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Deutsche Einheit: Plädoyer für den digitalen Soli
DPA

Auch fast 30 Jahre nach der Wende fehlt eine Vision Ost, der Westen hat die größte Integrationsaufgabe verschlafen. Was helfen könnte.

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rieberger 04.10.2018, 14:42
90.

Sehe ich die Ost-Pegidisten im Fernsehen, höre ich ihre Statements und sehe ihre haßerfüllten Fratzen, dann weiß ich, dass dieser umgewidmete Soli eines nicht ändern wird: eine von wenig intellekt geprägte Geisteshaltung. Und warum der Digital-Soli das leisten soll/kann, erschließt sich mir nicht. Denn der Osten verfügt schon jetzt über die bessere Infrastruktur als der böse Westen.
Wer jetzt 28 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch glaubt, er muss die Vergangenheit für sein erbärmliches Dasein bemühen, der sollte wissen, dass persönliches Versagen nicht immer die Schuld der anderen ist. Denn der Osten schreibt auch Erfolgsgeschichten. Und es liegt nicht an mir, die persönlichen Empfindlichkeiten einiger rechter Dumpfbacken zur Hausaufgabe zu machen.

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Patrik74 04.10.2018, 14:50
91. Ost-Migration ist Unsinn

Das scheint jetzt die neue Opferrolle zu sein, die eingeübt wird, nach dem Motto: Die Migranten kriegen alles, also sind wir jetzt auch irgendwie Migranten...
Auch ist es merkwürdig, dass sich ein Land aus eigenen Stücken seiner Diktatur entledigt - historisch ist das alleine schon eine beachtliche Leistung, und dann als Krönung auch noch ohne Blutvergießen - mit dem Ziel die DDR, als der wahren "Vogelschiss" in der deutschen Geschichte, zu überwinden, um sich dann hinterher in die romantische Vorstellung zu flüchten, man sei irgendwie "übernommen" worden. Was soll das, Angst vor der eigenen Courage?

Die deutsche Teilung war ein kurioses Überbleibsel der Nachkriegsordnung, die nie irgendeinen anderen Hintergrund als die Machtpolitik der beiden großen Antagonisten hatte - mehr nicht. Sie dauerte nicht einmal ein Menschenleben lang; es gibt Leute, die haben gesehen, wie die Mauer aufgebaut und wieder abgerissen wurde. Auf Grundlage dieser Episode jetzt so etwas wie eine eigene nationale Identität oder gar eine andere Kultur zu konstruieren, die man "integrieren" müsse, ist doch etwas arg dick aufgetragenes Pathos....
Bei der WIEDERvereinigung ist einfach nur wieder der Normalzustand hergestellt worden - und ich kann mich nicht erinnern, dass seinerzeit glühende Sozialisten mit roten Bannern über die Grenze geströmt werden, um ihre armen Brüder aus dem kapitalistischen Joch zu befreien, um mit ihnen eine neue sozialistiche Zukunft aufzubauen. Die größere Anziehungskraft hatten dann wohl doch das Begrüßungsgeld, der erste VHS-Recoder und die Satellitenschüssel und die erste Auslandsreise (verständlicherweise).
Das ganze hat mit "Migration" nichts zu tun, und es gibt weder Anlass, noch Notwendigkeit noch Verpflichtung "die Ossis" in den "den Westen" zu integrieren. Hier wird aus einer historischen Mücke ein Elefant gemacht.

Wenn es überhaupt so etwas wie eine Migration gibt, dann der Übergang von der analogen in die digitale (Arbeits-)Welt; dieses wird in der Tat viel tiefgreifender sein, als bisher dagewesene, dieses aber für Ost und West in gleicher Weise und gleichem Maße.

Und in der Tat täte der Osten gut daran (Merke: aktivische Formulierung) sich nicht erst von der Ostalgie über die ebenso nostalgische BRD-Heimeligkeit in die Zukunft zu quälen, sondern aus eigener Kraft und eigenem Antrieb den Sprung an die Spitze zu wagen. Wie hieß es seinerzeit: Überholen ohne Einzuholen. Darum geht es!

Bisweilen hat man den Eindruck, dass der Osten mit ausgestrecktem Daumen als Anhalter am Straßenrand im Regen steht und wartet, dass ihn jemand (aus Mitleid) mitnimmt - das ist der falsche Ansatz.

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Benno Groß 04.10.2018, 15:11
92. Technische Lösung für soziale Probleme

Ja, es gibt eine für viele traumatisch verlaufene Wiedervereinigung im Osten, und es gibt noch viele Unterschiede und Ungerechtigkeiten zwischen Ost und West.

Aber ausgerechnet die Unterschiede der öffentlicher Infrastruktur zwischen vergleichbaren Räumen der beiden Teile Deutschlands sind doch gar nicht so groß. Bei Verkehrswegen und -Mitteln ist der Osten oft sogar moderner, funktionierender und großzügiger ausgestattet als der Westen mit seinen maroden Straßen, Schulen, Fassaden, Brücken und Uralt-Zugstrecken. Und gerade bei der digitalen Versorgung sind Ost und West doch längst gleich - gleich schlecht - am Start. Nicht zuletzt in dieser Kolumne wird dies immer wieder beklagt. Da fiele es mir als Westler wirklich schwer, solidarisch Mittel für die Digitalisierung des Ostens aufzubringen während 50km vor der westdeutschen Großstadt die gleiche Digitalbrache beginnt, wie sie auch im Osten typisch ist.

Ich habe keine fertige Lösung, wo man im Osten überall solidarische Mittel zuschießen müsste, damit dort Optimismus, Innovation und Zugehörigkeitsgefühl Einzug halten. Aber speziell im Rückstand von Digitalisierung und und Netzausbau sind Ost und West längst wiedervereinigt. Da gibt es nur einen einzigen, bundesweiten und entsprechend großen Handlungsbedarf.

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ex_Kamikaze 04.10.2018, 15:35
93. Lobo hat wenigstens einen kleinen Teil

verstanden, zieht allerdings einen absurden Schluß. Nachdem jahrzehntelangem Selbstlauf- und Neoliberalismus-Experiment im Osten will er jetzt die überalterte und elitenlose Bevölkerung mit einer Blitzdigitalisierung traktieren. Mensch, die Leute da haben die Schnauze voll von Experimenten die dem Einzelnen nichts bringen!
Erstmal müssen Wessis wie Lobo lernen die Ossis auf Augenhöhe als gleichwertig zu betrachten. Das können Computer nicht. Die Grundaufgabe ist analog und liegt im Westen. Zusammen mit dem Eingeständnis das das Deutschland von 2018 keine vergrößerte Bonner Republik ist.

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karl_hermann 04.10.2018, 15:54
94. Viel richtig und trotzdem komplett daneben

Hallo Herr Lobo,

ich verstehe die Intention und denke es ist ausgesprochen gut gemeint. Meiner Meinung nach wird es aber so nicht funktionieren.
Es sit eine schöne Annahme das es in Sachesen 30 % "Rechte" sind. Ich denke das ist so nicht mehr richtig, es dürfte die Mehrheit sein. "Wir sind weniger"
Dieses "Rechte" werden wir nur mit einem starken Staat zurückdrängen können, Sachsen macht zur Zeit aber mehr den Eindruck eines "Failed Freistaat"

Das ganze auf die Verheerung durch die Treuhand zurückzuführen ist zu kurz gegriffen. Wenn der Konkurzverwalter kommt macht das nie Spaß und die DDR war doch faktisch Pleite.
Die Ursache liegt m.E. in der Vertreibung und Enteignung innerhalb der DDR, dort sind doch Strukturen vernichtet worden, die in den kurzen 28 Jahren nach der Wende nicht geheilt werden konnten.
Ich komme selbst aus einer strukturschwachen Gegend, auch in dieser gibt es keine Weltmarktführer oder große Unternehmen, die nächste Realschule war 15 Km entfernt, Kino 35 Km und außer ein paar Kneipen war da nichts und ist auch heute nicht viel. Von daher mußte ich, wie viele andere auch, mich entscheiden, bleibe ich hier mit entsprechend mauen Aussichten oder gehe ich weg. Ich bin dann halt weggezogen und mußte mich seitdem mehrfach integrieren. Den Westen so wie Sie ihn beschreiben gibt es halt nicht.

Und jetzt schlagen Sie vor was Kohl gemacht hat, Infrastruktur und Leap-Frogging - was sind denn die Cluster um Dresden und Leipzig und die ganze Solarindustrie denn sonst. Das ist doch ein Witz.

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rieberger 04.10.2018, 15:54
95.

Zitat von ex_Kamikaze
... Erstmal müssen Wessis wie Lobo lernen die Ossis auf Augenhöhe als gleichwertig zu betrachten. Das können Computer nicht. Die Grundaufgabe ist analog und liegt im Westen. Zusammen mit dem Eingeständnis das das Deutschland von 2018 keine vergrößerte Bonner Republik ist.
Wie einfach können die Probleme dieses Landes erkannt und gelöst werden. Wenn vielleicht anfangs eine gewisse Überheblichkeit Ihrer sog. "Wessies" vorhanden war, dann bitte nicht vergessen, dass dieser Überheblichkeit 40 Jahre Kalter Krieg vorausgingen und ja, es ging darum, wessen System das bessere ist. Mittlerweile sind 28 Jahre ins Land gegangen (solange stand auch die von "Ossies" hochgezogene Berliner Mauer). Menschen aus dem Osten sind hier längst angekommen und beruflich erfolgreich. Sind vielleicht nur die Erfolglosen im Osten geblieben? Ich hoffe doch nicht, auch wenn es momentan den Anschein hat.
Menschen wie Sie können zwar stereotyp immer das Trennende betonen und überbewerten. Die Geschichte zeigt aber, dass es keine Beispiele gibt, die eine Wiedervereinigung (überigens vom Osten initiiert und gewünscht) als die Erfolgsgeschichte zeigt, die sie nun mal ist. Und das ganz ohne Krieg und Blutvergießen.
Also bitte den Ball auch mal flach halten und nicht nur Zeter und Mordio schreien!

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mother_sky 04.10.2018, 15:56
96. Ein langer Integrationsprozess

Nach der Teilung Deutschlands (Zwei-Staaten-Theorie, Mauerbau) fand eine politische und gesellschaftliche Zäsur zwischen der alten Bundesrepublik bis 1990 und der wiedervereinigten Bundesrepublik seit 1990 statt. In den 50er- und 60er-Jahren kam es in Westdeutschland zu Vollbeschäftigung und dem sog. Wirtschaftswunder (VW Käfer als Symbol) und schließlich in nahezu allen Bereichen zu einer Welle der Modernisierung (Zweite industrielle Revolution, Soziale Marktwirtschaft). Der Glaube an den ungebremsten Fortschritt und die Wissenschaft war ungebrochen. Doch dann begann die Jugend gegen den Wohlstandsmief der Erwachsenen zu protestieren (Popkultur). Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie der sog. Bildungsnotstand wurden thematisiert und mündeten in Proteste der Jugend gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Es entstand die außerparlamentarische Opposition (APO) mit Massenkundgebungen und Protestmärschen gegen die Scheinmoral des Establishments (Studentenunruhen, 68er-Bewegung). Neue Soziale Bewegungen kamen auf, die in den 1980er Jahren unter anderem Umwelt-, Anti-Atom- und Frauenthemen relevant machten. Das angespannte Verhältnis der in den Westen eingebundenen Bundesrepublik zur DDR im Kalten Krieg wurde durch die neue Ostpolitik entspannt und endete am 3. Oktober 1990, indem die fünf neuen deutschen Länder dem Bund eingegliedert wurden. [auszugsweise aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Bundesrepublik_Deutschland_(bis_199 0)] - Von den Liberalisierungs- und Westernisierungsprozessen waren die im Unrechtsstaat DDR lebenden Menschen abgeschnitten. Insofern haben sie einen großen Nachholbedarf, der sich meines Erachtens mit einem digitalen Soli bzw. "Leap-Frogging" nicht ausgleichen lässt. Mit anderen Worten: Es gibt viel zu tun, um diejenigen, die sich abgehängt und "kollektiv gedemütigt" fühlen, zu integrieren in eine freie, offene und tolerante Gesellschaft.

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ex_Kamikaze 04.10.2018, 15:57
97. Einheit besteht nicht nur

Zitat von Benno Groß
Ja, es gibt eine für viele traumatisch verlaufene Wiedervereinigung im Osten, und es gibt noch viele Unterschiede und Ungerechtigkeiten zwischen Ost und West. Aber ausgerechnet die Unterschiede de.....
aus Wirtschaft und Besitz an Geld und Waren. Sie besteht an Teilhabe bei Meinungen, Entscheidungen und das die Positionen der Ostdeutschen im Gesamtkonsens mit zählen. Dazu gehören auch die völlig unterschiedlichen Positionen zu Kirche, USA, NATO und Rußland.
Es geht nicht nur um schnöden wirtschaftlichen Wettbewerb.

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rieberger 04.10.2018, 16:16
98.

Zitat von ex_Kamikaze
aus Wirtschaft und Besitz an Geld und Waren. Sie besteht an Teilhabe bei Meinungen, Entscheidungen und das die Positionen der Ostdeutschen im Gesamtkonsens mit zählen. Dazu gehören auch die völlig unterschiedlichen Positionen zu Kirche, USA, NATO und Rußland. Es geht nicht nur um schnöden wirtschaftlichen Wettbewerb.
Das ist zu unterschreiben, Sie haben Recht. Und die unterschiedlichen Positionen sind eben Bestandteil und Ausdruck einer pluralistischen Gesellschaft. Zu den prinzipiellen Spielregeln einer demokratischen pluralistischen Gesellschaft gehört aber auch, dass Meinungen und Positionen (eben der Ostdeutschen) im gesamtdeutschen Konsens aber auch mehrheitsfähig sein müssen. Und das sind sie offenbar nicht.
Und das ist zu respektieren. Alles andere wäre fehlendes Demokratieverständnis.

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kakophoniephobie 04.10.2018, 16:46
99. Kollektives Bewusstsein

Zitat von mother_sky
Nach der Teilung Deutschlands (Zwei-Staaten-Theorie, Mauerbau) fand eine politische und gesellschaftliche Zäsur zwischen der alten Bundesrepublik bis 1990 und der wiedervereinigten Bundesrepublik seit 1990 statt. In den 50er- und 60er-Jahren kam es in Westdeutschland zu Vollbeschäftigung und dem sog. Wirtschaftswunder (VW Käfer als Symbol) und schließlich in nahezu allen Bereichen zu einer Welle der Modernisierung (Zweite industrielle Revolution, Soziale Marktwirtschaft). Der Glaube an den ungebremsten Fortschritt und die Wissenschaft war ungebrochen. Doch dann begann die Jugend gegen den Wohlstandsmief der Erwachsenen zu protestieren (Popkultur). Die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit sowie der sog. Bildungsnotstand wurden thematisiert und mündeten in Proteste der Jugend gegen die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg. Es entstand die außerparlamentarische Opposition (APO) mit Massenkundgebungen und Protestmärschen gegen die Scheinmoral des Establishments (Studentenunruhen, 68er-Bewegung). Neue Soziale Bewegungen kamen auf, die in den 1980er Jahren unter anderem Umwelt-, Anti-Atom- und Frauenthemen relevant machten. Das angespannte Verhältnis der in den Westen eingebundenen Bundesrepublik zur DDR im Kalten Krieg wurde durch die neue Ostpolitik entspannt und endete am 3. Oktober 1990, indem die fünf neuen deutschen Länder dem Bund eingegliedert wurden. [auszugsweise aus: https://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Bundesrepublik_Deutschland_(bis_199 0)] - Von den Liberalisierungs- und Westernisierungsprozessen waren die im Unrechtsstaat DDR lebenden Menschen abgeschnitten. Insofern haben sie einen großen Nachholbedarf, der sich meines Erachtens mit einem digitalen Soli bzw. "Leap-Frogging" nicht ausgleichen lässt. Mit anderen Worten: Es gibt viel zu tun, um diejenigen, die sich abgehängt und "kollektiv gedemütigt" fühlen, zu integrieren in eine freie, offene und tolerante Gesellschaft.
Man könnte im Hinblick auf die im Unrechts- und Bespitzelungsstaat DDR lebenden Ostdeutschen und aus der Tatsache, dass diese von "Liberalisierungs- und Westernisierungsprozessen" weitgehend abgeschnitten waren, folgern, dass das kollektive Bewusstsein der Ostdeutschen mit dem kollektiven Bewusstsein der Westdeutschen nicht in Einklang zu bringen ist, wodurch sich gesellschaftliche und politische Verwerfungen erklären lassen. Gut Ding will Weile haben!

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