Forum: Netzwelt
Debatte: Heisere Stimmen aus der journalistischen Sahel-Zone

Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", fühlt sich missverstanden. In einer Rede am Wochenende habe er für die Koexistenz von Zeitung und Internet plädiert, bei SPIEGEL ONLINE sei daraus ein Frontalangriff aufs Netz gemacht worden. Eine Antwort auf die Replik.

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Gast100100 31.10.2007, 16:22
1. SPON vs Spiegel Print

Schirrmacher hat nicht ganz unrecht. Man kann das veränderte Medienverhalten am Beispiel Spiegel-Online versus Spiegel Print sehr gut beobachten. Beim Thema Klimawandel kann es der Online-Redaktion nicht schnell genug gehen, irgendeine pseudowissenschaftliche Meldung dramatisch in Szene zu setzen, anstatt sich mit Thema nachhaltig zu befassen.

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joerg109 31.10.2007, 16:42
2. Mir doch egal, aus welchem Schlauch ich trinke.

Immer wieder die Diskussion darum, aus welchem Feuerwehrschlauch man seinen Flüssigkeitsbedarf besser stillen könne. Angezettelt von Leuten mit hoher Kompetenz für einen ganz bestimmten Schlauch und einem dadurch verstellten Blick fürs Ganze. Ich lese Zeitung, weil ich noch kein Endgerät gefunden habe, das ich gerne am Frühstückstisch verwenden würde. Wenns so eines dann mal gibt, rühre ich fürs Zeitung lesen ganz sicher kein Papier mehr an. Egal ob Herr Schirrmacher im Internet publiziert oder nicht.

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excalibur 31.10.2007, 16:46
3. Das Internet ist an allem schuld

"... ikonografische Extremismus, dem die Jungen und Jüngsten im Internet ausgesetzt sind, wie eine Körperverletzung wirkt" - Da kann ich nur sagen: In der Tat, die Szenerie um Journalismus hat sich in erheblicher Weise geändert, seit dem das Internet so fest in die gesellschaftlichen Bereiche integriert ist. Ohne online zu sein, geht quasi nirgendwo irgendwas.
Dennoch sollte man darin nur die völlig selbstverständliche und logische Konsequenz der Entwicklung unseres modernen Lebens sehen. Was jedwede Zensur o.ä. bewirkt, ist in einigen Ländern bestens ersichtlich.

Für die Journalisten gilt daher: Schneller, aktueller, besser (vielleicht nicht so genau, denn das wäre unmöglich).
Und da sind wir auch am Kern der Sache: Es leidet die Qualität und Exaktheit der Berichterstattung. Möglicherweise wird das aber durch die Fülle der "Pole" wieder ausgeglichen und im Endeffekt hat jeder den Vorteil, schneller informiert zu sein, oder?

mfg excal.

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reformfan 31.10.2007, 17:38
4. komisches Weltbild

Meinen Vorgänger kann ich nur sagen, gnade uns Gott, wenn sich Ihr Verständnis von freier Kommunikation wieder durchsetzt. Offensichtlich gelingt es Ihnen, wie Herrn Schirrmacher, Information und Kommunikation im web nicht hinreichend zu filtern und zu verarbeiten. Das war natuerlich früher einfacher. Da gab es die Guten wie den Spiegel, Faz, SZ usw und die Bösen wie Bild, die es zu ignorieren galt. Ich schlage vor, Sie lesen wieder das Neue Deutschland, das schon zu DDR Zeiten die einzige Informationsquelle war. Da konnten und können Sie dann sicher nachts gut schlafen, da Ihnen keiner was von den Toten in Pakistan erzählt, was Sie ja so zu erregen scheint.

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Eiermann 31.10.2007, 18:17
5. Wettbewerb und Angriff

Wenn sich Herr Schirrmacher mißverstanden fühlt, könnte das daran liegen, dass er sich mißverständlich ausgedrückt hat bzw. es tendenziell auch tatsächlich so gemeint hat, wie er verstanden wurde.
Wer wie Herr Schirrmacher die gedruckte Tageszeitung gegen das Internet und dessen Gefahren, und damit das eine Medium gegen das andere in Stellung bringt, greift es selbstverständlich auch an. Nicht in dessen Existenz (soviel Vermessenheit gegenüber dem Internet hat ihm m.W. niemand unterstellt), aber in seiner Bedeutung. Medienwettbewerb hat wie sämtlicher Wettbewerb - das sollte gerade ein Priester des Marktes wie die FAZ wissen - immer auch Momente des Angriffs, nicht unbedingt nur auf die Existenz einzelner Wettbewerber, sondern auch auf deren Bedeutung und Marktanteil. Insbesondere bringt Herr Schirrmacher die Tageszeitung in Sachen Qualitätsjournalismus mit handfesten Begründungsversuchen wie Lesekompetenz und Entschleunigung gegen vermeintliche diesbezügliche Defizite des Internets in Stellung. Insofern kann ich im Kommentar von Spiegel Online keinerlei Verzerrung, sondern nur folgerichtige Interpretationen der Positionen Schirrmachers erkennen. Wer wie Herr Schirrmacher die Tageszeitungen gegen einen Riesenmaschine wie das Internet in Stellung bringen will, muß mit Gegenreaktionen, natürlich auch mit Spott rechnen und leben. So ist das mit dem Wettbewerb, um so mehr im Wettbewerb der Positionen und Meinungen und der Medien, die sie verbreiten.

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hgwenke 31.10.2007, 18:25
6. Falsche Argumente über falsche Behauptungen

Es liegt, meine ich, ein exemplarischer Fall vor:

Es geht nicht um Schirrmacher, das Internet und die Zeitung. Es geht um die Macht der Journalisten.

Egal, in welchem Medium: Qualität ist "Pflicht". So wie bei professionellen Köchen. Oder sollen wir uns von denen "Fraß" vorsetzen lassen? Von Profi-Journalisten unverstandenes oder wirr-verquertes Zeug?

Noch erschreckender: das interessiert "die Öffentlichkeit" (als gäbe es sie singulär) nicht. Hauptsache Zoff. Hauptsache ,lass mich in Ruhe'.

Aggression statt Argumente, Fundamentalismus statt Fakten, Tendenz statt Thema. Es darf einem Redakteur einfach nicht durchgelassen werden.

Die Zeitung hat dafür (noch) Qualitätsprüfer redaktions-intern. "Das Internet" und seine Publikationen nur sehr selten. Dass es nun auch den Spiegel in seiner Online-Form erwischt, um so bedauerlicher.

Hans-Georg Wenke
Selbst Redakteur – *in Print & Online
(und insofern völlig übereinstimmend mit Schirrmachers Meinung)

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VCz 31.10.2007, 20:10
7. schlechter Kommentar

@ Eiermann: Ich nehme an, Sie haben sowohl die Rede als auch den SPON-Kommentar gelesen?

habe mir gerade mal die Zeit genommen und ich bin schon fast versucht, dem SPON Autoren Böswilligkeit zu unterstellen. Keine Ahnung, was dem Autoren da über die Leber gelaufen ist - aber so mißverständlich hat sich Herr Schirrmacher nun wirklich nicht ausgedrückt.

Nein, ich habe mir die Artikel chronologisch zu Gemüte geführt und auch bei nochmaligem Lesen komme ich an keinem Punkt zu einer Übereinstimmung mit dem SPON Kommentar.

Und eine "Entschleunigung" im Bereich Informationsverbreitung empfinde ich inzwischen als äußerst angenehm.

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Eiermann 31.10.2007, 20:47
8. Welche Böswilligkeit?

Zitat von VCz
@ Eiermann: Ich nehme an, Sie haben sowohl die Rede als auch den SPON-Kommentar gelesen? habe mir gerade mal die Zeit genommen und ich bin schon fast versucht, dem SPON Autoren Böswilligkeit zu unterstellen. Keine Ahnung, was dem Autoren da über die Leber gelaufen ist - aber so mißverständlich hat sich Herr Schirrmacher nun wirklich nicht ausgedrückt. Nein, ich habe mir die Artikel chronologisch zu Gemüte geführt und auch bei nochmaligem Lesen komme ich an keinem Punkt zu einer Übereinstimmung mit dem SPON Kommentar.
Was soll man denn davon halten, wenn er in ein und derselben Rede das Internet in den gefährlichsten und düstersten Farben malt und dagegen ein Hohelied des Qualitätsjournalismus der Tageszeitungen singt und die Vorteile der Tageszeitungen quasi als Gegenmittel gegen die negativen Momente und Folgen des Internets anpreist? Hier wird natürlich ein Qualitätsgegensatz zwischen beiden Medien herbeigeredet.

So weinerlich und defensiv wie Schirrmachers Positionen insgesamt finde ich auch diese Passage in seiner jüngsten Replik:
Zitat von F.Schirrmacher
Interessant ist aber, dass dieser Internetjournalismus, der seine Angebote kostenlos liefert, offenbar nicht einmal mehr fähig ist, die Koexistenz mit den kostenpflichtigen Printmedien auch nur zu denken. Er hat sein eigenes Plebiszit der Verbraucher. Er ist jedenfalls nicht bereit, die Koexistenz zu akzeptieren. Das autoritäre Potential, mit dem er den Gedanken daran abfertigt, ist beträchtlich.
Als ob die Existenz der einen Medienbranche (hier der Tageszeitungen) von deren Akzeptanz durch eine andere (hier des Internetjourmalismus) abhinge. Die Existenz jedes Marktakteurs hängt natürlich immer noch vor allem von dessen Erfolg am Markt bei den Konsumenten ab.Der wird aber nicht durch Sonntagsreden, sondern durch attraktive Produkte erzielt, die sich am Medienmarkt behaupten und dem Wettbewerb stellen müssen. Das Internet hat in der Tat Autorität, aber nicht per vermeintlichem autoritärem Diktat, sondern qua stetig wachsender inhaltlicher und technischer Attraktivität und Vielfalt. Wer hier zu spät kommt, den bestraft das Leben. Die von Herrn Schirrmacher durchaus zurecht gepriesenen Qualitätsjournalisten werden ihr etwas langsameres Reflexionspotential in das schnelle Medium Internet mit einbringen müssen oder aber zunehmend ungelesen bleiben.

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cmas 31.10.2007, 21:30
9. Schön auf den Punkt gebracht

Zitat von Eiermann
Insbesondere bringt Herr Schirrmacher die Tageszeitung in Sachen Qualitätsjournalismus mit handfesten Begründungsversuchen wie Lesekompetenz und Entschleunigung gegen vermeintliche diesbezügliche Defizite des Internets in Stellung. Insofern kann ich im Kommentar von Spiegel Online keinerlei Verzerrung, sondern nur folgerichtige Interpretationen der Positionen Schirrmachers erkennen.
Dem stimme ich voll zu. Wenn ich mein eigenes Verständnis von Schirrmachers Rede zum Vergleich heranziehe, habe ich sogar das Gefühl, SPON hat seine Aussagen besser verstanden als er selbst -- wenn man eben das liest, was in der Rede steht (und nicht das, was Schirrmacher vielleicht gemeint haben könnte, aber wozu man schon in Frank Schirrmachers Erlebniswelt stecken müsste, um es auch so zu verstehen).

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