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Boarding-Chaos: Liebe Leserin, lieber Leser,
Hauke-Christian Dittrich/DPA

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taglöhner 24.06.2019, 14:50
1. Feldstudien

"..Ich frage mich aber auch, ob das "Gaming" von Algorithmen nicht sogar eine gesellschaftlich wünschenswerte Qualifikation wäre...

Und ich frage mich, ob eine derart morbide Einstellung zu Wahrhaftigkeit und fairem Wettbewerb nicht schon Ergebnis eines pervertierten Selektionsprozesses, oder noch herkömmliche Charakterschwäche ist.

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Little_Nemo 24.06.2019, 16:50
2. Der Mensch als Maschine, aus der Sicht einer Maschine

Eigentlich eine konsequente Fortentwicklung des bisher schon zunehmend menschenfeindlichen und in Teilen auch völlig realitätsfernen gnadenlosen Selektionsprozesses im Peronalwesen, der schon immer in sich widersprüchliche Ansprüche an Bewerber stellte, die auf ehrliche Weise kaum zu erfüllen waren, und die man schon immer irgendwie kreativ aushebeln musste, wenn man als Bewerber nicht auf der Strecke bleiben wollte. So züchtet man sich eine Klasse von Beschäftigten, die sich ebenso nach oben betrügen wie es die Unternehmen tun und mehr Schein als Sein sind. Wenn Unternehmen Bewerber als den potenziellen Feind betrachten, dann bekommen sie halt auch genau das: eine Gesellschaft von Hochstaplern und Betrügern.

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Susi64 24.06.2019, 16:56
3. Sich selbst erfüllende Prophezeihungen

Da man bei einer Einstellung kein Risiko eingehen will und auch keine Verantwortung übernehmen will, muss es der Computer richten. Man legt auch den Algorithmus nicht offen, einfach weil es ansonsten Konkurrentenklagen geben könnte. Darin liegt aber das größte Problem, wenn keiner weiss, was der Computer wikrlich macht, dann ist das Willkür und abzulehnen. Verantwortung kann man nicht delegieren. Wenn es nur noch ums Betrügen geht, dann gibt es auch keine geeigneten Bewerber mehr. Wer ehrlich ist, ist raus und wer betrügt wird es immer wieder tun und zwar auch und gerade zum Schaden des Unternehmens.

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doctoronsen 24.06.2019, 17:42
4. Das Problem ist die Personalabteilung

Die Personalabteilung, die mehr sein will als eine Lohnbuchhaltung, steht immer unter Legitimationsdruck gegenüber den Fachabteilungen. Denen muss sie nämlich nachweisen, dass sie besser über die Eignung der Kandidaten urteilen kann. Da helfen Algorithmen sehr gut. Denn im Zweifel, wenn mal Kritik am Selektionsprozess wach wird, beschäftigt man sich nicht mehr mit der Frage, ob die Personalabteilung überhaupt der Aufgabe gewachsen ist, sondern wo es beim Algorithmus hakt. Die Stellung dieser Abteilung - die ja selber keinen direkten Beitrag zur Wertschöpfung leistet - bleibt dadurch unangetastet.

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annoo 24.06.2019, 18:15
5.

Zitat von taglöhner
Und ich frage mich, ob eine derart morbide Einstellung zu Wahrhaftigkeit und fairem Wettbewerb nicht schon Ergebnis eines pervertierten Selektionsprozesses, oder noch herkömmliche Charakterschwäche ist.
Die Selektion nach persönlichem Gusto des Personalers hinsichtlich Foto beim Bewerbungsschreiben hin zum attraktiveren Bewerber und weg vom vorrangig qualifizierteren Bewerber war schon immer ein wie Sie es nennen "pervertierter Selektionsprozess". (Von dem ich vermutlich durchaus selbst schon profitiert habe, weil ich - nach Selbsteinschätzung - zur geschätzt attraktiveren Hälfte der Bewerber gehöre/gehört habe. Fair ist/war das sicher nicht.)

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hador2 24.06.2019, 21:15
6. Seltsam...

Es mag ja so sein, dass es viele Unternehmen gibt, die derartige Algorithmen verwenden. Allerdings frage ich mich wie hoch die Zahl der Bewerber ist, die daraufhin ihren Lebenslauf tatsächlich adaptieren um das Sytem zu gamen. Dies setzt nämlich zwei Dinge voraus:
1) Das Wissen, dass überhaupt ein Algorithmus zum Einsatz kommt.
2) Ein Wissen um die Auswahlkriterien des Algorithmus
Gerade bei letzterem habe ich so meine Zweifel ob das tatsächlich so funktioniert wie der Autor hier glaubt verstanden zu haben.
Wenn man mal zu dem Thema googelt, findet man zwar sofort Seiten mit Empfehlungen wie man die Algorithmen überlistet. Liest man diese stellt man aber ernüchtert fest, dass das fast 1:1 dieselben Tips sind, die man auch bei menschlichen HR Leuten schon immer bekommen hat:
- Mit gezielten Schlüsselwörtern auf die Anzeige eingehen
- Interesse zeigen durch bewusste Satzkonstruktionen
- Rechtschreibfehler vermeiden

Dazu kommt: Die spezifischen Tips, weiße Schrift auf weißem Grund, stammen wohl aus mehrere Jahre alten Reddit Posts und haben schon lange nichts mehr mit der Realität zu tun.

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taglöhner 24.06.2019, 22:29
7. Unreif

Zitat von annoo
Die Selektion nach persönlichem Gusto des Personalers hinsichtlich Foto beim Bewerbungsschreiben hin zum attraktiveren Bewerber und weg vom vorrangig qualifizierteren Bewerber war schon immer ein wie Sie es nennen "pervertierter Selektionsprozess". (Von dem ich vermutlich durchaus selbst schon profitiert habe, weil ich - nach Selbsteinschätzung - zur geschätzt attraktiveren Hälfte der Bewerber gehöre/gehört habe. Fair ist/war das sicher nicht.)
Ich folge Ihrer impliziten Logik, Mist rechtfertige Mist, schon mal nicht.

Gewisse Zusammenhänge von "Wohlgestalt" und Skills sind dokumentiert und es ist je nach Anforderungen nicht unvernünftig bzw. nicht mehr und nicht weniger fair, als dem ebenso vererbtem Intellekt ein gewisses Gewicht zuzuweisen.

Talente sind nicht fair verteilt, weil es keinen fairen Verteiler gibt. Beschiss macht es in meiner Welt jedenfalls schlimmer, nicht fairer.
Der Beschissene ist btw. nicht der pöse Personaler, sondern der ehrliche Mitbewerber.

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J.Corey 25.06.2019, 12:15
8.

Personaler sind komische Menschen: Sie fragen immer wieder die gleichen Fragen und heulen dann herum, wenn sie immer die gleichen Antworten bekommen. Inzwischen haben sie offensichtlich auch keine Lust mehr Bewerber auszuwählen und lassen das lieber von einem Algorithmus machen. Wenn nun Bewerber darauf reagieren, zeigt das doch deutlich, dass diese sich auf den konkreten Arbeitgeber eingestellt haben. Und wieder ist das HR-Rudel unzufrieden.

Ich finde es legitim so zu reagieren, würde es aber nicht machen. Hat ein Unternehmen nicht mal mehr Interesse daran sich mit Bewerbern und deren Auswahl zu beschäftigen, kann man daraus schon Rückschlüsse auf die Wertschätzung der Angestellten ziehen. Ich würde dort nicht als Ressource 0815 vereinnahmt werden wollen ;-) In so einem Bewerbungsverfahren stellt sich ja auch ein Unternehmen als künftiger Arbeitgeber vor - das wird nur oft vergessen.

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snigger 25.06.2019, 13:52
9. aus sicht eines betroffenen

für mich als menschen und als betroffenen (den wer hat sich noch nie irgendwo beworben?) machen algorythmen in der vorrauswah nur bedingt sinn.
denn der heutige bewerbungsprozess ist ja meist zweigeteilt und knackpunkt ist immer das persönliche gespräch. natürlich ist es ein nachteil für den bewerber, wenn die KI einen aussiebt, ABER: haben den die einsetzenden Firmen begriffen, das der Nachteil spätestens auf ihre Seite wechselt, wenn potenzielle Kandidaten sich dann als Blender herausstellen? Ich denke nicht.
Im Prinzip ist das ähnlich dem Scoring von Menschen durch Unternehmen wie Arvato Infoscore, Schufa usw. Wie fair und gerecht es da zugeht, wissen wir ja.

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