Ausbildung unwürdig, weil dieser Anspruch nun einmal eindimensional ist und sehr vordergündig dem Eigennutz des Staates dient und nicht der Ausbildung der Stundenten.

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chrizke 14.06.2011, 11:57
6. Richtig, aber...

Zitat von WernerS
Warum sollte ein Praktikum bezahlt werden?
Das ist schon richtig, dass man für ein Praktikum in der Uni für gewöhnlich nicht bezahlt wird. Aber da andere Menschen für die haargenau die gleiche Arbeit Geld bekommen, würde ich mich als Student da auch gegen wehren.

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thseeling 14.06.2011, 12:49
7. und was ist mit dem geld und der gleichbehandlung?

Zitat von sysop
Wer für die Volkszählung Mitbürger befragt, wird bezahlt - normalerweise. Einige Studenten in Dresden aber wurden von ihrem Soziologie-Lehrstuhl dazu verdonnert, mit Stift und Papier durchs sächsische Freital zu ziehen. Sie fühlen sich zwangsverpflichtet, das Statistikamt lobt das "Ereignis Zensus".
mag ja sein, dass ein Professor darin eine Fingerübung für seine Studenten sieht. Wenn aber die Ergebnisse der Befragungen nicht für das weitere Studium oder die Forschung des Professors verwendet werden darf, welchen Zweck hat das eigentlich? Es ist dann doch wirklich nur eine praktische Übung in der Durchführung, aber eine Auswertung kann es hinterher nicht geben. Oder haben die Studenten noch ihre eigenen Fragebogen dabei und arbeiten die dann hinterher auch noch ab?

Die Bezahlung für die Zähler ist doch staatlich im Zensusgesetz oder in der Durchführungsverordnung geregelt, oder? Es gibt ein Budget, und das wird an alle "Arbeiter" ausgezahlt. Was passiert mit dem Geld, das den Studenten zusteht?

Klar kann man sagen, dass für ein Praktikum keine Bezahlung erwartet werden kann. Wenn aber das Praktikum von einer anderen Stelle organisiert und geplant wird, kann man von dort auch die übliche Bezahlung mitnehmen. Das fände ich nur fair. Alle, die diese Befragungen durchführen, müssen gleich behandelt werden.

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homeuser 14.06.2011, 12:59
8. Verquere Logik...

Zitat von Arion's Voice
Die Gängelung der Studenten erinnert mich an die Gängelung von HartzIV-Beziehern. Man wertet beide Gruppen ab und demütigt sie.
Moment mal wenn man Soziologie-Studenten Befragungen machen lässt im Zuge Ihres Studiums ist das Gängelung?

Wenn man also einen Medizin-Studenten zum Blutspenden schickt um erste Erfahrung im Umgang mit Patienten zu sammeln dann ist das auch Gängelung weil gleichzeitig ja etwas Gemeinnütziges getan wird?
Komische Logik die sie da verfolgen...

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matths 14.06.2011, 13:14
9. Finde ich gut

Also wo ist der Unterschied, ob ich nun viele Stunden kostenlos ohne praktischen Nutzen eine Hausarbeit zum Thema "Zensus" schreibe, oder ob ich sage: "Ich geh mal Praxis machen"?
Aber: Ich denke auch in diesem Protest lernen die Studenten, dass wenn Sie später selbst auf Daten angewiesen sind und sie dann schmunzeln werden: Die Datenerheber stellen sich heute aus genauso komischen Gründen schwer, wie wir damals auch.

Und zur Würze die Tautologie: "Die Daten sind Spionage, die braucht man nicht." - "Das hier ein Kindergarten hin muss, da sieht man doch auf den ersten Blick - da muss man nur mal den Bürger Fragen" "Das hier ein Kindergarten hin muss, sieht man bei einem Spaziergang durchs Viertel". "Haben unsere Politiker Neuerdings Zeit für Spaziergänge durch Wohngebiete. So gehen die mit Steuergeldern um?"

Also ich finde es gut, dass der Prof. das macht. In allen Betrachtungswinkeln lernen die Studenten. Super!

Gruß,

matths

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