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Digitalpakt: Kritik an der alten Vernunft
DPA

In der Diskussion um den Digitalpakt zeigt sich ein beschämendes Machtspiel. Wieder einmal entscheiden die Alten über Leben und Werden der Jungen - und zwar ohne jede Altersdemut.

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Nania 30.01.2019, 17:15
1.

Auch wenn ich der generellen Aussage, so wie ich sie verstehe, zustimmen kann - die ältere Generation beruft sich auf eine "Vernunft" des letzten Jahrhunderts und beachtet nicht die geänderten Gesamtumstände - so sehr finde ich, dass gerade der Digitalpakt dazu nicht das optimalste Beispiel ist.
Ja, wir brauchen DRINGEND diesen Pakt, ja, es bedarf da in meinen Augen auch des Bundes, aber leider ist Bildung nun mal eine der verhältnismäßig wenigen "großen" Dinge, die die Länder noch alleine entscheiden können und der Föderalismus ist in meinen Augen eine für Deutschland nach wie vor gute Sache (NRW braucht eine andere Politik als Bayern, Bayern eine andere als Sachsen usw.). Ich persönlich denke, dass die Vertreter der Länder klar machen möchten, dass sie die Bildung nicht an den Bund abtreten möchten. Vielleicht haben sie sogar die Sorge, dass man dann eine Spirale in Gang setzt, die im Endeffekt dazu führt, dass auch im Bereich der Bildung kaum noch Entscheidungen auf Landesebene getroffen werden können.
Ich wäre auch dafür, die Bildung mehr zu zentralisieren. Aber dafür muss man den Ländern dann bei anderen Entscheidungen entgegenkommen - und das fehlt meines Erachtens nach aktuell. Wenn die Kapazitäten der Länderparlamente und der Landesregierungen irgendwann nur noch darin bestehen, dass sie verwaltungstechnische Aufgaben wahrnehmen, so, wie schon viele Bürgermeisterämter funktionieren, dann läuft bei unserem Föderalismus was gewaltig schief.
Daher bin ich auch davon überzeugt, dass dieser Pakt vermutlich auch dann gescheitert wäre, wenn die Leute dort im Schnitt 20 Jahre jünger und politikerfahren wären. Ganz anders sähe es hingegen aus, hätten Schüler und Lehrer hier zu entscheiden gehabt.

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stefan7777 30.01.2019, 17:23
2. Neuland eben!

Das wird sich nicht ändern bis eine neue Generation Politiker an die "Macht" kommt. Übrigens solche Typen wie Lindner, Dobrindt oder Scheuer leider nur scheinbar jünger. Jünger im Sinne von Alter ja, aber im Sinne von der Fähigkeit die Zukunft zu gestalten, sind alle drei aus dem letzten Jahrtausend. Bin mir manchmal nicht sicher, ob Dobrindt und Scheuer nicht sogar Klone aus der Zeit vor der Aufklärung sind. Und das sagt einer der wesentlich älter ist als alle drei.

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Freier.Buerger 30.01.2019, 17:33
3. vernünftiges Vertrauen in Dezentralisierung

Wenn man die Begriffe Alt, Jugend, Vernunft und Digitalisierung verquirlt, entsteht eher keine anregende Kolumne. Wenn der Bund Kohle für Digitalisierung in den Schulen locker machen will, kann er das auch ohne GG-Änderung und Zentralisierung per Aufhebung des Kooperationsverbots.
Der Bund kann das Geld einfach so über den Bund-Länder-Ausgleich fließen lassen. Dazu braucht es nur etwas Vertrauen, dass die Länder damit im Sinne des gemeinsam besprochenen umgehen. Wenn Das Vertraund vom Bund in die Länder fehlt, merkt der Bürger natürlich, dass er erst recht kein Vertrauen genießt. Schließlich hätte der Bund bei den Milliarden Steuereinnahmen schon längst etwas den Bürgern wiedergeben können. Aber den Politikern fehlt das Vertrauen, dass die Bürger das im Sinne der Gemeinschaft verwenden.
Auch wenn die Politiker langsam merken, dass dieses Misstrauen vom Bürger zunehmend gespiegelt wird, ist er noch nicht bereit etwas zu ändern.

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tobitibot 30.01.2019, 17:42
4.

Unter der großen Koalition ist die Politik von der Gestaltung der Zukunft zur Verwaltung der Gegenwart übergegangen. In dieser Verwaltung wird alternativ- wie emotionslos mit Sachzwängen argumentiert, die stoisch anhand des kleinsten gemeinsamen Nenners von Union und SPD abgearbeitet werden.
Eine solche kurzsichtige Politik verliert zwangsläufig die Jugend aus den Augen.

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hergen.heinemann 30.01.2019, 17:46
5. Sinnlose Diskussion über den Vernunftbegriff

Es ist doch ganz einfach. Was vernünftig ist, ist relativ. Man kann es nur anhand von Zielen oder Werten beurteilen, was vernünftig ist. Vernünftig ist nur, was den Werten entspricht oder den Zielen dient. Da jeder unterschiedliche Ziele haben kann oder Werte vertritt, kann das Gleiche für den Einen vernünftig sein und für den Anderen unvernünftig, ohne dass einer unrecht hätte.

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biesi61 30.01.2019, 17:46
6. Interessante Sichtweise!

Aber wie passt zu diesem "alten Vernunftbegriff" z.B. das sture, dogmatische Festhalten an Stuttgart 21? Seit mindestens 10 Jahren sagt da die klassische "Vernunft", dass dieses Projekt nichts als absoluter Schwachsinn in jeglicher Hinsicht ist. Eigentlich die Krönung von Unvernunft, denn es gibt kein einziges von "Vernunft" getragenes Argument zur Rechtfertigung dieses Vorhabens. Dort gilt maximal noch: Was lange währt wird gut! Auch wenn ich das Anliegen des Autors hinsichtlich des Digitalpaktes, des Versagens der deutschen Bildungspolitik, des Autowahns und der extremen Jugendfeindlichkeit unserer gesamten Gesellschaft (als atypischer älterer weißer Mann) auch teile, scheint mir die "Vernunft" als einzige Erklärung dieser Fehlentwicklungen doch etwas dürftig!

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Clara77 30.01.2019, 17:47
7. Falsche Analyse

Es scheint derzeit mode zu sein, jeden der eine Meinung vertritt, die einem nicht passt, als "alt" zu bezeichnen. Nur erst mal ist das unhöflich und auch oft in der Sache schlicht einfach falsch.
zB haben die Probleme des deutschen Föderalismus nichts mit dem Alter der Verantwortlichen zu tun. Allenfalls haben sie mit Alter des politischen Systems zu tun. Solche Dinge wie Föderalisierung tendieren immer dazu, sich zu verselbstständigen, weil jeder Konsens immer nur mit neuen Zugeständnissen erkauft werden kann.
Wer aber hier herumspringt und Ältere bepöbelt hat hier etwas sehr Grundsätzliches nicht verstanden. Es geht um Dynamiken von Institutionen, nicht um eine Rentnerverschwörung.
Auch sollte man die Jugend wirklich nicht zu sehr politisch instrumentalisieren, was derzeit ein bisschen passiert. Sie ist nämlich in Wirklichkeit v.a. beeinflussbar und darum ist es auch immer problematisch, wenn bestimmte Gruppen gezielt sehr junge Leute an die Spitze stellen, wie im Fall "Greta". Das ist meist eher eine Form gezielter politischer PR.
Dabei ist der Digitalpakt sicher nicht falsch. Aber seine Probleme liegen nicht an irgendwelchen "Älteren" die Journalisten niederpöbeln müssen, sondern auf ganz anderen Ebenen.
Natürlich bockt es sich nicht so doll, diese Dinge zu analysieren. Es wäre aber sinnvoller, als der Aufbau schlichter Konfliktlinien wie "Jung gegen alt".

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jackberlin 30.01.2019, 17:49
8.

Auch auf dem Gebiet der Bildungspolitik werden unnötige Debatten geführt, um tiefgreifende Probleme zu verdrängen. Wenn an es aus finanziellen und organisatorischen Gründen nicht möglich ist, an vielen Schulen elementares Grundwissen in Mathematik und Naturwissenschaften zu vermitteln, dann sollte die Frage der Ausbildung im IT Bereich erst mal verschoben werden. Das ist auch die Meinung vieler Schüler, die miterleben, wie viel Geld in die Anschaffung von Whiteboards und anderen technischen Kram investiert wird, aber gleichzeitig Monate langer Ausfall in Grundlagenfächern hingenommen wird. Mehr Lehrer, kleinere Klassen, besser strukturierter Lehrplan. Das sind die Probleme, die zuerst geklärt werden sollten.

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großwolke 30.01.2019, 17:53
9. Unbewusster Logikschluss?

Das Problem trat bereits in der Brexit-Debatte auf, hier fällt Lobo in die gleiche argumentative Grube: die Annahme, dass die Jungen von heute irgendwie anders oder besser entscheiden könnten, wenn das Alte, Überholte nur schon aus der Gesellschaft herausgestorben wäre. Ich bin da pessimistisch. Es spricht überhaupt nichts dagegen, dass die Jugend von heute in 20 oder 30 Jahren genau die gleiche bornierte, egozentrische Verbohrtheit an den Tag legen würde, wie es ihre Vätergeneration heute tut (oder andersrum, dass die Alten von heute mal genauso idealistisch und vorwärtsgewandt waren, wie es ihre Kinder heute sind). Es ist oft das Leben selber, das die Perspektive der Menschen auf bestimmte Sachverhalte verändert. Bezogen auf den Digitalpakt würde ich mir übrigens keine Sorgen machen. IT-Ausrüstung an Schulen ist für die Ausbildung von "Digitalkompetenz" viel weniger wichtig, als man glaubt. Ein denkgeschultes Gehirn kommt ziemlich fix hinter alles dahinter, was die moderne Technik so zu bieten hat, und welche Fallstricke dabei lauern.

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